Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 33 (18.8.1938)
- Date
- 1938-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2278191-2278221--13094-2291982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33 1. Beiblatt C.Y7eitunq 18. August 1938 * Seite 9 San Francisco, den 26. Juli Lyrische Annäherung Sprechen Sie einmal laut vor sich hin: The City of San Francisco. Merken Sie es? Noch einmal: The C*ty of San Francisco. Sie müssen es ganz langsam sagen, ganz langsam. Die Worte ein bißchen dehnen. Aber ich fürchte,.. Sie wissen immer noch nicht, was ich meine. Wenn Sie Kurzwellensender haben und eine der Radio- BUck aus dem Chinesenviertel über die Wolkenkratzer Stationen von San Francisco empfingen, wüßten Sie genau, was es ist. Sie haben sicher von der neuen amerikanischen „swing inusic" gehört. Nun ja, wenn einer der guten Ansager des hiesigen Rundfunks „This is the City of San Francisco" ins Mikrofon hineinspricht, dann ist es eben ^swing music", es klingt, schwingt und betäubt ein wenig. Es ist ein Zauberwort: wie das Taschentuch des Magiers eine halbe Geflügelfarm birgt, enthält dieses Wort „City o£ San Francisco" alles, was die Romantik des Städtischen, des Weltstädtfeehen aus-, macht. San Francisco ist Verwirklichung des Traumes, den Millionen amerikanischer Menschen träumen, Verwirklichung des Traumes von der idealen amerikanischen Stadt. BAU- E. SCHEIN W15, Duisburger Str. 1 TELEFON: 92 42 31 Es ist schwer, von San Francisco zu berichten, ohne lyrisch zu werden. Wer San Francisco beschreiben will und von der Bevölkerungsdichte, der geographischen Lage und den Exportziffern referiert, beschreibt nicht San Francisco. Er beschreibt irgendeine der hunderte amerikanischen Standard-Großstädte, aber nicht die Stadt, bei deren Erwähnung der Geschäftsmann in Kansas City oder. Minneapolis für einen Augenblick den Kurszettel aus der Hand gleiten läßt und vergißt, daß das Wort „tough" eine der Hauptvokabeln seiner Vorstellung ist. W7ir gleiten anscheinend von unserm Thema ein wenig ab. .Aber Geduld! San Francisco ist, wie gesagt, nicht mit Ziffern zu fassen. Wir müssen uns ihr vorsichtig nähern, wir müssen tasten, bis wir .etwas Greifbares zwischen den Fingern' halten. Mas ist „tough"? Sie werden inzwischen wissen wollen, was „tough" bedeutet und was das Wort „tough" in. der Vorstellung des Geschäftsmanns aus Kansas City mit San Francisco zu tun hat. ' Wenn Sie Ihr Wörterbuch aufschlagen, finden Sie für „tough" das deutsche Wort Zäh. Aber das ist nur eine kümmerliche Uebersetzung, so ledern und trocken, wie eben Wörterbücher im ganzen sind. Ein entsprechendes Wort für dieses kurze, scharfe, kantige „tough" (gesprochen: täfff) gibt es im Deutschen nicht, wir können es nur umschreiben. Es bedeutet Härte und Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Egoismus. Viele Gestalten bei Jack London sind „tough". Wenn man stellungslos ist und seit drei Monaten keine Miete gezahlt hat, fängt das Leben an „tough" zu werden. Sie können beliebig weitere Beispiele bilden... Auch eine Stadt kann „tough" sein. Die meisten Städte — vielleicht alle —des amerikanischen Ostens haben den Ruf, „tough". zu sein. Es sind Städte ohne Entgegenkommeny die Mauern vierzehnstöckiger Wolkenkratzer versperren den Blick nach oben, versperren Aussicht und Hoffnung (wenn man nicht selbst „tough" ist), das Gekreisch von tausend Automobilen übertönt Angstgesohrei und Seufzer. Menschen stehen am Straßenrand, blicken in das übergrelle Licht meterhoher Leuchtreklamen und denken: „A tough City..." Anders San Francisco. Es ist sehr fraglich, ob es den Menschen hier besser geht als anderswo in den Staaten, aber sie haben das Gefühl, es geht ihnen besser. Sie nehmen das Leben leichter. Sie sind von fatalistischer Zukunftsgläubigkeit. Als zu Anfang des Jahrhunderts die Stadt von der fürchterlisten Katastrophe überrascht wurde, die je in der Geschichte amerikanischer Städte verzeichnet werden konnte, als das Erdbeben und das daran anschließende Feuer Hunderte von Menschenleben, Tausende von Gebäuden, Millionen von Geldwerten zerstörte, blieb der Lebenswille der Menschen von San Francisco unzerstört. Die Asche der niedergebrannten Straßenzüge war noch nicht erkaltet, als man sich anschickte, aus den Trümmern neue Straßenreihen aufzubauen. Klima, Lage, Landschaft Wer nicht begreifen kann, daß äußere Erscheinungen wie Klima, Lage und Landschaft die Stimmung von Menschen entscheidend beeinflussen - können, sollte nach San Francisco kommen. Die Atmosphäre dieser Stadt, der Optimismus ihrer' Bewohner werden zu einem großen Teil von Werten bestimmt, die außerhalb menschlichen Einflußbereichs liegen. Der Begriffswelt des Eu- . ropäers wird man eine Vorstellung San Franciscos wahrscheinlich am besten vermitteln, wenn man sie als eine mittelmeerliafte Stadt bezeichnet. Das ganze Jahr hindurch, mit Ausnahme dreier Monate vielen Regens (aber ohne Kälte) im Winter, herrscht mildes, warmes Klima, die Abende bringen erfrischende Abkühlung. Von drei Seiten ist die Stadt von Wasser umgeben. Im Westen vom Pazifischen Ozean, im Norden und Osten von der Golden Gate- Bucht, die, geschützt vor den Stürmen des Ozeaas, San Francisco zum wichtigsten Hafen an der amerikanischen Westküste macht. . Der Reiz einer Stadt, in der das Licht der Sonne sich in der Bläue des sie umgebenden Wassers spiegelt, braucht nicht betont 'zu werden. Er gibt der ganzen Stadt etwas Leuchtendes und Beschwingtes, er hebt sie festlich heraus aus grauer Alltäglichkeit.' Aber die Wirkungen von Himmel und Meer sind nicht der einzige natürliche Reiz San Franciscos. Wie Rom ist die Stadt auf Hügeln gebaut. Diese Hügel, dicht nebeneinander liegend, machen die Stadt zu einem eigenartigen und anziehenden Miniatur-Asphaltgebirge. Man wandert durch die Straßen, ersteigt, hastiger atmend, eine Anhöhe, blickt um sich, und vor einem liegen in panoramischer Harmonie weite Straßenzüge, schlanke Wolkenkratzer und im Hintergrund, glitzernd;n der Sonne, der Ozean oder die Bucht. Für Augenblicke vergißt man, daß man selbst noch mitten in der Stadt ist. Aber nach ein paar schnellen Schritten, die steil hinabführen, ist man schon wieder eingesunken in eines der Betontäler, und der Blick ist verstellt von Steinwänden in langen, geraden Häuserreihen. Daß an dieser Darstellung nichts übertrieben ist, wird dem skeptischen Leser einleuchten, wenn er erfährt, daß ein großer Teil des öffentlichen Verkehrs von elektrischen Zahnradbahnen, den sog. „cabel-cars", bewerkstelligt wird. Chinatown Der Rhythmus in dem Auf und Ab, der überraschende Wechsel im äußeren Straßenbild hat sein Aequivalent in der Gruppierung und Gesamthaltung der Menschen. Neben und nach New York ist San Francisco zweifellos die kosmopolitischste Stadt der Vereinigten Staaten. Italiener, Franzosen, Griechen, Mexikaner, Russen und Japaner bewohnen Stadtteile, in denen der „spirit", die Atmosphäre, völlig von ihnen geformt wird. Die berühmteste fremdländische Kolonie ist natürlich Chinatown, das Chinesenviertel. Bekanntlich bildet San Franciscos Chinesenviertel eines der dankbarsten und am meisten ausgebeuteten Hintergrundsmolive für billige Kriminalromane. Der Besucher der Grand Avenue," der Hauptstraße in Chinatown, wird allerdings schwer enttäuscht sein, wenn er erwartet, im nächsten Augenblick von geheimnisvollen Orientalen in. eine Opiumhöhle . verschleppt zu werden. Das Chinesenviertel, soweit es vom allgemeinen Publikum besucht wird, besteht im wesentlichen aus stark amerikanisierten Nachtlokalen, einigen guten und teuren (und vielen schlechten . und teuren) chinesischen Restaurants und einer Fülle von Geschäften, in denen man von hölzernen Aschbechern bis zu seidenen Kimonos alles erstehen kann, was Europäern und Amerikanern als „chinesisch" vorschwebt. Unnötig zu erwähnen, daß ein großer Teil dieser Artikel von amerikanischen Firmen in USA. hergestellt wird, ein weiterer großer Teil auf der Rückseite das Zeichen „made in Japan" trägt. Es kommt jedenfalls aus San Franciscos Chinatown, und das befriedigt die Phantasie. Interessant wird das Chinesenviertel eigent- Hch erst dort, wo der Fremde der Ansicht ist: „Hier ist nichts mehr los." Wo die Straßen eng und winklig werden und die Läden einen schlecht erträglichen penetranten Fischgeruch ausströmen. Aber auch hier ist nichts von der - Kriminalromantik zu finden. Es sind Straßen arbeitsamen, stillen, chinesischen Proletariats, Straßen ohne Helle, ohne Bewegung. Es sind Straßen zeitlosen Orients, verlorene Inseln im Ozean realistischer amerikanischer Wirklichkeit. Unmittelbar an das Chinesenviertel grenzt das „Latin Quarter", gewissermaßen der Montmartre von San Francisco. Hier leben die Künstler der Stadt — es gibt viele und ausgezeichnete: Maler, Bildhauer, Schriftsteller, hier sind die kleinen und malerischen Kneipen, in denen man für Augenblicke vergißt, daß Paris sechstausend Meilen entfernt liegt. Tankstellen und Drugstores sind die Merkmale amerikanischer Durchschnittsstädte. Es sind nicht die Merkmale San Franciscos. Gewiß: auch in San Francisco findet der Fremde jene nüchterne Betriebsamkeit und starre Automatik, ,die so bezeichnend sind für den Rhythmus des Lebens in diesem Lande. Aber sie bestimmen nicht den Charakter der Stadt. San Francisco ist weltoffener, freier, großzügiger. Der Blick von einem der Hügel der Stadt weit hinaus in die Unermeßlichkeit des Meeres hat symbolische Bedeutung. Das „jüdische" San Francisco Hier könnten wir eigentlich abschließen. Aber der Leser dieses Berichtes, mit Recht gewohnt, in der C.-V.-Zeitung einen Spiegel ' Die Börse der jüdischen Welt, der jüdischen Bewegungen im Rahmen der allgemeinen zu finden, wird die Darstellung des jüdischen San Francisco erwarten. WTir müssen ihn enttäuschen. Wie in jeder amerikanischen Großstadt gibt es auch hier eine rleihe jüdischer Kongregationen aller Carl Zobel ÄLt2w w*. 242953 Feine Herrenu. Damenkleidung nach Maß. Gr.Stoffauswahl SgMiföP & H Maß-Schneiderei IflSuSslli! KbU. Unter den Linden 4t Schattierungen; wie in den meisten US A.¬ Städten auch hier neben verschiedenen charitativan Institutionen die schöne Einrichtung des Jewish Center, das ein geselliger und geistiger Sammelpunkt jüdischer Menschen ist. Mit Betonung soll auch die ausgezeichnete School for Jewish S t u d i e s erwähnt werden, die in Anlage und Charakter etwa dem Lehrhaus entspricht und die deutlich zeigt, daß in einer, wenn auch relativ kleinen Gruppe hiesiger Juden ernsthaftes Interesse an jüdisch-religiösen und jüdischpolitischen Fragen sehr wach ist. Es würde aber ein Verzeichnen des Bildes San Francisco sein, wenn wir mit zuviel Nachdruck die jüdischen Seiten — Organisationen, Bethäuser, Stiftungen usw. — erwähnten. Es würde ein Verzeichnen sein, weil auch den jüdischen Menschen hier, sowolü den eingesessenen wie den in den letzten Magister Ulrich Der gute Likör, Magister, Mönchen VII Blick über d.\e Stadt * Fol. l'ril: Keibel (3) Jahren zugewanderten, San Francisco keineswegs unter irgendwelchen jüdischen Aspekten erscheint. Das gleiche trifft natürlich niemals für eine Stadt wie New York zu. Und das gleiche würde nicht zutreffen für einen chinesischen Berichterstatter, der herkäme und keine Notiz von dem Chinesenviertel nehmen wollte. Aber das jüdische San Francisco zu sehen, bedeutet, zu viel zu seilen und damit das eigentliche San Francisco zu über sehen. Es ist eine der schönen Charakteristiken San .Franciscos, daß es, eben w7eil es wie jede große Hafenstadt weltoffen und kosmopolitisch ist, trotz der betonten Pflege des Lokalcharakters einzelner Bezirke, wie des Latin Quarters oder Chinatowns, Abkapselung und Zersplitterung nicht duldet. Die City of San Francisco, aufgetürmt auf den Hügeln des äußersten Zipfels einer Halbinsel am Pazifischen Ozean, ist stolz, daß sie eine Einheit bildet: die Einheit einer zukunftsgläubigen, arbeitsamen und sehr aktiven Stadtgemeinde aus allen vier Ecken der Welt. Die Juden, die seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, der beginnenden Blütezeit Kaliforniens, hier eingewandert sind und von denen nicht wenige dazu beigetragen haben, durch Leistungen und großzügige Stiftungen die Stadt an Reichtum und Ansehen zu stärken, gehören zu dieser Einheit.