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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-17 · 11 (17.3.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
11 (17.3.1938)
Date
1938-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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. XVII. Jahrg. 7 Nr. 11 Berlin, 17. März 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE 7EITUN6 DES JUDENTUNS igsprei wähninu1 einseht Zustellgebühren Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. I2gesp mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Farniii enanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Z ü r i c b!es Postamt and die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt «.F. vciuowii - .»«-ui .«.««luueo-v«-«., «^..x«^..__Für Ausland vierteljahrl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landes- Gewait besteht'kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. - Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeisen nur gea. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorscariften ohne Verbindlichkeit. Die Wundlmmg des Vorderem Orients Von Dr. Fritz Friedlaender In einem ersten Aufsatz (Nr. 4 der C-V.¬ Zeitung vom 27. Januar) wurde die politische Umwälzung des Vorderen Orients dargestellt, die sich aus dem Scheitern der von den Westmächten am Ende des Weltkrieges geplanten Neuordnung ergab: Afghanistan, Iran, Türkei, Irak, Syrien und Aegypten, Saudi-Arabien und auch Französisch- Nordafrika haben einen Prozess der nationalen Verselbständigung erfolgreich durchgeführt, dessen weitere Auswirkungen im folgenden geschildert werden. Eine Wiederaufrichtung des muselmanischen Reiches, die kühne politische Romantiker der nationalen Bewegung des Islam heute ersehnen, würde ein einheitliches Vorgehen aller muselmanisehen Völker oder wenigstens eine nationale Einheitsfront der über Vorderasien und Nordafrika verstreuten Araber voraussetzen. Gibt es heute schon-eine derartige Einheit? Diese Frage wird gegenwärtig von den besten Islam-Kennern keineswegs übereinstimmend beantwortet Die einen sehen den Zusammenschluss aller islamischen Völker zu einer gemeinsamen, gegen Europa gerichteten Aktion schon in greifbare Nähe gerückt. Sie malen das Gespenst einer islamischen Gefahr in lebhaften Farben vor uns hin. Das Schlagwort vom Ende der Vorherrschaft des Abendlandes über das Morgenland ist von ihnen in Umlauf gesetzt worden. Allerdings deutet der Abschluss der bekannten inter-islamisehen Bündnissysteme —- der Viererpakt zwischen Türkei, Irak, Iran, Afghanistan; das Bündnis zwischen Irak, Saudi-Arabien, Jemen; sowie die im Frühjahr 1937 geschlossenen saudisch-ägyptischen und ägyptisch-türkischen Pakte — auf eine politische Einheit und Interessengemeinschaft der islamischen Welt hin. Für die Tatsächlichkeit einer solchen Einheit und ihres Machtgrades spricht auch das veränderte Verhalten, das die westeuropäischen Weltstaaten gegenüber den Völkern des Islam notgedrungen für gut befanden. Man bedenke: England hat in Afghanistan, Iran, Irak und Aegypten, Frankreich m Anatolien, Syrien und Algier dem neuen pamslamischen Nationalismus weitgehende Zugeständnisse gemacht. Der europäische Kolonialimperialismus alten Stils hat heute nur noch wenig Anhang: auch Frankreich will nicht mehr den Selbständigkeitswillen der islamischen Völker gewaltsam niederhallen, und die Staatsmänner des britishen Empire haben längst eingesehen, dass die Verständigung mit den Völkern und btaaten des Islam zum Zwecke friedlicher und freundschaftlicher Zusammenarbeit unerlässlich sei. Wer wollte verkennen, dass diese Symptome für die Einheit des Islam sprechen? jedoch andere, nicht minder gute Kenner des mohammedanischen Orients haben mit Recht darauf hingewiesen, dass tiefgreiln dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Ergebnis des Erzähler-Preisausschreibens der C.-V.-Zeitung Die Aufsätze: Leo Hirsch: Gespräche an langen Abenden — Meta Samson: Romantik der Köche — Arthur SÜbergleit:. Die Richterin, Novelle Die Londoner Tagungen Die Beilagen: ' Das Blatt der Judischen Frau — Palästina- Umschau — Wirtschaft der Woche — Sportblaft — Schachecke fende politische und religiös-moralische Gegensätze eine einheitliche Ausrichtung der mohammedanischen Staatenwelt erschweren. Zwrar hält zur Zeit das Band gemeinsamer Interessen jene Staatenwelt zusammen; sollte dies aber einmal in der Zukunft nicht zutreffen, sollte das Interesse des einen islamischen Staats etwa mit dem vitalen Interesse eines anderen kollidieren — was doch möglich wäre —, dann würde wahrscheinlich die pan-islamische Idee an dem Prinzip der nationalstaatlichen Realpolitik zuschanden werden. Welch' ein Unterschied besteht doch ferner zwischen dem Prinzip einer weltlichen Modernisierung und Europäisierimg, das der Lebenshaltung der heutigen Türkei und des jungen Iran den Stempel aufdrückt, und der orthodox-puritanischen Moral und Lebensweise, wie sie Ibn Saud zur sittlichen Grundlage seines Reiches gemacht hat! Und dennoch gibt es in der weiten Welt des Islam eine geistige Potenz, die das Gemeinsame über das Gegensätzliche triumphieren lässt, eine Potenz, die etwa durch das Wort „Mekka" in ihrer Gewalt-über die Seelen bezeichnet wird: das ist der .militante Geist dieser Weltreligion, der die gläubigen Moslemin beseelt, und der in seiner Leidenschaftlichkeit dem aufgeklärten Europäer so schwer begreiflich ist. Seitdem Ibn Saud wiederum für die Sicherheit der Pilgerzüge nach den heiligen Städten gesorgt hat, ist die völkerverbindende Basis gemeinsamen religiösen Erlebens wiederhergestellt worden. Trotz aller Unterschiede der Nationalitäten ist aus der Wurzel dieses gemeinsamen religiösen Erlebnisses die politische Ideologie des neuen panislamischen Nationalismus erwachsen. ,91L©§ von Eisi^f&a!6* Dieser Nationalismus, der namentlich die jüngere Generation begeistert und unter den Studierenden die zahlreichsten Anhänger hat, verfolgt beharrlich das eine grosse Ziel: nationale Selbständigkeit und Unabhängigkeit von Europa! Das wird zunächst an dem Zuge zu einer geistigen Verselbständigung und Unabhängigmachung offensichtlich. Ja, man kann geradezu von einem zäh festgehaltenen Prinzip der intellektuellen Autarkie sprechen. Während früher die muselmanischen Intellektuellen, ebenso wie die japanischen, an den europäischen Hochschulen ihre akademische Ausbildung bezogen, sind heute die Universitäten ihrer Heimatländer bereits imstande, für die Bedürfnisse ihrer Landeskinder in zunehmendem Masse Sorge zu tragen. Namentlich die berühmte Hochschule in Kairo ist ein Zentrum jener intellektuellen Autarkie. Von hier hat auch die „Vereinigung junger Muselmanen" ihren Ausgang genommen, die das SelbstbewusstsenT der jungen panislamisch-nationalen Bewegung am zuversichtlichsten zur Schau trägt. Ein weiteres Symptom der Loslösung von Europa ist ausserdem darin zu erblicken, dass die islamischen Neu-Staaten in der Praxis dazu übergehen, intellektuell gut geschulte Fachkräfte — Dozenten, Ingenieure, technische Facharbeiter — untereinander auszutauschen. Soweit man aber der Hilfe und des Rates ausländischer Sachverständiger nicht entraten kann, ruft man gern — und das ist wiederum eine bedeutsame Veränderung — an Stelle der europäischen japanische Fachleute herbei. Im Gegensatz zu ihrer tiefeingewurzelten Abneigung gegen die Europäer wenden die Muselmanen ihre Sympathie den Japanern zu, weil diese in ihrer Zugänglichkeit für fremde Religionssysteme (man denke an den Buddhismus in Japan) dem mohammedanischen Glauben und seiner Kultur Tür und Tor geöffnet haben. In entsprechender Weise hat daraufhin das Wirtschaftsleben des Nahen Ostens der Weltmacht des Fernen Ostens, die heute mit ihrem Aussenhandel den vorderorientalischen Markt auf weiten Strecken beherrscht, den Weg geöffnet Es sei nur daran erinnert, dass die Einfuhr japanischer Waren in Palästina sich innerhalb von vier Jahren vervierzehnfacht hat! So ist heute in dem Verhältnis zwischen Orient und Okzident die paradoxe Situation eingetreten, dass die Muselmanen, die zu den Europäern in die Schule gingen, sich nunmehr der kulturellen und namentlich technischen Errungenschaften Europas bedienen, um sich in kultureller und technischer Beziehung von ebendemselben Europa unabhängig zu machen. In diesem Emanzipationsbestreben bildet die hoch- Nene EinwaMderungsquote für Palästina / 2000 Kapitalisten-, 1000 Arbeiter-, 200 Verwandten-Zertifikate Der Kolonienminister O r m s b y - Gore gab im englischen Unterhaus die lange erwartete Erklärung über die neue Einwanderungsquote für April—September 1938 in Form einer schriftlichen Antwort auf die entsprechende Frage des konservativen Abgeordneten Beaumont bekannt. In diesem Schreiben teilt der Minister den Inhalt eines am 10. März an den Hi$h Commissi oner von Palästina gerichteten Telegramms, mit, in dem zunächst an die Festsetzung der aussergewöhnlichen Einwandeningsquote von 8000 Personen für die Zeit vom August 1937 bis März 1938 erinnert wird. Dann heisst es: „Die Regierung ist der Ansicht, dass keine Aenderung der Situation, die eine Zurückziehung' der dem High Commissioner gegebenen Vollmachten rechtfertigen würde, seit August 1937 eingetreten ist, und dass daher die Gültigkeit der entsprechenden Anweisung auf eine weitere Zeit von zwölf Monaten erstreckt werden soll. Wenn es sich am Ende dieser Periode als notwendig erweisen sollte, dem High Commissioner diese zusätzlichen Vollmachten zu belassen, werden die erforderlichen Gesetzesmassnahmen getroffen werden. Gleichzeitig möchte die Regierung klarstellen, dass sie die Absicht hat, die Zulassung jüdischer Einwanderer in den nichtarabischen Gebieten in dem Augenblick nach dem Grandsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit zu regulieren, in welchem die Grenzen der verschiedenen Gebiete auf Grund eines angemessenen und praktischen Teilungsplans festgelegt sind und solange das gegenwärtige Mandat besteht" Nach einem Hinweis darauf, dass die Regierung zunächst eine, Regelung für die sechs Monate April bis September 1938 beschlossen habe, dass nach diesem Zeitpunkt eine erneute Ueberprüfung stattfinden solle, dass die gesamte Regelung aber im Hinblick auf eine Verminderung willkürlicher Massnahmen eingeführt werde, folgen die Einzelheiten der neuen Einwanderungsquote: Die Einwanderer werden wieder wie früher in einzelne Kategorien eingeteilt Für Personen, die unabhängig sind und ein Kapital von mindestens 1000 Pfund haben, wird die Höchstzahl der Einwanderer auf 2000 festgesetzt. Es werden aber ausserdem noch innerhalb dieser Kategorie 10 Pensionäre (Rentner) und 20 Siedler mit einem Mindestkapital von 500 Pfund zugelassen werden. Studenten, deren Unterhalt bis zum Ende ihres Studiums gesichert erscheint, werden ohne Einschränkung zugelassen. Es heisst dann weiter: „Gegenwärtig ist die Zulassung weiterer Einwanderer der Arbeiterkategorie nicht zu rechtfertigen. Die Regierung hat jedoch der Festsetzung einer Quote von 1000 für diese Kategorie unter der Voraussetzung zugestimmt, dass es Ihnen (dem High Commissioner) überlassen bleibt, ob angesichts der wirtschaftlichen Umstände in der nächsten Sechsmonatsperiode irgendeine Arbeitereinwanderung zugelassen werden soll." Frauen und Kinder von neuen Einwanderern, oder von Einwanderern, die bereits legal ins Land gekommen sind, werden ohne zahlenmässige Beschränkung zugelassen werden. Andere Angehörige, z. B. Eltern, werden innerhalb einer Quote von 200 für besondere Härtefälle . die Einwanderungserlaubnis erhalten. * . Die „willkürliche" Festsetzung der neuen Einwanderungsquote, die, wie Ormsby- Gore in der letzten Unterhausanspracbe bekanntgab, beibehalten werden würde, hat zu dem vorstehenden Ergebnis geführt. Angesichts der Dringlichkeit jüdischer Wanderung, die erst durch das Geschehen der letzten Tage wieder mit aller Deutlichkeit in Erscheinung getreten ist, müssen diese Zahlen tiefe Enttäuschung hervorrufen. Die Resolutionen des Zionistischen Aktionskomitees und des Administrative Comittees der Jewish Agency, in denen mit allem Nachdruck auf die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Einwanderungsmaximums und auf die Aufgabe des zur Zeit angewandten politischen Massstabes hingewirkt wird — wir berichten hierüber in der Palästina-Umschau des Blattes — sind damit wirkungslos verpufft. Erst für den noch fernen Zeitpunkt, in dem ein Teilungsplan vorliegen und das Mandat noch in Kraft sein werde — eine Kombination, die in dieser Form zum erstenmal auftaucht und die deshalb Aufsehen, .erregen dürfte — wird die Wiedereinführung des wirtschaftlichen Prinzips bei der. Bestimmung der Einwanderungsschedule in Aussicht gestellt. Trotz dieser grundsätzlichen Feststellung von der Unzulänglichkeit der neu bewilligten Quote sei darauf hingewiesen, dass, entgegen dem ersten Augenschein, in der Gesamtsumme der Zertifikate eine wesentliche . Verschlechterung gegenüber dem letzten halben Jahre nicht eingetreten ist. Berücksichtigt man, dass Familienangehörige für alle Kategorien frei zugelassen sind, und damit die angegebenen Zahlen von einer zwei- bis dreifachen Zahl von Menschen in Anspruch genommen werden kann, dass die Jugendalijä in der Quote überhaupt nicht inbegriffen ist, so dass mit einer zusätzlichen Einwanderung von 800 bis 1000 Köpfen auf diesem Wege zu rechnen ist, denkt man schliesslich daran, dass durch den Council for German Jewry sowie durch die Altreu hoffentlich Sonderzertifikate für Juden aus Deutschland in nicht unbeträchtlicher Anzahl zu erreichen sein werden, so ergibt sich eine mutmassliche Gesamtziffer von etwa 10000 Köpfen für die Einwanderung des nächsten halben Jahres. Bedauerlich bleibt neben der auch damit noch immer viel zu Meinen Gesamtzahl die Verlagerung zuungunsten der Arbeitereinwanderung, die durch die zahlenmässige Bevorzugung der Kapitalistenzertifikate herbeigeführt worden ist. Es wäre aus Gründen, die über die praktischen Fragen weit hinausgehen, zu wünschen gewesen, dass der Versuch einer Zusammenfassung der Kräfte auf den Londoner Tagungen ein besseres Echo in der englischen Politik gefunden hätte. E.R.-J.

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