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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-09 · 23 (9.6.1938) · page 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
23 (9.6.1938)
Date
1938-06-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23 * 9.1uni1938 ^AkoilAyiisv^t, ^ttÖMsPlMpC lim 1 - ' *■ 2. Beiblatt * Seite 9 C-V.-Zeitung U")< -i^rl'dx Cffitolj» ^JCjthi* lc4nl<rrf ^. _}.£i. \Wmir CTA / •Aufham (ßadKrJ C^) öaray als Paris enttäuschte anfangs durch Detonieren und durch die verfehlte Anlage der berühmten. Erzählung von den drei Göttinnen. Später wuchs er mehr hinein, so dass neben seiner guten Erscheinung auch sein prachtvolles Organ zur Geltung kam; Rhythmik und Tempo könnten noch sicherer angepackt Während der Berichterstatter in' der Premiere der „Schönen Helena" sitzt und zwerchfellerschüttert von Ehrlichs Pointen mit leisem Erschauern an den Bericht denkt, den die Redaktion sehr, sehr bald von ihm haben möchte, empfindet er die deutliche Mahnung: Lass den andern, die später hingehen, auch ihre Entdeckenreude, berichte nicht zuviel! Und so wollen wir denn manches verschweigen, wollen allenfalls die Augen der künftigen Besucher ein wenig in die Richtung lenken, wo es was zu lachen gibt. Eigentlich braucht man ja nur gewisse Namen zu nennen . . . Könnt ihr euch z. B. Maxe Ehrlich als würdigen Oberpriester des Jupiter vorstellen? Er hat — beim Jupiter! — andere Dinge im Kopf! Zum Beispiel das Essen! Dafür vermag dieser Priester den Anblick höchster weiblicher Reize, selbst der Helena, zu opfern. Der Mann ist übrigens erstaunlich, vielseitig, z. B. ein ganz vorzüglicher Radioansa . . . ., aber halt, das wollen wir für uns behalten! Man kommt jedenfalls bei ihm hundertprozentig auf seine Kosten, und dass alles ein bisschen. — „ostgriechisch" klingt (ach so. dass versteht ihr ja wieder nicht, na also, sagen wir: ä la „Idlos mifn Fidlos" — jetzt haben wir uns verstanden, ja?), dieses ..ostgriechische" Priestertum wollen wir ■uns ruhig gefallen lassen, einfach, weil es Spass macht! Julius Kuthan und Menelaus der Gute — das musste zusammenkommen, das haben die Parzen so gewollt! Es war hundertprozentig Kuthan, so, wie ihn sich -jeder von uns vorstellt, gewissermassen Kuthan in Reinkultur — damit ist alles gesagt. Als Achill prunkte Siegfried Urias mit allen Terrorwirkungen seiner Gestalt und Stimme (bitte, wir meinen das nur in bezug auf die Lautstärke!). Aber die beiden Ajaxe von Walter Olitzki und Gerhard Pechner — davon will ich nun wirklich nichts sagen! Die muss man gesehen haben, und ich würde empfehlen, sie die ganze Zeit ihres Auftretens nicht aus den Augen zu lassen — es lohnt sich! Wilhelm Guttmann als oberster König dieses erlauchten Kreises wahrt wenigstens noch etwas die fürstliche Form* ein prächtig anzuschauender und selbstverständlich ■ ebenso prächtig anzuhörender Agamemnon. Ruth Lehnberg stellte einen schneidig-kessen Orest auf die Bretter; sie kann das ganz ausgezeichnet, sollte aber im Interesse ihrer Stimme das Forcieren etwas einschränken. Als Pylades fiel wieder der begabte junge Wolf gang Bernstein auf. Ein speckig glänzender Eulbycles war Emil N o t b - mann; in der Rolle der Bacchis hörie man gern wieder die klangvolle Sprache von Gina F r i e d m a n n : in kleinen Partien waren ferner Hans Lüp schütz, .Räte Weinlaub und Marianne Silbermann beschäftigt. ■> Von dem Hauptpaare haben wir noch nicht gesprochen. Ernö werden. Nett klingt übrigens sein Dialog: der etwas ausländische Akzent passt diesmal gut in das Milieu. Eine Glanzbesetzung: Rita A 11 a s z als Helena! Alles an ihr ist Charme, sie sieht gerade in diesen keineswegs altgriechischen Gewändern entzückend aus, sie wirft all ihre Koketterie und Anmut ins Spiel und geht — nach anfänglicher stimmlicher Reserve — in ihren Koloraturenketten mit gewohntem Elan ins Zeug. Ueberdenkt man die Aufführung, so ergibt sich eine gewisse innere Spannweite zwischen den Voraussetzungen, unter denen das Werk entstand, und den Dingen, die hier durch den Bearbeiter des Dialogs, Max Ehrlich, und den Regisseur (und Bearbeiter der Gesangstexte), Kurt Singer, stark in den Vordergrund gespielt wurden, also, um es krass zu sagen, zwischen der Aktualität der Satire auf das Paris der Kaiserin Eugenie und der Aktualität des Radioansagers Kalchas. ' Aber wir möchten diese „Spannweite" ruhig in Kauf nehmen, auch wenn sie die Musik, die ja .zu einem grossen Teil Parodie damaligen Opernstils ist, mit einbegreift. In der Operette bestehen solche Freiheiten, aus ihnen resultiert nicht zuletzt ihre Lebenskraft. Also lassen wir die stilistischen Vorbehalte beiseite und freuen wir uns unbefangen über all die Spässe, die Singer und Ehrlich da aufgebaut haben, freuen uns des flotten Tempos, der guten Laune, von der das alles sprüht, und des prächtigen Bilderbuchs, das uns Heinz Cond eil nicht nur in dem vorbereitenden Schmalfilm, sondern durch alle drei Akte geschaffen hat. Die Rechte Offenbachs vertritt Rudolf Schwarz. Er versteht es, diesen musikalischen Champagner spritzig zu servieren. Auf die Bühne und auf "das prachtvoll spielende Orchester übertragt er die echte Beschwingtheit dieser Rhythmen und verhilrt auch den ernsten Akzenten der Partitur zum Durchbruch. Neben seiner wundervollen Leistung ist auch der glanzvoll-frischen Chöre (Berthold Sander) zu gedenken. Das Publikum war in bester Stimmung, kargte schon während der Aufführung nicht mit Beifall und überschüttete am Schluss auch Singer, Schwarz und Condell mit stürmischer Zustimmung. H. Freyhan. O/fy-ty Hugo Kauder Zum 50. Geburtstag In die Reihe der stillen, unablässig forschenden und an der Vollendung ihres Weltbildes arbeitenden Komponisteu, deren Bedeutung erst von späteren" Generationen erkannt werden wird, gehört zweifellos auch Hugo Kauder, geboren in Tobitschau (Mähren) am 9. Juni 1888. Er besuchte zunächst die Technische Hochschule in Wien, um dann autodidaktische Musikstudien zu treiben. 1910 besinnt er, erst als Spatromantiker, zu komponieren. Doch schon sehr bald zeigt er in jähem Anlauf die Grundzüge seines Wesens. Er durchleuchtet die Melodieseligkeit seiner engeren Heimat mit der ünerbittlichkeit einer schöpferischen Persönlichkeit. Mit der Aufführung seines hochbedeutenden Streichquartetts in c-moll setzt er sich durch. Das Werk wird gedruckt, und von da ab ist seine Gemeinde in stetem Wachsen beeriffen. Beim Wiener Musikfest im Jahre 1924 wird seine Sinfonie uraufgeführt, eine grosse Zahl von Kammermusikwerken folgt. Üeber 100 Lieder Abschied / *£t Schluss „Hör", stammelte er gepresst, „hör zu. Du weisst ja nicht, wie es war, als ich dich nach Palästina gehen lassen musste. Ich habe dich nicht sjern gehen lassen, aber ich konnte dich doch nicht halten, ich war ja so nichts.. Du weisst nicht, wie ps war, als ich Woche um Woche durch die Strassen ging und dich suchte und doch wusste, ich würde dich nicht finden. Immer wieder lief ich einem Mädchen nach, weil ich glaubte, es sei du. Ach Gott, du hättest ja nicht bleiben können in diesem Lande, in dem es keine Zukunft für uns gab. Sagt man nicht so? Ich konnte dir nicht einmal schreiben in meinem Elend." Die schwarze Schlange ■ sass ihm im Nacken und wuchs und wuchs und presste ihn weiter. Er sprach immer schneller. „Dann durfte ich nach Paris. Paris ist schön, . ich kann es dir jetzt nicht erzählen. Du musst es sehen, hörst du, ich will dir alles zeigen. Aber für mich allein war alles nur halb. Ich habe ge-- hungert, richtig gehungert. Ich fand immer bessere Lehrer. Es war nicht schön, Musik zu machen. So Musik zu machen, war entsetzlich. Ich musste betteln, dass man mir Stunden gab. Und auch davon habe ich dir nichts geschrieben." Warum nur nicht? Warum hatte er ihr nicht geschrieben? Der Himmel mochte wissen, weshalb. Jetzt hatte er keine Zeit, darüber zu grübeln. Die Schlange packte ihn am Halse und schnürte ihn zu. „Dann konnte ich mein erstes Konzert geben, in der Rue de Wagram, in einer grossen Strasse. Denkst du, das war schön? Das war furchtbar. Es ist furchtbar, Konzerte zu geben. Weisst du, alles sagen zu müssen, was man im Innersten hat." Und nun musste er es wieder sagen, dachte er, und wieder musste er betteln; aber .er hatte keine Zeit, zu verzweifeln. „Dabei. ..(hatte ich nicht einmal Lampenfieber. Als ichauf, das Podium ging, musste ich lächeln, ich dachte daran, wie wir einmal in'der Oper sassen und uns ausmalten, was wäre, wenn nun ein Brand ausbräche. SVeisst du noch?" fragte er lächelnd. Aber er hatte ja keine Zeit, zu lächeln. „Es war in der Staatsoper, glaube ich, bei ,Cosi fan tuüeV So tun es alle,'o Gott, wie tat es wieder im Herzen weh. „Ich schämte mich nur, als ich spielte, aber es war doch ein Erfolg, und ich konnte ein zweites Konzert geben. Und dann konnte ich kommen, dich zu holen." War er denn wahnsinnig gewesen? Nein, er hatte keine Zeit gehabt, so war es gewesen, er hatte keine Zeit gehabt, aber nun sagte er ihr alles. Sie liebte ihn^ ja doch, sonst hätte sie ihn nicht mit ihren Fäusten geschlagen, sie liebte ihn, sie musste mit ihm kommen, er würde seine Konzerte für sie geben, er würde ... „Warum sagst du nichts"; schrie er, „denkst du, das soll alles umsonst gewesen sein? Das kann doch nicht sein, das kann doch nicht so sein." Immer näher, immer näher kam der Zug. Es konnte doch nicht sein . . . „Du kannst doch auch in Tel-Aviv spielen", sagte sie flüsternd. „Tel-Aviv, Tel-Aviv", schrie er gequält. „Warum machst du mich wahnsinnig? Denkst du, es ist alles nichts gewesen, dass ich jetzt hier bin, in diesem Land? Denkst du, ich komme je darüber hinweg, wie Haifa aussah, als ich es nachts vom Karmel sah? Ein Juwelenkästchen, wie sie es nennen? Denkst du, ich komme je darüber hinweg, dass hier laubr Menschen leben w-ie du und ich, lauter Juden?" Sie sah umher. Sie weinte leise. Sie liebte ihn so, sie wollte ihm so gerne helfen. Sie sah auf die Berge, deren Gipfelkette vergoldet schimmerte, sie sah weit über das Land, sie sah den Tabor, den kahlen Tafelberg, und dazwischen das Grün, die weissen Würfel der Häuser. Schon glommen die Sterne auf. Sie sah das Land, an dem ihr Herz hing. „Aber ich kann hier nicht spielen, verstehst du das nicht? Hier gehören — andere her." Wenn: er es ihr doch begreiflich machen könnte! Sie musste ja mit ihm kommen, wenn sie ihn nur erst verstand! Aber er konnte nicht darauf warten, nicht länger, als bis der Zug da war, da er eo zu ihr geredet hatte. „Hier geht mich alles etwas an, jeder Baum, der schief wächst, kränkt mich — warum zwingst du mich nur*-das alles zu sagen?" Waren das seine Gedanken, die er da aussprach, waren das wirklich seine eigenen Gedanken? „Hier geht mich alles etwas an, hier muss ich-mich ändern, wenn ich leben will, hier kann ich nicht spielen", schrie er müde. Herrgott, wie wahnsinnig war das nun wieder. So ging es nicht, so konnte es doch nicht gehen. „Es darf einen nichts angehen", schloss er bitter,' „wenn man spielen will. Aber man darf auch nicht halb sein, man darf auch nicht halb sein." Ganz leise schloss er und wartete auf eine Antwort. Der Zug war schon riesengross. neben dem Polizisten standen Arbeiter nnd ein paar Araber in ihren weit herabhängenden Hosen. Von ferne hatte er nur den Polizisten gesehen. Wae eine Uniform ausmachen kann, dachte er müde. Sie antwortete nichts. Es wurde ganz still. Der Abend kam friedlich in diesem arbeitenden Lande. Die Sterne schimmerten auf dem dunkeln Blau des Himmels — ihre Sterne. Er hörte nichts. Läutete die Lokomotive? Er dachte später oft darüber nach, aber er bekam nie mehr heraus, ob der Zug geläutet hatte. „Antworte doch", schrie er besinnungslos, „antworte doch nur."1 Er packte sie an den Armen und schüttelte sie. „Antworte doch, sag, was du willst, nur ein Wort." Die Spitze des Zuges war fast schon auf der Höhe ihres Wägelchens. Sie sah in die Höhe auf den dunkelnden Himmel und die goldenen Sterne. „Ich kann nicht", sagte sie hoffnungslos, „ich kann nicht/' Sie schluchzte und plötzlich schrie sie: „Ich kann nicht, versteh doch, dass ich nicht kann." Er liess erschrocken ihre Arme los. Sie presste die- Hände gegen die Augen, dann lehnte sie sich jnit ihrem ganzen Gewicht an ihn. Er war erschöpft. Er sah sich wieder um, nun ganz verzweifelt. Drüben auf dem Bahnsteig bewegte, sich der Polizist. Es schien ihm, als beobachte er sie, als käme er auf sie zu. Von links her schob sich das dunkle Ungetüm des Zuges heran. Seien Sie unbesorgt. Herr Polizist, es geschieht nichts, gar nichts, nur ein Abschied, nur — ein — Abschied! Dann schob sich der Zug zwischen ihm und dem Bahnsteig, und nun sah er nichts mehr als die rauchgeschwärzten, niederen Wagen. Er fühlte, sie würde zusammenfallen, wenn er jetzt aufstünde. Aber er musste nun fort. Nun konnte er gewiss nicht mehr bleiben. Er streichelteihr Gesicht. „Mirjam", sagte er stockend, „Mirjam", und der fremde Name sprengte ihm das Herz. Dann liess er sie fallen. Er sprang vom Wagen herab, ergriff sein Köfferchen, das hinten auf dem Wagen lag, und lief mit sausenden Schritten — sausende Schritte, dachte er, sausende Schritte, sausende Schritte, nichts sonst — davon. Er rannte um den letzten Waggon herum, auf den Bahnsteig und iu ein Abteil. Dort presste er sein Gesicht an das Fenster. Der Zug fuhr an. Sie richtete sich mühsam in ihrem Wagen auf. Die Leine lag neben ihr, aber Achlan, der gute Achum, hielt still. Ganz klein stand sie da, nur noch ganz klein, und eben war sie noch so gross gewesen. Sie machte krampfhaft winkende Bewegungen. Er starrte verwirrt in das Land hinaus und presste seine Stirn immer heftiger an das Glas. Daun liess er das Fenster herunter und beugte den Kopf hinaus. Er sah sie schreien, aber er verstand sie nicht mehr. Er sah sie winken, winken-- Dann schloss er das Fenster und setzte sich nieder. Er stützte den Kopf in die Hände. Es begann in seinem Herzen zu strömen und trat nass in die Augen. Er sah noch .einmal hoch. Draussen war die Nacht niedergegangen, ohne Uebergang, wie sie sich im Orient auf'die Erde senkt. Der Himmel strahlte in dem überirdischen Feuer seiner Sterne. Fern wehklagte ein Esel. Ein Abschied — nur ein Abschied. Er wusste, er würde nicht warten. Mit dem nächsten Schiffe würde er fahren. Und er würde wieder spielen, vielleicht, so schien ihm, von ihr, von diesen Sternen und von diesem Land. Er schloss müde die Augen, und schon schmerzte es sanfter, dass er sich von diesen Bildern nicht zu trennen vermochte, von der Siedlung in dem hügeligen Grün, die ihre Heimat war, und von ihrer winkenden Gestalt,

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