Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 12 (24.3.1938)
- Date
- 1938-03-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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geffeS C-V,-Zelfoftg Nr. 12* 24. Mörz 1938 Die Schleuse / Einiges über den Hilfsverein der Juden in Deutschland von Mala Laaser Der jüdische Handelsvertreter Y., Berlin NO. Krautsir. 28, Alter etwa 43 JaJhre. der sich allgemein mit Auswanderungsgedaiikerj trägt, begib! eich eines Morgens gegen %ll Uhr zur Beratungsstelle des Hilfevereins; er wüdscM zunächst nur eine Auskunft einzuholen über seine, gerade seine Chancen draussen in der grossen Welt. Das Haus Nr. 20 in der Ludendorffstrasse sieht ihm, als er davorsteht, nicht eben amtlich grossartig aus, — Y. ist ziemlich skeptisch. Auf der Treppe vom Erdgeschoss zu den Hauptberatungsräumen im ersten Stock hört Y. bereits den Lärm einer grossen Versammlung. ..Man kann nicht sagen, dass es im Korridor vor dem Warteraum entzückend riecht und aussieht", denkt Y., „eine von Menschen überfüllte Privaisvohnung ist das hier, sehr viel Staub und sehr yiel Menschen!" Y., der Skeptiker, kommt an diesem Vormittag nicht mehr dazu, hier eingehendere Betrachtungen anzustellen; es sind nämlich schon 363 Nummern an Rat- und Hilfesuchende ausgegeben worden, — 13 also über die Tageshöchstzahl — und ein Schwärm von Juden mit bedruckten gelben Nummernblättchen zwischen den Fingern drängt sich im Warterauin um deu Abfertigungssehalter. Der Karteibeamte dahinter sucht jedem seine Karte hervor und sein Aktenstück aus der Registratur und teilt andersfarbige Nummern für die einzelnen Sachbearbeiter aus; dafür, dass alle in richtiger Reihenfolge antreten, sorgt nach Möglichkeit ein kleiner netter nervöser Herr, der auch die Eintrittsnummern austeilt. Hätte nun der Vertreter Y. an diesem Tage noch eine Nr. 364 bekommen, so würde ihm, wenn er endlich an der Reihe gewesen wäre, der Mann am Sehalter für die abgegebene eine neue Nummer gegeben haben, auf Grund derer er dann später ins Kartothekzimmer hätte eintreten dürfen, wo ein junger Beamter für die Neulinge Karteikarten anlegt. Indessen ist Y. überhaupt nicht weiter als bis zur Tür des Warteraums gekommen. Der kleine nette nervöse Herr — der, welcher die erste Nummernserie am Zugang des Korridors austeilt — schickt ihn nämlich fort mit dem Ersuchen, sich unter Mitnahme einer Nummer für den folgenden oder nächstfolgenden Sprechtag heute schon, späterhin freundlichst wieder einzustellen. — Y. hat sich das hier natürlich ganz anders und entgegenkommender vorgestellt, das spricht er auch nicht .eben liebenswürdig aus. „Wenigstens", meint er, „könne man als Berufstätiger bevorzugte Abfertigung verlangen: und überhaupt , . ." . Natürlich weiss er nicht, dass Berufstätige mit besonderem Ausweis und nachweislich unabkömmliche Personen sowie Mitglieder bevorzugt abgefertigt werden; ganz abgesehen von den dringlichen Fällen, die stets sofort behandelt werden müssen. Murrend lässt sich Y. für einen andern Sprechtag (frühestens in 14 Tagen!) im voraus die Nr. 48 geben, denn bis dahin sind schon rund 2500 Marken ausgegeben. Und so schlau ist unser Y. nun doch schon geworden, dass er sich am nächsten Sprechtag bereits um 8 ühr früh zum Hilfsverein verfügt. Im Wartezimmer sitzen dennoch schon einundzwanzig Männer und Frauen aus allen Schichten. Sieben davon sprechen flüsternd über Kolumbien . . . Um SVs Uhr wird dann der Schalter geöffnet, und Ansturm und Gedränge beginnen. Herr Y. gelang heute verhältnismässig früh zur Abfertigung am Schalter und an der Kartei. Auf die freundlichstereotypen Fragen des Aufzeichnungsbeamten äussert Y. sich sehr bedächtig, denn er nimuii sich selbst ernst und will allein schon aus Geltungstrieb keinen Fehler machen. Er kann nicht wissen, dass hier, am Abhör-Ohr des Hilfe- Vereins, die Chancen eines jeden „Falles" aufgenommen und automatisch festgelegt werden durch das Mittel kardinaler Fragen und Niederschrift einer jeden Antwort darauf. „Beruf?'' ..Handelsvertreter." „Sprachkenntnisse?" „Keine." ..Wohin wollen Sie auswandern?" „Ist mir ganz egal — von mir aus schicken Sie mich nach Honolulu." „Haben Sie ausländische Verwandte, die Ihnen Affidavit geben werden?" ..Nein." — Die Karte dieses Durchschnittsfalls wandert, mit einem Nummernabrissteil versehen, mitsamt einem Aktenstoss zum Beratungsdezernenten. Den zweiten Blockabriss mit der entsprechenden Zahl darauf bekommt der Neuling in di-e Hand gedrückt Er wird entlassen und hat nun im Menschentrubel solange zu warten, bis seine Zeit gekommen ist und der Dezernent sich seiner annimmt. Nach einer Wartezeit von 2Vs Stunden macht sich Herr Y. auf eine ruhige und eingehende Unterhaltung mit „seinem" Berater gefasst; der indessen führt, als jener eintritt, ein Telephongespräch, ferner ein Gespräch in Zeichensprache mit einer mappenspreizenden Stenotypistin; ferner hält er_ Y.s Kartothekkarte in der Hand und übersieht aus ihr mit einem raschen Blick den „Fall" —■ schliesslich deutet er noch zuvorkommend mit der Kartenhand auf den Besucherstuhl — der von vieltausend Gesässen abgewetzt und farblos geworden ist — und bittet somit, Platz zu nehmen. Den Besucher dünkt es eine Ewigkeit, bis der den Hörer in die Gabel wirft. Endlich! Und nun will unser Y. in wohlgesetzten Worten zu reden beginnen. „Herr Y., bitte, hören Sie mich mal an!" sagt aber da schon der Berater. „Nach dem, was ich aus Ihrer Karte ersehe, wird es nicht leicht sein, etwas für Sie zu tun. Würden Sie eventuell in einen praktischen Beruf hinüberschichten? Nein, das hab' ich mir gedacht. Schön, also wenn Sie als Kaufmann auswandern wollen, lieber Herr, müssen Sie wenigstens die Sprache des Landes beherrschen, in das Sie gehen; nicht verstehen, sondern beherrschen! Lernen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, zunächst Englisch, vielleicht kann man dann später etwas für Sie tun. Sprachen lernen, Herr Y., Englisch lernen! Guten Tag! Der nächste, bitte!" „So also sieht das hier aus", denkt der entschreitende Besucher, sprachlos vor Verwunderung. Dabei — hat er nicht gestern noch mit seinem Flurnaehbarn, dem Schneider Löbe, gesprochen, der, auf Unterstützung durch den Hilfsverein rechnend, mit Frau und drei minderjährigen Kindern nach Kolumbien auswandern will? Der hat sicher keinen Bürgen drüben. Reisegeld und Visagebühren hofft er bewilligt zu bekommen. Es sei schon ein Fräulein vom Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde zur Recherche dagewesen, und das sei die allerwichtigste Sache bei den Auswanderungsvorbereitungen des Hilfsvereins. Davon hänge entscheidend ab, ob die Gemeinde — zu deren Lasten nämlich die Hälfte aller Auswanderungs- Hilfsgelder geht — den Zustimmungsvennerk: „Keine Bedenken'' für die Unterstützung einer Ausreise erteilt, und ob der Bewilligungsausschuss einen „Fall* bewilligt. Er dagegen, der Vertreter Y.. wird mit guten Ratschlägen abgespeist. Im Korridor am Warteraum stösst der Unwillige mit ein paar Ahnungslosen gleich ihm zusammen, kleinen Kaufleuten ohne Affidavit und Sprachkenntnissen, und indem er sie zur Seite schiebt, ist er fest entschlossen, nicht eher Geld für einen Sprachkursus auszugeben, als man ihm vom Hilfsverein aus einen Posten in Australien oder sonstwo vermittelt. Er wird den Dezernenten gelegentlich mal wieder besuchen. Sehr unwillig ist er und so in seine Gedanken •.-ertieft, dass er beim Verlassen des Hauses alle •iie nicht siebt, welche Visum und Passage sozusagen schon in der Tasche haben: Landwirte. Techniker, Handwerker, Affidavitkaufleute mit attestiertem „Fremdsprach-vermögen' und sogar Staatenlose — besonders schwierige Fälle —, die vielleicht schon morgen reisen müssen ... * Dreissig Minuten nach fünf Uhr, genau in der Sekunde, da Herr Y. mit einer erträglichen Zahl von Aufträgen von seiner Tagestour nach Hause kommt und unverzüglich beim Schneidermeister Löbe anpocht, um dem die Vormittags-Erfahrung mitzuteilen, dreissig Minuten nach fünf Uhr. finden sich im Hilfsverein — jeweils bei einem der Vorstandsmitglieder — die Beratungsdezernenten zum Bewilligungsausschuss zusammen. Im Grund sind alle schon über Gebühr abgespannt vom Tagesverkehr und der verantwortungsvollen Arbeit, täglich über ganz erhebliche Summen, die aus allen möglichen Fonds dem Hilfsverein zufliessen, zu disponieren. Rechenschaftswillig sei für jeden Pfennig, und mit nur ein paar Federstrichen Schicksale lebendiger Menschen zu gestalten . . . Man setzt sich, wirft die Akten auf den „grünen Tisch" — der gar nicht grün ist, sondern aus gebeiztem Eichenholz! — und verschnauft ein Weilchen. Es wird schon zu Anfang stark geraucht. Den Vorsitz hat der Herr des Zimmers. Bewilligungen und Ablehnungen protokolliert eine Frau — ein schwieriges Geschäft für den Bewilligungsfall: Valuten, Passage-, Visa- und Stempelgebühren sind zwischenhin zu errechnen. — Bei Sitzungsbeginn ändert sieh mit einem Schlag das Bild: hier hocken nicht mehr abgespannte Männer und Frauen am Verhandlungstisch, hier sitzen die Repräsentanten der jüdischen Verantwortung schlechthin. Bewilligungsausschuss — scheinbar ein nüchterner Name ohne verborgenen Leiteton darin, ohne die Gewichtigkeit einer tiefen, ja symbolischen Bedeutung. Aber man muss nur die bürokratische Form durchdringen mit scharfen Augen, die es gewöhnt sind, im äusseren Anschein schon historische Zusammenhänge zu erkennen, um zu spüren, dass hier die Schleuse liegt, durch welche die Wanderungswelle unserer Tage heftig drängend in noch aufnahmefähige Weltgebiete stürzt, so dass zwischen der überfliessenden Menge jüdischer Menschen in Deutsehland und den judenärmeren oder -freundlichen Ländern draussen Tag um Tag der Stand sich ausgleicht. Es wird also hier, wenn wir so wollen, jüdische Geschichte gemacht, mit Gesten und Mitteln, sicherlich, derer sich allenthalben und zu allen Zeiten die Verantwortlichen zu bedienen pflegen. Und ganz weit, ganz gross gesehen, wird deutlieh offenbar gerade hier, im Bewilligungsausschuss des Hilfsvereins, wie untrennbar dieser Tage die Historie mit dem Oekonomischen verstrickt ist. Die Zeiten, haben sich geändert, seit unsere Ahnen gen Kanaan zogen. Heute wandern Führer dem Auszug nicht mehr voran, und die Richtung ist — wir wollen es uns ruhig gestehen — keineswegs in eine gotrverheissene Heimat: nicht geführt werden unsere ' Auswanderer heute, sondern geleitet, und die Feuersäule, die einstens in der Wüste vor dem Volk voranzog, brennt heute anders: als die „ewige Lampe" nie erlöschender Energie und gewissenhaftester Verantwortlichkeit, als ein unermüdlicher Antrieb, Länder in allen fünf Erdteilen ausfindig zu machen, wo noch Lebensraum für jüdische Menschen ist, und unter den mittellosen •luden in Deutschland die auszuwählen und entsprechend zu unterstützen, welche durch Beruf, Kenntnisse, Charakter und Körperzustand besonders geeignet scheinen, draussen, tern in Llebersee, zu kämpfen und neu aufzubauen im Bewnsstsein, zwar vom jüdischen Schicksal hierher verschlagen, aber auch vom zähen Willen und der Tatkraft jüdischer Geschichte-Macher gestartet worden zu sein — jener, die unentwegt durch Spenden den Betriebsstoff für die Schleusenapparatur des Hilfsvereins liefern, und jener, die eichtbarlich die Wanderwelle leiten. Aber über diesen Grossperspektiven soll nicht versäumt werden, den Mechanismus der Schleuse ganz real, also in der nüchternen und tatsächlichen Weise ihres Funktionierens. zu beschreiben. Vergegenwärtigen wir uns wieder die am „grünen Tisch" Versammelten, die gekommen sind, mit ihrem Aktenmaterial beladen, um Bewilligungen für jeden darin bearbeiteten Einzelfall vom Ausscbuss zu erlangen. Um zunächst den Fall einer Ablehnung vorwegzunehmen: wo die erste Prüfinstanz — die Recherche — Bedenken äussert in ihrem Telegrammstilbericht über die berufliche, menschlich - charakterlich© oder körperliche Eignung eines Abwanderungsanwärters und über die Notwendigkeit der finanziellen Hilfeleistung gerade irr diesem besonderen Fall — es ist leider nicht gar so selten, dass ein Antragsteller versucht, die eigene Wirtschaftslage und die etwa seines Aifidavitgebers zu verschleiern, um zwei private Beutel auf Kosten der durchaus nicht unerschöpflichen Hilfsvereinskassen zu schonen — wo die Recherche sich also — vorsichtig gesprochen — zurückhaltend äussert, pflegt der Ausscbuss sich zu einer Ablehnung oder doch nur zu unbedeutenden Hilfeleistungen zu entschliessen. Also: ein in jeder Hinsicht günstig ausgefallener Recherchenbericht ist die Voraussetzung für die Bewilligung eines jeden „Falles". Fälle, wie z. B. die unseres Freundes Y., sieht der Bewilligungsausschuss mit geteilten Gefühlen an. Einerseits möchte er am liebsten nur entschlossene pionierhafte Naturen hinaussenden, die auch unter schwierigen Umständen iür sich und andere den Weg zu bahnen wissen: andererseits ist sich der Bewilligungsausschuss aber seiner Pflicht bewusst, auch den finanziell und charakterlich schwächeren Naturen, den Menschen mit weniger günstigen Berufen, aus ihrer Bedrängnis hinauszuhelfen und ihnen den Aufbau einer Existenz im Ausland zu ermöglichen. Dagegen dürfen keine Zweifel darüber herrschen, dass dem Flurnachbarn unseres Herrn Y., dem Schneidermeister Lobe, von dem bereits gesprochen worden ist, auf Grund einer ausgezeichneten Recherche vier Passagen nach Kolumbien — das heisst, das gesamte Reisegeld für ihn, seine Frau und die drei nicht voll fahrpreispflichtigen Kinder — bewilligt werden, ferner drei Viertelteile der Visagebühren; den Rest zahlt er allein mit dem Erlös seiner bescheidenen Wohnungseinrichtung; die Kosten seines spanischen Sprachkurses hat er von sich aus getragen, obwohl seine Einkünfte gering sind und die Frau als Stundenputzfrau mitverdieneti muss . . . Nur Ueberblick und. Ausschnitt sollten hier gegeben werden. Wir dürfen scMiessen ohne Schwätzerei. Wir haben keinen Grund, gerade die Auswanderungsfrage mit Sentimentalität m durchflechten ... Weitere Beiträge zur Wanderung«» frage siehe auch „Wirtschaft der Woche" (Seite 21). gyn Auswanderung nach YORK bevorzugen Sie die beliebten Schiffe der Red Star Linie mit wöchentlichen Abfahrten. Nur eine komfortable Klmml Fahrpreis Antwerpen - New York ab $ 1ca. RM 251.- Fordern Sie ausführliche Prospekte auch für die verbilligten Ferien- und Informationsreise«, Nähere Auskunft erteilt die konzessionierte Vertretung: DANIEL MILBERG, Hamburg Zweigniederlassungen * lerfinNW? 5! Frankfurt a.M» d- Unden 3g, Trmmer 20!i HindenburspSate 19 Qr. Edgar Schlesinger fr. Eechtsan'walt in Berlin RecbSsberattme: Wirtscbaftsberatung TenaögpensvcrwattTras: Umsferdam-Z, Muriiioslr.4. Tel. 28779 AUSWANDERN? ——— | 9iacü Palästina, Mord- oder Südamerika?! WerlisfirtbisrfürSpBL^öfieleinrlelitangesi? KföTUflMCü! | Die bekannte MS&eS - SFS>SSka«ldiy«g 1 Goitsefiallc £ Kleist, Essen (Ruhr) H P«rn«rf 27654 / Bedienen Sie sich Ihres Mobalm hSndlers oder Poistermeisters. 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