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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-28 · 30 (28.7.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
30 (28.7.1938)
Date
1938-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVII. Jahrg. / Nr. 30 Berlin, 28. Juli 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, VertriebsaBteilnng): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich VIII26 363. Bankkonto: Mosler, Süsskind & Co., Berlin WS. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährl. 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügL IS Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteijährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20.Rpf.). Im Falle höh* Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung *der gezahlten Beträge. — Anzeigengebiihren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Änzeigenschlnss: Dienstag. Platzn. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Schöpfevimehe Pause? GENF, 26. Juli. _ Weniger als eine Woche trennt uns von dem Datum, an dem in London Lord Winterton die zweite Tagung des in Evian geschaffenen Comittees eröffnen wird und es erhebt sich die Frage: Was ist bisher erreicht worden? Was bleibt noch zu erreichen? Ist Grund zur Enttäuschung oder zur Befriedigung? Beginnen wir mit der letzten Frage. Es ist menschlich nur allzu verständlich, dass jeder einzelne diese Frage je nach seinem Standpunkt, je nach dem Grad seiner Hoffnung oder seiner Illusionen anders beantworten wird. Wer von dieser einen Konferenz alles erhoffte, wer glaubte, dass nun die Tore aller Länder sich mit einem Schlage den Auswanderungslustigen weit öffnen würden, der wird und muss ent-" täuscht sein. Wer aber aus besserer Kenntnis der Sachlage und der sich unweigerlich einstellenden Widerstände ■ nur-eine prinzipelle Bereinigung eines steinigen Terrains erwartete, der hat allen Grund, - mit dem Erreichten zufrieden zii sein. Diese Auffassung entspräche der Wirklichkeit. Denn bisher hatten sich nur wenige a>r verschiedenen Regierungen ernstlich mit dem Problem auseinandergesetzt, mit welchen Methoden und in welche Länder der seit mehreren Jahren plötzlich aufgetauchte Strom der Auswanderer zu lenken sei. Es galt also in Neuland vorzustossen. Bald wurden auch der amerikanischen Regierung die Schwierigkeiten dieses Unternehmens klar. Aber weit entfernt davon, sich durch die Schwierigkeiten entmutigen zu lassen, beschlossen Präsident Roosevelt und seine Mitarbeiter nur einen anderen, den Verhältnissen besser angepassten modus proeedendi. Bereits vor Eröffnung der internationalen Konferenz, zu der man eigentlich eingeladen hatte, verwandelte sich diese in ein „Zwischenstaatliches K o m i t e e "; gleichzeitig bat man die Staaten, die die Einladung angenommen hatten, nicht Polizei- und Wanderungsfachleute, sondern Politiker nach Evian zu entsenden. Damit war das Ziel, das man ursprünglich vor Augen gehabt hatte, zwar nicht aufgegeben, aber dennoch in etwas weitere Ferne gerückt; sicherlich nicht zum Schaden derer, um deren Schicksal es ging und geht. Denn ohne eine allgemeine prinzipielle Einigung müssen alle, auch die schönsten Pläne toter Buchstabe bleiben; immer werden sich Widerstände politischer Natur zeigen, z. B. aus Befürchtungen bezüglich der Rückwirkungen einer Masseneinwanderung auf die bereits ansässige Bevölkerung, und solche Wistände könnten, wenn sie nicht vorweg beln dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Alfons R'osenberg: Andre Spire — Werner Rosenstock: Zwischen Geist und Wirklichkeit — W. M. Hirsch: Erfahrungen in Australien — Hertha Rosenfeld: Die Krise, Novelle — Ludwig Feuchtwanger: Zu Leo Baecks neuem Buch — Lutz Weitmann: Was liest man in England? Unsere Korrespondenten, berichten aus: Sydney, Buenos Aires, Santiago, Genf, Tel-Aviv und Vadstena Die Beilagen: Palästina t Umschau -— Wirtschaft der Woche — Sportblatt — Das neue Buch seitigt werden, alle Bemühungen immer von neuem zum Scheitern bringen. So ergab sich schon bei Beginn der Konferenz, dass das ursprünglich in Aussicht genommene Programm stark eingeschränkt worden war. Aber so eingeschränkt ist es erfüllt worden: 32 Staaten aus allen Teilen der Welt haben ihre prinzipielle Bereitschaft ohne Rückhalt und ohne Einschränkungen erklärt, an der Lösung eines Problems mitzuarbeiten, das, von Europa ausgehend, zu einem Weltproblem geworden ist. Bereits zweimal hatten Konferenzen sich zuvor mit dem Schicksal der aus Deutsehland Ausgewanderten befasst. Beide hätten Abkommen angenommen; das erste sah lediglich die Regelung der *Passfrage vor, das zweite, vom Februar dieses Jahres, auch die Regelung der wichtigeren Frage der Arbeitserlaubnis. In beiden Fällen war der Kreis der Personen, auf die die Abkommen Anwendung finden sollten,-.derart umschrieben, dass juristischen Auslegungskünsten Tür und Tor geöffnet waren, und in beiden Fällen waren diejenigen, die erst auswandern wollten, ausgeschlossen. Das erste Abkommen ist von vier Staaten in Kraft gesetzt (Belgien, England, Frankreich und Schweiz); das zweite Abkommen, obwohl praktisch bereits in einigen Ländern angewandt, ist bislang noch von keinem Staat ratifiziert und somit auch noch nicht wirksam. Der Unterschied gegen die Ergebnisse von Evian ist, dass man diesmal den Kreis der Personen, auf die die im einzelnen noch zu fassenden Beschlüsse Anwendung finden sollen, eindeutig umschrieben hat. Er umfasst alle die, die in näherer oder fernerer Zukunft auswandern wollen und nicht nur die bereits Eingewanderten. Dies ist erreicht worden, und man darf es einen Erfolg nennen. Eine der Aufgaben der kommenden Tagung von London wird es. sein, diesen ersten Erfolg auszubauen Der Reicli§werband der Juden im öeiiiscMaitd Gründung vollzogen — Ernster Appell In den späten Nachmittagstunden des 27. Juli ist nach mühevollen und langwierigen Verhandlungen der Reichsverband der Juden in Deutsehland geschaffen worden. In ihm haben sich die Juden Deutschlands die durch das Gesetz vom 28. März ermöglichte organisatorische Einheit gegeben. Einzelbesprechungen und Sitzungen des Preussischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden, des Präsidialausschusses der Reichsvertretung der Juden in Deutschland waren der Ratstagung vorangegangen. Wir können die Bedeutung dieser Gründung und die durch sie bedingte Aenderimg im organisatorischenx\ufbau der Juden Deutschlands erst in der nächsten Ausgabe der C.-V.-Zeitung darstellen, da die Gründungssitzung nach Redaktionsschluss zu Ende ging. Am Schluss der Tagung verlas Rabbiner Dr. Leo Baeck, der für unbeschränkte Zeitdauer zum Präsidenten des Reichsverbandes gewählt worden ist, den nachstehenden Aufruf, der einstimmig vom Präsidialausschuss und dem- Rat der Reichsvertretung der Juden in Deutschland angenommen wurde. In dankbarer Würdigung der Tatsache, dass die Einigung der Kräfte des Judentums in Deutschland wie die Zusammenfassung seiner Mittel nun weiter zum Ziele hingeführt worden ist, sind Präsidialausschuss und Rat über folgende Grundlage und Richtung der gemeinsamen Arbeit einig: Die für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden beschlossene neue Satzung hat die Autorität der Reichsvertretung und die darin gegebene einheitliche Führung von neuem bestätigt. Die ernstesten Aufgaben liegen vor uns. In einer Lage, die seit Jahren auch in der an Prüfungen reichen Geschichte unseres Volkes kaum ihresgleichen hat, haben wir uns, nicht ohne Erfolg, darum bemüht, das drohende Gespenst des Chaos zu bannen. Allem, was auf uns eindrang, haben wir unser Gottvertrauen und unsere Selbstachtung entgegengesetzt. Die Aushöhlung unserer Existenz haben wir mit der planmässigen Erziehung und Schulung, mit der Vorbereitung zur Wanderung nach einer Stätte aufbauender Arbeit beantwortet. Wir haben eine innere Ordnung aufgerichtet und neue Formen der seelischen und materiellen Selbsthilfe erschlossen. Der Reichsverband wird alles daranzusetzen haben, diesen Weg fortzuführen und weitere Möglichkeiten zu finden. In uns lebt die Sehnsucht nach einem opferbereiten Leben in der freien Luft der Welt. In uns ist der Wille, unser Dasein mit Werken eines friedlichen Aufbaus zu verbinden. Mögen diese Worte in vorgerückter Stunde weithin gehört werden! Aber es kann auch kein Zweifel darüber bestehen,- dass dieser anhaltenden ausserordentlichen Anspannung aller Kräfte ihre Grenzen gesetzt.sind. Immer enger ist der Bereich unseres Daseins geworden. Die Ausschaltung aus Beruf imd Wirtschaft gibt den grössten Teil der Juden in Deutschland einer dauernden Arbeitslosigkeit preis. Unsere Kräfte drohen zu versagen. Wir dürfen darum nach dem Beistand ausschauen. Wir vergessen keinen Augenblick, dass eine um Frieden und Sicherheit bangende Welt nicht ihre ganze und stete Aufmerksamkeit uns zuwenden kann. WTir vergessen nicht, dass auch in anderen Ländern unsere Brüder ihre schwere Sorge und ihre Not kennen. Aber wir dürfen für uns doch das, was uns gewährt zu werden vermag, erwarten: die Oeffnung von Grenzen für Reihen von Menschen in geregelter Einwanderung, einen baldigen Plan der Erstellung von vorübergehenden Notsiedlungen für arbeitskräftige Gruppen. und 'den nun abgesteckten Rahmen mit wertvollem Inhalt zu füllen. Wer Illusionen hatte, wird sie verloren haben, aber wir haben etwas Wichtigeres an ihrer Stelle erhalten: Hoffnung, begründete Hoffnung! Die zahlreichen Staatsbesuche der vergangenen Woche haben den Politikern die Möglichkeit gegeben, alle Probleme, die Europa zur Zeit beschäftigen, zu erörtern. Dass hierbei, wenn auch in der Rangordnung vielleicht an letzter Stelle, die Fragen der Wanderung behandelt wurden, ist aus zahlreichen amtlichen und nichtamtlichen Aeusserungen zu entnehmen. In vorderster Linie stehen die Debatten, welche im englischen Unter- und Oberhaus geführt wurden. Aber auch die Sieben- Mächte-Besprechung in Kopenhagen und zahlreiche andere Meldungen, welche aus aller Welt zu uns dringen, zeigen, dass das Problem in Fluss geralen ist.1 Es ist kein Zweifel, dass die Verhandlungen dieser Tage den Boden für die Fortführung der Kommissionsarbeit vorbereiten sollen. Wir registrieren im folgenden das Echo, welches die Tage von Evian gefunden haben. Es schallt in eine Pause. Wird es eine schöpferische Pause sein? S$ie Imfiltratwn, Die Erörterungen kreisen im wesentlichen um , drei Probleme: Muss eine Einwanderung unbedingt zu einer Verschlechterung des Arbeitsmarktes führen oder kann sie nicht vielmehr zu einer Belebung der Wirtschaft beitragen? Sind die Probleme der Massensiedlung tatsächlich so utopisch, wie dies von zahlreichen Stellen behauptet wird, und ist die „Infiltration" der Einzelwanderung tatsächlich in der Lage, das Wanderungsproblem wesentlich zu fördern und die unerwünschten Begleiterscheinungen, die man von einer Massensiedlung befürchtet, zu bannen? Hier klafft der Gegensatz zwischen den Ländern, die unter Auswanderungsdruck stehen, und jenen, die den. Einwandererstrom aufnehmen sollen. So spricht die polnische Presse zum Beispiel von einem Misserfolg der Konferenz, weil sie keinerlei Projekt der Massenansiediung zutage gefördert habe. Es wird festgestellt, dass die Wünsche, welche die Juden aus Deutschland nach dieser Richtung geäussert hätten, auf wenig Verständnis gestossen seien. Man müsse.sich deshalb . überlegen, ob andere Länder mit grosser jüdischer Bevölkerung nicht zu Massnahmen schreiten; sollten, um auch innerhalb des Kreises ihrer Juden den Wunsch nach Massenauswanderung in < verstärkfem Masse zu erwecken. Solchen Aeusse- . rungen steht auf der anderen Seite eine Er- ■ klärung gegenüber, die der Vizepräsident des Joint Jonah, B. Wise, der Presse übergeben hat. Er spricht von einem grossen Erfolg Myron C. Taylors! Die Tage von Evian hätten, so hoffe er zuversichtlich, eine neue Aera des' Wanderungsproblems eingeleitet. Man sei sich mit Recht darüber klar geworden, dass nur eine Infiltration der Auswanderung unter den gegebenen psychologischen und finanziellen Voraussetzungen zu-, einem Erfolg führen könne. M^msuwuemt tzieht M&w&liM8*v@nt.. Das dritte Problem betrifft im wesentlichen das Britische Empire. Es fand seinen deutlichsten. Ausdruck in der Oberhausdebatte vom 20. Juli, die an den von uns kürzlich veröffentlichten Bericht (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 28 vom 14. Juli) der Vereinigung für Ueberseesiedlung beim Staatssekretariat der Dominien anknüpfte. In ihr stellte Lord S n e 11 die Frage, - welche Folgerungen die Regierung aus dem Bericht zu ziehen gedenke. Er gab zu, dass sowohl in England selbst als auch in seinen Dominien und Kolonien noch genügend Raum für Einwanderer sei. Er forderte jedoch, dass diese Plätze von Briten in Besitz genommen werden müssten, um

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