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Central-Verein-Zeitung · 1938-08-11 · 32 (11.8.1938) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
32 (11.8.1938)
Date
1938-08-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Beilage der G-V.-Zeitung Mitteilungen aus dem Hilfsverein der Juden in Deutschland semfff Wir kleinen Leute New Yorker Tagebuch VII / Von Friedrich S. Brodnitz New York, Ende Juni 1938 Wenn wir von unserer Wohnung zur Subwaystation gehen wollen, ein täglich wiederholter Weg, so haben wir die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Nach rechts gelangen wir am Ende unserer Querstraße,- die aus altmodischen dreistöckigen Häusern mit braunen Sandstein!assaden und steinernen Vortreppen besteht, zum Centralpark und können nun die breite Avenue, die ihn säumt, entlanggehen. Die Luft ist relativ klar, der. Blick auf den Park und die Türme der Wolkenkratzer besonders schön, vor allem am Abend. Man kommt an großen Appartementhäusern vorbei, nicht ganz so vornehm wie auf der feinen Ostseite der Fifth Avenue, aber immerhin teuer genug mit Türstehern, neuen-Automobilen am Straßenrande und gepflegt aussehenden Spaziergängern. Dies also ist der schönere Weg. Aber merkwürdigerweise gehen wir ihn selten. Meistens wenden wir uns nach links, stehen nach ein paar Schritten an der Colum- &j.Gutkind & Co. Spediteure seit 1906 Berlin W 30, Barbarossaetr. 52 / Telefon 25 31 91 Ausland - Uebersee bus-Avenue und befinden uns in einer anderen Welt. Es ist eine Straße der kleinen Leute. Tausende von Malen sin4 wir in den neun Monaten, die wir hier leben, das kurze Stück die Avenue hinuntergegangen bis zur Ecke der 86. Straße, wo wir die drugstores, den Zeitungsstand, den Zigarrenladen und die Subwaystation nahe zusammen haben. Und so oft wir das. kurze Stück Weges gingen, immer gab es etwas zu sehen. Sie ist schmutzig, unsere Colümbus-Avenue, sehr sogar.•"•■■Sie gehört nicht zu den wenigen Paradestraßen, die mit einem enormen Arbeitsaufwand sauber gehalten werden können. Die Straßenreinigung tut ihr Bestes, aber was kann sie gegen die Schmutzmengen machen, die aus all den Schornsteinen herabregnen und aus den überfüllten Häusern quellen. Sie ist auch nicht gerade ruhig, unsere Straße. Die altmodische Hochbahn, der Stein des Anstoßes für die um den Fortschritt der Stadt besorgte New-Yorker Verwaltung, fährt über unseren Köpfen mit schrecklichem Lärm, der von den Wänden der engen Straße zurückgeworfen wird. Gespräche werden immer mit Unterbrechungen geführt, die. durch die vorbeirollenden Züge bedingt sind. Man hört dann nicht einmal sein eigenes Wort. Die Gegend hat auch nicht einmal - den Charme, den solche Quartiere in Frankreich oder Italien haben können. Die Menschen hier haben viele gute Eigenschaften, aber Charme gehört im allgemeinen nicht dazu. Charme seheint den Völkern vorbehalten zu sein, die täglich leichten Wein trinken. Trotzdem ist es immer reizvoll und interessant, hier entlang zu gehen. Sie is+ immer voll von Menschen, unsere Straße. Es ist einstweilen noch nicht richtig warm geworden. Mai und Juni sind für hiesige Begriffe kühl. Optimisten schließen daraus auf einen erträglichen Sommer, Pessimisten prophezeien, daß es im Juli erst recht heiß werden würde. Das Wetterbüro schweigt sich zu dieser Frage aus und begnügt sich damit, das Wetter für den Tag falsch vorauszusagen. Wie dem auch sei, —■ die Straße ist immer voller Menschen, wenn es nicht gerade gießt. Das Leben spielt sich zu einem erheblichen Teil auf der Straße ab, dafür sind wir im Süden. Alle Geschäfte haben die Türen weit offen. Lauter kleine Läden, Italiener, Griechen, Juden, Iren, Armenier, alles bunt durcheinander. In einem offenen Laden ohne Fenster sind Früchte in erstaunlicher Mannigfaltigkeit ausgebreitet; der Verkäufer, ein Italiener, mit einem Köpf voller Locken, den unvermeidlichen Hut schief auf dem Kopf, einen Bleistift in den Schopf gesteckt, in einer langen weißen Schürze, kommt sich sehr unwiderstehlich vor und redet auf zwei Frauen ohne Hut ein, die sich nicht zum Kauf entschließen können. Eine der zahjreichen Hauskatzen, die die Gegend "bevölkern, sitzt daneben im Sonnenschein mit gelangweiltem Ausdruck. In dem Papiergeschäft, zwei Häuser weiter, in das vor einigen Tagen ein schweres Auto in voller Fahrt hineinfuhr, ohne jemandem wehezutun (außer der Versicherungsgesellschaft), wird die ruinierte Auslage repariert. Aus einer der Kneipen kommt ein etwas ramponierter Gentleman mit ausgefranster Hose heraus, schon am Vormittag völlig betrunken, und hält eine undeutliche Ansprache an die versammelte Straßenjugend. An der nächsten Ecke stockt der Verkehr, weil die bekannte Polizeisirene ertönt. Es ist aber nicht einer der Patrouillewagen, die durch Radio beordert werden, sondern ein Polizist auf einem schweren Motorrad, der zwei große Autobusse eskortiert. Sie sind vollgestopft mit Kindern, und große Inschriften besagen, daß das Israelitische Waisenhaus einen Ausflug ins Freie macht. Der Aufzug paßt gut in diese Straße, die von Kindern beherrscht wird. Ueberall spielen sie in Haufen. Nur die Kinder der chinesischen Wäscher sitzen mit altklugen Gesichtern im Laden und helfen mit, so klein sie sind. Die Baseballsaison hat begonnen, und so wird in allen Straßen für dieses Spiel trainiert, dessen Feinheiten man offenbar nur versteht, wenn man in Amerika geboren ist. " ■ ' Sie lieben alles, was Krach macht, diese Kinder.' Manchmal gelingt es ihnen sogar, die Hochbahn zu übertönen. Und an den Stellen der Häuser, an die Berliner Portiersjungen „Ede ist dof" zu schreiben pflegen, schmieren sie hier mit Kreide „Jim is a dopey". Jede Gelegenheit, Unfug zu machen, wird benutzt. An der Ecke wird ein Haus frisch gestrichen, die Fassade knallrot und die Feuex*! eitern giftgrün. Der alte humpelnde Lawyer aus unserem Haus, dessen nächtliches Gehuste aus dem Nebenzimmer unsere Träume belebt, hinkt vorbei und erzählt eine lange Geschichte, wie sich die Sprößlinge eines spanischen Dentisten in diesen Feuerleitern verklettert hatten, schwindlig wurden und schließlich von der Feuerwehr heruntergeholt werden mußten. In den Höfen hängt Wäsche auf langen Leinen, zahllose Radios sorgen für die künstlerische Bereicherung der weiteren Umgegend, jeder kennt jeden, es ist eines der vielen Dörfer, aus denen die Wohngegenden aller Großstädte bestehen: es ist das Dorf der kleinen ,Leute. Es gefällt uns sehr gut dort. Nicht nur, weil es^bunt ist und viel amüsanter als in einem der „feinen" Dörfer der anderen Seite, deren Dorfklatsch doch wenigstens in den Zeitungen erscheint. Nicht nur, weil sie einen allmählich kennen: den Drugstore, den Schuhputzer, die Wäscherei und den Zeitungsstand. Nein, der eigentliche Grund ist so ganz die unserer Lage angepaßte Wohngegend. Nicht als ob wir nun plötzlich im kleinen Mann, der das Gesicht dieser Straße bestimmt, den idealen Menschen sehen wollten. Er hat neben vielen Vorzügen sehr erhebliche Schattenseiten, in fast allen Ländern die gleichen. Aber was sind wir, die wir in einem fremden Land uns eine neue Existenz aufzubauen versuchen, eigentlich anderes als kleine Leute? Nichts ist dümmer und gefährlicher, als sich Illusionen über seine eigene Lage zu machen, was doch so viele tun. Wir alle haben wenig oder gar kein Geld. Gleichgültig, ob wir die mehr oder weniger begründete Hoffnung haben, wieder zu besseren Einnahmen zu kommen; im Augenblick sind wir sehr kleine Leute, und die meisten von uns werden es bleiben. Gewiß, wir sehen äußerlich noch recht gut aus; denn unsere Kleider stammen noch aus einer anderen Epoche., und unsere persönlichen Beziehungen führen uns-zu Men- ALICE GLASER Ensrros — en detail — Berlin W 62, KurfQrsterttr. 93a (Zoo) Tel. 24 51 24. Qualitats - Strümpfe, Socken, Damenwäsche. sehen gehobenen Lebensstiles, zu Einladungen in sehr gesellschaftlichem Rahmen. Wir sollten aber zu klug sein, um uns dadurch über den Platz täuschen zu lassen, den wir im Augenblick tatsächlich einnehmen. Und wenn wir Sinn für Humor haben, werden wir die verborgene Komik dieser Situation empfinden und uns an das Wort des großen Humoristen erinnert fühlen: Sonntags aber lebt er feiner, Beinah' so wie unsereiner. Leider aber wollen so viele Menschen sich keine Rechenschaft über ihre wirkliche Lage geben, und so entwickeln sich Schwierigkeiten in Fülle. Sie wohnen in zu teuren Gegenden und essen ihre Reserven auf, nur um vor anderen oder vor sich selbst die alten zu scheinen. Aber auch, wenn sie darin klüger waren und wie die kleinen Leute wohnten, die sie sind, sträuben sie sich oft unbewußt gegen die Erkenntnis ihrer Lage. Wanderung, Neuaufbau der Existenz heißt SICi AR^g&l W@il Frankfurt Main, Zeil 49 Groß- und Kl ei nverkauf \ ■ Versand ab Mk. 20.-. frei Haus ':^r& (zumindest soweit es sich um unsere^'kulturelle Gruppe handelt) überall in der Welt sozialer Abstieg. Je eher und gründlicher man sich da« klar macht, desto besser. Wir glauben zwar nicht mehr mit Plato, daß die Erkenntnis dessen, was gut ist, zur Folge hat, daß man auch gut handelt. Die Welt sähe anders aus, wenn es so wäre. Aber wir glauben an die Grundlehre moderner Psychologie, daß die Bewußtmaehung des Unbewußten die stärkste Hilfe in fast jeder Lage ist. Als Arbeiter auf einer Fazenda „Fazenda" ist die brasilianische Bezeichnung für ein großes Landgut, eine Art Farm. Der nachstehend veröffentlichte, sehr aufschlußreiche Bericht stammt aus einer Fazenda im Staate Parana im Süden Brasiliens. Ponta Grossa, Ende Juni Wer sich nach dem vielgeschäftigeh (immer provisorisch anmutenden) Emigrantehleben in Säo Paulo entschließt, auf einer Fazenda zu arbeiten, der muß seinen seelischen Organismus gleichsam auf einen anderen Luftdruck/ umstellen. Nach dem vielstimmigen Lärm der Großstadt plötzlich, die ungeheure raunende Stille der Natur, einer. Natur überwältigender Art, mit Bergen, endlosen Kaffee- und Baumwollplantagen, zauberhaften Morgennebeln, undurchdringlichem Busch, rauschenden Wasserfällen und dem einfältig-schlichten Leben der Menschen und Tiere. Lothar, Erich und ich trafen nach anstrengendem Bergmarsch am späten Nachmittag auf der Fazenda ein. Vorsorglicherweise hatten wir uns mehrere Tage lang nicht rasiert, auch die Kravatten hatten wir abgelegt. Dennoch erregten wir mit unseren Stadtanzügen und Handkoffern, die mit den Hotelplakaten der halben Welt beklebt waren, großes Aufsehen. Eine malerische Gruppe von Landarbeitern, welche gerade, die Hacke über der Schulter, von der Arbeit" kamen, betrachtete uns mit unverhohlenem Mißtrauen. Offenbar wollte niemand glauben, daß wir gesonnen wären, richtig zu arbeiten. Da aber Landarbeiter immer gebraucht werden, wurden .wir nach einigen Unterhandlungen mit dem Administrator eingestellt. Lohn: 6,5 Milreis pro Tag — Unterkunft: frei — Essen: täglich 3 Milreis. Wir wurden zu einer Baracke geführt, in welcher die Betten standen; sie waren aus Säcken hergerichtet, die Säcke lagen auf Brettern, und die Bretter auf vier Säulen übereinandergeschichteter Ziegelsteine. Statt eines Schrankes gab es eine Schnur, an der wir unsere Sachen aufhängen konnten. Um die Bewohner, die wir vorfanden, genauer zu rubrizieren, hätte es eines Professors der Insektenkunde bedurft. Hauptsächlich handelte 8 es sich um die weitberühmten „Baraten", eine Art von großen, braunen, beflügelten Schwaben, die, etwa daumenbreit und fast daumenlang, scharenweis unter den Bettsäcken herumkrabbelten. Wir gingen früh zu Bett, aber das ungewohnte Rauschen des nahen Kataraktes, dessen Kraft die Fazenda mit elektrischem Licht versorgt, und der durchdringende Gesang der Zikaden hielten mich noch, lange in jenem Zustand einesvon -wirren' Bildern erfüllten Halbschlafes,- in dem mit plötzlicher Uebergewalt die dunkle Flut verschollener Erinnerungen auf uns einströmt, so, daß wir uns selbst ersehrocken in die fremden Augen schauen und sehnsüchtig nach unserem eigenen, fernen verlorenen Selbst rufen ...; Ich war gerade eingeschlafen, als eine Glocke ertönte. 3/4Ö Uhr, die Zeit des Weckens. Nachdem wir uns ausgiebig gekratzt hatten und in unsere .schlechtesten Kleider geschlüpft waren, schlichen war durch die Dämmerung zum „Brunnen vor dem Tore'V um unsere „Morgentoilette" zu machen. Die Berge ringsum schliefen noch, eingehüllt von weißen wallenden Nebeln. Zum Frühstück bekamen wir starken, schwarzen Kaffee und trockenes Weißbrot. Die Produkte der Viehzucht sind auf Kaffee- und Baumwollfazendas rar. Nach dem Frühstück führte uns ein Gehilfe des Administradors zu einem sehr steilen, etwa zehn bis zwölf Morgen großen Berggelände, das mit Unkraut, Schlinggewächs, wilden Bananenbäumen, Dorngesträuch — kurzum mit einem brasilianischen Miniaturbusch bewachsen war. In dem Unkraut stünden, erklärte uns der Gehilfe, junge Eukalyptustriebe — in einer Entfernung von je zwei Metern. Jenes sollten wir weghacken und diese stehen lassen. Er zeigte uns; einen der Triebe, die sich zu mächtigen Bäumen entwickeln sollten, und gab jedem voii uns eine Hacke, ein Instrument mit einem langen Holzstiel und einer kurzen, halbmondförmigen, messerscharfen Schneide — die brasilianischen Landarbeiter kommen damit zur Welt — und machte uns einige . elegante Streiche vor, indem er erklärte, daß wir nichts weiter zu tun hätten, als zu „rasieren". Zur besonderen Verwendung erhielten wir noch ein Buschmesser. Wir kletterten und rutschten den Berg hinab und begannen gegen 6 Uhr am Fuße des Berges, nahe dem stärksten Katarakt, vom Wasserdunst benetzt und bei jedem Schritt im Sumpf versinkend, mit dem „Rasieren". Meiner Meinung nach unterschied sich der Eukalyptus in nichts von dem Unkraut. Und daß er alle zwei Meter stehen sollte, war bestimmt nur eine kühne Hypothese. Wir rasierten also wacker drauf los, verstrickt in die üppigste Flora der Welt, die mit tausend Stachelarmen nach uns langte, hackten Halme und Ried weg, Ranken von der zähen Länge eines Angsttraumes, saftstrotzende Bananenbäume, seltsame Pflanzen, die sich mit unendlichen Spinnenwurzeln ans Felsgestein anklammerten, legten mit dem Büschmesser eine Mauer von Rohrdickicht um, kletterten drei Schritte empor und rutschten vier wieder hinab, schlugen uns .Stufen in die Erde, um an fast senkrechten Stellen stehen zu können, verscheuchten Feldmäuse, ungeheure Spinnen, Tausendfüßler, Stabheuschrecken, die wie dürre Aeste aussahen, fanden Schlangenhäute und gewahrten zuweilen eine Armee von wandernden Blättern, die sich bei näherem Hinsehen als von riesigen roten Termiten getragene Lasten entpuppten. Als um 9 Uhr die Glocke zum Mittagessen rief und der Gehilfe nachschaute, waren wir auf sechs Meter Breite etwa dreißig Meter vorwärtsgekommen. Wir hatten' mit Gründlichkeit gearbeitet. Ab und zu ragte hinter uns eine einsame Pflanze empor, die der Copeiro (Gehilfe) für Unkraut ei'klärte, während er aus dem Staube daneben ein welkes Zweiglein zum Vorschein brachte, welches der Eukalyptus war. . 3 Wir nahmen das Mittagessen, das haupt- . sächlich aus Reis und Bohnen bestand, zusammen mit unseren Kollegen ein, brasilianischen Taglöhnern, die in den Kaffee- und Baumwollpflanzungen arbeiteten. Die Kolonisten, die verpachtetes Land bebauten und dem Fazendeiro bestimmte Abgaben leisteten, aßen in ihren eigenen Hütten im Kreise ihrer Familien. Unsere brasilianischen Kollegen, die bemerkten, daß wir sehr ermüdet waren, fragten uns offenbar zur Aufmunterung, ob wir schon die caiporas im Sumpf (Irrlichter) oder gar die Zumbis (ein spezifisch brasilianisches Hausgespenst) gesehen hätten. Als sie damit keine sichtlichen Ergebnisse erzielten, begannen sie über abenteuerliche Schlangenerlebnisse zu plaudern. Sie sprachen angeregt von Todesfällen und tödlichen Bissen und zeigten uns die Klapper einer Cascavel (Klapperschlange), welche, bei Kopfschmerzen gegen die Stirn gehalten, hängenbleibe, bis sie die Schmerzen vertrieben habe. Ein Arbeiter brachte eine tags zuvor getötete Giftschlange herbei, und ein anderer erzählte uns zur Erhöhung unseres Mutes, daß er schon mehreren Kollegen Zehen und Finger abgehackt hätte und das alles gar nicht so schlimm wäre. Zwischen 10 und 2 Uhr hatten wir bei der Arbeit genug Gelegenheit, um uns diese Dinge durch den Kopf gehen zu lassen. Aber das Entsetzlichste war die Sonne. Je höher sie stieg, desto tiefer sank unser Mut. Der Europäer kann sich das gar nicht vorstellen: zehn Stunden Arbeit unter tropischer Sonne. Um 12 Uhr stand sie fast senkrecht über uns, und obwohl wir wagenradbreite Strohhüte trugen, war ihre Glut für uns kaum auszuhalten. Nur mit Danteschen Farben könnte man die Höllenqualen der Hitze schildern. Der Himmel war eine unendliche Schale, mit Feuer gefüllt, das auf uns herabtroff, uns mit flammenden Ruten peitschte und mit lohendem Odem anblies. Dazu verzehrte uns ein entsetzlicher Durst, da wir keine Zeit gehabt hatten, uns Wasser abzukochen. Wir krochen, vom Schweiß überströmt, den Berg empor, zerstachen uns an dolchspitzen Dornen, rutschten ab und sausten eine Menge Meter den Berg hinunter, wobei sämtliche spitzen Steine der Welt als Bremsen dienten. Dennoch kamen wir vorwärts und ließen bereits viel mehr Eukalyptus stehen als vorher ... Als wir um 2 Uhr aufhörten, hätten uns die Freunde aus Säo Paulo nicht wiedererkannt. Unrasiert, beschmutzt, die Gesichter vor Anstrengung und Hitze entstellt, Schultern und Arme mit Blasen bedeckt, welche die Sonne durch die Hemden hindurch in unsere Haut hineingebrannt hatte, glichen wir mit unseren zerfetzten Hosen und verschlammten Schuhen wüsten gefährlichen Gesellen, mit denen kein anständiger Mensch anbinden würde. Wir gingen, halbblind von zuviel Sonne, über die Wiesen zurück, auf denen Pferde und Burros (Esel, Maulesel) weideten und

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