Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 36 (8.9.1938)
- Date
- 1938-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 * 4. Beiblatt HMIfeifainf 8. September 1938 * Seite 5 „Die Chaluzim" Die jüdische Oper von Jacob "Weinberg Jn meinem als ,jüdische bezeichneten Werk habe Ich das Problem nicht äußerlich ange-;,: — durch Benutzung mehr oder weniger ^herrischer Melodien . . . oder mehr oder nder geweihter ,orientalischer' Formeln, eine solche Anlehnung" nicht stattfindet, bleibt der Wohllaut, die Farbigkeit, die Stimmungskunst (Sabbatmorgen!) der Spätromantik, bleibt — überall — Könnertum, gelingt indessen nur in kleinem Ansatz so etwas wie „Jüdische Oper". Im ersten Akt gibt es den Versuch, Rezitativstil und jiddische Sprachmelodie jiddischen Akzent einander anzugleichen. Wieweit das gelungen ist, ließe sich erst beurteilen, wenn diese Partien in jiddischer Sprache und rein ostjüdischer Besetzung gesungen würden. Jü dische Musik, mehr und mehr zwischen Orient und Okzident schwebend, wird allmählich eines besonderen Gesangsstiles bedürfen! Jene Höhepunkte aber, in denen jüdisches Melos, von kompositorischer Meisterhand geleitet, in wundervollsten Farben aufleuchtet, in hymnische Weite ausströmt, im Taumel der Horra daherrast, sie werden zu haftenden Eindrücken vor allem auch dank der Führung Chemjo Winawers, der uns hier noch einmal ein von der naturhaften Kraft seines wurzelechten jüdischen Künstlertums getragenes wesentliches jüdisches Kunsterlebnis bescherte. Er ist von dieser Musik besessen, und daß er diese Besessenheit er ferner den arabischen Gesang. Die Lea war Macrha Benjakonski: ihr linienhaft klarer Sopran vermochte sich bald gegenüber der Ungunst des Raumes durchzusetzen; im übrigen ist diese Sängerin wie keine andere berufen, Trägerin eines jüdischen Gesangsausdrucks zu sein. Die kultivierten Stimmen von Kurt ßahmer, Hermann Salomonski und Arnold Kirschberg fügten sich aufs beste ein. Einleitend gab Dr. Max Gr ünewald eine tiefgreifende Kennzeichnung der chaluzischen Bewegung. Die bis zum letzten Pla-z gefüllte Synagoge in der Prinzregentenstraße — viele mußten umkehren! — zeugte wie die begeisterte Aufnahme von der Resonanz, der ein derartiges Werk begegnet, sie zeugte wohl auch für die, die bei allen Gegebenheiten ihrer Lage noch Träger einer solchen Resonanz zu sein vermögen. H. Freyhan Ibsens „Gespenster" im Berliner Kulturbund Chemjo Yv'inawer Fol. Abranam Rhythmen oder Intervalle! — Nein! Ich habe p.ur einer inneren Stimme gelauscht, tief, geheim, drängend . . . einer Stimme, die von sehr weit zu kommen schien, hinter mir, hinter meinen Eltern . . . Dieses ganze jüdische Erbgut rührte mich auf, und es entsrand daraus Musik —." So bekennt Ernest Bloch in der (an dieser Stelle ausführlich gewürdigten) Zeitschrift „Musica hebraica" von seiner Musik; er muß freilich hinzufügen: ,)'v'.;i^..eit sie . . jüdisch ist — Wieweit sie nur Ernest Bloch ist — Ich weiß darüber ":L'.;s — Die Zukunft allein wird entscheiden." Jacob Weinberg, in seinen „Chaluzhv." (vgl. C-V.-Zeitung Nr. 35 vom 1. Sepso:"), geht den andern Weg. Er sucht die Anlehnung an gegebenes jüdisches Melos, komme es aus osfjüdischem oder orientalischem Bereich. Und er hat, für sein Werk jedenfalls, recht getan, diesen Weg zu ft-ählen; denn ganz eindeutig lösen sich aus dem Gesamteindruck der Oper dieerigen Stücke als Höhepunkte heraus, in. :e:ien der Komponist alle seine Meisterschaft an „Bearbeitung" (wie viele Meisterwerke älterer Jahrhunderte sind nicht in iiesem Sinne „Bearbeitung") oder Nachjcsraltung des gegebenen Melos setzt. Wo Blick in die Synagoge Zeichnung von Henriette Beth in mitunter genialischer Weise zu übertragen vermag, das ist das Geheimnis seines Erfolges, damit läßt er den bloßen Dirigiertechniker hinter sich. Das Kulturbundorchester spielte in der Sonderveranstaltung des Jüdischen Kulturbunds Berlin . wundervoll, und der Winawer-Chor folgte, wie immer, bis ins kleinste den Intentionen seines Dirigenten; in herrlicher Feierlichkeit schwebte das piano des „Hoj, erez jisrael" durch den Raum ... Unter den Solisten verstand es Wilhelm Guttmann wieder aufs beste, so etwas wie Bühnenatmosphäre herbeizuzaubern. Prächtig disponiert, legte er einen „Schadehen" von echter Buffokomik hin, dem der besondere Akzent keineswegs fehlte! Den Seew sang Hanns John-Jacobsoh n mit Noblesse in Stimme und Gestaltung; mit großer Musikalität und Einfühlung gab An die Schwelle ihres sechsten Spieljahres hat die Berliner Kulturbundbühne, nachdem sie die sommerlich-luftigen Bezirke heiterer Unterhaltungskunst verlassen hat, Ibsens „Gespenster" gesetzt. Warum gerade dies düsterste aller Ibsenschen Dramen?, so fragten etliche. Und warum überhaupt in dieser Zeit, die uns täglich an die schmerzliche Tragik unseres eigenen Daseins erinnert, . soviel fragische Erschütterung, soviel Schreckliches innerhalb eines Bereiches, in dem man mit den Illusionen des Lebens mehr spielen als ihnen denharten und peinigenden Zug der Wirklichkeit geben sollte? Die Frage rührt an das oft und immer wieder erörterte Problem der Repertoirebildung unserer -Bühne: ihre Beantwortung ist nicht nur von mannigfachen äußeren Bedingtheiten abhängig, sondern ergibt sich, um einen Ibsenschen Lieblingsausdruck zu gebrauchen, letzten Endes aus der „idealen Forderung", die man an das Theater und seinen Sinn zu stellen berechtigt ist. Wer in der Schaubühne nur eine leere Vergnügungsstätte erblickt, lediglich dazu geschaffen, uns die Sorgen des Tages hinwegzulachen, der wird freilich aller dunkel gefärbten Problematik, aller schicksalsmäßigen Gestaltung realer Vorgänge scheu aus dem Wege gehen. Wen die Bühne aber, über solchen niedrigen Zweck hinaus, die „große Kunst lehrt, Schicksale zu erfragen", der wird das Tragische eigenen Erlebens noch in den traurigsten Bühnenbegebenheifen symbolisiert finden, und es wird jene echte Erschütterung nicht ausbleiben, wie sie aus der Darstellung aller menschlichen Tragödien im Zuschauer als elegisches Echo nachklingt. „Das Entsetzliche", hat der gewiß nicht gerade robuste Moses Mendelssohn einmal in seinen ästhetischen Betrachtungen geschrieben, „das Entsetzliche kann der Dichter soweit treiben, als er will, und er wird unser Lob verdienen; denn er wird nur desto erhabener, je heftiger er uns erschüttert." Man braucht nur auf die antike Tragödie, auf Shakespeares Richard oder Lear hinzuweisen, um diese theoretischen Ausführungen an lebendigen Bühnenbeispielen zu illustrieren. Entsetzen flößt uns in Ibsens „Gespenstern" auch das Schicksal des jungen Malers Oswald Alving ein, an dem die Sünden des verstorbenen Vaters, Ausschweifungen eines verruchten Wüsflingslebens, bis zur tierischen Verblödung des Geistes heimgesucht werden. Dieser entsetzensvollen Wirklichkeit Von links nach rechts: Martin Brandt — Jenny Bernslein — Walter Herz — Gina Friedmann Alfred Berliner Fot. (2) Abraham Henriette Harfners Sohn Nach einer jüdischen Familienchronik erzählt Von Moritz Kaswan Der nsunzehnjährige Sohn der jüdischen Leh- UibwiiAve Henriette Harfner aus Göttingen ' <. uii 20. November 1827 nach einer raschen Iitibe in Paris angelangt. Als sich Ludwig ^er nach einer billigen Bleibe erkun- <■ - ~, v.ies ihn ein liebenswürdiger Seine- ^•gür, der wußte, wo solche Füchse gern '"•"^en, m ein bekanntes Viertel. Dort ge- + ra der Fremde unter eine erregte, lärmende .er nenge. Volkshaufen der niederen o- .L-;:,en und Studenten, die in johlendem - ~ n die Straßen besetzt hielten, formierte sich zu einem Zuge. Auf den . Straßen '••"i-ijn Barrikaden errichtet worden, von c^olop. grimme Rufe gegen die Regierung X. herabschollen. Sonderlich ein lan- S^., stumpfnasiger Bursche, ein älteres Haupt i^uun, tat sich hervor und überschrie alle den Sehmäkrufen: Nieder mit den Jeaiuen! Nieder mit Villele! dazwischen stieß er noch hitziger aus: Es ^oc Napoleon IL Seine dürren Arme schnellen, nach vorn wie windumsauste Falinen- £ ^ciep. Das war Louis Dubois, der Auf- ^.er. Em übeibeleunideter Bonapartiste und .^■■-scher Verfechter der Menschenrechte. Stunden später lag er, von den Regie- ^-'"'^ti uppen erschossen, neben anderen .^vjpiern, in der aufgerissenen Gosse. — Beim .-^'^ » sn. verdächtiger Häuser holte man ,^t> einer geschützten Nische einen jungen;|-\-an.n hervor, der ängstlich beteuerte, er sei iDeim Anmarsch der Soldaten hierher ge- .^i-uuiLet und weder Franzose noch Bonapartist. j W s^ ne Harmlosigkeit einleuchtete, wollte Jin^n ihn schon laufen lassen, als es einem |^wgcaalen einfiel, das Gepäck des Reisen- |u.n zu durchsuchen. Da fand sich außer einem Pistolenkasten, zwischen Urkunden und Briefschaften, ein Zettel, der mit dem Namen „Louis Dubois" beschriftet war. Der Fremde wurde daraufhin verhaftet und zusammen mit den Teilnehmern des mißglückten Aufstandes in das Militärgefängnis von Paris eingeliefert. Wie gelangte der gefährliche Zettel in die Reisetasche des jungen Juden aus Göttinr gen? Er selber war nach Paris gekommen, um an der Sorbonne zu studieren. War aber Göttingen nicht eine Universitätsstadt von Ruf? Weshalb trieb es ihn nach Paris? Vor zwei Jahren erst hatte in Göttingen ein junger jüdischer Dichter seine Prüfung bestanden. Kurz nach der Doktorprüfung bestand er dort noch eine zweite, die, weiche der Taufe vorangeht, und als das .geschehen war, nannte er sich fortan nicht mehr Harry, sondern Heinrich Heine. Die Lehrerswitwe hatte ihre Gründe, warum sie ihren Sohn nicht in Göttingen studieren ließ. Als ihr der Sohn bereits artig die Hand geküßt hatte, als alles so weit gediehen war, daß er in die hochrädrige Kutsche steigen und rufen konnte: Lebt wohl, Mutter! hatte die Witwe Henriette Harfner ihren Sohn noch einmal hereingebeten und dort, in ihrem zierlichen Frauenstübchen, aus einer Lade mit vergilbten Bändern und verjährten Andenken, einen schmalen, abgerissenen Blattstreifen, so groß wie eine Visitenkarte, genommen und dem Jungen in seine Reisetasche gesteckt. Die Witwe Harfner — eine kleine, rundliche Madam — unter ihrem modischen Kopfputz sauber und lieblich anzuschauen, so recht ein Frauenwesen nach dem Geschmack unserer Väter — war errötet, als sie ihrem Sohn den Zettel einhändigte. „Was solls damit?" hatte der Junge gefragt. Hatte sie zur Antwort gegeben: „Ludwig, großer Ludwig," denn er überragte die Mutter um ein beträchtliches Stück, „wenn du in der fremden. Stadt sein wirst, in der großen Stadt Paris, dann lasse den Namen hier richtig lesen und geh"... die Mutter errötete unbegreiflich erweise stärker und fuhr nach einer kleinen Stockung fort, „zu dem Manne und sage ihm..." ja, was sagen? Die Mutter hatte beide Hände wie kleine Tellerchen auf ihre Brust gedrückt, wohl um die Unruhe ihres Herzens zu beschwichtigen — „und. sage ihm, daß du der Sohn bist von der..." — hier stockte .sie aufs neue, als gäbe es da viel zu überlegen — „der Sohn von der Henriette Harfner bist, der geborenen Marcus, Tochter des damaligen Rabbiners Eiieser Marcus aus Cassel." Das hatte die Mutter gesagt und weitergesprochen: „Du sollst einen Gruß von mir ausrichten, und ich empfehle meinen Sohn der Obhut des gnädigen Herrn." Ludwig hatte gedacht, was redet die Gute da, und den Zettel nur mit einem halben Blick gestreift: wie zwei wettlaui'ende Windspiele strebten die schlanken Buchstaben über das Papier. Nur den Vornamen hatte er erfaßt: Louis... den folgenden Namen zu entziffern hätte einiger Mühe bedürft. Nun hieß das Ganze auf einmal Louis Dubois! Der Kommissar war mit dem Skriptum in die Zelle gestürzt und hatte ihn nicht schlecht angeschrien: „Dubois, Dubois, gestehen Sie, daß Sie sein Verbündeter sind, daß Sie ein Umstürzler, ein Revolutionär, ein Bonapartist sind, Monsieur Harf... Harfner!" Ludwig las mit wachsendem Unbehagen nun selbst aus der Unterschrift den Namen Dubois und begriff immer weniger, in welches unselige Geschick er durch den Zettel hineingestolpert war. Er vergegenwärtigte sich die Sekunde, als ihm die Mutter den merkwürdigen Auftrag aufgab. Wie sie es sich nur gedacht haben mochte, in einer unbekannten Stadt nach einem unbekannten Mann zu forschen. Er hatte, kaum daß er in der Kutsche saß, bereits an diese dunkle Bestellung vergessen. Doch auch das Zurückdenken führt zu nichts: Denn, was hat die ehrbare, jüdische Witwe Harfner mit dem Aufrührer Dubois von Paris zu tun? Wozu sollte er sich in dessen Obhut begeben? Weshalb einen Gruß von der Frau Mutter überbringen?... Da mußte ein Mißverständnis fürwalten oder irgendein schlimmes Verhängnis. Die Mutter sprach zwar geläufig französisch, sie war aber keine Bonapartistin, noch weniger eine Umstürzlerin. Sie war eine kleine, gescheite Person, voller Humor und Herzenseinialt, wie fast alle Mütter, die große, studierte Söhne hervorbringen. Was, um Gotteswillen, also hatte sie mit Louis Dubois zu tun? Und was ging ihn der Mann an, den er nicht kannte und von dem er nichts wollte? Er denkt: Man wird mich sofort freigeben. Ich habe ja mit der Sache nichts zu tun... ein Pech... weiter nichts. Derweil sitzt er schon zwei Wochen in einem recht kalten Gelaß und hat Zeit, weiterzudenken. Kein Pech mehr — ein Unheil ist über ihn gekommen, doch, der Gedanke, daß man ihn für schuldig der Beteiligung an dem Aufruhr gegen den Minister Villele ansieht, scheint ihm nicht einzugehen. Man wird ihn bald freilassen ... freilassen müssen. Es wird vielleicht noch ein paar Tage dauern... Dem jüdischen Lehrerssohn wird nach einigen Tagen ernsthaft bänglich zumute. Eben kam der Schließer und fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Hals und sagte dazu mit einem mitleidigen Blick auf den Aengstlichen: „Morgen, mein armer Junge." Morgen nämlich soll die Verhandlung gegen ihn stattfinden. Morgen wird sich der unselige Irrtum aufklären. Ludwig Harfner nimmt sich vor, dann sofort Paris zu verlassen und anderswo leichtere Abenteuer zu bestehen. Wenn er nur aus diesem Kerker schon heraus wäre... Der Arme hatte in den