Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 25 (23.6.1938)
- Date
- 1938-06-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.25 * 23.'Junil938 2. Beiblatt * C.-V.-Zeitung Seite 5 enSiezumVheril fmji? 'zusagen Der Zug der Frauen Wir haben Mala Laaser aufgefordert, eine Ausgabe unserer Beilage „Blatt der jüdischen Frau" zu gestalten Unsere Leserinnen und Leser mögen entscheiden, ob sie sich ihres Auftrages glücklich entledigt hat Frauen — wenn man so sagen darf: aller Kategorien — wurden von ihr interviewt; deren Gedanken und Aeusserungen hat sie teilweise seihst geformt Die Frage, die Mala Laaser stellte, lautet: „Was haben Sie zum Thema ,Frau* zu sagen?"— Sie werden gebeten, sich zu dieser Frage in einer Weise zu äussern, die mit Artikelschreiben nichts zu tun hat. Sie werden gebeten, einfach zu erzählen, was Ihnen zum obigen Thema einfällt, also die Dinge zu verraten, die in Ihnen als Brennpunkt aufglimmen, wenn man Sie aus tiefstem Schlaf mit der Frage wecken würde: „Was haben Sie zum Thema ,Fraus zu sagen?" Folgende Frauen haben Mala Laaser geantwortet: Dr. Bertha Badt-Strauss (Berlin), Jenny Bernstein (Schaffer), Mitglied des Theaters des Jüdischen Kulturbundes, Berlin, Rabbiner Regina Jonas (Berlin), Erika Juliusburger (Berlin), Hertha Marcuse (Berlin), Marianne Rein (Würzburg) und eine Mitarbeiterin des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Berlin Die künstlerische Ausgestaltung stammt von Horst Moratz (Zeichnungen) und Lilli Szkolny (Titelzeichnung) Es war anstrengend, in dieser ziellosen Ewigkeit zu leben. Eine welk und niedergedrückt von ihren Leibern, entwurzelt von der unbestimmte Unlust dämmerte immer häufiger durch seine Ge- Heftigkeit ihrer Umarmung. Vergänglichkeit dunstete faulig aus danken. Das war eine der ersten Erfahrungen, die er machte. der Erde. Aneinandergeschmiegt erduldeten sie die Vertreibung. Wehmut erfüllte sie, so tief wie Giück; zum ersten Male erfuhren sie die Verschwisterung allen Gefühls. Taumelnd schritten sie dahin, unter dem Ansturm der sich gebärenden Empfindungen. Das Tor des Paradieses schlug flammend zu; Mann und Frau gingen in die Wildnis. In jungem Glänze strahlten die Sterne. Dunkelheit warf ihren Anker in Adams Gemüt Er klagte laut, solange, bis er erschöpft sein Haupt in Evas Schoss bettete. Der erste Menccbenschiaf umfing ihn, die ersten Träume quälten ihn: zerrissen war das feine Gespinst der Uuschuld. Schwer lastete seine Schwäche in Evas Schoss, wie eine reifende Frucht wuchs die Trauer in ihrem Leib. Aber aus den streichelnden Händen floss es wie Balsam über die Stirne des Mannes, in ihrem Herzen bewahrte sie die Kraft, die sie von ihm empfangen, wie eine Leihgabe, die sich in Trost verwandelte, wenn er dessen bedurfte. Einsam bewachte sie seinen Schlaf; doch ihr Mund lächelte, als sie das Los der Frauen auf sich nahm- Das Leben des Menschen hatte begonnen. Marianne Rein. Liebe Mala Laaser! Wenn Sie so leichtsinnig gewesen wären, mich heute nacht ..aus tiefstem Schlaf" mit der Frage zu wecken: „Was haben Sie zum Thema Frau zu sagen?", so hätten Sie wohl, so sehr ich Sie sonst liebe, riskiert, dass ich mich zunächst auf die Seite drehte und verschlafen brummte: „Lasst mich doch endlich mit dem Thema .Frau' in Ruhe!" Diese unliebenswürdige Reaktion hätte aber ihren Grund nicht in einer angeborenen Frauenfeindschaft gehabt, wie ich sie nur zu oft bei den Angehörigen unseres Geschlechtes fand, sondern in — dem gestrigen Abend. Und das kam so: mit roten Backen, tief verschmökert wie als Kind, hatte ich mich an diesem Abend durch (Gott behüte!) eintausendundsiebenunddreissig Seiten hindurch mit den wechselvollen Schicksalen der schönen Scarlett O'Hara, der Pflanzerstochter aus Georgia, abgegeben ... bis sie endlich, endlich „mit dem Winde verwehte ".. . Und nun schon wieder Frauen! Das halte ein Casanova aus oder ein Don Juan, nicht ich. — Dann aber hätte ich mich wohl langsam ermuntert, mir die Augen gerieben und mich eines Besseren besonnen und gesagt, was mir nun zuerst in den Sinn kam. Und da . . . die Katze lässt das Mausen nicht, und ... die ich einst rief, die „Jüdinnen", lassen mich nicht los. Alle, alle wären sie an meinem Lager vorbeigezogen: Frauen im Schleier und Kopftuch, Frauen im Reifrock, Frauen in der Arbeitsbluse der Chaluza — die Forscherinnen, die Frauenbeweglerinnen, die 'Arbeiterinnen." Alle, alle hätte ich in dieser Nachtstunde gehen heissen. Aber zwei hätten sich nicht fortschicken lassen. Zwei — die beide auf den alten Mütteraamen Rahel hörten. Rahel Levin hätte mich angeguckt mit ihren grossen, merkwürdig unschuldigen und immer wie überraschten Augen und hätte mich an die alte Liebe erinnert, die ich ihr seit meiner Kinderzeit entgegAi gebracht habe: sie, die kein Buch schrieb noch ein Bild malte noch überhaupt einer künstlerischen Schöpfung fähig war. Aber der das Leben selbst als Kunststoff zugeteilt war; die Dienerin der grossen, immer neuen, immer amüsanten Wirklichkeit — deren Berichte in ihren Briefen uns noch heute die Luft jener Zeit atmen und die Rosen riechen lassen, die ihr Heine am Krankenbett brachte — Rahel, die erste „Journalistin", wie Sie selbst neulich diesen Begriff lebendig fixiert haben. Und daneben die andere Rahel: Rachel Bluwstein aus Kinnereth in ihrem weissen 'Kleide, die Frühvollendete, deren Lieder in Palästina jedes Schulkind singt. Sie wollte leben und arbeiten, pflügen und säen, im Dienst des Landes, das sie liebte wie nichts auf der Welt . . . und das Leben gewährte ihr nur ein kleines Lied, das aus dem uralten Boden spross wie Wildwucbs, den keiner gesät hatte — und ein Grab am Ufer des Kinnereth-Sees, wie sie es sich gewünscht hatte. Reinste Ausprägung des ..schöpferischen Schrifttums jüdischer Frauen in unserer Zeit" — wie wiederum Sie selbst, liebe Mala Laaser, es kürzlich formuliert haben. Die zwei aber führten mich zur dritten Rahel, die eigentlich die erste war: zur Mutter Rahel, der Hirtin am Brunnen, um deren Liebe der Jüngling zweimal sieben Jahre lang diente; Rahel. die am Wege starb und keine Ruhe findet, solange ihre Kinder leiden. . . . Sie war's die mich tröstete, wie sie mich schon oft getröstet hatte: wie einen nur die Mutter trösten kann . . . Damit wäre ich wohl himmHch beruhigt wieder eingeschlafen. Aber ... ich weiss nicht, ob Sie zufrieden gewesen wären mit Ihrer Bertha Badt-Strauss. Ein glücklicher Nicht-Einfall Liebe Mala Laaser. einen aus tiefstem Schlaf aufzuwecken ist, wie der geliebte Peter Altenberg schon gepredigt bat, eine der sieben Todsünden; fast so schlimm ist es, den ersten spielfreien Abend mit der Beantwortung der Frage, was mir zum Thema „Frau" einfiele, verbringen zu müssen. Wäre ich nicht eine Frau, das heisst also freundlich, geduldig, rücksichtsvoll, so würde ich ja darauf pfeifen, Ihnen den Gefallen zu tun. Aber ich bin eine, und damit sind wir schon beim Thema. — Was mir dazu einfällt? Dass es eine Verfluchung und eine Auserwähltheit bedeutet, eine zu sein. Dass es ab und zu ein kostlicher Spass ist, eine zu sein, manchmal eine Gnade und dazwischen zum Zähnfletschen . . . nein, das geht zu weit; das will ja niemand hören, weil's ohnehin eine jede weiss. Was mir dazu einfällt? — Auf der Bühne fällt mir was dazu ein. Sie darzustellen, die Frauen, mit ihren tausend Verrücktheiten, ihren Lieblichkeiten und Verruchtheiten, ihrer Weisheit und ihrer Torheit, das ist mein Beruf, und ein schöner dazu. Aber über die einzelne im Leben, im sogenannten wirklichen, über mich Gelber gar — dazu fällt es mir gar nicht ein, mir was einfallen zu lassen. Und damit Gott befohlen, meine Liebe. In guter Gesinnung Ihre Jenny Bernstein-Schaffer. Ein Märchen als Antwort — Das goldene Licht der Mittagssonne weckte Adam aus leichtem Schlummer, in dem er sich von der eigenen Trägheit erholt? Noch wusste er dem keinen Namen zu geben, aber seine Glieder waren schwer von Ueberdruss. Er dehnte sich gähnend auf seinem Lager von duftenden Kräutern, Gräsern und Blumen. Als er aufstand, richtete sich alles Grüne und Blühende makellos wieder auf: es gab noch keinen Verfall. Gras. Blumen, Kräuter waren gleich jung, gleich alt; der Atem der Schöpfungstage haftete noch darauf. Adam ging durch den prangenden Garten, ohne auf die Schönheit zu achten, so wenig wie dies die zahllosen Tiere taten, die in mancherlei Gestalt an ihm vorüberstreiften. Nachlässig lockte er ein grosses langmähniges Geschöpf; es schmiegte sein gelbes schönes Fell an Adams Hüfte und ging willig unter seiner Last, als er sich auf seinen Rücken schwang. Die Luft schien lebendig von starken und zarten Gerüchen, von klingenden Tönen, gurrenden, singenden Stimmen. Alles war vollkommen; von der unantastbaren Schönheit, des Zwecklosen; der Mensch war der Erfüllung so fern wie der Sehnsucht. Durch sbnnenflirrende Bläue kam Eva auf ihn zu. Er glitt von dem Rücken des Löwen. Seine Trägheit, deren dumpfes leises Bohren allmählich seinem Bewusstseic näherrückte, verflog, wenn sie um ihn war. Er fühlte sich lebensvoller, nicht mehr nur ein Teil dieses Gartens, ein Geschöpf unter vielen, deren Namen er nicht wusste, die ihm gleichgültig waren. Doch manchmal überkam ihn in ihrer Gegenwart schwankende Unsicherheit; ihm war, als belauere sie beide das gewaltige Wesen, das über ihnen war, unsichtbar, beängstigend, gebietend. Aber dieses Dunkle, Drohende hatte ihm doch Eva beigesellt, aus seinem eigenen Fleische gebildet, während er schlief. Zuweilen pochte ein ferner nagender Schmerz i.n seiner Brust. Rosig stand sie vor ihm, duftend, glatthäutig; ein tiefes Behagen durchströmte ihn bei ihrem Anblick. Sie betrachtete ihn ruhig, mit unbewegtem Gesicht. Zum ersten Male sah er sich im Spiegel ihrer Augen, Furcht befiel ihn, er wusste nicht warum; er schlug die Lider zu Boden. Eva lächelte. Auch sie war voll Unruhe und Spannung; denn sie kam von dem seltsamen Baum, der sie unwiderstehlich anzog. Aber Adam wurde heftig, wenn sie davon sprach, dem Befehl des gewaltigen Wesenszuwiderhandeln. Gut, mochte er gehorchen, sie, Eva, dachte nicht daran. Sie schloss die Augen; der einschmeichelnde Ton. war , wieder in ihrem Ohr, mit dem das geschmeidige bunte Tier sie zu verleiten suchte. Im ganzien Körper fühlte sie eine schwere Süsse, die von dem Nachhall der lockenden Stimme ausging. Sie fasste nach seiner Hand und sprach leise auf ihn ein, bemüht, in ihre Stimme den saugenden Klang zu legen, der in ihrem Blute schwang. Adam lauschte mit halbgeschlossenen Augen. Es war angenehm, ihrem Flüstern zuzuhören. Warm wehte ihr Atem über seinen Nacken. Einen Augenblick lang durchfuhr ihn ein Vorgefühl seines künftigen Schicksals. Leicht ging sie davon — sie kam zurück und trug die fremde verbotene Frucht in der Hand: tief grub sie die Zähne ins Fruchtfleisch, Saft trat in kleinen Tropfen auf ihre Lippen, ein fremder Hauch entströmte ihrem Atem. Adam erzitterte, aber da füllte schon eine unbekannte würzige Süsse die Höhlung seines Mundes und durchdrang sein Inneres. Begierde nach der Frucht befiel ihn, er griff nach Evas Hand, sie entzog sich, die Hand mit der Frucht hoch über dem Haupt. Mit plötzlicher heftiger Wut stürzte sein Mund auf den ihren, weich und nachgiebig nahm sie ihn auf. Flammensteil und heiss erwachte Gottes Odem in ihm, für die Dauer eines zuckenden Herzschlages fühlte er sich, vermessen, dem ewigen Schöpfer gleich. Jäh durchblitzte ihn Erkenntnis, bevor ihn rauschende Schwärze verschlang. Abendschatten fielen auf ihre Trauer, als die durchglühte Verfinsterung von ihren Seelen wich; einer sog den Geruch des anderen ein, er schien ihnen jetzt verschieden von dem Dufte des Gartens. Kleine Tropfen standen auf ihrer Haut, wie die Tropfen auf dem Fleische der Frucht. Salzig schmeckte ihren Zungen der erste Schweiss, er mischte sich bitter mit ersten Tränen. Das Gras lag — und ein Brief Liebe kleine Ruth, du zerbrichst dir den Kopf mit der Frage, welchen Beruf du ergreifen sollst und willst gar von mir wissen, was ich über die Frau als Heilpädagogin denke und ob ich dir raten könnte, auch Heilpädagogin zu werden? Du weisst, liebes Kind, dass ich im allgemeinen an meiner Tätigkeit die Befriedigung empfunden habe, die ein Mensch spürt, der die Gewissheit haben darf, anderen geholfen zu haben, insbesondere Kindern, deren Einsamkeit oft die Verlassenheit noch übersteigen, die einen Erwachsenen umgeben kann. Sieh, es ist so: das schwierige Kind — und als Heilpädagogin hast du es nur mit solchen zu tun — verscbliesst sein Ich, seine Seele, trotzig vor jeder Berührung mit der Aussenwelt; es verbirgt sich mit seinen Nöten hinter einer Maske, die es vorsichtig abzulösen gilt. Das ist eine überaus schwierige Aufgabe. Bist du sicher, dass du genug Geduld besitzt, um mit werbender Wärme solch starre Fassade aufzulockern und Stück um Stück abzubauen? Oft denkt man schon am Ziel zu sein, das kindliche Vertrauen ein für allemal erworben zu haben und ist um so bitterer enttäuscht, erleben zu müssen, wie ein scheues Menschlein einem wieder und wieder entgleitet Oft kann man auch mit dem besten Willen nicht gegen die stärkere Naturanlage eines Kindes ankommen, jedenfalls nicht für die Dauer, und es bleibt bei den Schwierigkeiten, die das Kind seiner Umwelt bereitet, und den Hemmungen, mit denen es sich den eigenen Weg ins Leben verbaut Glaubst du. dass du stark genug bist, derartige Enttäuschungen immer wieder zu überwinden? Du brauchst soviel Lebenskraft, um andere, Kinder und Jugendliche, aus den Tiefen eigener Unzulänglichkeiten emporzureissen und sie so lange umzuformen, bis sich die Kanten ihres Wesens allmählich einebnen, bis sich eine stärkere Anpassung des kindlichen Charakters an die Realität ergibt. Bei all dem bin ich um deine eigene Sensibilität besorgt; sie ist zwar eine der Voraussetzungen für den, der sich mit dem Seelenleben seiner Mitmenschen beschäftigen will; aber auf der anderen Seite bewahrt sie deine Seele nicht vor Stössen und Erschütterungen und bringt dich selber in Gefahr, dein inneres Gleichgewicht zu verlieren. Auch erschöpft sich hier die eigene Vitalität leichter als in anderen Berufen. Was man an Energie und Lebenswillen besitzt, muss man übertragen auf andere — für dich selbst bleibt oft nicht viel Betriebsstoff übrig. So leer und ausgehöhlt fühlst du dich dann, dass du dich nach einer Tankstelle für seelische Spannkraft umsehen musst. Man flüchtet fort vom Beruf in die beruhigende Welt geistiger Objektivitäten: zu Musik und Büchern; man sucht Begegnungen mit Menschen, die schöpferisch belebend wirken können; man geht ins Kino und versinkt dort willig in Sphären, die einen, manchmal mit neuem Rhythmus spannend, die tiefe seelische Müdigkeit überwinden lassen. Du weisst nun, mein Kind, um die Tiefpunkte dieses Berufes, um die Gefahr zu grosser innerer Abspannung, die bis zur erwünschten Abkehr von ihm anwachsen kann; andererseits aber kennst du nun auch die hohe Befriedigung, die aus wahrer, tätiser Anteilnahme am Schicksal junger Menschen erwächst. Soll ich dir nach dem allen zuraten, gerade diesen Beruf zu wählen? ich