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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-21 · 29 (21.7.1938) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
29 (21.7.1938)
Date
1938-07-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 C.-V.-Zeitung Nr. 29 * 21 Juli 1938 An die Seile der Buchstaben treten die Zahlen; im Hebräischen sind ja beide eins. Zahlenmystische Beeinflussungen zeigten selbst Kreise, die man sonst,als der Mystik abgünstig betrachtet: so übte*"'jene „Massora" genannte Richtung kritischer jüdischer Grammatiker, der wir einen gereinigten und korrekten Bibeltext' verdanken, gleichfalls Zahlen- und Buchstabenspielerei, indem sie sich die unsägliche Mühe machte, d.ie Buchstaben der Heiligen Schrift zu zählen, und die freudige Genugtuung hatte, ihre Zahl auf 815 280 festzustellen! Auch das nichtjüdische Mittelalter sah in den Proportionen der Zahlen geheimnisvolle und wichtige Beziehungen. Die^ Systeme der Drei und der Zehn, der Trias und der Dekade, galten als Beispiele vollendeter Harmonie. Bekanntlich enthält Dantes „Göttliche Komödie" genau hundert Ge- Magisches Quadrat Fat. Archiv ßänge. die in zwei Teile von je 33 und in einen (ersten) Teil von 34 Gesängen zerfallen. Betrachtet man den ersten Gesang des ersten Teils als Einleitungsgesang und stellt ihn für sich, so entsteht die Gleichung: 1-H3X33) 100. Es ist Dante also gelungen, die von der Mystik hochgeschätzte Symbolik der Drei und der Zehn in seinem Werke zu vereinigen. Bedeutung hatten auch einige Systeme der Buchstaben- und Zahlenvertauschung. Der Kabbala dienten sie hauptsächlich dazu, einen ihr nicht genehmen Sinn des biblischen Wortes auszumerzen, einen ihr genehmen zu gewinnen. Das sogenannte At-Basch-Alphabet war eines dieser Systeme. Es bestand aus den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabels, die, in zwei Hälften geteilt, in etwas absonderlicher Weise untereinandergeschrieben wurden: die erste Reihe, Alef bis Kaf umfassend, wurde wie üblich von rechts nach links, die zweite darunterstehende Reihe von Lamed bis Taw jedoch von links nach rechts geschrieben. Die übereinander bzw. untereinander stehenden Buchstaben galten als einander zugeordnet und bildeten „Paare"'. Die Vertauschung ging nun so vor sich, dass für jeden Buchstaben in der gewöhnlichen Reihenfolge des Alphabeis der andere, zugeordnete eintrat, der bei der Zählung von Taw aus die gleiche Reihenfolge inne hatte, also Taw für Aleph. Schin für Bet. usw. Es läset sich denken, welche Veränderungen dadurch im biblischen Wort entstanden, welche absonderlichen Deutungen möglich wurden. Eine andere Art der Buchstabeuvertauschung hiess Abgad. Hier wurden die benachbarten Buchstaben miteinander vertauscht, also ein Alef mit einem Bet. ein Gimel mit einem Dalet — eine Geheimschrift, die auch bei der Verhüllung des Gottesnamens auf dem Türpfosten-Amulett (Mesusa) Anwendung fand. In manchen Sendschreiben benutzte Kaiser Augustus dies System; auf ähnliche Viethoden ist das volkstümliche Wort zurückzuführen: „ein x für ein u machen". . Buchstaben von Worten, die man nicht mehr verstand, fasste man als Anfangsbuchstaben anderer Worte, also als Zusammenfassung längerer, aus mehreren Worten bestehender Namen und Wendungen auf. Diese Art hiess Ziruph oder Notarikon. Wir gewinnen von ihr eine Vorstellung, wenn wir an moderne Abkürzungen wie ICA, HIAS. H1CEM u. ä. denken. Abkürzungen solcher Art sind ja im jüdischen Schrifttum häufig; sind doch die bekanntesten Namen grosser Lehrer oft nicht ihre eigentlichen, sondern die so zusammengefassten Anfangsbuchstaben ihrer Namen, wie Raschi. Rambam usw. Auch hier war phantastischer Deutung viel Raum gelassen. Weniger für die Deutung als für die Zwecke der religiösen Dichtung wurde das Akrostichon verwendet: die Anfangsbuchstaben eines Gedichts bildeten hier, hintereinander gelesen, einen Namen, oft den des Dichters. Die wichtigste dieser Methoden wird indessen von der Gematria dargestellt, ein Wort, das wahrscheinlich aus dem griechischen Geometria entstanden ist. Hier wird der Zahlenwert des Buchstabens für diesen eingesetzt; die Werte, die man durch Addition für das ganze Wort erhält, werden mit den Zahlenwerten anderer Worte verglichen. Waren die Zahlenwerte zweier Worte gleich, so schloss diese Methode auch den Glauben an die Gleichheit oder Aehnlichkeit der beiden Worte und ihrer Begriffsinhalte in sich ein; man glaubte, beide Worte nun füreinander einsetzen, miteinander vertauschen zu können. Welch ein Feld für Kombinationen, Prophezeiungen, 'geheimnisvolle Hinweise! Solche Beziehungen und Gleichklänge von Worten in der Zahl — deren Häufigkeit durch die geringe Anzahl der Buchstaben hinreichend erklärt wird — sind schon oft als schicksalsträchtig empfunden worden. So haben Mystiker das Streben Napoleons nach der höchsten Würde Frankreichs begreiflich gefunden, weil der Zahlenwert des Namens Bonapart (e) der gleiche wie der des Namens Bourbon, nämlich 82. ist! Aber schon früh ist die Kabbala auf das Unsinnige ihres Tuns hingewiesen worden. Joseph del Medigo, selbst der Kabbala nahestehend, wies nach, dass auf solche Weise die heiligsten Begriffe mit ihrer blasphemischen Umkehrung. mit ihrem absoluten Gegensatz, gleichgesetzt werden konnten! Dem Heidentum war die Namenlosigkeit des Gottes*Israels unheimlich; denn es glaubte, vorzüglich in den Namen „seiner'' Götter ein Zeichen seiner Rechte an die Götter und an ihre Gewährungen zu besitzen; es vermisste dies Zeichen bei den Juden. Diese Namenlosigkeit trat vorzüglich in die Erscheinung durch das Verbot: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen", womit vielleicht auch ein Missbrauch verhindert werden sollte, wie ihn das heidnische Zauberpriestertum mit seinen Götter- .namen trieb. Aber diese Namenlosigkeit war doch keine völlige. Schon Mose glaubte vor der Uebernahme seiner Aufgabe, sogar die Kinder Israels würden nach dem Namen des Gottes fragen, in dessen Auftrage er komme: „Wie heisst sein Name?" (Ex. 3, i3.) Und Gott gibt als seinen Namen jenen Wortstamm des Seins — Ehe'je — an, aus dem auch der Name Jah/we gebildet ist: Ehe'je ascher ehe'je: Ich bin, der ich sein werde ... Der große Name Aber wenn schon mit ganz gewöhnlichen Buchstaben und Zahlen so beträchtliche Wirkungen erzielt werden konnten — welche Bedeutung mussten dann erst diejenigen Buchstaben gewinnen, welche den Namen Gottes — oder bei heidnischen Völkern die Namen der Götter — einschlössen! In der Tat sind bei allen Völkern die Gottesnamen bei Anrufungen und Beschwörungen vielfältig verwendet worden. Noch bis in die Gegenwart bildet die Nennung des Gottesnamens oder die Anrufung Gottes den wirksamsten Schutz vor dem angenommenen Angriff der Dämonen. Sogar das grosse Maassebuch enthält die Formel: „Gott sei bei uns und neben uns . . Dagegen wird die Anrufung der Gottheiten besiegter und unterlegener Religionen — nach dem Siege des Monotheismus also des Heidentums — zum verbotenen Zauber, zur schwarzen Magie. Der grosse Name Fol. Archiv Auch die Kabbala hat kein Interesse an der Namenlosigkeit Gottes. Wenn, nach dem Buche Jezira, die ganze Schöpfung aus einem „Schern" hervorging — weiche Bedeutung musste dieser Schern dann für die Kabbala gewinnen! Sie fühlt eich auch berechtigt, diese Namen auszusprechen; und so gebraucht sie nicht nur die bekannteren Gottesnamen Elohim, Zewaot, Schaddai, Adonai, den vierbuchstabigen Namen oder das Tetragramm JHWH. sondern vermehrt sie noch, indem sie den Begriff des Gottesnamen sehr weit fasst. Der Name jeder Eigenschaft, die eine Eigenschaft des göttlichen Wesens sein konnte, wurde zum Gottesnamen. Es verwundert also nicht dass die Namen der göttlichen Kräfte, die als Sefirot festgelegt waren, zugleich Gottesnamen wurden. Ebenso galt Emet Wahrheit als Gottesname, nach dem Psalmwort: „Das Wesen deines Wortes ist Wahrheit" (Ps. 119, 160). Der Gottesname wmrde auch als Siegelring bezeichnet, welcher Wahrheit prägt; und wir haben ja gesehen, dass im Buche Jezira die Himmelsrichtungen durch den Gottesnamen JHV und seine Kombinationen „versiegelt" wurden. Als Bezeichnung des unendlichen Raumes galt schliesslich auch Makom Ort als Gotteename. Ausser diesen mächtigen Namen aber kannte die Kabbala noch einen mächtigeren, den sie mit der äussersten Ehrfurcht nannte: den „grossen" oder „deutlichen" oder „ausdrücklichen" Namen Gottes, den „Schern hamforasch". Worin er besteht, das wird freilich recht verschieden angegeben; Wir müssen annehmen, dass der „unverstellte Name" Gottes, der völlig ausgeschriebene, der schon in den hagadischen Erzählungen von Midrasch und Talmud auftritt, durch dessen Anrufung oder Schreibung die Helden der Bibel, etwa ein Josua, David oder Salomo, die ausserordentlichsten Wirkungen er- ' zielen, — dass dieser „unverstellte Name" der Hagada mit dem „deutlichen" oder „ausdrücklichen Namen" der Kabbala identisch ist; und in der Tat wird bereits das Tetragramm JHWH oft als ..ausdrücklicher Name" Gottes bezeichnet. Oft aber wird von einem Schern hamforasch gesprochen, der aus 12, aus 42, ja, aus 72 Buchstaben besteht: er hat sich zu ganzen Sätzen ausgeweitet, die eine besondere Bedeutung in der Geschichte Israels besitzen. Nach dem Buche Bahir stand der Schein hamforasch auf dem goldenen Stirnblatt des Hohenpriesters Aharon . und bestand aus zwölf Worten, die den zwölf Stämmen Israels entsprachen. Nach der Bibel können die Worte: „Die Heiligkeit des Herrn", die in diesem Stirnblatt eingegraben sind, „wie man die Siegel ausgrabet", sehr wohl als Gottesnamen gelten. Oft wird auch der Priestersegen, Werden die schönen Worte: „Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig" als Schern hamforasch angegeben. Der 72buchstabige Gottesname aber wird aus dem Umstände hergeleitet, dass jeder der drei Verse Exodus 14, 19—21 aus je 72 Buchstaben bestehe. Da in diesen Versen die Rettung der Kinder Israels vor den Aegyptern geschildert wird, ist ihre symbolische Bedeutung unzweifelhaft, ihre Erhebung in den Rang eines Gcttesnamene durch die in dieser Hinsicht nicht kleinlichen Kabbalisten erklärlich. Ja, nach einzelnen Kabbalisten besteht der ganze Pentateuch aus Gottesnamen, da, durch Buchstaben-Vertauschung und -Versetzung, die einzelnen Worte in die Namen verteilt werden können! Ein Lehrer des 3. Jahrhunderts, Simon ben Lakisch, lehrte (Sanh. I, 18a) einen Gottesnamen, der dem Gebrauch des griechischen Alpha und Omega entsprach: „Gott ist das Aleph oder der Anfang, das Mem oder die Mitte und das Taw oder das Ende" — worin wiederum die Unendlichkeit des göttlichen Wesens ausgedrückt ist. . (Fortsetzung folgt.) Die von Baer und Dünaburg herausgegebene His-to rischo Zeitschrift „Z i o n" bringt einen Aufsatz vom G. AI on über den Weg Rabban Jochanan ben Sakkai.s nach Jawne,' in welchem der bekannten Darstellung entgegengetreten und. eine andere Deutung geboten wird. — Chajjim Wirszubski trägt zur Kenntnis der sabbatianischen Ideen bei,' und Emanue! Ringelblum schreibt über Schrauel Zbitkower, einen polnischen Gemeindeführer im 18. Jahrhundert. * „K i r j a t S e p h e r':. von der Hebräischen National- und Universitätsbibliothek herausgegeben, enthält wie stets eine genaue Bibliographie aller auf das Judentum bezüglichen Schriften in den ver- . sehiedensten Sprachen und neben ausführlichen Besprechungen einzelner Bücher einen Aufsatz von S. A s s a f über Responsen des Rabbi Esriel Dajjana, F. A. Gott auf solche kleinen Gebete hört. Um was würdest du bitten?" Der Doktor kam herein. Zwei Stunden später war ein Junge da. Als Simon das Kind zum ersten Male aus den Kissen nehmen durfte, flüsterte er etwas. Ein Gebet? Um welche Gnade bat er? Musik oder nicht Musik? Niemand hörte ihn, wenn nicht er, an den das Gebet gerichtet ward. Porträts aus der Welt des jiddischen Theaters Von W. Kruszynski IL Morris Schwarz Will man die künstlerischen Exponenten des jiddischen Theaters von heute schildern, so muss man an erster Stelle den Namen eines Mannes nennen, der schlechtbin zu einem Symbol für die zeitgenössische jiddische Bühnenkunst geworden ist: Morris Schwarz, Theaterleiter, Regisseur, Schauspieler, Dramaturg und Bühnendichter in einer Person und, zum mindesten in den drei ersten Funktionen, von beispielgebender Bedeutung. Sein Lebenswerk, das „Morris-Schwarz "Kunsttheater in New-York", ist die repräsentativste Heimstätte des jiddischen Theaters der Gegenwart, die Arbeit und das Streben zweier Künstlergenerationen haben in ihm ihre Erfüllung gefunden. Als Sohn armer Eltern wurde Morris Schwarz am 15. April 1887 in Sidilkow (WTolhynien) geboren und wanderte als zwölfjähriger Junge mit ihnen nach Amerika aus. Der Vater war Lum-. pensammler und konnte für die Familie kaum das trockene Brot verdienen. So musste der Knabe, der zuerst noch eine Weile eine öffentliche Volksschule besucht hatte, bald daran denken, zu dem Lebensunterhalt der Seinen beizutragen. Er hatte eine hübsche Singstimme, mit 14 Jahren wurde er Sänger in einem S.ynagogenchor. Einer der Mitsänger überredete ihn, einem dramatischen Klub beizutreten. Schon nach einem Jahr war seine schnell wach Gewordene Theaterpassion so stark geworden, dass er sich einer berufsmässigen wandernden jiddischen Schauspielertruppe anschloss. und mit ihr zog er dann sieben Jäher lang in den grösseren und kleineren Städten der Union umher. Durch einen Zufall wurde David K esler, einer der bedeutendsten jiddischen Theaterleiter Amerikas (1860—1920) auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn für sein Ensemble. Kesler war ein Regisseur und Schauspielererzieher von hohen Graden. Die acht Jahre, die Morris Schwarz unter seiner Führung verbringen durfte, waren für seine künstlerische Entwicklung von entscheidender Bedeutung: nach wenigen Jahren war er ein Charakterdarsteller ersten Ranges und ein Regisseur von bezwingender Wirkungskraft. Kesler aber war ein Theaterleiter, der noch bis zu einem gewissen Grade traditionsgebunden war, während Schwarz sein künstlerisches Gebäude von den Fundamenten auf in einem eigenen, seinem Stil errichten wollte. So trennte er sich 1918 von Kesler und pachtete zusammen mit einem gleichstrebenden Freunde, Max Willner, das „Irving Place- Theater" in New-York, das bereits ein wechselvolles Schicksal hinter sich hatte. Schon die erste Vorstellung „In a verworfenen Winkel" von Perez Hirschbein erregte durch die vollkommene Abkehr der Inszenierung von allem Hergebrachten und das hohe Niveau der Darstellung Aufsehen. Nach einer konsequent durchgeführten Aufbauarbeit von drei Jahren, in der er selbst sich zum souveränen Meister in der Beherrschung aller künstlerischen Mittel gemacht hatte, zog er in ein neues, seinen technischen Anforderungen besser genügendes Haus und nannte es ,,Morris-Schwarz-Kunsttheater". K u n s t-Theater, um schon durch den Namen zum Ausdruck zu bringen, dass in diesem Haus immer und unter allen Umständen die Kunst das Primäre sein solle und alle anderen in Betracht kommenden Faktoren und Rücksichten sich ihr bedingungslos unterzuordnen hätten. In Morris Schwarz vereinigten sich eine Fülle von Begabungen. Als Theaterleiter besitzt er ein spezifisches Organisationstalent und einen unbeirrbaren Kuastwillen, beides verbunden durch eine nie versagende Energie, als Regisseur die Gabe der geistigen Schau. Vielseitigkeit und Grosszügigkeit in dem Gebrauch aller künstlerischen Mittel und das so dringend erforderliche und vielleicht darum so wenig häufig vorkommende Talent, Entwickler der künstlerischen Kräfte seiner Schauspieler zu sein, ohne ihre Individualität im einzelnen zu vergewaltigen. Er inszeniert immer das Stück und niemals sich selbst. Mit geradezu nachtwandlerischer Sicherheit weiss er für jedes Werk den diesem arteigenen Stil zu finden. Er ist bald demütiger Diener am Wort des Dichters, bald ein Bühnengestalter, der alle Schwesterkünste, Malerei und Architektur, Musik und Tanz sich in vollendeter Weise diensibar zu machen versteht. Er ist der Brahm und der Reinhardt des jiddischen Theaters in einer Person. Und nun der Schauspieler Morris Schwarz: Ein Charakterdarsteller ganz grossen Formats, ein Künstler, in dem sich hohe Intelligenz und intensivste Gestaltungskraft paaren, ein Meister der Maske, ein Rhetoriker ersten Ranges. Und schliesslich wäre sein künstlerisches Bild nur unvollkommen gezeichnet, würde man nicht-auch den Dramaturgen und Schriftsteller Schwarz mit wenigen Worten würdigen. Er gibt ein Journal „Unser Theater" heraus, um die Möglichkeit zu haben, seine Arbeit zu interpretieren oder sich über Fragen allgemeiner Natur zu äussern. Er ist < ein geschickter Bearbeiter älterer wertvoller Stücke, beispielsweise von Goldfaden, und endlich ein einfallsreicher dramatischer Autor, als dessen erfolgreichstes Werk man die Komödie „Shakespeare & Co." an erster Stelle zu nennen hat. Der Spielplan des „Morris-Schwarz-Kunstthealers" ist universell. In den siebzehn Jahren seines Bestehens sind ungefähr 150 verschiedene Stücke zur Aufführung gelangt, neben vielem Bedeutenden aus der Weltliteratur vor allem auch die Werke der grossen jüdischen Schriftsteller und Dichter. "Eine der ersten Inszenierungen von Morris Schwarz war, wie bereits erwähnt, Perez Hirschbeins „In a verworfenen Winkel", und von da ab reisst die Kette nicht mehr ab: Anski's „Dybuk", P r e g e r s „Wasserträger", G o 1 d i n s „Gott, Mensch und Teufel" Berkowitschs „Landsleute", Rosenfelders „Konkurrenten" und alle Werke Scholem Ale che ms, für den Morris Schwarz eine besondere Liebe im Herzen trägt: „Goldgräber", „Das grosse Los" (die jüdischen Kulturbünde in Deutschland haben es unter dem Titel „Amclia"' aufgeführt). .,Schwer zu sein a Jid", „Stempenju", „Irrende Sterne" und „Tewje, der Milchhändler". Auch seine grossen internationalen Erfolge hat Morris Schwarz mit den Werken jüdischer Dichter erringen können: In ,.Jud Süs.s", in „Josze Kalb" und zuletzt in „Gebrüder Ascbkenasy" von S i n g_e r, ein Stück, das er auch in den Mittelpunkt seines diesjährigen Gastspiels in Paris gestellt hat. In allen diesen Aufführungen hat seine Darstellungskunst Triumphe gefeiert, denn der Jude Morris Schwarz* zieht seine geheimsten künstlerischen Kräfte immer wieder aus der Seele seines Volkes und gewinnt neue Auftriebsmöglichkeiten aus der Intensität seines jüdischen Empfindens. Morris Schwerz unternimmt mit seinem Theater schon seit längerer Zeit regelmässig ausgedehnte Gastspielreisen, die ihn" in die Hauptzentren der' Union und Südamerikas und in fast alle Hauptstädte Europas, nach London und Paris, Wien, Warschau. Bukarest usw. geführt haben. In Warschau hat er vor zwei Jahren ' eine ständige europäische Filiale, das .,M o r r i s - Schwarz - Kunsttheater in Warschau" errichtet, die ihre Tätigkeit auch auf die grossen polnischen Provinzorte und osteuropäischen Hauptstädte ausgedehnt hat. In diesem Jahre ist der Betrieb noch nicht aufgenommen worden, wohl weil die grosse westeuropäische Tournee ihn und sein Ensemble zu. sehr in Anspruch nimmt. Aber dieser Mann hat auch noch Zeit und Kraft für filmische Arbeit. Ganz abgesehen davon, dass er in Hollywoods Filmen ein nicht seltener. Gast ist, ist er Leiter und Regisseur einer grossen jüdischen Filmgesellschaft und hat erst unlängst einen nach dem Singerschen Volksstück „Josze Kalb" gestalteten und ebenso betitelten Film vollendet, In dem er auch selbst, wie seinerzeit in dem Bühnenwerk die tragende Hauptrolle spielt. Die T>auffüli rrag dieses Tonfilms steht bevor. Heute ist Schwarz, erst einundfünfzig Jahrs alt. Er steht in der Vollkraft seines Lebens. Noch ist es glücklicherweise nicht an der Zeit, die Summe dieses Lebens zu ziehen. Nur eine Feststellung vermag man schon jetzt zu treffen: Das Ansehen des jiddischen Theaters ist zu seinem wesentlichsten Teil seiner genialen Persönlichkeit zu danken, die in der Vielfalt ihrer Begabungen beinahe einzigartig ist.

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