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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-09 · 23 (9.6.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
23 (9.6.1938)
Date
1938-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Seife 4 C.-V.-Zeifung Nr. 23 * 9. Juni 1938 auch, nur die Menschen, die von dort kommen, und' diese Menschen sind Ausgangspunkt meiner Schilderung gewesen. Muss es nicht zu denken gehen, dass die Jugendpflegeder jüdischen Gemeinde Berlin bereits heute mehr Menschen betreuen muss, als die Bünde in Berlin erfassen? Der Sinn der Schrift war nicht, zu behaupten, dass es andere Menschen nicht gibt. Es ist in ihren Zeilen übrigens hinlänglich be- Malerarbeiten / Eduard Glaser Berlin ISO 55, Ureifs-walder Strasse 88. 53 50 59. tont worden, dass bewusst auf die Darstellung dieser anderen verzichtet wurde, weil sie entweder noch nicht so wie die Dargestellten sind oder aber zu ihrer Gesundung nichts beizutragen vermögen, weil also daher ihre Zahl immer kleiner wird. Der Sinn der Schrift war dein „trotzdem", nur, dass ich es als ein „deshalb" gemeint hatte. Deshalb war die Schrift geschrieben, um die Aufmerksamkeit auf die Sorgen und Aufgaben einer jüdischen Gegenwartspädagogik zu lenken,' deren Träger in der Gefahr sind, von ihrer Aufgabe überwältigt zu werden. Es ist die Frage, ob man, wie du meinst, mit Einzelmassnahmen, wie denen der Jugendpflege, den ungeheuren Gefahren begegnen kann. (In der Jugendpflege werden heute bereits Menschen erfasstr die noch vor fünf Jahren, ja noch vor zwei Jahren, nicht zum Kreis der gefährdeten Jugend gehörten.) Wenn aber schon grundsätzliche organisatorische Neuerungen durch die Verhältnisse nicht mehr möglich sind, dann müssen wenigstens die Einzelmassnahmen verstärkt werden, und jeder, der es nur irgend kann, muß sich in ihren Dienst stellen. Günter Friedender. [ndbemeFKUiigen zur bommerreise Der „Leser dienst" der C.-V. -Zeitung Wenn wir heute ein Reisebüro betreten, so geschieht es meist, um über Passagen, Kabinen- Preise und Visafragen Aufschluss zu erhalten. Das Reisen als Selbstzweck ist zur Seltenheit geworden. Dennoch ist es kein Luxus, wenn manche unter uns für w-enige Wochen Erholung finden möchten, um — vielfach zum letzten Male vor der Auswanderung — Kräfte für die kommende Zeit sammeln zu können. Diesen steht, wie auch in den früheren Jahren, der „Leserdienst" der C.-V.-Zeirung mit seinem Rat zur Verfügung. Er wird jetzt besonders stark in Anspruch genommen. Ein Beweis für das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt, gleichzeitig aber auch für die Schwierigkeiten, aus eigener Sachkenntnis Unterkunftsmöglichkeiten' ausfindig zu machen. Der ..Leserdienst'" hat es nicht leicht, die Wünsche, die an ihn herangetragen werden, zu erfüllen. Denn es gibt nun einmal Anfragen, die nach Lage der Dinge gar nicht befriedigend beantwortet werden können. Im Vordergrund ® AdOiph ICIelH BauausfitaBen jeder Sri 0;7, Hoäenlohestrasse 17. Telephon : 5S 84 17. der Beratung muss die Benennung jüdischer Häuser stehen, denn die jüdische Gemeinschaft hat die moralische Pflicht, auf jeden Fall jüdische Häuser, sofern gegen ihren Ruf keine Einwendungen bestehen, nach Möglichkeit zu unterstützen. Vor allem aber kann sie nicht auf die vorhandenen jüdischen Unterkunftsmöglichkeiten verzichten. Hinzu kommt — und dies dürfte für Kurbedürftige besonders wichtig sein —, dass in Badeorten mit jüdischen Häusern eine Benutzungsmöglichkeit der Heilmittel auf jeden Fall gewährleistet ist. Wer ein jüdisches Quartier nicht finden kann, erkundige sich beim ..Leserdienst".. ob gegen den Besuch des von ihm in Aussicht genommenen Ortes Bedenken bestehen. Doch wir wollen nicht ins Philosophieren kommen; denn Reisen ist keine Wissenschaft, und wenn es schon eine sein-muss. so soll es wenigstens eine fröhliche und unbeschwerte sein. Deshalb nur noch ein paar technische Hinweise: Wer uns schriftlich nach Reisezielen anfragt, möge die Gegend angeben, in die er zu reisen beabsichtigt. Wer sich mündlich in der Hauptgeschäftsstelle des Jüdischen Cenlrai-Vereins beraten lassen möchte, möge während der Sprechstundenzeit (Montag bis Freitag von 11 bis 13 Uhr) kommen. Wer — auch nur zur Sprechstundenzeit — telephonisch anfragt, berichte nicht erst in chronologischer Reihenfolge, welche Reisen er in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Er fasse sich kurz, nehme Rücksicht auf Wartende, und durchsuche seine Wohnung nicht erst während des Gesprächs nach Papier und Blei. Und schliesslieh: für die Qualität der einzelnen Häuser kann grundsätzlich eine Gewähr nicht übernommen werden. Doch beinahe hätten wir noch eins vergessen: Erholung bedeutet Luftveränderung, nicht nur in klimatischer Beziehung. Wie wäre es, wenn wir versuchen würden, im "jüdischen Unterkunftshause miteinander etwas weniger von den Sorgen zu sprechen, die jeden von uns bewegen und die ja einen 'Teil der Gesamtsorgen unserer Gemeinschaft sind? Wir werden sie damit nicht wegblasen, aber wir werden sie dann vielleicht mit frischeren Kräften meistern können, wenn wir wieder in die Stadt zurückgekehrt sind. Und nun, gute Reise! W. R—ck. .Personalien Henriette Fürth Am 1. Juni starb im 78. Lebensjahre in Bad Ems. wo sie seit 1933 im Hause ihrer jüngsten Tochter lebte. Henriette Fürth. Mit ihr verliert der Jüdische Centrai-Verein eine in vielen Jahrzehnten bewährte Freundin und Mitarbeiterin. Aus Rothenburg an der Fulda stammend, kam sie zunächst als Frau eines angesehenen Kaufmannes nach Darmstaat, um von dort später nach Frankfurt a. M. zu übersiedeln, wo sie einen ihren Fähigkeiten und ihrem Charakter entsprechenden Wirkungskreis fand. Besonders im Jüdischen Centrai-Verein, dessen Orisverbandsvorstand sie viele Jahre angehörte, wirkte sie durch ihre ausgeprägte Persönlichkeit und kraft ihrer Rednergabe beispielgebend und anfeuernd. Daneben fand sie Zeit, auch viele Jahre hindurch im Dienste der Stadt Frankfurt a. M. tätig zu sein, obwohl sie als Mutter einer grossen, sie hochvsrehrenden. heute über alle Länder zerstreuten Kinderschar schon allein eine über das gewöhnliche Mass hinausgehende Aufgabe zu erfüllen hatte und mustergültig erfüllte. Bei aller Entschiedenheit ihrer'Gedanken wirkte die mutvolle Frau doch stets durch die milde rednerische Form auf ihre Hörer. Manche Enttäuschung, die sie erlebte, hat die aufrechte Frau nicht niederbeugen können. Erst in den letzten Jahren hat schwere Krankheit sie der Oeffentlichkeit mehr und mehr entzogen. Nun sie heimgegangen ist, können alle, die mit ihr zusammengearbeitet haben, sich an dem Beispiel der tapferen Frau aufrichten und geloben, in ihrem Sinne weiterzuarbeiten für die jüdische Gemeinschaft, der ein grosser Teil ihrer Lebensarbeit gehörte. Dr. Max Mainzer. Frankfurt a. M. Rabbi Henry Cohen In 'diesem Monat feiert am Tempel B'nai Israel in Galvestone (Texas) ein bekannter amerikanischer Rabbiner das Jubiläum seiner 50jährigen Tätigkeit im . Dienste einer Gemeinde, als erster amerikanischer Rabbiner, der auf eine so lange Berufstätigkeit im Lande zurückblicken kann. Er ist eine so bekannte und geschätzte Persönlichkeit im öffentlichen Leben von Texas, dass die amerikanischen Poststellen automatisch alle Briefe, die mit der kurzen Anschrift „Rabbi Henry Cohen, USA" versehen sind, an ihn leiten. Von'dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten Woodrow Wilson wurd» er einmal „der erste Bürger von Texas" genannt. Diesem Namen hat er auch nach dem grossen .Wirbelsturm, der die Stadt Galvestone vor vielen Jahren heimsuchte. Ehre gemacht: mit einem Gewehr über der Schulter, einer Flasche Whiskv in der Tasche brachte er die aufgeregten Bürger wieder zur Ruhe. Einmal stellte er bei einem offiziellen Essen sein reiches Wissen unter Beweis. Als der verstorbene Kardinal Satolli ihn mit einer hebräischen Ansprache ehrte, gab Rabbi Henry Cohen seine Antwort in reinstem kirchlichem Latein. Rabbi Cohen war 1863 in England als Sohn einer orthodoxen Familie geboren worden; er entwickelte sich aber zu einem Reformator im amerikanischen Judentum. Der jetzt 75jährige erhielt einst von dem bekannten Philanthropen und Bankier Jacob Schiff die Summe von 500 000 Dollar, mit deren Hilfe er jüdische Einwanderer auch im Südwesten der Vereinigten Staaten sesshaft machen sollte. Menschlich und gerecht, ist er auch weit ausserhalb seines Kreises geachtet und geliebt. Zu Ehren seines Geburtstages versammelten sich Ende April 2500 Menschen, zu einem grossen Bankett, um ihn als Menschen und grossten Rabbiner des amerikanischen Südens zu ehren. W. Aus den Familien Charlotte Bloch peb. Lazarus, die Nestorin der Jüdischen Gemeinde Konstanz, feiert am 9. Juni ihren 90. Geburtstag. — Else Hirsch geb. Meinrath .'Plau/Meck-Ibg.') begeht am 15. Juni ihren 70. Geburtstag. — Fabian Hermann,(Bad Polzin) wird am 15. Juni 70 Jahre alt. — Yalcska K a t z geb. Xothmann (Reuthen, O/S) vollendet am 15. Juni ihr SO. Lebensjahr. — Albert Silber m a a n (Berlin), der stets an den Fragen fies jüdischen Lebens tätigen Anteil genommen hat. feiert am 15. Juni seinen 90. Geburtstag. — Frau Emma Mohr (Fürtb"> -wird am lf). Juni To Jahre alt. — Leo L e i p z i g e r und Frau Sophie geb. Kisack (Berlin NW, früher Lissa) beunicn am 12. Juni -das Fest der goldenen Hochzeit. — Max Port je und Frau Minchen geb. Steinweg (Dortmund) feiern am 12. Juni ihre goldene Hochzeit. — Icnatz Mandl und Frau Frida geb. Emanuel (Hamburg) begehen am 13. Juni das Fest der goldenen Hochzeit. — Saily Jacobius und Frau Henriette geb. Raruch (Danzig, früher Schöneck V.'rstpr.) feiern am 13. Juni ihre goldene Hochzeit. — Leiser Kranzler und Frau geb. Poss (Berlind begehen am 14. Juni das Fest der goldenen Hochezit. Abs. den Gemeinden Insterburg Die Kreis-Synagogengemeinde Insterburg konnte auf 100 Jahre ihres Bestehens zurückblicken. Aus diesem Anlass fand eine synagogale Feierstunde statt, zu der neben den Gemeindemitgliedern Vertreter des ostpreussischen Synagogenverbandes, der Gemeinden Königsberg, Ällenstein, Elbing, Tilsit und der zum Rabbinatsbezirk Insterburg gehörenden Gemeinden erschienen waren. Rabbiner Dr. A u g - a pf el hielt die Festpredigt. Gemeindevorsteher Josef Wilkowski, der seit 32 Jahren dem Gemeindevorstand angehört, gab einen geschichtlichen Ueberblick über die Gründung, Entstehung und Entwicklung der Gemeinde. Durch die starke Abwanderung ist die Gemeinde heute auf 135 Mitglieder zusammengeschrumpft. Mit dem Olenu-Gebet und dem Kaddisch schloss die Feierstunde. Kreuzburg (O.-S.) Am 26. Mai wurde die neu errichtete jüdidische Bezirksschule, die hauptsächlich für die Schüler aus den Gemeinden Kreuzburg, Konstadt und Rosenberg bestimmt ist, eingeweiht. Der Vorsitzende der Gemeinde Kreuzburg, H. T r a n s 1 a t e u r, begrüeste die Anwesenden. Justizrat Kochmann (Gleiwitz) überbrachte die Glückwünsche des Verbandes oberschlesischer Synagogengemeinden und des Preussichen Landesverbandes, die gemeinsam mit der Gemeinde Kreuzburg die Träger der Schule sind. Bezirksrabbiner Df. W ah/mann (Oels) begründete die Errichtung der Schule und Lehrer Za,rek (bisher Bernstadt), der die Leitung der Schule übernommen hat, berichtet über ihr Werden und über ihren Sinn. Er schloss mit Gedenkworten für den verewigten Rabbiner Dr. Simonsohn (Breslau), den grossen Förderer des jüdischen Schulwesens. Hebräische Gesänge der Schüler eröffneten und schlössen die schlichte Feier. Schw. Leipzig Die Gemeinde veranstaltete gemeinsam mit der Reichsvertretung einen Gemeindeabend, bei dem der Präsident der Reichsvertretung, Rabbiner Dr. Leo B a e k und Dr. Franz Meyer sprachen. Kach dem Referat wurde der (an dieser Stelle schon gewürdigte) Film ..Schaffender Wille'' gezeigt, der starken Beifall fand. Die musikalische Begleitung hatte Kapellmeister Leo Schönbach (Kalle)"übernommen. — In den letzten Gemeindesitzungen wurde von Personal- Veränderungen Plenntnis gegeben. Zum Dezernenten des Wohlfahrtsamtes wurde Verwaltungsdirektor i. R. -Katzenstein gewählt. Verwaltungsdirektor Dr. Grübel sprach über die Rechtsverhältnisse der Gemeinden auf Grund der neuen gesetzlichen Bestimmungen. K. S. Neusteiiin Fabrikbesitzer Felix Freundlich, der jahrzehntelang dem Vorstand der jüdischen Gemeinde angehörte, hat in Anbetracht seines vorgerückten Alters sein Amt niedergelegt. In der letzten Repräsentantensitzung sprach der Repräsentantenvorsteher, Rechtsanwalt Ludwig E h r e n f r.i e d, dem scheidenden Vorstands-. mitglied Dank und Anerkennung für die langjährige Tätigkeit aus. Stolp Auf Veranlassung und mit Hilfe des Preussischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist das Rabbinat in Stolp (Pommern) zum Bezirksrabbinat für Ostpommern ausgestaltet worden. Aus diesem Anlass fand in Stolp die feierliche Einführung des neugewählten Rabbiners Wilhelm Teichner, bisher in Hirechberg, statt. Nach Begrüssungsworten des Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Dr. Mayer, führte der Amtsvorgänger des neuen Rabbiners, Dr. Joseph, namens des Preußischen Landesverbandes den jungen Kollegen in sein verantwortungsvolles Amt ein. Nachdem Rabbiner Dr. F i n"k elscherer, Stettin, die Glückwünsche des Verbandes der Synagogengemeinden Pommerns überbracht hatte, umriss der neue Bezirksrabbiner in einer packenden Rede seine Aufgaben. An die weihevolle, von Orgelspiel umrahmte Feier, in der zum erstenmal auch der neugewählte Kantor Lachotzke amtierte, schloss sich eine Besprechung mit den zahlreich erschienenen Vertretern der Bezirksgenieinden und dem Sachbearbeiter des Preussen- Verbandes, Max Birnbaum, an. In der Generalversammlung der Chewra Kadischa Berlin e.V. erstattete der Vorsitzende Dr. Erwin G a 1 e w s k i einen ausführlichen Tätigkeitsbericht, aus dem sich ergab, dass trotz der "Auswanderung vieler zahlungsfähiger- Mitglieder eine wesentliche Einschränkung der Arbeiten vermieden worden konnte. Der Vorsitzende hob besonders die seelsorgerische, von der sozial-ethischen Kraft desChewra-Gedankens getragene Tätigkeit von Rabbiner Dr. L i n k hervor. Nach Erstattung des Kassenberichts durch den Schatzmeister "Dr. Richard Tr eitel und Entlastung des Vorstandes wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder Dr. Erwin Ga- 1 e w s k i. Emil' Kot h m a n n, Dr. Richard T r e i t e 1. Walter Kopfstein und Michaelis Haase einstimmig wiedergewählt Ferner wurden Berthold J ü 11 n e r und Louis Kastela u hinzugewählc. Hie Israelitische Kranken-Verpflegnnsrs-Anstalt, Breslau, 'weist' darauf hin, dass in der NervenabtPÜnng ihres Krankenhauses auch Kranke mit Gemiitsleiden jederzeit Aufnahme finden können, soweit sie nicht unbedingt der Behandlung und Fliege in einer geschlossenen Anstalt bedürfen. Besuch In der Warschauer 950rt6S-Schii!e WARSCHAU. Ende Mai. Die Tätigkeit der ,,Ort"-Union. welche sich die Förderung von Landwirtschaft und Handwerk unter den Juden .zum Ziel setzt, erstreckt sich über zahlreiche Länder Mittel- und Osteuropas. In Polen arbeitet der „Ort" seit 1922 und unterhält hier in Warschau, Lodz und anderen Städten eine Reihe von Aüsbildungsstätten, die sich der handwerklichen Ausbildung widmen. Ein Projekt für eine landwirtschaftliche Ausbildung in der Nähe von Bialystok ist noch nicht zur Verwirklichung gelangt. Ein Besuch in der Warschauer „Ort"-Schule gewährte einen interessanten Einblick in Art und Umfang der Arbeit. Sie ist — das sei von vornherein betont — im Gegensatz zur Berliner;,Ort"-Schule nicht als Vorbereitung zur Auswanderung gedacht, sondern grundsätzlich auf die Bedürfnisse der Juden in Polen abgestellt. Entsprechend der grossen Rolle, welche die Juden in der polnischen Textilwirtschaft spielen, steht in der Warschauer „Ort;'-Schule die Heranbildung von Schneiderinnen im Vordergrund. Doch betrachten wir die Schule auf einem Rundgang von innen, um ein Bild von der hier geleisteten Arbeit zu erhalten. Wir betreten ein grosses Bürohaus in der urica Dluga und lassen uns von dem Fahrstuhl drei, vier, fünf Stockwerke hinaufführen. Hier oben, über den Dächern der Nachbarhäuser, arbeitet das Sekretariat der Schule. Es ist gerade dabei, an Hand von Situationsplänen einige Grundstücke auf ihre Eignung für die Errichtung eines Schulneubaues zu prüfen, da die Räumlichkeiten im Hause Dluga 39 für die Bedürfnisse der Schule nicht mehr ausreichen. In der Tat zeigt uns der Gang durch die Klassenräume im vierten und dritten Stock, dass die Schülerinnen teilweise bei ihren Hantierungen mit Nadel und Schere, mit Kurvenlineal und Zeichenstift kaum noch die erforderliche Ellenbogenfreiheit haben. Denn zur Zeit erhalten 132 Schülerinnen in diesen beiden Etagen Unterricht, von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags, sechs Stunden praktisch, zwei Stunden Theorie am Tage. Aber trotz dieser räumlichen Beschränkung macht alles einen freundlichen, sauberen Eindruck. Die grossen Fensterflächen lassen Licht und Sonne hereinfluten, und sogar eine kleine Turnhalle hat noch Platz gefunden, um Gelegenheit zu körperlicher Bewegung als Ausgleich zu der vorwiegend sitzenden Beschäftigung zu bieten. Sauber und freundlich wirken auch die jungen Mädchen von 14 bis 16 Jahren, die hier in dreijährigem Ausbildungsgang, anschliessend an die Volksschule,, zu Gesellinen des Schneiderhandwerks herangebildet werden. Die einheitliche Schulkleidung mit ihren weissen Schürzen trägt wesentlich zu diesem Bilde der Ordnung und Diszipliniertheit bei. Willig werden dem Besucher die Arbeiten vorgezeigt und mit Stolz besonders gelungene Stücke hervorgehoben. Es ißt ein pädagogisches Prinzip der Schulleitung, dass die Schüler nicht nur 'einzelne Arbeitsgänge erlernen, wie dies häufig bei der Lehrlingsausbildung in der Werkstatt zu beobachten ist, sondern dass die einzelnen Wäsche¬ oder Kleidungsstücke von Anfang bis zu Ende von den Schülerin fertig hergestellt werden. So wächst die Freude am Werk und es wird eine wirkliche Beherrschung aller handwerklichen Einzelheiten erzielt. Vor allem aber erstreckt sich die von der .Schülerin zu leistende Arbeit nicht nur auf die verschiedenen Stadien der technischen Herstellung eines Stückes, sondern auch auf die Er- ' findung und Wahl der in Frage kommenden Muster. Die Bildung des Geschmacks, die Anregung zu eigenen künstlerischen Ideen erfährt auf diese Weise eine wesentliche Förderung. Ebenso grosser Wert wird auf eine gediegene Ausbildung des theoretischen Wissens gelegt. Angefangen von der Stoff- und Warenkunde bis zur präzisen Kalkulation ihrer eigenen Arbeiten, wird den Schülerinnen all das Vermittelt, was sie zu einer Beherrschung ihres Handwerks auch von der Seite des Fachwissens her benötigen. Wenn man die Arbeitsbücher durchsieht, in denen jede Arbeit der einzelnen Schülerin in Zeichnung und Niederschrift festgelegt ist, wenn man die Berechnungen sich zeigen lässt, aus denen sich Arbeitsaufwand, Materialkosten und Preis, Gewinn und Verlust ergeben, so hat man das Gefühl, wissenschaftliche Arbeiten von Studenten vor sich zu haben. Und wie sorgfältig gefeilte Doktorarbeiten erscheinen die stattlichen Bände mit Der gute Likör, Magister, München Vi! \ Namensprägung, in denen die Examensarbeiten der jungen Mädchen zusammengefaßt sind. Sie werden den Empfängern des Gesellenzeugnisses ausgehändigt und begleiten sie in ihre handwerkliche Praxis hinein, als Ariadnefaden durch das Labyrinth des Lebenskampfes da draussen. Das ist die „Fachschule für Mädchen", staatlich anerkannt, mit einer Prüfungskommission und einem Regierungskommissar und einem Gesell enzeugnis als Abschluss. Aber der „Ort" hat noch andere Schulungsstäü.en. Da gibt es Kurse für junge Mädchen und Frauen von 17 bis 45 Jahren. Sie dauern nicht drei Jahre, sondern 16 Monate, der Unterricht ist nicht täglich, sondern nur dreimal die Woche, nicht acht Stunden, sondern fünf Stunden am Tag. aber auch sie stellen eine gründliche Ausbildung dar. wenn auch in kürzerer Zeit, entsprechend der Vorbildung der Teilnehmerinnen. Unterrichtsgegenstände sind Damenschneiderei, Wäschenähen. Korsettnähen und Putz. Auch verheiratete Frauen nehmen an diesen Kursen teil, sei es für Zwecke de? eigenen Haushalts, oder um mitverdienen zu können. Schliesslich hat der „Ort" auch Abendkurse eingerichtet, Fortbildungskurse für ausgebildete Handwerker, die ihr Wissen und Können nach der theoretischen Seite vervollkommnen wollen. Sie dauern fünf Monate und umfassen wöchentlich sechs bis acht Stunden. Diese Ergänzungskurse werden gleichfalls eifrig in Anspruch genommen. Erfährt man, dass der „Ort" weiterhin sporadische Kurse zur Ausbildung von Chauffeuren u. a. fördert, dass ein „Patronat" Eignungsprüfungen vornimmt und Lehrstellen vermittelt, so gewinnt man den Eindruck, dass hier eine in vielfacher Hinsicht wertvolle Ausbildungsarbeit geleistet wird, die dem jüdischen Handwerk diesem so ausserordentlich wichtigen Teil der jüdischen Bevölkerung in Polen, zugutekommt. Selbstverständlich sind die „Ort"-Schulen in Warschau nicht die einzigen jüdischen Handwerkerschulen — es gibt eine Gemeindeschule für Schlosserei und Elektrotechnik und mancherlei andere Schulen —, aber jedenfalls atmen die Schulen des „Ort" einen frischen, modernen Geist, der sicherlich seine Früchte tragen wird. Dr. Erwin Lichtenstein.

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