Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 29 (21.7.1938)
- Date
- 1938-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVII. Jahrg. 7 Nr. 29 Berlin, 21. Juli 193S Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15. Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Tclegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 7721S. Zürich Yül 2(5 363 Bankkonto: Mosler, Süsskind & Co., Berlin WS. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährl. 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuziigl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste (> gültig. Die ligesp. mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahlt — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriftcn ohne Verbindlichkeit. ie erste Etappe Von unserem nach Evian entsandten Sonderberichterstatter W. Evian, 18. Juli. I. In einer bewusst zuversichtlichen optimistischen Atmosphäre und unter dem Beifall der öffentlichen Weltmeinung und fast aller interessierten Körperschaften ist die Konferenz von Evian zu Ende gegangen. In einem energischen letzten Anlauf ist es Myron C. Taylor gelungen, die Arbeiten der Konferenz in einer Resolution zusammenzufassen und damit Grundlagen für eine grosszügige Aktivität zur Lösung der jüdischen Flüchtlings- und Auswanderungsfrage zu schaffen. In neun Tagen hat diese Konferenz allen Schwierigkeiten, Widerständen und anfänglichen Zweifeln zum Trotz solide, sachlich und — nach Lage der Dinge — erfolgreich gearbeitet. Die Vertreter der 32 Staaten, die am 6. Juli, zusammentraten, um während einer bestimmten Anzahl von Tagen die Flüchtlings- und Auswandererprobleme unserer Zeit zu diskutieren, werden noch mindestens fünf Jahre zusammenbleiben. Die Konferenz von Evian ist zu Ende. Die Arbeit des Ständigen Zwischenstaatlichen Komitees beginnt. II. Zwei Tatsachen haben der Zusammenkunft in Evian ihren spezifischen Charakter gegeben. Zuerst und vor allem anderen die unermüdliche, selbstlose und vorwärtstreibende Aktivität der amerikanischen Delegation. Der Präsident der Vereinigten Staaten selbst hatte sein grosses politisches und persönliches Prestige in die Waagschale der Konferenzverhandlungen geworfen: sie konnte, sie durfte kein^Misserfolg werden. Täglich telephonierte der Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten mit dem Weissen Hause, um Bericht über den Stand der Beratungen zu erstatten und um neue Direktiven entgegenzunehmen. Man sah sich einer einmaligen historischen Anstrengung gegenüber, die die Regierung einer der grössten Mächte der Welt unternommen hatte, um ein Problem zu lösen, das ausserhalb ihres politischen und wirtschaftlichen Mandates lag. Das zweite Charakteristikum war dec menschlich mitfühlende Grundton. Es war doch keine akademische Expertenkonferenz, so wie manche es befürchtet hatten. Es wTar fast die grosse humanitäre Konferenz, die alle erhofft hatten. Inmitten eines Situatiousberichts, der der Konferenz von Vertretern privater Organisationen über die Lage der jüdischen Flüchtlinge und Auswanderer erstattet wurde, rief der Konferenzpräsident in den Saal: ,,Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um diesen Menschen zu helfen!" In seiner ersten Erklärung vor der Konferenz hatte der Vertreter Australiens, Minister White, In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Dr. Mark Wischnitzer: Kenya — Leo Hirsch: Ein Leben für Musik— Dr. Martin Friedland: Zum Tode von Wladimir Horowitz — W. Kruszynski: Morris Schwarz — Der Schrankkoffer — H. Freyhan: Musica Hebraica Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau— Sportblatt recht schroff die Hoffnungen der jüdischen Organisationen auf die Ermöglichung einer grösseren jüdischen Einwanderung nach Australien zerschlagen. Die Konferenz ernannte ihn zum Vorsitzenden des zur Fühlungnahme mit den privaten Organisationen eingesetzten Unterausschusses. Als er am 9. Juli, zwei Tage nach seiner niederschmetternden Erklärung, der Vollkonferenz seinen Bericht über die Arbeiten des Unterausschusses erstattet hatte, schloss er, dass die vorgebrachten Tatsachen Ansporn sein müssten, schnellstens das Möglichste zu tun ... Das Neue an der Konferenz von Evian lag nicht .in den von ihr geschaffenen Mo- - dalitäten einer Problemlösung. Es ist nicht das erstemal, dass eine international konzentrierte Aktion von den Regierungen zur Beseitigung des Flüchtlingsproblems ins Leben gerufen wird. Es ist nicht das erstemal, dass eine Regierungskonferenz von Einwanderungsländern offizielle Feststellungen über ihre Absorbationsfähigkeit und über die Bereitwilligkeit zur Aufnahme von Auswandern verhandelt. Und es ist auch nicht das erstemal, dass ein internationales Forum sich mit grosszügigen Millionen erfordernden Siedlungsprojekten beschäftigt. Es sei nur auf die Tätigkeit Nansens und der Völkerbundsämter, auf die vom Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge einberufenen zwischenstaatlichen Konferenzen, auf die griechisch-türkische Umsiedlung in den Jahren 1920—1924, auf die Expertenkonferenz des Internationalen Arbeitsamtes zur Frage der kolonisatorischen Wanderungen u. a. m. hingewiesen. Das Neue an der Konferenz von Evian liegt in der Dosierung. In dem Zusammenklang des menschlichen Gefühls, der Bereitschaft zur Mitarbeit und des humanitären Willens einzelner Regierungen. . III. Wie verschieden der Ausblick auch vom Standpunkt des allgemeinen Flüchtlings¬ und Auswanderungsproblems sein mag, die Juden in Deutschland dürfen auf das Ergebnis der Konferenz hoffnungsvoll blicken. Niemand in Evian hat die Vordringlichkeit desjüdischen Problems in Deutschland geleugnet: „... fallen in den Tätigkeitsbereich des zwischenstaatlichen Komitees alle Personen, die aus Deutschland und Oesterreich auf Grund ihrer rassischen Herkunft auswandern müssen oder bereits ausgewandert sind ..sagt die Hauptresolution. Für absehbare Zeit wird sich das neue zwischenstaatliche Komitee nur mit -dem Problem der jüdischen Auswanderung aus Deutschland (einschl. Oesterreich) beschäftigen. Die Hauptaufgabe des Bevollmächtigten Direktors wird sein, die notwendigen Verhandlungen für die Juden in Deutschland zu führen. 32 Staaten werden sich in regelmässigen Abständen versammeln, um Pläne zu ihrer Umsiedlung auszuarbeiten und zu' diskutieren. Präsident Roosevelt selbst wird den Mann ernennen, der die Arbeiten des Ständigen Komitees dirigieren wird. Wir dürfen^ nicht unbescheiden sein, wo wir gelernt haben, bescheiden zu sein. IV. Drei Lösungsmöglichkeiten standen den Regier ungsvertretern zur Erwägung: Massenkolonisation, Infiltration, Palästina. Alle bisher vorgeschlagenen Massenkolonisationspläne für unkultivierte Gebiete' erwiesen sich als finanziell undurchführbar. Einmütig entschied man sich auf der Konferenz für^das Prinzip der beschleunigten landwirtschaftlichen und — in beschränkterem Umfange — industriellen Infiltration. Die Kolonisationsarbeit der ICA wird in vieler Hinsicht als Vorbild dienen. Das Palästinaproblem hat in Evian eine . mehr als untergeordnete Rolle gespielt. Nachdem der Delegierte der Mandatarmacht, dessen Haltung überall stark kritisiert wurde, in seiner ersten Erklärung Palästina auch nicht mit einem einzigen Worte erwähnt hatte, war der Weg für eine Diskussion dieses Problems versperrt. Es ist an dieser Stelle bereits vor Evian gesagt worden, dass eine vordringliche Diskussion des Palästinaproblems im Interesse der jüdischen Auswanderung schädlich gewesen wäre. Dass aber die palästinensische Frage erst auf der Schlusssitzung überhaupt zum ersten Male erwähnt wurde, muss als eine der negativen Seiten der Konferenzarbeit gewertet werden. Der amerikanische Delegierte und Konferenzpräsident Taylor war auf der Schlusssitzung Gegenstand einer einzigartigen Ehrung. Bevor Senator Berenger die Tagung für geschlossen erklärte, bat er die Delegierten, sich zu Ehren des amerikanischen Delegierten zu erheben. Wie ein Mann erhob sich der ganze Saal, um der Persönlichkeit zu danken, die die Konferenz von Evian zu einem Erfolge geführt hatte. Möge man überall in den jüdischen Kreisen, wohin die Kunde von der Resolution von Evian dringt, diesem Beispiel der Diplomaten aus 32 Staaten folgen, und möge man gleichzeitig des grossen Staatsmannes gedenken, der die denkwürdigen Tage von Evian veranlasste und dem hoffentlich einmal Zehntausende von jüdischen Auswanderern ihre Zukunft danken. Ausgang der Konferenz W. EVIAN, 17. Juli. Am Montag, dem 11. Juli; war in der vierten öffentlichen Vollsitzung die Aussprache beendet und am Dienstag von England, Frankreich und den Vereinigten Staaten der Entwurf einer Schlussresolution ausgearbeitet worden, deren Inhalt von uns stichwortartig bereits in der vorigen Nummer der C.-V.-Zeitung gemeldet wurde. Am Mittwoch und Donnerstag rief der Präsident der Konferenz die Chefs der einzelnen Delegationen zusammen, um diesen Entwurf mit ihnen zu besprechen. Nach langen Beratungen, in deren Verlauf verschiedene Aenderungen vergenommen wurden, kam es zu einer vollständigen Einigung zwischen den beiden Gruppen, von denen die eine unter Führung der amerikanischen und französischen Delegierten den Umfang und den Geltungsbereich der Resolution möglichst weit fassen wollte, während die zweite Gruppe unter Führung von Lord Winterton auf Einschränkung und Abschwäc-hung drängte. Damit war der Erfolg der Konferenz gesichert. Der Inhalt der Hauptresolution gelangte im wesentlichen bereits am Mittwoch und Donnerstag an die Oeffentlichke.it und wurde überall mit der' grössten Befriedigung aufgenommen. Die jüdischen Organisationen gaben in Pressecommuniques ihrem Dank und ihrer Anerkennung Ausdruck und sprachen die Erwartung, aber zugleich auch die Zuversicht aus, dass dem erlösenden Wort die erlösende Tat folgen werde. M$ie Schlußsitzung Am 15. Juli, 11 Uhr vormittags, trat die Konferenz von Evian zu ihrer Schlusssitzung zusammen. Eine Wiederholung des feierlichen Schauspiels des Eröffnungstages: Festlich gekleidete Diplomaten aus 32 Staaten der Erde, überfüllte Pressetribüne, hohes Publikum, erregte Stimmung. Und doch ist es nicht ganz dasselbe. Auf den Gesichtern der Anwesenden liegt Optimismus und Zufriedenheit; in den neun Tagen, die seit den Eröffnungsworten des Senators Berenger verflossen sind, ist Arbeit geleistet worden, solide, erfolgversprechende und anerkennungswürdige Arbeit. Der Vorsitzende, Myron C. Taylor, fasste die Leistungen der Konferenz zusammen: „Ich bin glücklich,~dass ein Apparat in Gang gesetzt wurde, welcher eine wirkliche Besserung des Lebens und der Zukunftsaussichten vieler Mensehen mit sich bringen wird. Die Tagung in Evian war nur ein Beginn, das Werk wird fortgesetzt werden/4 Er unterstrich sodann die Tatsache, dass Vertreter verschiedener Regierungen in vertraulichen Erklärungen Aussichten auf Erhöhung der Zahl der in ihre Länder zuzulassenden Einwanderer eröffnet haben. Das zu schaffende permanente Büro werde die Pläne und Vorschläge der privaten Organisationen berücksichtigen. Es sei zu hoffen, dass die Vertreter der Regierungen in der Absicht nach London kommen würden, dem Werk des zwischenstaatlichen Komitees einen neuen, st a r k en A u f t r i e b zü geben. Mit Nachdrude unterstrich Taylor, dass eine der wesentlichsten Voraussetzungen der Lösung der der Konferenz gestellten Probleme die Organisierung einer geregelten Auswanderung und die Teilnahme der Auswanderer selbst an der Finanzierung sei. „Unsere Arbeit wird ohne Unterbrechung fortgesetzt werden, damit die H o f f n ifn g der Männer, Frauen und Kinder, die ihr Schicksal in unsere Hände gegeben haben, nicht zunichte wird und ihr Schicksal gelindert wird." Hierauf ergriff der englische Delegierte Lord Winterton über Palästina und Kenya das Wort. Wie in der Eröffnungssitzung bereitete er den Konferenzteilnehmern eine Ueberraschuna, nur dass es diesmal von der angenehmen Seite her war. Offensichtlich beeindruckt von einer Pressekonferenz, die einige Tage vorher von der Jewish Agency veranstaltet worden war, widmete Lord Winterton zur allgemeinen Ueberraschung einen grossen Teil seiner Schlussansprache der Politik seiner Regierung in Palä- Der holländische Vertreter Andreae Beucker während seiner Ansprache. Neben ihm der Vertreter Norwegens, Michael Hansson Auslands foto stina, nachdem er vorher die offizielle Zustimmungder englischen Regierung zu den vorliegenden Resolutionen bekanntgemacht hatte. Manche Kreise, sagte Winterton, vertreten die Ansicht, dass das ganze jüdische Flüchtlinasproblem gelöst werden könnte, wenn nur dl e Tore Palästinas jüdischen Einwanderern ohne jede Beschränkung geöffnet werden. Mit allem Nachdruck erkläre ich jeden Vor-