Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 19 (12.5.1938)
- Date
- 1938-05-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 19* 3. Beiblaff C^Rliiü| 12.Mail933 » Seite 11 Die Obereil Sphären / Novelle von Ludwig Landau Mit dieser Novelle setzen wir die Veröffentlichung' der von. der C.-V .-Zeitung preisgekrönten Erzählungen fort. „Sie müssen mich in aller Ruhe auhören, Herr Rechtsanwalt", unierbrach Jizchak Mendel dpn' Advokaten, während er sich mit der Rechten nervös über sein angegrautes Haar -trieb. ..Ich weiss nicht, ob alles wichtig ist. Vielleicht komme ich zu Ihnen gar nicht, um Ihren Rat zu hören. Vielleicht können Sie mir überhaupt nicht helfen. Manchmal kann einem niemand helfen. Da geht es über einen weg, man bleibt liegen, und es kann lange dauern, bis man wieder aufsteht. Bei mir hat es über acht Jahre gedauert. Zuerst habe ich die Tage gezählt, dann die Wochen, zuletzt nur noch die Monate und Jahre. Vielleicht können Sie mir am besten helfen, wenn Sie wich einfach anhören. Warum sehen Sie so auf nieine Augen? ich weiss, es ist in ihnen etwas — Gläsernes. Seit dem ersten Tage, als sie mich aus dem Zuchthause in Alexandropol entliessen, sehen mich die Menschen so an. Zuerst habe ich mich gewundert, dass an mir etwas Sehenswertes ist, ohne dass es mir auffällt. Kann man es mir denn von aussen anmerken, dass ich über acht Jahre unschuldig im Zuchthause gesessen habe? Ich habe mich doch aufrecht gehalten diese Jährchen, sehen Sie, Herr Rechtsanwalt, ganz aufrecht. Aber einmal, da sah ich mich in einem Spiegel, nachdem ein junges Mädchen an mir vorübergegangen war und mich gemustert hatte. "Da nahm ich mir ein Herz und betrachtete mich in einem grossen Spiegel. Da machte ich eine seltsame Entdeckung: meine Augen waren gläsern geworden. Man kann nicht mehr von aussen in mich hineinsehen, weil sie nichts mehr durchlassen. Das war vielleicht nicht nötig gewesen. Das war ein Geschenk — so nebenbei. Man muss geduldig sein, Herr Rechtsanwalt, sehr geduldig! Aber ich komme ganz ab, Sie hatten mich unterbrochen, weil Sie mich so ansahen. Hören Sie mich nur ruhig an. Aber bitte, nur die Worte, die ich sage. Auf meine Stimme dürfen Sie nicht achten. Meine Kehle ist nur aoeh wie eine Maschine. Wahrhaftig, meine Stimme ist tot. Sie hat keinen Klang mehr. Als ich das erstemal zu meinem Vetter nach Drohocz fuhr, da ich ja sonst keine Verwandten mehr habe, denn dieses Kischinew, Herr Rechtsanwalt, war ein Aderiass auch für meine Verwandtschaft . . . wo blieb ich stehen ... Ich kam also zu meinem Vetter Salman Mendel nach Drohocz. Er hat eine kleine Tochter. Und die fragt plötzlich: Was hat der Mann da für eine Stimme! Und ich höre noch meine letzten Worte in der Luft stehen. . Sie standen richtig in der Luft, ganz nackt. Sie hatten keine Schwingung wie anderer Menschen Rede. Sehen Sie, das Kind hat sofort gemerkt, dass meine Stimme keine Seele mehr hat. Es sind Buchstaben, die man spricht, und man kann sie hören. Aber die Buchstaben haben keinen Klang. Sie sind nur noch Geräusch. Acht Jahre im Zuchthaus, nur weil Menschen sich irren können, solche acht Jahre graben sich tief ein und fressen die Seele auf, dass nur noch das Denken übrigbleibt. Und wissen Sie, es gibt kein grösseres Unglück als das Denken! Man hört auf, gegen sieh gut zu sein. Man zerdenkt sich. Da ist keine-Gnade mehr in einem, weil keine Ruhe und Sicherheit mehr in einem sind. Aber ich komme ganz ab. Warum haben Sie mich wieder unterbrochen? Am besten wäre, ich schliesse die Augen und erzähle Ihnen alles mit geschlossenen Augen. Hören Sie: Kischinew!! Weiter brauche ich Ihnen nichts zu sagen. Kischinew! 1903 war es. Fast neun Jahre sind es her. Unser Bialik hat damals ein Gedicht geschrieben: Erwehr dich der Tränen . . . Schon die Sederabende waren ohne Frieden und Freude. In Dubossary war kurz zuvor ein russischer Knabe aufgefunden worden. Seine Angehörigen hatten ihn getötet, weil sie auf eine ihm zugefallene Erbschaft aus waren. Aber der Kruschewan liess in seiner Zeitung drucken, das Kind sei nach „Jüdenart" zugerichtet worden, man solle es den Jüden vergelten. Da hat man eben an den Sederabenden keine Freude mehr. Das Bitterkraut, der Moraur, schmeckt zu stark durch. In den nächsten Tagen wuchsen Flugblätter aus der Erde, wahrhaftig, aus den Steinen sind sie gewachsen. Und die Menschen standen in Haufen und haben sie gelesen. Am Ostersonntag, wir hatten den letzten Tag Pessaeh, um die Mittagsstunde, da drangen sie in unsere Häuser und in die Geschäfte. Und als es Abend wurde, da war es wie in einem römischen Zirkus, Herr Rechtsanwalt. So hat der Verteidiger Karabtschewkij damals vor Gericht gesagt: wir waren wie Opfer in der Arena. Fünfundvierzig Tote zählten wir unter uns in zwei Tagen. In einer Synagoge hat sich der alte Schammes, in den Talles gehüllt, diesen Menschen entgegengestellt Vor dem Allerheiligsten hat man ihn dann tot aufgefunden. Aber davon wollte ich Ihnen gar nicht erzählen. Sie sollen ja nur meine Geschichte hören. 23 Jahre war ich alt, ein schwächlicher Mensch. Am Ostersonntag aber, als die Betrunkenen in den Strassen wüteten, da kam es über mich. Damals riss an mir das Mitleid. Hüten Sie sich vor dem Mitleid, Herr Rechtsanwalt. Es macht Sie kraftlos an der Seele. Es hilft niemandem, aber Sie selbst verbrennen. Als ich, von der brennenden Flamme in mir gehetzt, in meiner Schwäche und körperliehen Dürftigkeit auf einen dieser Menschen mich stürzen will, hör' ich einen Schrei. Den kann man nicht beschreiben, und wenn man ihn tagelang hören würde. Ich habe ihn noch oft gehört, wissen Sie, des Nachts, wenn es in der Zelle ganz still war. Die Luft ist wund geworden von dem Schrei. Da sehe ich, wie auf der anderen Strassenseite aus einem Fenster im zweiten Stockwerk ein kleines Kind, vielleicht ein Jahr alt, auf die Strasse fliegt. Im Fenster oben sah ich die Mutter. So ist es gewesen! Da reckte ich beide Arme hoch empor. Ich weiss heute noch nicht, warum diese Bewegung aus mir sich herausgedrängt hat. Habe ich sie getan oder ist sie aus mir getan worden? Genug, in diesem Augenblick fällt hinter mir ein Schuss: einer von diesen Menschen sinkt vor mir nieder. Was dann geschah, weiss ich nicht mehr. Dass ich noch lebe, ist göttliche Fügung. leb sollte, so war es mir bestimmt, aus den unteren Sphären in die oberen hinaufgeläutert werden. Ich bin ein Auserwählter, Herr Rechtsanwalt: an mir hat sich die irdische Gerechtigkeit erweisen sollen, und da sie versagt hat, die menschliche Geduld. Ich bin ein sehr Geduldiger. Dreihundertfünfundsechzig Nächte hat das Jahr, und jede Nacht habe ich gebetet: Sei geduldig! Man muss es richtig beten, mit geschlossenen Augen. Man muss den Atem tief einziehen und einhalten, man muss ganz still liegen, damit die Schechina, die Gnade von Gott, in den Körper einkehren kann. Ich glaube nicht, dass viele das verstehen werden. Aber ich will Ihnen erzählen, wie alles weiter kam. Es waren Leute da, russische Leute. Die beschworen, ich hätte geschossen, ich hätte den Mann getroffen. Wenn mir aus Juwelier Lipowefzki Ank.G.Nr.n/48541 Berlin WS, Friedrichstrasse 193a, Ecke Leipziger Strasse dem Körper Kugeln hätten fliegen können, hätte ich schon schiessen mögen, mit jedem Finger, mit allen meinen zehn Fingern. Dass es einer von den unseren gewesen sein musste, das dachte ich mir schon. Aber ich, ich war es doch nicht gewesen! Doch ich kam gar nicht mehr zur Besinnung. Hier, den linken Arm haben sie mir damals zerschmettert. Erschreckt Sie meine Geschichte? Nichts ist von mir hinzugefügt worden. Neun Jahr Zuchthaus bekam ich, weil ich aus Mitleid die Arme emporgestreckt hatte. Und von diesen neun Jahren habe ich über acht abgebüsst, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Weil ich lernen sollte, in mich hineinzusehen, mit mir allein zu leben, im Verzichtenmüssen nicht zu verschmachten, sondern reich zu werden an Geduld, still zu werden im Glauben an die Ruhe in mir, in der unendlichen Tiefe und Schwere. meiner Verlassenheit mitleidlos gegen mich zu werden. Ich erzähle Ihnen das, nicht um mich zu beklagen, sondern weil es auch wichtig ist. Ich bin ein ganz wacher Mensch geblieben. Dass Menschen sich irren, dass Richter getäuscht werden, muss man hinnehmen. Auf den einzelnen kann die Welt keine Rücksicht nehmen. Hatten die Toten von Kischinew gesündigt? Warum liegen sie unter der Erde? Warum verloren sie die vielen Jahre ihres Lebens? Versponnen Von Hertha Rosenfeld Der Faden reisst nicht ab, er spsmut, er spinnt und webt zu einem Stück Vergehen, Werden, Schmerz und Glück, er spult voran und schlingt zurück und spinnt: den Urgedanken dieser Welt zum Stoff, der sie zusammenhält, dass nichts, was Gott ins Leben stellt, zerrinnt, und wieder Sinn und Wert gewinnt, wo seine alte Wesensart zu neuer Form versponnen ward, darin ein Keimen scheu und zart beginnt. Ich habe nur acht Jahre aus meinem Leben streichen müssen. Aber ich meine im Ernst, ich bin ein wacher Mensch geblieben. Sie wollen wissen, wie die Wahrheit, wie man sagt, ans Licht des Tages kam? Zwar gehört das eigentlich gar nicht zu der Angelegenheit, in der Sie mir helfen sollen. Denn ich will ja wegen meiner Sachen klagen. Meinen Anzug will ich wieder haben, den man mir bei meiner Einlieferung ins Zuchthaus abgenommen hat! Aber gut, weil Sie es wünschen, will ich Ihnen auch den ersten Teil meiner Geschichte zu Ende erzählen. Erst als ich eine Zeit im Krankenhaus gelegen hatte, wurde ich der Tötung jenes Mannes verdächtigt. Inzwischen waren einige Altersgenossen geflüchtet oder ausgewandert. Von unseren Leuten wurden ja auch mehrere verurteilt. Und die draussen wussteri nur von unseren Strafen, nicht von der Art unserer Taten. Sie .hatten ihre neuen Sorgen. Sie brachen aus ihrer Erinnerung Kischenew, das blutige, heraus. Wer sich erneuern will, muss vergessen können. Dann kamen der russischjapanische Krieg, die Revolution und neue Pogrome und neue Auswanderer nach Amerika. Einer von diesen erzählte nach Jahren zufällig einem da draussen von mir, der wegen Tötung eines Menschen im Zuchthaus sass. Und dann machten sie noch einige ausfindig, die wussten, dass unser Jugendfreund Hirsz Lemberger den Schuss abgefeuert hatte. Der aber war einer von den Fünfundvierzig draussen auf dem alten Friedhofe. Kurz und gut: man hat sich um mich bemüht. Ich wurde im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen. Die letzten neun Monate brauchte ich nicht mehr für den toten Hirsz Lemberger abzusitzen. Nun, Herr Rechtsanwalt, passen Sie gut auf. Jetzt kommt die Hauptsache, wegen der Sie mir helfen sollen; jetzt kommt die Hauptsache. Als ich freigelassen wurde, wollte ich meinen Anzug haben, den ich vor acht Jahren bei Strafbeginn abgeliefert hatte. Da stand alles in den Büchern eingetragen: Rock, Weste, Hose. Alles bekam eine Nummer und wurde Sehülerfahrt durchs hebräische Wörterbuch Der 133. Psalm Von Walter Kornick Vor geraumer Zeit wurde an dieser Stelle *) von den Erlebnissen berichtet, die einem Schüler mit seinem hebräischen Wörterbuche begegnet vvaren. Wie er das Buch über ein.Verbuni — jaräd, herabfliessen — beiragt, und wie es ihn gleichsam mit einem Strom von Bildern überschüttet hatte. Bildern, die die Bibel aus jenem Worte gebildet. Aber das Wörterbuch hatte dem Schüler ein wichtiges Geheimnis vorenthalten: es hatte ihm nichts von dem 133. Psalm gesagt, der ganz und gar aus jenem Worte jaräd aufgebaut ist und von ihm seine Bewegung, seine Richtung, seinen Zusammenhalt und seine Musik empfängt. Von dieser kleinen Dichtung soll daher im folgenden die Rede sein. Das Thema des Psalms ist dieses: Siehe! Wie köstlich und wie lieblich anzusehaun Sind Brüder, welche beieinander wohnen. In diesem hübschen, nicht unlyrischen, aber gewiss auch nicht welterschütternden Gedanken erschöpft sich der Inhalt des Gedichts. Die wenigen Verse, welche folgen, geben Antwort auf die (rhetorische) Frage der Einleitung. Aber man konnte damals so wenig wie heute den Grad der Köstlichkeit und Lieblichkeit an Instrumenten ablesen. Der Dichter muss deshalb zu dem Hilfsmittel des Vergleichs greifen. Zunächst i'äilt ihm wohl nichts Besonderes ein. Gutes Oel, ins Kaar und in den Bart geträufelt, wie es bei feierlichem Anlasse geschah, glättet die struppigen, sich kräuselnden Teile, und so, wie dieses Oel (seheint der Dichter sagen zu wollen) sollte die Liebe und Freundlichkeit der Brüder, ^ie beieinander wohnen, alles Kantige und Widerspenstige besänftigen. So füesst geweihtes Oel aufs Haupt hernieder Und in den Bart . . . vÜDd in den Bart": hier überkommt den Dich- W eine Vision. Eine mächtige Gestalt der Vorzeit "vl~NrT40 vom I. 10. 36. erhebt sich vor seinem inneren Auge. Aaron, das Urbild des hilfreichen Bruders. "Aaron, der es auf sich nahm, statt Mose zum Volke und zu Pharao zu reden, da Mose eine schwere Zunge hatte (Exod. 4. 10, 14, 16). Aaron, den Mose mit heiligem Salböl gesalbt hatte, um ihn zum Priester zu weihen (Exod. 29. 7; 30. 22—33). Diesem Aaron errichtet der Dichter in seinem kleinen Liede, das vom der Bruderhebe sagt, ein Monument, und so sehen wir ihn nun dastehen mit dem lang herab wallenden Bart, der sich seinem Gewände anschmiegt, als wären Bart und Kleid wie Brüder, welche beieinander wohnen: Und in den Bart. In Aarons Bart. So fliesset Aarons Bart auf sein Gewand Bis an den Saum hernieder. — Rasch entzündet sich nun die Phantasie des Dichters an diesem Bilde fort. Fühlte er sich ähnlichen künstlerischen Formgesetzen unterworfen wie 2000 Jahre später Lionardo, als er die Mona Lisa malte? Beide schauea sie, der Hebräer wie der Italiener, über die porträtierte Gestalt des Vordergrundes in eine weite, reichgegliederte Landschaft hinaus. Der hebräische Dichter blickt bis zu den Gipfeln des Hermon hinauf, die im äuesersten Nordosten des Landes in den Himmel ragen. Tau fliesst vom Himmel auf dies Gebirgshaupt herab und ergiesst sieh weiter — wie im Kleinen das heilige Salböl im Vordergrunde des Bildes — weiter über die geringeren Höhen, über das ganze Land, bis hin nach Zion. Der Dichter betrachtet mit zufriedenen Blicken das kleine Gemälde, das nun fertig dasteht. Aber er fühlt: dies Bild muss einen Rahmen haben. Er wählt einen überaus kostbaren, indem er das Ganze also beschliesst: Denn dorthin hat der Ewige den Segen befohlen — Leben bis in Ewigkeit. — Noch einmal sei das Ideine Gedicht im Zusammenhang mitgeteilt, jetzt in der Uebersetzung von Harry Torczyner („Die heilige Schrift". 4. Bd.): ..Sieh an, wie gut, wie schön, Wenn Brüder so mitsammen weilen! Wie würzig Oel aufs Haupt, Abfliessend auf den Bart, Den. Bart Aharons, Abfliessend über seine Kleider, Wie Hermons Tau, Abfliessend auf die Berge Zijons: Ja, so hat dort der Ewige Den Segen entboten: Leben in Ewigkeit!" In dem kleinen Gedicht — welche Einfachheit und Einheit, welche Fülle und welche Steigerung der Bilder! Nur ein Gedanke wird ausgesprochen, leicht fasslieh und jedem Menschenherzen vertraut. Nur eine Bewegung beherrscht das Gedicht, die Bewegung des Herabfliessens. Oel fliesst aufs Haupt, in den Bart; der Bart fliesst übers Gewand; Tau fliesst vom Hermon über die niederen Gebirge, übers ganze Land, über Zion. Und dies Bewegungsmotiv, fünfmal wiederkehrend, jedesmal grösser, rauschender, wird jedesmal dennoch durch dasselbe Zeitwort, ja durch dieselbe Form dieses Zeitwortes — joreed, herabfliessend — gemalt. Und dann das blendende, den Blick zur höchsten Höhe zwingende Schlussbild: Gott, ein Herrscher und Heerführer. Sein Heer: Segen, Leben bis in Ewigkeit. In kriegerischem Gewände das friedvollste Bild. Und welchen Raum durchmisst der Dichter in den drei Verszeilen dieses Psalms! In einem kleinen Hause irgendwo auf dem Lande beginnt die Wanderung. Da ist wohl der Vater gestorben. Man geht an die Verteilung des Erbes. Das väterliche Erbgut, zumal der ländliche Besitz, soll so lange wie möglich in den Händen der Brüder, das ist der Söhne, bleiben; die sollen es gemeinsam für die Familie verwalten. So gebot es eine alte ehrwürdige Rechtssitte dieses Volkes. Der Dichter will diese Rechtssitte, die in seinen Tagen vielleicht in Vergessenheit geraten war, in die Erinnerung zurückrufen. Das ist der eigentliche Sinn der ersten Verszeile, wie ein Gelehrter, S. Rauh, 1907, entdeckte. Und von diesem idyllischen Familienbilde gelangt der Dichter in dem reissenden Fluge seiner Phantasie in die graue . Vorzeit der Gesetzgebung, durchwandert das ganze Land und schwingt sich bis zum Himmel hinan. Der 133. Psalm scheint, was den dichterischen Aufbau anbetrifft, in seiner Art einzig unter deu hundertundfünfzig Psalmen. Allenfalls iiesse sich ihm der erste Psalm vergleichen, sofern auch er mit einem einfachen Leitmotiv anbebt und dieses dann in einer Reihe von Bildern weiterdurchführt. Nach der Anordnung in unserer Bibel gehört der 133. Psalm zu einer Gruppe von fünfzehn Liedern, die als „schirim ha-ma'aioth" bezeichnet sind (wörtlich: Lieder der Ansteigungen).. Aber auch innerhalb dieser Gruppe steht unser Psalm ganz für sich da. Was „schir ha-ma'aloth" bedeutet, ist seit Jahrhunderten Gegenstand gelehrten Streites. Die jetzt herrschende Meinung hält die fünfzehn Psalmen für Pilger- oder Wallfahrtslieder, die die Frommen anstimmten, wenn sie aus ihren ländlichen Heimen zum Gqttesdienst nach Zion „hinaufzogen". Möglich, dass auch unser Psalm ein solches Pilgerlied war. Aber zum inneren Verständnis der kleinen Dichtung trägt diese Erkenntnis nur wenig bei. Denn dieser Psalm zeigt die Züge einer eignen Dichterpersönlichkeit und einer individuellen Gemütsstimmung so offensichtlich, dass er nur für sich, nicht aber als Glied einer Gruppe frei gewürdigt werden kann. Uns ist der 133. Psalm ein Lied der „Ansteigungen", weil ein Grundmotiv in rasch ansteigendem Fortgang der Gedanken und der Form zu immer reicherer, volierer, runderer Blüte vor, uns sieh entfaltet. Im Chassidim-Stübl Von Fahrns Schach Ein kleiner, allzu bescheidener Raum, und doch strömt so viel Licht und Sonne aus. Vorn sind die heilige Lade und das Betpult, mitten das Almemor. um das sich Tische und Bänke gruppieren, und im Hintergrund offene Schränke mit vielen Büchern. -Sonst kein Schmuck zu erblicken. Aber ein Geist ist hier, der alle Gegenstände belebt, sie mit seelischem Gehalt erMlli.