Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 25 (23.6.1938)
- Date
- 1938-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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XWL Jahrg. /Nr. 25 Berlin, 23. Juni 1938 Preis 10 Pf ennig ALLGEMEIN E ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Feraspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag u218, Zürich VIII 26 363 Bankkonto: Mosler, Süsskind & Co., Berlin W8. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaküonsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, did die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährL 81-Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzugl. lSRpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebiihren: Preisliste J> gültig.' Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf„ f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Änzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Das Thema des Tages: Eyuim W. Genf, 21. Juni. Der Konferenz in Evian sieht man in den hiesigen Völkerbundskreisen mit gespanntem Interesse entgegen. Man rechnet sowohl mit einer Heranziehung der zuständigen Organe des Völkerbunds als auch des Internationalen Arbeitsamtes, auf dessen augenblicklicher Tagung Schweizer Delegierte einen entsprechenden Vorschlag gemacht haben. Das Ansehen, dass die Internationale Arbeitsorganisation gerade in jenen Ländern geniesst, die an erster Stelle für die Aufnahme von europäischen Flüchtlingen in Frage kommen, kann der Konferenz vom grossen Nutzen sein. Angesichts dieses Interesses der grössten internationalen Organisationen ist man in Sorge über den Stand der Vorbereitungsarbeiten, die unter der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit leiden. Zwar hat auf Bitten des amerikanischen Staatsdepartements die französische. Regierung die Organisation der Konferenz übernommen. Jedoch ist bis heute-, zwei- Wochen vor Kon-- ferenzbeginn, weder die Tagesordnung bekannt, noch sind den beteiligten Regierungen irgendwelche Vorschläge oder Angaben überden technischen Verlauf der Konferenz zugegangen. Erfahrangsgemäss geben die Regierungen ihren Vertretern keine Vollmachten, wenn sie nicht vorher über die zu behandelnden Lösungsvorschläge informiert sind. Es besteht daher die Gefahr, jdass die Konferenz von sich aus noch keine "definitiven Beschlüsse fassen kann und die Lösung der dringlichen Probleme einen weiteren Aufschub erleidet. Hinzu kommt, dass bisher weder, das Völkerbundssekretariat noch der Flüchtlingskommissar offiziell zur Teilnahme an der Konferenz ein» geladen worden sind. Als erfreuliches Anzeichen ist das Bestreben der Veranstalter zu vermerken, bei den einzelnen Regierungen zu erwirken, dass die Delegationen nicht wie bei bisherigen Flüchtlingskonferenzen von Polizeifachleuten, sondern von Diplomaten oder Parlamentariern geführt werden. So hat die französische Regierung den Vorsitzenden des Senatsausschusses für auswärtige Politik, Senator Henri Berenger, mit der Führung ihrer Abordnung betraut. Ueberall spürt man jedoch den starken Willen, in Evian zu einem Ergebnis zu kommen, und man prüft mit Interesse die aus allen Teilen der Welt eingehenden Meldungen, inwieweit sie schon, jetzt diese Hoffnung stützen. Eine emgiisehe\ MPenhseforift . In Vertretung des wegen dringender Amtsgeschäfte verhinderten Innenministers Sir Samuel Hoare empfing der ständige Unterstaatssekretär Sir Alexander Maxwell am 14. Juni eine Abordnung des Coordinating-Comm i 11 e e -s , die unter Führung des Erzbischofs von Canterburry stand, und der ausserdem der Bischof von Chic bester, Lord C e e i 1, Brigadegeneral Sir Wyntham D e e d e s, Sir Frederic Kenyon, Otto M. Schiff und A. G. Brotman als besonderer Sachverständiger angehörten. Sie übergaben Sir Maxwell eine Denkschrift, in welcher grundsätzliche Gedanken zur Flüchtlingsfrage enthalten sind, und in der bestimmte Anregungen gegeben werden. Sie beziehen eich sämtlich auf die Haltung, die das britische Empire bei den Verhandlungen in Evian einnehmen soll. Das umfangreiche Dokument enthält u. a. die folgenden Gedankengänge: Zu Beginn wird ein historischer Rückblick über die Beteiligung der britischen Regierung an allen Konferenzen und Abmachungen, welche das Flüchtlingsproblem berühren, gegeben. Es wird daran erinnert, dass mehrfach der Wunsch geäussert worden sei, die Hilfsarbeit zu vereinheitlichen, und dass die freiwilligen Hilfeorganisationen wiederholt Gelegenheit gehabt hätten, sich an den Arbeiten der Regierungsstellen aktiv zu beteiligen. Nunmehr ersuche die Abordnung S. M. Regierung, sorgfältig zu erwägen, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, die Frage der Naturalisation für Grossbritannien und seine überseeischen Länder zu überprüfen. Man möge diese Bestimmungen gegenüber den Flüchtlingen weniger scharf In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: DU Aufsätze: Was haben Sie zum Thema Frau zu sagen? Leo Rein: Zauber der Kabbala Margarete Liebmann: Die Stimme im Nebel, preisgekrönte Novelle — Ludwig Feuchtwanger: Arabia Deserta — Paul Mayer: Von Zeit und Ewigkeit — Fritz Friedlaender: Australien, Bildnis eines Erdteils — Woifgang S. Matzdorff: Reiseeindrucke aus Neuseeland Die Beilagen: Buch und Kunst—Das Blatt der jüdischen Frau — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau handhaben als gegenüber anderen Ausländern. Man solle die Zeit, die Flüchtlinge an Schulen oder Universitäten des Landes verbrachten, auf die erforderliche Frist von fünf Jahren anrechnen und man solle Gesuche um Naturalisation nach Ablauf dieser Periode schnell bewilligen. Wenn eine anerkannte Organisation oder das Coordinating-Committee die Haftung für solche Personen übernähmen, so könne es möglich sein, andere Informationen und Erklärungen gegenüber der Polizei zu -ersparen und gewisse Fristen abzukürzen. Es dürfe naturgemäes nichts geschehen, was die Einreise von Personen, welche ihr Bürgerrecht verloren hätten oder es verlieren könnten, erleichtern werde. Es sei zwar bekannt, dass die Beamten der Krone dieses schwierige Problem in den Häfen und Amtsstellen mit grösster Verantwortung bearbeiteten, aber oft genüge ihre persönliche Entscheidung nicht. Wenn in dieser Hinsicht bestimmte Richtlinien ergingen, so würde vor allem auch das Prinzip der Familie als Einheit stärkere Beachtung finden können als bisher, und damit werde von vielen Menschen eine seelische Last genommen. Es sollte nicht geschehen, dass Männer und Frauen, Eltern und Kinder voneinander getrennt würden. Zu diesem Prbblemkreis zähle nach der Einreise ins Land vor allem auch die Frage der Aufenthalts - und der Arbeitserlau bnis. Die Abordnung kenne die Gründe, für die zur Zeit geltenden erschwerenden Bestimmungen durchaus. Sie wisse von der Arbeitslosigkeit und von der Ueberfüllung mancher Berufsgruppen. Eine Einwanderungsbeschränkung müsse daher bestehen bleiben. Sie könne jedoch von den Betroffenen leichter ertragen werden, wenn man zulasse, dass Ausländer mit Kapital die Einreise erleichtert werde, oder dass britische Bürger und anerkannte britische Organisationen Unterhaltsbürgschaft für einen absehbaren Zeitraum übernähmen. Wenn man so vor allem Menschen aus Mitteleuropa, deren gute > charakterliche Eigenschaften sie bestimmt auch zu guten Bürgern des Landes machen würden, die Einreise erleichtere, müsse als nächster " Schritt auch in der Erteilung der Arbeitserlaubnis für staatenlose Flüchtlinge eine Milderung eintreten. Man möge zulassen, dass die Arbeitserlaubnis dann efteilt werde, wenn eine anerkannte Organisation eine Stellung nachweise, und zugleich dass durch diese Beschäftigung kein britischer Staatsbürger in seinen Arbeitsmöglichkeiten beschränkt werde. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass. in gewissen Zweigen der Industrie ein Mangel an Arbeitskräften vorhanden sei, der wegen der Natur dieser Unternehmungen nicht mit fremden Arbeitern besetzt werden könne. Wenn man diesen Arbeitsbedarf aus anderen Zweigen der Wirtschaft befriedige, würden dort Stellen frei werden, die ohne Gefahr auch mit Ausländern besetzt werden könnten. Es kämen hier in erster Linie alle Gebiete der Landwirtschaft in Frage. Abschliessend wird etwa das folgende gesagt: es liege in niemandes Interesse, die Staatenlosigkeit zahlreicher Menschen fortbestehen zu lassen. Ein solcher Zustand schädige die Staaten selbst und halte die davon Betroffenen in ständiger Unruhe, welche sich auch im Hinblick auf ihre Eingliederung in"die neuen Wohnländer nur ungünstig auswirken könne- Deswegen sei von den in dem „Conimittee" vertretenen Organisationen die Erklärung des Innenministers vom 22. März besonders, begrüsst worden. Sie habe sich in ihren Grundzügen in den gleichen Gedankengängen bewegt, wie die in der Denkschrift vorgetragenen Wünsche. Die Abordnung sei daher davon überzeugt, dass die Regierung die Einwanderer im Vereinigten Königreich unter Ausnutzung ihrer guten Beziehungen zu allen Amtsstellen des Empires nach menschlichen Prinzipien behandeln werde. > Rein technisch ergäben sich jedoch öfters aus der Tätsache Komplikationen, dass verschiedene Ministerien (Innen-, Arbeits-, Landwirtschafts- ''ministerium, - Kolonialamt, Auswärtiges Amt) mit diesen Fragen befaset seien. Man hoffe, dass man das Coordinating Committee als eine beratende Körperschaft und als SpitzenOTganisation in dem Sinne anerkennen werde, wie es in der Schlussakte der internationalen Flüchtlingskonferenz vom Februar 1938 empfohlen worden sei. Es stehe zu hoffen, dass dies für die Regierung bei der Arbeit für die internationale Wanderungsplanung und bei der Konferenz von Evian eine Hilfe bedeute. Dies sei der Sinn des Coordinating-Comniittees, das hiermit S. M. Regierung seine Dienste in jedem gewünschten Umfange anbiete. MkMftdgi@hmm€g im, Unterhams Am 19. Juni versammelten sich im englischen Unterhaus Vertreter von 21 Organisationen und eine grössere Zahl von Einzelpersönlichkeiten zu einer Kundgebung unter Leitung von Professor Norman B e n t w i c h. Es wurde eine Entschliessung angenommen, in der die- Regierung aufgefordert wird, die Völkerbundskonvention über die Lage der aus Deutschland kommenden Flüchtlinge zu ratifizieren und so rasch wie möglich in Anwendung zu bringen. England möge, so heisst es weiter, dem Appell des Präsidenten der Vereinigten Staaten folgen und auf der Konferenz zum Ausdruck bringen, dass' es bereit sei, auch seinerseits die Niederlassung der Einwanderer zu begünstigen. In einer Rede wies Sir John Hope Simpson. Direktor der Flücbt-. lingshilfe ,darauf hin, dass z.B. 3000 Einwanderer in Holland schon jetzt die vierfache Zahl einheimischer Arbeiter beschäftigten. In Belgien gewährten neue, von Flüchtlingen gegründete Industrien schon jetzt doppelt soviel belgischen . Bürgern Arbeit, als Flüchtlinge dort überhaupt aufgenommen worden seien. * Der Vorstand der Britischen Völkerbundsliga nahm einen von Mre. Blanche* D u g d a 1 e ausgearbeiteten Entwurf an, der die Aktion der britischen Regierung zur Zusammenfassung der Flüchtlingsarbeit unter der Leitung eines Hochkommissars begrüsst. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Völkerbundsversammlung diesem Plan zustimmen werde, und dass die Anstrengungen der in Evian demnächst vereinigten Staaten der Schliessung der Grenzen ein Ende bereiten und befriedigende Vorschläge für die Sesshaftmachung der Einwanderer bringen werden. Mrs. Dugdale wies darauf hin, dass eine von der Regierung emp- Die Durchführungsverordnung zur Bestandsaufnahme des jüdischen Vermögens finden unsere Leser in der Bei" läge „Wirtschaft der Woche", Seite 17. fangene Abordnung der Völkerbundsliga den Eindruck gewonnen habe, die Regierung werde im Sinne dieser Anregungen weitherzig sein und aufs engste mit den freiwilligen Organisationen zusammenarbeiten.. * Die „In .teile dual' Liberty Movement" richtete einen mit über hundert Unterschriften prominenter Persönlichkeiten des geistigen Lebens.versehenen Brief an den Präsidenten Roosevelt, in' dem sie ihm für seine Initiative zur Einberufung der Konferenz beglückwünscht. Da die Völker aller Länder dieses Werk freudig begrüssten, und da die englische Regierung sowohl in administrativer wie in finanzieller Beziehung bereit sei, der grossen Tradition, die auch die Grundlagen der amerikanischen Haltung seien, zu folgen, sehe man dem Ergebnis der Konferenz mit grösster Hoffnung entgegen. ¥ Die britische Regierung teilt mit, dass sie noch keinen offiziellen Vertreter für die Evian- Konferenz bestellt habe, dass aber technische Vorarbeiten bereits geleistet sind. * Einer jüdischen Abordnung teilte Minister für Einwanderung Thomas A. Crerar in Ottawa mit, dass Kanada einen Beobachter nach Evian entsenden werde. * Die in London 'erscheinende Zeitschrift „P a 1 e s t i n e" beschäftigt sich in einem grösseren Aufsatz mit der Konferenz. Sie weist darauf bin, dass sie nur dann ihren Zweck erfüllen könne, wenn sie einen Plan ausarbeite, der einigen hunderttausend Juden aus Mitteleuropa in vier Jahren neue Aufenthaltsmöglichkeiten schaffe. Wenn mit den beteiligten Regierungen die finanziellen Fragen erörtert werden könnten, so würden etwa 150000 Juden ihre Auswanderung mit eigenen Mitteln ■ betreiben können. Dann wlrde es auch möglich sein, für ' die restlichen 250 000 genügend Mittel unter den Juden der Welt aufzubringen. Insgesamt werden die Kosten einer solchen grosszügigen Aktion auf 24 Millionen Pfund Sterling geschätzt.. IIa« Nansen «Amt Von unserem F.-B.-Berichterstatter Kopenhagen. 20. Juni. Die Norweger von heute wehren sich, wenn man in Teer Gynt einen norwegischen Typus sieht. Sie deuten auf die aus dem Boden schiessenden Hochhäuser Oslos und sind auf ihre zielbewusste Wirtschafts- und Sozialpolitik stolz, sie schämen sich Peer Gynts, der in die weite Welt zog und das Ewig-Menschliche daheim und draussen übersah. Die Norweger sind ein sehr nüchternes Volk und ohne jede vagabundierende Romantik, aber die Phrasenlosigkeit verbindet sich mit tätiger Liebe: Norwegen ist das Land Fridtjof Nansens. Die Menschen haben sich einen neuen Typ geschaffen, den Männer wie Amundsen und Nansen verkörpern; beide haben mit kühler Wissenschaftlichkeit die Arktis erforscht und ihr Leben durch Menschlichkeit gekrönt, Amundsen durch seinen schweigenden Opfertod auf der Suche nach Nobile und seinen Schiffbrüchigen, Nansen durch das Nansen-Werk für die Flüchtlinge. Briefmarken des Landes tragen den Kopf Nansens, sein Bild finden wir in den Schiffer- und Fischerstuben, es begegnet uns in den Zimmern und Hallen der Hotels. Im skandinavischen Norden werden die gefällten Bäume in die Flüsse geworfen, zu Zehntausenden schwimmen sie mit dem Strom an die Fabriken, in die Häfen; Seitenflüsse bringen Tausende hinzu, bis der Fluss oft einer hölzernen Brücke gleicht. Es ist ein imposantes Bild;