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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-09 · 23 (9.6.1938) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
23 (9.6.1938)
Date
1938-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr.23 * 9J.uml938 C.-V.-Zeitung Seite 5 Schicksal am Telephon Fortschritte der Sozialpolitik in Uebersee Tf.h hpfnnri mich in der Nähe des Bahnhofs. - *. Von unserem W - B e r ich t er s t a 11 e r Ich beiand mich in der Nähe des Bahnhofs. Ueber den grossen Steiapaläslen standen die Lichtreklamen und sandten ihre farbigen Strahlen in die diesige Luft hinaus. Die Geräusche der Strasse waren überall. Dazwischen grollte das Donnern der Züge, die nach dem Westen und Osten gingen. Ich wandelte nun schon von all dem unberührt durch diese grosse Stadt. Man kann sogar "bei all dem denken und eich überlegen, wo man den Abead verbringen soll. Der Weg führte durch die Masse der wartenden und hastenden Menschen hindurch zu der Ecke, in der die Telephonzellen nebeneinander in einer Reihe stehen. In ihnen zerrte die surrende Ungeduld an den Drehseheiben. Alle Kabinen waren besetzt. Ich musste warten. Ich stand vor einer dieser Zellen. In ihr lehnte ein Mann in lebhaftem Gespräch. Das kann nicht lange dauern, meinte ich. Gleichgültig und gleichmütig stand ich davor und trat von einem Fuss auf den andern. Da geht die Tür der Telephonzelle auf. Der Mann, der telephoniert hat. eilt an mir vorüber. Er geht nicht Langsamer und nicht schneller als jeder andere, der aus einer Telephonzeile hinauskommt. Ich stehe am Apparat und sehe, dass der Hörer noch auf dem Telephonbuch liegt. Aus dem Apparat klingt eine Stimme: ..Hallo! Hallo!, höre doch! Lass dir erklären!..." „Hallo!" sage ich. „Der Herr ist schon fort, mit dem Sie sprachen. Hier ist ein neues Gespräch." .-.Um Gottes willen!" tönt die Stimme, die Stimme einer Frau, „wo ist er nur hingegangen! Dass er sich nur nichts antut!" „Ich werde versuchen -ihn zu erreichen", sage ich, „vielleicht finde ich ihn noch." Ich laufe hinaus, den Weg, den der Herr gegangen ist. Wie sah er nur aus? Dort drüben geht jemand sehr schnell. So sah er aus! Ich renne' dem Mann nach. Aber das ist nicht derjenige, den ich suche. Ich habe mich geirrt. Ich laufe zurück. Ich sehe um mich. Niemand ist da. Die Tür zur Zelle ist noch auf. Ich nehme den Hörer. „Hallo! Hallo!" „Ja", tönt die Stimme schwach und weinend. „Ich habe den Herrn leider nicht gefunden." „Es war ja alles ein Missverständnis", sagt die Stimme. „Und morgen wandert er aus. Ich werde ihn nie mehr wieder sehen ..." Ich stehe da und es ist so. als sähe ich diese Frau vor mir, diese jüdische Frau, jung und wer weiss, wie traurig. Der Mann, den sie sucht, ist morgen schon, in aller Ferne. „Kann ich etwas für Sie tun?" sage ich zu der Frau. „Vielleicht können Sie den Herrn noch in seiner Wohnung erreichen ... Vielleicht wissen Sie, wann er abfährt... Ich hin auch Jude.. „Nein, danke", sagt die Stimme müde und mit einer letzten Fassung. „Es ist ja alles so nutzlos... ich kann Ihnen nichts erklären... es ist alles so traurig..." Dann knackt es im Apparat. Auch ich hänge ein. Aber diese arme Stimme klingt mir immer noch in den Ohren. Ich konnte nichts dazu tun, um sie froher zu machen. Wer weiss, wenn ich ihn gefunden hätte... Wer weiss, ob sie ihn gefunden hat... Ein Schicksal, zwei Schicksale hingen an einem Draht und jedes an einem seidenen Faden. Das ist das Leben ... i Arno Herzberg. Genf, Anfang Juni 1938. Der Jahresbericht des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes gibt einen knapper, aber instruktiven Ueberblick über die wirtschafts- und sozialpolitische Entwicklung des Jahres 1937 in Europa und Uebersee. Der Bericht weist sehr erfreuliche Symptome auf, besonders was die sozialpolitische Entwicklung in Südamerika betrifft. Die allgemeine Wirtschaftskonjunktur, so wird in dem Bericht festgestellt, hat mit dem Jahre 1937 ihren Höhepunkt erreicht. In diesem Jahre kam das Welthandelsvolumen sowie der Jahresdurchschnitt des internationalen Beschäftigungsstandards und der industriellen Produktion auf den Stand von 1929 und überschritt ihn sogar teilweise. Gegen Ende 1937 setzte eine Krise ein, die ihren Ausgangspunkt und zugleich ihr Zentrum in den Vereinigten Staaten hatte. Dort war der Abbau der staatlichen Investitionen mit einem Rückgang der privaten Aufträge an die Wirtschaft zusammengefallen und hatte angesichts der von der amerikanischen Wirtschaft angehäuften riesigen Lagerbestände einen ungeheuren Preissturz zur Folge, der den Produktionsindex von Investitionsgütern von 104,1 binnen vier Monaten auf 49,7 und den Verbrauchsgüterindex von 102,6 auf 81,3 senkte, ein Produktionsrückgang, der selbst de-n Rückgang im Jahre 1929 (nach Einbruch der grossen Krise) übertraf. Die Auswirkungen der amerikanischen Krise auf die übrige Welt seien jedoch verhältnismässig gering. Nach der Meinung des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes lässt alles darauf schliessen, dass auch die amerikanische Krise, die mehr oder weniger .hektischer Natur ist, ihr baldiges Ende findet. Während die Arbeitslosigkeit den Stand von 1929 fast erreicht habe, sei der allgemeine Beschäfiigungsstand besser als in diesem Jahre, was auf ein Anwachsen der industriellen Bevölkerung hinweise. In einzelnen für die jüdische Auswanderung beachtenswerten Ländern wries der Beschäftigungsindex folgende Zahlen auf (1929 100): Südafrikanische Union 132, Japan 128, England 112, U. S. A. 95, Kanada 96. Eines der hervorstechendsten Symptome der wirtschaftlichen Prosperität des Jahres 1937 war der in den meisten Ländern fühlbare Mangel an Facharbeitern. Eine besondere Knappheit an qualifizierten Arbeitern besteht u. a. in Australien, Kanada, England, Neuseeland und U. S. A. In vielen Ländern herrscht die Tendenz, die technische Ausbildung der Facharbeiter zu vervollkommnen und zugleich den Bildungsstand zu erhöhen. Die Tatsache, dass die Facharbeiterausbildung einen der wesentlichen Punkte der Tagesordnung der diesjährigen internationalen Arbeitskonferenz bildet, zeigt deutlich, welche wichtige Rolle der qualifizierte Arbeiter heute im Wirtschaftsleben spielt. Auch in sozialpolitischer Hinsicht hat die Wirtschaftskonjunktur denkbar günstige Wirkungen gehabt. Auf dem Gebiete der Arbeitslosenversicherung sind bedeutende Fortschritte gemacht worden. In ' fast sämtlichen Staaten der U. S. A. ist, wie von uns bereits berichtet, ein System der Arbeitslosenversicherung eingeführt worden. In Südafrika wurde die Arbeitslosenversicherung für bestimmte Industrien' geschaffen. In Australien und Kanada wird die Einführung der Arbeitslosenversicherung erwogen. Es besteht im allgemeinen die Tendenz, den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung weniger durch Lohnerhöhungen als durch V e rvollkommnung der S o z i a 1 v e r s i c h erutigen zu erhöhen. Selbst Staaten, die durch den Rückgang der Preise für landwirtschaftliche Produkte verarmt sind, haben ihr S.ozialversicherungssystem verbessert. In den Vereinigten Staaten gehören 36 Millionen Arbeiter der Altersversicherung an, die in fast allen Einzelstaaten eingeführt worden ist. In Brasilien sind alle Industriearbeiter Mitglieder einer Altersversicherung, die auch in Neuseeland vorbereitet wird. Steigendes Interesse wird , neuerdings auch dem Problem der Sozialversicherung für landwirtschaftliche Arbeiter gewidmet. Das Ständige' Komitee des internationalen Arbeitsamtes für landwirtschaftliche Fragen und die Gesundheitsabteilung des Völkerbundes sind mit der Ausarbeitung umfassender Projekte beschäftigt. Besonders erwähnenswert ist der Fortschritt Südamerikas auf sozialpolitischem Gebiete. In Peru, Argentinien, Chile und Ekuador ist das Ernährungsproblem Gegenstand energischer Massnahmen der einzelnen Regierungen gewesen. Grossziigige Aktionen auf dem Gebiete des Wohnungsbaus sind in Vorbereitung oder bereits in Ausführung in Argentinien, Bolivien. Brasilien, Chile, Columbien, Ekuador, Peru, Uruguay und Venezuela. Die gesetzliche Regelung der Lohnfrage ist geschaffen oder in Vorbereitung in Argentinien, Chile, Ekuador und Peru, ein System von Kollektivverträgen und Schiichtungskommissionen ist in Argentinien, Chile, Uruguay und Venezuela entwickelt worden. In Chile unternehmen staatliche Institute einen energischen Kampf gegen die Tuberkulose und andere unter den Arbeitern häufig auftretende Krankheiten; ein gut ausgebautes Krankenversicherungssystem sorgt für sachgemässe Behandlung der Arbeiter im Krankheitsfälle. Auch Peru besitzt eine Krankenversicherung für Arbeiter. Trotz der Tendenz, die Arbeitszeit aus Gründen einer intensiveren Produktion auszudehnen, sind in verschiedenen Ländern bereits eingeführte' Arbeitszeitverkürzungen aufrechterhalten oder Verkürzungen der Arbeitszeit neu vorgenommen worden. In U.S. A. besteht die Vierzigstundenwoche in der Eisen-. Stahl-, Gummi-, Bauholz-, Petroleum- und Aluminiumindustrie sowie in der Möbel-, Polster-, Papier-, Topfwaren-, Elektrizitäts-, Gas- und Lebensmittelindustrie. Eine 35- bis 37^-Stunden-Woche besteht in der Konfeklions-, Pelz-. Kautschuk- und Kohlenindustrie sowie in Teilen der Bauindustrie und im Zeitungswesen. Verkürzte Arbeitszeiten bestehen Australien und Mexiko. a in Neuseeland, Besonders bemerkenswert vierung der Tätigkeit des ist die Intensi- Internalionalern Arbeitsamtes auf dem südamerikanischen Kontinent nach der Konferenz von Santiago (1936), die einen wesentlichen Einfluss auf die südamerikanische Sozialpolitik ausgeübt hat. Zur Zeit befinden sich Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes in' Argentinfen, Brasilien. Chile, Columbien, Uruguay und Venezuela. Das Schwergewicht der Arbeit des Amtes verschiebt sich mehr und mehr nach den überseeischen Ländern, und hier insbesondere nach den amerikanischen Kontinenten. Hans Etz: Brasilien Gestern und Heute. Verlag Roclolfo und Ernesto, Rio de Janeiro 1937. Dieser Kalender zeigt in schönen Drucken Bilder aus der Geschichte und der Gegenwart Brasiliens. Charakteristische Ansichten der grossen Städte Rio de Janeiro. Sao Paulo und Porto Allegre, Photomontagen aus der Baumwoll- und Kaffeekultur wechseln ab mit Darstellungen des häuslichen Lebens und Abbildungen der Tier-und Pflanzenwelt, der Landschaft'und den Bauten. Die Texlschriften sind dreisprachig — portugiesisch, deutsch und englisch — gehalten; schon dadurch wird der Kalender gerade für Einwanderer eine wertvolle Hilfe für das Einleben in das Land und seine Sitten sein. G. F. Das Berliner Polizeipräsidium weist darauf hin, dass es Briefmarken als Gebühren bei schriftlichen Anträgen auf Auskunftserteilung und Bescheinigungen aller Art seit dem 1. Juni dieses Jahres nicht mehr in Zahlung nimmt. Derartige Gebühren müssen in Zukunft entweder in bar bezahlt oder auf das Postscheckkonto überwiesen werden. Im Jüdischen Auswandererlehrgut Gross- Breesen über Obernigk (Schlesien) werden in den nächsten Monaten durch Auswanderung einige Plätze frei. Es werden Jungen und Mädchen im Alter von 15 bis 23 Jahren aufgenommen. Anfragen sind möglichst bald an den Leiter, Professor Dr. Curt Bondy, zu richten. lÄ^iÄ^^ HOTEI,S > ^»\\ATOUIEX > PEI\[8IOI\Ki\ | Heim Dr.Fritz M.Meyer,Berlin-Wiimersdorf,Günizelsrr.57 | Arsgsf-r Zwesngs-, Sexuai- Neuröse / Schlafstörung j Sprechstunde und KHnik j BERLIN UND UMGEGEND © Pension Stern Kurfürstoadanim 217. Ecke Fasanensirasse. 91S6 92. Beste Lage. Komfortzimraer mit n. ohne Verpflegung f. Passanten a. Dauermiet Massige Pr. 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