Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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HsT DAS NEUE BU.CH Bas Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte / Zu dem neuen Buch von Leo Baeck Die Quellen für das historische Leben von Jesus ausserhalb des Neuen Testaments sind so spärlich, dass daraus kein geschichtlich greifbarer Lebensablauf, auch nicht die blassen Konturen einer Gestalt, die je gelebt und gewirkt hat, abgelesen werden könnten. Was von Worten, Taten, Schicksalen Jesu bekannt ist, muss aus den Büchern entnommen werden, die als die Evangelien einen Teil des Neuen Testaments bilden. Es sind Glaubensbekenntnisse und Gebetbücher für die frühchristliche Gemeinde, aus einer Zeit stammend, die von den Ereignissen und Zuständen, welche sie schildern wollen, durch Generationen, Sprachen und Weltanschaungen getrennt sind. Es gibt ein Mittel, den geschichtlichen Stoff, das, was sich wirklich zugetragen hat, aus dem Erzählungskranz der vier die zeitlich gleichen Hergänge oft einander widersprechend erzählenden Evangelien wiederzuerkennen und herauszuschälen. Dieses Mittel besteht darin, in vollkommen klarer Weise einsichtig zu machen, welche Bewandtnis es mit der „mündlichen Ueb erlief erung" hat, die das, was damals gedacht und gesprochen worden und was wirklich geschehen ist, weitergetragen hat. Denn die Erzählungen von den Begebenheiten, die sich um Jesus bis zu seinem Tode zugetragen haben, werden beglaubigt durch eine Kette von Ueberlieferungen besonderer Art. Wege und Wesen, Stil und Logik dieser „Traditio n" sind aus dem geistigen religiösen Leben im Judentum erfahrbar, das ein strenges Verfahren der Bewahrung und Beglaubigung seines geistigreligiösen Gutes bis zur schriftlichen Fixierung und danach ausgebildet hat. Die alte Evangeliumüberlieferung geschah in der Art und Weise der jüdischen Tradition. Worte und Geschehnisse wurden weitergetragen in überkommenen festen Formen. Aus dem in der Zeit Geschehenen wurde so durch Weiterlesen und Weitergestalten des Bibelwortes etwas Neues, nachdem schon bis zur Niederschrift der Bibel die Ueberlieferung freischaltend das Vergangene im Glaubenssinn umgebildet hatte. Die Wandlungen, die sich im Fortschreiten der Tradition vollzogen haben, sind im jüdischen Schrifttum ebenso wie in den Evangelien deutlich erkennbar. Die ausserordentliche Bedeutung des neuen Buches von- Leo Baeck über die Evangelien als Zeugnisse der jüdischen Glaubens- und Ge*istesgeschichte (Schocken. Jüdischer Buchverlag, Berlin, 193S) liegt in dem Aufspüren des Vorgangs der Tradition. Dieses der Art und Weise der mündlichen und schriftlichen Ueberlieferung Aufdengrundgehen kommt einer Wesensschau gleich, mit dem entscheiden Ergebnis der Gleichheit des Traditionsvorgangs bei den jüdischen undchristlichen Urkunden. Der Erschliessung eines Ursprünglichen, das noch ganz , und gar jüdische Züge trägt, gilt der nächste Weg, den Baeck in; seiner Evangelien- Analyse geht. Indem er die Veränderungen, Umbildungen und Ergänzungen der späteren gegen das Judentum gerichteten Generationen im einzelnen aufdeckt, stösst er auf eine rein jüdische Grundschicht in den christlichen Glaubensbüchern. In dieser rein jüdischen Grundschicht treten so die von allen späteren Zutäten gereinigten Worte und Taten Jesu hervor. Es ist also gewissermassen das jüdische Urevangelium — die alte Ueberlieferung —, das auf solche Weise in seiner ursprünglichen Gestalt wieder hervortritt und sich untrüglich von jüdischer Herkunft und von jüdischem Geist zeigt. „Wenn so diese alte Tradition vor den Blick tritt, dann wird das Evangelium, dieses jüdische, welche es ursprünglich war, zu einem Buche, einem nicht geringen, im jüdischen Schrifttum. Es wird dazu nicht oder nicht nur, weil in ihm Sätze stehen, wie sie uns gleich oder ähnlich in den jüdischen Ueb'erlieferungen jener Zeit begegnen. Es wird dazu auch nicht, und noch viel weniger, weil aus der griechischen Uebersetzung in Wortgebilden und Satzformen immer wieder das Hebräische oder Aramäische hervordringt. Es ist ein jüdisches Buch vielmehr deshalb, durchaus und ganz deshalb, weil die reine Luft, die es erfüllt, und in der es atmet, die "der Heiligen Schrift ist, weil jüdischer Geist, und nur er, in ihm waltet, weil jüdischer Glaube und jüdische Hoffnung, jüdisches Leid und jüdische Not, jüdisches. Wissen und jüdische Erwartung, sie allein, es durchklingen — ein jüdisches Buch inmitten der jüdischen Bücher. Das Judentum darf an ihm nicht vorübergehen, es nicht verkennen, noch hier verzichten wollen. Auch hier soll das Judentum sein Eigenes "begreifen,- um sein Eigenes wissen." Soweit Leo Baeck im Hauptteil „Ueberlieferungen" seines Evangeliumbuches! Die alten Stücke der Ueberlieferung selbst, die ursprüngliche alte Botschaft von Jesus, bestehend aus den „Begebenheiten", den „Sprüchen" und den „Gleichnissen", - werden im neutestamentlichexr Wortlaut, nach Ablösung der späteren Zutaten in einem Anhang mit einem fein abgewogenen Kommentar wiedergegeben. Der ganze Beziehungs-- reichtum zum spätjüdischen und biblischen Schrifttum enthüllt sich hier vollends. Es gibt für den jüdischen Kreis keine geistvollere, in der Abgewogenheit des Redeflusses edlere, im Gedankenaufbau durchsichtigere Einführung in das grosse schwierige Gebiet der jüdischen Geschichte im Zeitalter Jesu und in die Entstehung der christlichen Glaubensurkunden, die von dieser Zeit erzählen, als das neue Werk von Leo Baeck. Was es in der weiteren Forschungsgeschichte als rein wissenschaftliehe Leistung auf dem weitverzweigten Sondergebiet der neutestamentlichen Quellenkunde und Zeitgeschichte bedeutet, ist von dieser Stelle aus nicht auszumachen. Dr. Ludwig Feuchtwanger-München. Marguerite Rose und Dr. M. J. Mannheim: Vincent van Gogh im Spiegel seiner Handschrift. Verlag von S. Karger, Basel 193& Ein interessanter graphologischer Versuch, die spannungsreiche Persönlichkeit van Goghs — nicht sein künstlerisches Schaffen, wie die Verfasser ausdrücklichst betonen — auf Grund seiner Handschrift aufzuhellen. Damit aber wird ein gut Teil von dem mitenträtselt, was zur schöpferischen Seele dieses Meisters gehört. Es spricht gleicherweise für die wissenschaftliche Bewährung der Graphologie, wie für das Können ihrer beiden Werkbeflissenen, dass ihre Arbeit sowohl zur praktischen Graphologie als zur van Gogh-Literatur einen neuen, geglückten Beitrag liefert. An Hand von etwa 50 ausgezeichnet faksimilierten van-Gogh-Briefen, zum Teil mit eingestreuten Federzeichnungen, wird der Charakter dieses ebenso genialen wie unglücklichen Malers nachgezeichnet, wie er sich von seinem 19. Lebensjahr bis zu seinem frühen Tode in seiner Handschrift zeigt. Daneben lassen die interessanten Briefinhalte wertvolle charaktereologische Schlüsse auf sein Verhältnis zu dem Bruder Theo van Gogh zu. Dieses und sein Verhältnis zu den Eltern, zu dem Freund Gauguin und zu den schicksalbestimmten Frauen seines Lebens gewinnen im Spiegel der Handschrift besonderen Wesenseinfluss. Die Verfasser geben auch zur Aufklärung seiner Krankheitsursache eine eindringliche Handschriftenuntersuchung und weisen nach, dass bereits die Schrift des neunzehnjährigen van Gogh Merkmale erhöhter Spannungsgegensätzlichkeit aufweist, die sich mit der Zeit verstärkten und auf eine schwere Psychose hindeuten. Die beigefügte Briefauswahl zeigt im jähen Auf und Ab der Schriftbilder auch dem blossen Auge sinnfällig die wachsenden Erregungszustände seines Lebens. Moritz Kaswan. Alis Zeitschriften Heft 4, 5 und 6 von „N a c h 1 a t h Zw 5", der Monatsschrift für Judentum in Lehre und Tat (herausgegeben vom Vorstand der Rabbiner-Hirsch-Geseilschaft), wird mit einer aus verschiedenen Schriften Samson. Raphael.. Hirschs stammenden Reihe von kraftspendenden Kern- und Trostsprüdhen für die Wanderung Israels eingeleitet. Zwei Aufsätze befassen sich mit dem kommenden Judenstaat. Der eine, von Dr. I. Breuer, ist ein Weckruf an die Aguda, der andere, aus der Feder Dr. Maximilian Landaus, behandelt die jüdische Staatsidee in historischer Rückschau. Rabbiner Dr. Ehrentreu (München) bringt die Fortsetzung seiner Arbeit über religiöse Erkenntnis, Dr. Ph. B i b e r f e 1 d setzt seine gründlichen Ausführungen über das noaehitische Urrecht stets fesselnd fort. Dr. W. Halb erst ad t lenkt die Aufmerksamkeit auf das Lebenswerk von R. J. Haievy: Die Doroth Horischonim, und bietet einige Forschungsergehnisse über die Tätigkeit der Kenesseth Hagdolah. Rabbiner Dr. E. B a s s befasst sich eingehend mit der Frage der richtigen hebräischen Aussprache, weist auf die vielen Schwierigkeiten hin und zeigt die Wege zur einheitlichen Aussprache. Von Rabbiner Dr. Samson Raph. Hirsch wird eine interessante Abhandlung aus dem Jahre 1855 über Trennung von Kirche und' Staat veröffentlicht. In einem hebräisch geschriebenen Aufsatz weist Rabbiner Wolf J a c o b - s o n nach, dass die Kenntnis des Pentateuch- Kommentars von Hirsch auch für das Verständnis vieler schwieriger Stellen der Gemoro wertvoll ist. Mit einer Buchbesprechung über „Studien zur jüdischen Selbstverwaltung im Altertum" von Hans Zucker schliessen die interessanten Hefte. Si In der schon im neunten Jahre erscheinenden Zeitschrift „T a r b i z" findet sich der Beginn einer wichtigen Arbeit von Professor Raw S. Assaf. dem Erforscher des gaonäischen Zeitalters. Assaf veröffentlicht und bespricht eine Reihe alter Urkunden und Formulare, die in der Genisa gefunden (H Malermeister Oskar Simenauer W Berlin W15, Pariser Str. SO, 9215 37. Erstkl. Ref wurden: die Herkunftsländer sind Palästina, Aegypten und Nordafrika. Ein grosser Teil liegt heute in der Bodieiana in Oxford. Diese Veröffentlichung von Scheidebriefen, Heiratsurkunden, Kauf- und Verkaufsverträgen u. a. aus dem 10. und 11. Jahrhundert bringt neues Material zur Kenntnis der Geschichte dieser Zeit. Chajjim Schirm an. durch seine Editionen hebräischer Gedichte bekannt, beginnt eine Biographie Jehuda Halevis; von ihm spricht auch der lichtvolle Aufsatz von Ben-Zion D ü n a b u r g in der David Yellin gewidmeten Festschrift „M i n c h a Ledavid" (1935) [„Jehuda Halevis Alija nach Palästina'']. Von den weiteren Aufsätzen ist noch B. Weinryb über „Die Juden Polens und Litauens und ihre Beziehungen zu Breslau im 16. bis 19. Jahrhundert" zu erwähnen. In der von Professor X. H. Torczyner herausgegebenen Zeitschrift ,.L es c h o n e n u" („Unsere Sprache") untersucht Sidmann den Stil Achad Haams, des Meisters des hebräischen Essays. — Interessant ist die Arbeit von Dr. J. Gumpertz „Zur Aussprache des Sephardischen bei den deutschen Einwanderern'". Er stellt fest, dass es sehr starke Unterschiede in der Aussprache der aus Nord- oder Süddeutsehland kommenden Juden gibt und dass hier ernste Fragen für den Unterricht entstehen.. Das Heft enthält ausserdem eine Liste aller mit Radio zusammenhängenden Worte. F. A. * Bei B e r t h o 1 d L e v y — J ü d i s c h e r Buchverlag, ist unter dem Titel „Bücher für die jüdische Jugend" (Berlin 1938) eine Bibliographie erschienen, für welche die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland verantwortlich zeichnet. Das klar gedruckte Heft gibt in vier Abteilungen (Märchen und Geschichten für die Kleinen: Geschichten, Märchen und Sagen für 9- bis l*2jährige; Erzählungen, Novellen und Romane für 13- bis 15jährige; Romane, Novellen und Erzählungen für die Grösseren), kurze Charakteristiken von über 100 Verlagswerken. Bei der Schwierigkeit der Lektürenauswahl wird dieses Heft den Eltern wertvolle Hinweise geben. Weitere Publikationen dieser. Art, die sich auf Dramen, Laienspiele und wissenschaftliche Publikationen erstrecken sollen, sind geplant. Im Vorwort wird Dr. Erich G u 11 - mann und mehreren Volksbibliothekaren für ihre Mitarbeit gedankt. _ Vicky Baum hat einen neuen Novellenband „Le dernier jour" in Paris (Emile-Paul) erscheinen lassen. Was liest man in England? Von Dr. Lutz Weltmann Zunächst herrscht auch in England die grosse Mode: historische Bücher. Es steckt dahinter aber mehr als nur eine Mode. Unter anderem hat „Wallenstein" einen neuen Biographen gefunden: in Francis Watson, der den „Krieger Saturns" weniger unter dem Aspekt des Feldherrn als des Organisators und Staatsmannes würdigt. Das Geheimnis um seine wirklichen Pläne nahm er ins Grab. Unter dem Titel „General Washingtons Dilemma" behandelt Katharina M a y o eine Episode aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, die den ersten Präsidenten in einen Konflikt zwischen Politik und Humanität bringt. Ueb ersetzt wurde M. Paleologues „Rätselhafter Zar", ein Buch, das in Alexander I. von Russland, dem Stifter der „Heiligen Allianz", einen Propheten politischer Doktrinen der Nachkriegszeit sieht. Der sogenannten „historischen Belletristik'^ nähert sich das neueste Werk von Robert Graves über „Beiisar", den Feldherrn Justinians und der Kaiserin Theodora. Die Leser werden sich unschwer vorstellen, welch reiches kulturgeschichtliches Detail der Verfasser über Byzanz ausbreitet. Als literarische Einkleidung ist diesmal ein Tagebuch des Eunuchen von Beiisars Gattin gewählt. Angesichts dieser und der Legion anderer historischer Werke nimmt es nicht wunder, dass die Vorzüge und Mängel von Englands klassischem Geschichtsschreiber Macaulay, dem berühmten Fürsprecher der Emanzipation in England, neu überprüft werden, was Sir Charles F i r t h in seinem Kommentar zu Macaulays „Geschichte Englands" gründlich besorgt. Es sind die verwirrenden Erscheinungen der Gegenwart, die man im Spiegel der Geschichte besser entwirren zu können hofft. Aber auch die Gegenwart findet bereits so viele Geschichtsschreiber, dass hier nur eine kleine Auswahl angeführt werden kann. Viel erörtert werden die Monographien von Genoveva T a b o u i s über Jules Cambon, Bücher über-den Krieg im Fernen Osten und die Politik des letzten Jahrzehnts. Hier erscheinen die Namen von Anthony Eden, Lord Londonderry, Victor P u r - cell, Lord Esther, Professor Mendizabal. Die Kriegsgeneration spricht aus dem Nachlass des Kriegsgefallenen Edward Thomas, Sorge um die Zukunft bewegt P i d d i n g t o n s „Empire-Politik", T. F. Johnson behandelt das Flüchtlingsproblem. In den kritischen Chorus wird auch Shaws neues Bühnenwerk „Genf" einstimmen, das am 1. August zu Malvern seine Uraufführung erlebt. Viel bewundert wird Erich Eycks „Gladstone"-Biographie, die zuerst in englischer Uebersetzung erschienen ist, wegen der tiefen Einfühlung in den Charakter von Disarelis liberalem Gegenspieler und der für einen Nicht¬ Engländer frappanten Umweltkenntnis, die seine Politik verständlich macht. Die Kunst Franz Kafkas hat sich bisher einer guten englischen Uebersetzung entzogen, die Kenner lesen ihn im Original. Auch Max Brods Buch über seinen Freund wird in deutscher Sprache in England beachtet, und bezeichnenderweise hat man erkannt, dass Franz Kafka das Vater-Sohn-Problem der expressionistischen Generation auf besonders tiefe, religiös überhöhte Weise behandelt. Zum Schluss — gleichzeitig als Nachtrag zu unserer Dramenübersicht (vgl. C.-V .-Zeitung Nr. 21 vom 26. Mai) — zwei Bühnenwerke jüdischer Autoren: „Neapel sehen und sterben" von Elmer Rice, ein Stück, das scharfgezeichnete amerikanische Typen in eine fremde Landschaft stellt, wurde in Cambridge aufgeführt, und das letzte Stück von Clifford 0 d e t, in Verbindung mit der „New-Yorker Theatergruppe", im Si- James-Theater. Der Titelheld .,Der goldene Junge" ist ein junger Italiener, der zum Musiker berufen ist, aber statt dessen Boxer wird, als Boxer Karriere macht und seine Seele verliert. Emmeline Pethick-Lawrence Memoiren „Meine Rolle in einer sich wandelnden Weif können für eine ganze Reihe von Memoiren stehen: als ein Denkmal des vom Victorianischen Zeitalter noch immer überschatteten England. Edith Davidsons of Lambeth hält das Leben eines Erzbischofsgattin fest, Harold A n s o n das eines unparteiischen Priesters, R. A. Lloyd das eines Leibwächters, AI G. Barnes Zirkusleben von einst, und .Derek Walte.r- Smith schildert das Leben des Lord Darling, Jahrgang 1872, als das eines „Richters und Humoristen"; das Vorwort schrieb Lord Hailsham. Die Macht des Humanismus ist noch ungebrochen, und J. W. M a c k a i 1 ist ein Lobredner ihrer Bildung als Vorbedingung wirklicher Humanität. Lord Douglas, .Wildes Freund, erzählt sein Leben als Dichter und Sportsmann. Im Vorübergehen rasch einige Werke der Wissenschaft. Auf der ..Unterhaltungsseite" Giradoux' köstlicher „Racine" und die indiskreten, aber auch im guten Sinne aufschiussre'icben Erinnerungen von. d'Annunzios langjährigem Privatsekretär sowie eine populäre Kunstgeschichte von Hendrik van L o o n; „Schweres Geschütz": Briefe des Erasmus von Rotterdam und von Rousseau, eine kritische Ausgabe von Ben Jonson, eine neue Theorie über"Sri ak e s p e a r es „Sonette" (Gemeinschaftsarbeit mit dem Grafen Southampton), über den Hermes des Praxiteles (Original, aber später überarbeitet), und ein mehrbändiges Standardwerk über spanische Malerei von Chandler Ratheon Post, der in Jaime Huguet (um 1420—1489) einen Anreger Riberas und entscheidenden Vorgänger Grecos entdeckt. Henry C o a - t e s widmet Palestrina eine Monographie, Henry Romille F e d d e n dem Selbstmord eine kulturgeschichtliche Studie. Eine Statistik der Neuerscheinungen würde wohl ein Ueberwiegen der Reisebeschreibungen ergeben, wobei neben der Unbekanntheit der Länder, die zum Teil für den Durchschnittsengländer noch in Europa zu entdecken sind, das Verkehrsmittel (Auto oder Flugzeug) eine Rolle spielt. Wir nennen Edgar Leythas „Menschen, Inseln, Ozeane", Charles Graves „Autotrip durch die Schweiz", Carei Birklys „Flug über die afrikanischen Dschungel", den Bericht über die russische Nordpolexpedition 1937, und Sonja E. H o w e s „Madagaskar" (Eiland der enttäuschten Hoffnungen) und Uruguay (eine „Utopie") von Simon G. Hanson. Der Sinn für das Weite verschliesst nicht den Blick für die engere H e i m a t. Eine Art stamineskundliche Betrachtung gilt der „schottischen Renaissance" und fasst nicht nur Erscheinungen wie B a r r i e, den jüngst verstorbenen Autor des „Knaben David" (den Elisabeth Bergner verkörpert hat), Bridie, den Dramatiker des „Königs von Niemandsland" und O'Casey zusammen, sondern redet auch einer Wiederentdeckung Stevensons das Wort und untersucht die tieferen Ursachen, um deretwillen Walter Scott an Geltung eingebüsst hat: wegen der Tiefenpsychologie der Huxley, Lawrence und Virginia Woolf, aber der Wert seiner Kunst zu erzählen sei ungeschmälert geblieben. Vergleichsweise knapp ist die Belletristik. Eine Uebersetzung führt: „Das weisse Lama" von Venganza del Condor of V. G. C a 1 d e r o n, einer Peruanerin, die den grossen Calderon zu ihren Ahnen zählt und eine unbekannte Welt für die Weltliteratur erschliesst. Sie dringt in tiefere Schichten als M. C a i n s „Serenade", ein Buch, das Abenteuer eines Sängers in Mexiko spannend schildert. Valentin Williams erzählerische Qualitäten halten der „Welt der Tat", die er als Kriegskorrespondent miterlebte, die Waage, während Bücher, die jüngste Vergangenheit in Romanen verarbeiten, meist der blossen Unterhaltungsliteratur angehören. Robert Nathans „Winter im April" ist hier die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Walt Disneys Skizzenbuch zu seinem neuesten Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge" ist so ganz nebenbei ein hübsches Kinderbuch geworden. Wir haben noch die Judaica in diese Uebersicht einzuzeichnen. Das auch in England erwachte Interesse an Kierkegaard hat zahlreiche Neuerscheinungen der Theologie und Religionswissenschaft hervorgebracht. Der frühe Bibelkritiker Wettstein wird (von nichtjüdischer Seite) ebenso überprüft wie „Israels Spruchweisheit". Mathew Arnold kann mit seinem Ideal einer Synthese zwischen Hellenismus und Hebraismus als ein Fortsetzer Byrons angesehen werden, . Miss Wilder philosophische Untersuchung über Vernunft und Intuition fusst u. a. auf Beispielen von David, Spinoza, Bergson und Levy-Brühl. I. N. S c h o f i e I d s gelehrtes Werk „Der historische Hintergrund der Bibel" ist eine Art Gegenstück zu Elias Auerbachs „Wüste und Gelobtes Land". Rosamund G o b s h gedenkt des Komponisten „Mendelssohn und seiner Freunde in Kensington". Endlich ist das Erscheinen einer neuen kurzgefassten „Jüdischen Enzyklopädie" zu erwähnen.