Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 C.-V.-Zeitung Nr. 22 * 2JunM938 Die Wohlfahrtspflege Die Aufsatzserie über den Geschäftsbericht der Reichsvertretung, in der bisher Wirtschaftshilfe, Wauderungsarbeit 'und Schulwerk behandelt wurden (vgl. C.-V.- Zeitung Nr. 19, 20, 21), wird mit einer Darstellung der Leistungen auf dein Gebiet der Wohlfahrtspflege fortgesetzt. Innerhalb des Arbeitsberichts der Reichsvertretung für das Jahr 1937 ist das Kapitel „Wohlfahrtspflege" das nach Umfang und Inhalt bescheidenste. Der Bericht spricht offen von der immer grösser werdenden Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen auf dem Gebiet der Betreuungearbeit und den von der Finanzlage abhängigen Möglichkeiten. Dabei geht die Reichsvertretung davon aus, dass die Wohlfahrtspflege ältestes Gebiet jüdischer Sozialarbeit ist, die in den Grossgemeinden erfahren geleitete Organisationen bereits besessen habe, als für die Klein- und Landgemeinden die Notwendigkeit erst auftrat, derartige Instrumente zu schaffen bzw. zu bekommen. Mit Recht sieht sich die Zentral wo hlfahrtsst eile bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der die Leitung der gesamten jüdischen Wobliahrlsarbeit in Deutschland obliegt, daher zunächst als Betreuerin der Klein- und Landgemeinden, während sie von den Grossgemeinden die selbständige Fürsorge für ihre Hilfsbedürftigen erwartet. Ob diese Auffassung weiterhin in dem bisherigen Mass wird Geltung haben können, sei dahingestellt. Feststeht, dass sich die Situation auch der Grossgemeinden laufend verändert und dass für die jüdische Grossgemeinde heute lürsorgerische Aufgaben erwachsen, die bisher eine speziell jüdische Lösung nicht erfordert hatten. In diesem Zusammenhang sei hingewiesen z. B. auf die Unterbringung nicht anstaltsbedürftiger Nervenkranker, für die in jüdischen Krankenhäusern Aufnahmemöglichkeiten bisher nicht bestehen, auf die nicht genügenden' Unterbringungsmöglichkeiten gefährdeter Jugendlicher, auf das grosse Problem der heutigen jüdischen Wohlfahrtspflege: die ausreichende Heimversorgung alter Menschen. In den Provinzialwohlfahrtsstellen besteht die Tendenz, laufende Unterstützungen zu kürzen oder zeitweise auszusetzen, um neuen dringlichen Anträgen, die sonst aus Mangel an Mitteln abgelehnt werden miissten, entsprechen zu können. In Fällen, in denen es sich um Bezuschussung einer" Altersversorgung im Heim handelt, ist diese Massnahme selbstverständlich nicht anwendbar. In Erkenntnis der Wichtigkeit der Aufgabe, Altersversorgung für Mittellose und Heimbedürftige zu ermöglichen, ist durch die Zentralwohlfab rissteile oder mit ihrer Hilfe im Berichtsjahr 1937 Greifbares geleistet worden. Die Unterbringungsmöglichkeiten sind vermehrt, doch genügt das Erreichte keineswegs dem steigenden Bedarf. Di-e Arbeit der Zen'ralwohlfahrlsstelie zeigt durchweg eine Linie der Beschränkung, die durch die Mittel diktiert und von der Leitung sehr schwer empfunden wird. Wenn es sich beispielsweise um die Unterbringung eines Jugendlichen handelt, für den eine Stelle gefunden und etwa die Hälfte der Kosten sichergestellt ist, ist die Ablehnung, besonders wo es sich um einen, schwierigen, labilen oder gefährdeten Menschen handelt, eine Härte. Dennoch sind die Fälle vorbanden, in denen nach Abwägung all dieser Umstände die Ablehnung, aii3 Mangel au Mitteln, hat erfolgen müssen. Dabei ist das Budget von 12 000 RM für die Gefährdetenfürsorge hn Berichtsjahr um mehr-als ein Drittel überschritten worden. Auch der S c h u 1 k i n d e r f o n d s genügt den Bedürfnissen bei weitem nicht. In einem kleinen Provinzialverband müsste 147 Kindern der Besuch einer jüdischen Schule ermöglicht werden. Davon wären 71 Kinder aus Kleingemeinden im Schulort unterzubringen, 47 Kinder müssten die Schule mit'Bahnfahrt erreichen. Fahrt- und Unterbringungskosten betrügen monatlich 2556 RM, was einem jährlichen Betrag von 30 675 RM entspräche, also über die Hälfie des 50 000 RM betragenden Budgets für ganz Deutschland hinausginge, als Aufwendung für eine Provinz. Entsprechend sorgfältig und intensiv wird, die Auslandsunterbringung von Kindern und Jugendlichen verfolgt, deren zahlenmäßig bescheidenes Ergebnis die Folge der Möglichkeiten ist, die die verschiedenen Länder einräumen. Im Berichtsjahr 1937 sind zur Schul- und Berufsausbildung 36 Kinder von England übernommen. Dabei handelt es sich um eine vorübergehende Hilfeleistung, mit dem Ziel der Weiterwanderung-nach Beendigung der Ausbildung. In Kanada und Australien konnton. 1937 ganz vereinzelt einige Jungen untergebracht werden, in USA mit Hilfe des amerikanischen Hilfskomitees in USA 104 Kinder. Im Berichtsjahr ist eine grössere Inanspruchnahme der jüdischen Heim Speisung erfolgt. Die Einrichtung der Baerwald-Küchen ist aus zentralen Mitteln bezuschusst worden. Die Sammlungen der Blauen Beitragskarte bleiben eine grosse Stütze für die Aufbringung der zur sozialen Hilfsarbeit innerhalb Deutschlands benötigten Mittel. Trotzdem war das Ergebnis durch Auswanderung, Sterbeüberschuss und Rückgangder wirtschaftlichen Kräfte niedriger als im Vorjahr. Der Einfluss dieser Veränderungen innerhalb' der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hat sich selbstverständlich auch in den Aufkommen der Jüdischen Winterhilfe 1936/37 . ausgewirkt. Bei der. gegen das Vorjahr um 1000 niedriger liegenden ^Hilfsbedürüigenzifier darf nicht übersehen werden, dass im gleichen Jahr eine Abwanderung von 20 000 Personen erfolgt ist. Trotzdem ist durch die Werbung, durch freiwillige Hilfsarbeit und durch die vom Reicüsbeauftragten für das Winterhilfswerk des Deut- ' sehen Volkes gegebenen, auch für die Jüdische Winterhilfe verbindlichen, Richtlinien ein Ergebnis erzielt, das' eine umfassende Versorgung von 82 067 Personen mit Nahrungsmitteln, Wäsche, Kleidung und Kohlengutscheinen gestattet hat. Die Jüdische Winterhilfe als grosszügigste und finanziell bedeutsamste jüdische Einrichtung zur Behebimg akuter Not während der Wintermonate kann sich auf das lebhafteste Verständnis in allen Kreisen stützen, bedarf dessen aber auch in. besonderem Masse zur Erfüllung ihrer Aufgabe. Denn sie gibt andererseits einen verpflichtenden Einblick in das Uebergreiien wirtschaftlicher Not in bislang davon unberührte Schichten. Mit aller Offenheit stellt die Reichsvertretuog in ihrem Bericht über die Wohlfahrtspflege die Mängel dar, die die Sozialarbeit durch das Fehlen der Mittel bei aller Erkenntnis der Notwendigkeiten kaum imstande ist. auszumerzen oder unwesentlich zu machen. Jedoch muss die Schwere-des Problems, die in Deutschland lebenden Juden zu versorgen und zu schützen, gesehen und von weiteren jüdischen Kreisen aufgenommen werden. Die vorhandenen Mittel müssen zusammengehalten, die Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Damit der Sinn einer Jahresarbeit und aller Statistik erfüllt sei: aus ihr zu lernen. Lotte Siegel, Frankfurt a. M. 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