Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 26 (30.6.1938)
- Date
- 1938-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS _ , Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag J7218, Z ü r i c Ii VIII26363." Bankkonto: Mosler, Süsskind & Co., Berlin V78. Die G.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bedaktionsschlnss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znsteilung erfolgt -• - — — — -- - -— ._. ... .__-n__iv.i____i__t>_____r____t w d.« ___ti kitj c.c r>„„*__:*—____t,^u^ lODnf 'RoetATina.:^ TNi* Ä "al-inrl vittrteAiZhrl 9 30 T?.M YnmffP.rPfhnftt, in Hifi LannfiS- Geschäftsstelle (Verlag, Schrifüeitung, durch die Post, dij-die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis Vierteljahr!. 81Rpf. (einschL 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausländ vierteljährl; 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. 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Bei der Arbeit der Konferenz soll in vorderster Reihe die Beratung eines Dringlichkeitsprogramms stehen, das den teilnehmenden Regierungen gestatten soll, sofort nach Beendigung der Konferenz die Verwirklichung von einleitenden Massnahmen in die Hand zu nehmen. Erster Punkt dieses Dringlichkeitsprogramms soll dje Bildung eines internationalen Regierungsausschusses für Flüchtlingsf ragen mit der Aufgabe sein, die technische Seite aller wichtigen Fragen zu beraten und zur Beschlussfassung an die Regierungen weiterzuleiten. Die Tätigkeit dieses Ausschusses wird sich hauptsächlich auf die Angaben stützen, die die einzelnen Delegierten aus. der Flüchtlings- und Einwanderungspraxis ihrer" Länder der Konferenz unterbreiten werden. Die vorbereitenden Arbeiten des Flüchtlingsausschusses werden dann den teilnehmenden Regierungen. und den interessierten Privatorganisationen erlauben, die grosse, wesentliche Aufgabe innerhalb des Dringlichkeitsprogramms in Angriff zu nehmen: Die Auswanderung von 50 000 Menschen in endgültige Aufenthaltsländer. Einerster Schritt zur Verwirklichung dieses persönlichen "Wunsches des Präsidenten Roosevelt ist mit der Zustimmung der Vereinigten Staaten getan. 28 000 Menschen aus Deutschland (und Oesterreich) in den Vereinigten Staaten als den ihnen zukommenden Anteil aufzunehmen. Für die Unterbringung der restlichen 22 000 Wanderungsbedürftigen zieht man im wesentlichen aussereuropäische Länder in Betracht, während die europäischen Lander als Zwischenstation in Aussicht genommen werden. Man hofft in diesem Zusammenhang auf eine Milderung der strengen Flüchtlings- und Fremdenpolitik, wie sie von manchen europäischen Ländern (z., B. Holland und Belgien) eingeschlagen wurde. Besonders denkt man an die zeitweilige Unterbringung und Beschäftigung von Flüchtlingen mit Spezialkenntnissen, deren Verwertung dem Gastlande wirtschaftliche Vorteile bringen könnte. Was die Aufnahmewilligkeit der überseeischen Länder anbetrifft, so hat man mit grosser Befriedigung die Erklärungen der Regierungsvertreter verschiedener südamerikanischer Länder auf der Internationalen Arbeitskonferenz zur Kenntnis genommen, aus denen die Bereitwilligkeit des lateinamerikanischen Kontinents zur Aufnahme produktiver und arbeitswilliger Einwanderer . hervorging. (Vgl. den besonderen Aufsatz In dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: Die Aufsätze: Wolfgang S. Matzdorff: Zwischen Amerika und Australien — Siegfried Aschner: Die Katakomben von Bet Schearim — Besuchsreisen nach Holland — Australiens Lohnpolitik — Dr. Erich Gottfeld: USA und Weltarbeitslosigkeit — Alfons Rosenberg: Andre Maurois — Alfred Auerbach: Kleine Komödie — Leo Hirsch: Die Juden von Kai-Fung-Fu — Jerusalems Postverwaltung voran Die Beilagen: Palästina-Umschau —- Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Schachecke „Das Wanderungsproblem auf der Internationalen Arbeitskonferenz" im 2. Beiblatt dieser Nummer.) Am meisten Schwierigkeiten bereitet die . finanzielle Seite dieses grossen, in seiner Art einzig dastehenden Auswanderungsprojekts, dessen Kosten auf etwa fünf Millionen Pfund geschätzt werden. Es besteht kein Zweifel darüber, dass weder die jüdischen noch die nichtjüdischen privaten Hilfsorganisationen eine derartige Summe aufbringen können.,,. Auch ist es unwahrscheinlich, dass Sondersammelaktionen, wie die vorgeschlagene Erhebung einer Sondersteuer von bereits untergebrachten Flüchtlingen die Summe der fehlenden Gelder wesentlich verringern könnten. - Es gehen Erwägungen um, die von einer internationalen Anleihe sprechen, und die Hoffnung enthalten, dass es möglich sein könnte, das Vermögen der Auswanderer in irgendeiner Form für diese grossen, konstruktiven Pläne nutzbar zu machen.. Die wichtigsten Vorbereitungen für die Rahmenarbeiten der Konferenz sind bereits getroffen. Zum Generalsekretär der Konferenz ist der Franzose Paul-Boncour ernannt worden. Die Dauer wird etwa zehn bis zwölf Tage betragen. Wahrscheinlich werden grösstenteils nichtöffentliche Sitzungen stattfinden. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass der Leiter des Nansen- Amtes, Michael Hansson, an der Konferenz teilnehmen wird, und gemeinsam mit Sir Neill Malcolm den Konferenzteilnehmern Fortsetzung umseitig A. H. Seit einigen Wochen ist Evian in der jüdischen Presse und in jüdischen' Unterhaltungen der wohl meistgenannte Ort. Je deutlicher in unseren Menschen die -Gewissheit wird, dass es für sie vor allem auf den Aus-Weg ankommt, um so lebhafter beschäf tigen sie sieh mit den Aussichten der für Evian angekündigten Pläne. Ganz ohne unser Zutun, lediglich durch unser Dasein, ist das Wanderüngs- und Unterbringungsproblem einiger hunderttausend Juden im mitteleuropäischen Raum zum Gegenstand , fast einer Weltkonferenz geworden, auf der sich hervorragende Politiker und Fachleute aus weit über 200 Staaten leidenschaftslos und sachlich um eine vernünftige und zuverlässige Lösung der bestehenden Schwierigkeiten bemühen wollen. Unser wichtigster Beitrag für Evian ist, dass wir als wohl einzige Gemeinschaft unter den Judenheiten der Welt eine einheitliche Leitung besitzen, so dass wir, wenn man uns fragen sollte, wie wir uns die Lösung der Schwierigkeiten dächten, mit Sachkunde und Disziplin unsere Antwort geben und bei einer gebilligten Lösung einheitlich mitwirken könnten; die aber auch, wenn man, wie es nach neueren Meldungen den Anschein hat, ohne Zuziehung jüdischer Stellen tagen will, in schweigender Würde die Ergebnisse abwarten würden. Der andere wesentliche Beitrag, den wir beisteuern können, ist die Qualität des Menschenmaterials, um dessen Auswanderung und Neuansetzüng es geht. Von Monat zu Monat wird es schwieriger, sie aufrechtzuerhalten: Die Abwanderung vieler zehntausend Menschen, die besonders "geeigneten Berufen und Jahrgängen angehören, kann für eine Gemeinschaft ohne Regenerationsmöglichkeit nicht ohne Folgen bleiben. Das stimmt nachdenklich im Hinblick auf die Logik, die jedem Plane innewohnt, nämlich zweiseitig zu sein: eine Zielsetzung zu haben und das in ihre Richtung zu bewegende Objekt. Jede Planung von draussen muss ins Leere Stessen, wenn sich das Objekt, um das sie sich dreht, ununterbrochen und wesentlich verändert. Zweifellos geht man in Evian von einer bestimmten Vorstellung unserer Situation aus und wird , versuchen, auf dieser Grundläge zu Ergebnissen zu kommen. Ein wirklicher Erfolg wird also von zwei Konstanten abhängen, einmal davon, dass man die Beschlüsse, die man dort fassen wird, unverändert lässt, und sodann davon, dass wir, wenn die notwendige Uebereinstimmung aller beteiligten Stellen zu den Beschlüssen vorliegt, .während der Geltungsdauer als Material unverändert bleiben. Seit dem ersten kurzen Telegramm im März, das von der Roosevelt-Initiatiye handelte, haben wir an dieser Stelle vor allem einer Besorgnis Ausdruck gegeben: ■ es könnte etwa in Evian, wenn praktische Lösungsvorschläge auf Schwierigkeiten stossen sollten, zu einem Ausweichen ins politische Fahrwasser kommen, Soweit Meldungen bisher vorliegen, scheint diese Gefahr nicht zu bestehen. Aber eine andere, von jüdischer Seite kommende Erschwerung kündigt sich an, und es ist Pflicht, darauf hinzuweisen. Wie man hört, haben sich die ' grossen jüdischen Organisationen des Auslandes nicht auf ein einheitliches Programm einigen können. Das müssen wir hinnehmen. Und wenn es bis zum 6. Juli so bleiben sollte, dann halten wir es in. der Tat für nützlicher, dass keine offizielle jüdische Delegation des Auslandes an Evian teilnimmt, ausser etwa in Form der Anwesenheit von Sachverständigen, als dass Legitimierte und Unlegitimierte eine Mustersendung von Memoranden überreichen, die, wenn sie alle Gegenstand der Konferenzerörterungen werden sollten, von vornherein ein in absehbarer Zeit erreichbares Ergebnis verhindern müssten. Aber gerade, wenn ausschliesslich Regierungsdelegationen an der Konferenz teilnehmen dürfen, werden sich die in "ihren Plänen sicherlich -etwas enttäuschten privaten Institutionen vergegenwärtigen müssen, dass es sich nicht um ihr Prestige, sondern um unsere Zukunft handelt. Die führenden Persönlichkeiten jener Gremien würden neben dem Dank, den wir ihnen für ihre Hilfsarbeit seit jezollen, auch noch die Anerkennung staatsmännischer Mässigung verdienen, wenn sie sich, soweit man an sie herantritt, später trotzdem für die Durchführung -der Beschlüsse zur Verfügung stellten. Noch auf eine zweite Quelle von Erschwerungen hinzuweisen, halten wir für unsere Pflicht Wir möchten nicht glauben, dass es mehr als ballons d'essays sind, wenn von manchen jüdischen Stellen schon jetzt die Regierungsvertreter der einzelnen Staaten daraufhin untersucht werden, ob sie pro oder contra zur nationaljüdischen Palästinalösung stehen. Es handelt sich — muss man es erst aussprechen? — in Evian um keine Pal äs ti nakonf erenz. Es tagt dort auch nicht die Mandatskommission des Völkerbundes. Man muss sich klarmachen: die Zuständigkeit der Konferenz und vielleicht sogar die Konferenz selbst endet in dem Augenblick, wo sie versuchen würde, in politische Entscheidungen eines der Teilnehmerstaaten einzugreifen, durch die dieses. Land in seiner allgemeinen Politik in Schwierig- MONTRECX %ENF. Gen^&iSee Evian ist eine kleine Stadt mit schmalen Gässchen und niedrigen Häusern am südlichen Ufer des Genfer Sees, Station der französischen Mittelmeerbahn Bellegarde—Le Bouverez. Sie gehört zum Arrondissement Tbonon des französischen Departements Haute-Savoie. Ihre Lage ist überaus reizvoll. Ueppige Kastanienwälder schmücken die Umgebung, und die alpine Landschaft des Chablais (Westalpen) mit dem sechs Kilometer entfernten Hochplateau von Larringes. von dem sich eine prachtvolle Aussicht auf den See und den Montblanc bietet, bildet die Kulisse. Aber nicht nur diese Vorzüge allein, sondern vor allem durch den Besitz alkalischer Heilquellen ist Evian zu Evian-les-Bains.geworden und geniesst einen grossen Ruf als Kur- und Erholungsort Den See entlang ziehen sich die Bäder und Kuranstalten mit ihren modernen Anlagen und Quais, dazwischen die grossen Hotels, Kasinos, Theater. So hat Evian ebenso die Qualifikation zu einer internationalen Konferenz erlangt, wie die berühmten Konkurrenten rings um den „Lac Leman": Genf, Lausanne, Ouchy und Montreux. «iiiHiiuMiiMn:ini<iiiiiiiiii!iiiiii:iuiinii!iniii!iiiuiii[!iiiiii:iHiii!iiniiMiiiiiiiiiini!!iin:ii!;i!iit keiten geraten könnte. Gewiss, auf jüdischer Seite ist eine dauernde und umfassende Behebung der jüdischen Wanderungssorge ohne Einbeziehung Palästinas in den Lösungskomplex schwer denkbar. Aber es wäre verfehlt, immer nur auf ein fast verschlossenes Tor zu starren und dabei zu übersehen, dass andere Türen sich langsam öffnen könnten. Der Zionismus ist die einzige jüdische Bewegung, die mit Geschick das treibt, was man im Völkerleben grosse Politik zu nennen pflegt. Aber Evian nur unter dem Blickwinkel Palästina zu betrachten, wäre eine sehr kleine Politik. Es gibt — und das sollte man gerade im Hinblick auf die Beurteilung des englischen Verhaltens und der englischen Delegierten bedenken — auch in der Politik so etwas wie Kompensationen für moralische Schulden. Die politische und geschichtliche Erfahrung lehrt andererseits, dass aus Konferenzen, bei denen es Sieger und Besiegte gibt, für die Dauer kein Segen entspringt. Kein Staat darf aus Evian mit dem Gefühl fortgehen, dass er allein oder hauptsächlich der „Besiegte" sei, der entgegen seinem eigenen Interesse die Hauptlast zu tragen moralisch gezwungen würde. Die Kosten in irgendeiner Form würden ja doch uns auferlegt bleiben. Wir Juden sind kein Volk einheitlicher Führung und einheitliehen Willens. Aber wir sind eine Gemeinschaft einheitlicher Not. Not lehrt nicht immer Beten. Not zwingt manchmal zu schreien. Aber mitunter und diesmal sollte sie, solange Evian auf der Tagesordnung steht, auch über manches zu schweigen lehren. Wenn die nächste Ausgabe unserer Zeitung in die Hände unserer Leser kommt, .hat die Konferenz von Evian bereits begonnen. In unserem Leben der letzten Jahre gibt es viele Daten, von denen ab wir einen Rückgang rechnen. Hunderttausend, Millionen Juden wünschen mit heissem Herzen, dass dereinst dieses Tages, dieses 6. Juli 1938, als eines Datums "gedacht werde, von dem an unser Schicksal wieder ein wenig aufwärts führte.