Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1938-03-10 · 10 (10.3.1938) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
10 (10.3.1938)
Date
1938-03-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2278191-2278198--12649-2291510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 Vit). Marz 1938 C-V.-Zertung 3. Beiblatt « Seite 13 © >) <3 j_ ®5 a$ÜLhX£y A f^^Q^^rj^E l.° °° ° °^!^fe^!r^!!,a 0' ^°K i rjoi^ ü^ucL ^^°cJLr\^^ '^^s^^cT^ paqaacDölpttaaaimno1 ^_Jm 7 Uhr morgens klingelt der Wecker den Kulturbundschauspieler aus tiefstem Schlafe . . . Wer Schauspieler v 1 / kennt, muss meinen, dass mit diesem Satz nur ein Märchen anfangen kann; denn Schauspieler pflegen nicht um 7 Uhr in d^r Frühe aufzustehen. Veranlagung und das durch den Beruf erforderliche späte Zu-Bettgehen bewahren sie vor solchen Exzessen. Es gab mal eine Ausnahme: den Film. Um 8 Uhr spielfertig sein im Atelier! — Das war früher. Was kann also, vorausgesetzt, das Uhrwerk ist in Ordnung, vorliegen, dass man mit gutem Gewissen erzählen kann: Um 7 Uhr morgens klingelt der Wecker den Kulturbundschauspieler aus tiefstem Schlaf? Es geht auf Gastspielreise. Nur drei Kulturbünde in Deutschland besitzen ein eigenes Schauspielensemble. Berlin ist ziemlich sesshaft. Köln „bespielt" eine bestimmte Anzahl Städte ire. Rhein—Ruhr-Gebiet. Und Hamburg zigeunert durch "ganz Deutschland. Und wenn Hamburg auf Gastspielreise geht, dann bewahrheitet sich die oben beschriebene Unwahrscheinlichkeit, dass *mr 7 Uhr bei Kulturbundspielers der Wecker schellt. Und mit Recht! Denn Züge, mit denen man Gastspielreisen beginnt, haben die hässliche Angewohnheit, in den frühesten Morgenstunden abzufahren. So trifft man sich denn in der entsprechenden Launs, grün im Gesicht ur.d maulfaul, auf dem Bahnsieig und wartet hinter Kofferbergen böse auf __ den Zug. Dann placiert ' man sich und sein Gepäck auf die dazu vorhandenen Einrichtungen im Abteil und ärgert sich — das Bett noch im Kopf — dass der Koffer liegen kann, während man selbst sitzen muss. So fährt man die ersten Kilometer mit vereister Seele, bis man sachte auftaut und in's Leben zurückfindet. Es gibt verschiedene Arten, sich auf langen Fahrten die Zeit zu vertreiben. Essen und Schlafen gehört zu den primitivsten, wenn auch vielleicht den gesündesten. Man isst, bis man müde wird und schläft, bis man wieder essen kann. Virtuosen halten sich auf .diese Weise tagelang frisch. Für geistig bedürftigere Naturen gibt es das Anekdotenerzählen. Anekdoten erzählende Schauspieler . könnte man auch Maulturner nennen. Denn auch Turner turnen meist nur zum eigenen Vergnügen. So auch die Anekdotenerzähler. Sie plaudern, je nach Vorrat, ihre Anekdoten — z B. zwischen Hamburg und Breslau — fünf- bis sechsmal herunter, amüsanterweise die Reihenfolge und manchmal auch die Pointen — soweit vorhanden — wechselnd und kommen so geistig frisch am Endziel der Reise an. Indessen geht der Kreis der Zuhörer ungestört seinen eigenen Beschäftigungen nach. Jawohl,ungestört!, 'denn ein Maulturner weiss, dass, wenn er wirklich Aufmerksamkeit verlangen würde, er sein Leben in Gefahr brächte. Nur manchmal erwischen sie ein Opfer, junge Schauspieler, greenhorns, die gehemmt sind durch Uneriahrenheit und Höflichkeit. Voll Spannung folgen, sie der ersten Serie der ihnen noch unbekannten Geschichten, voll Staunen hören sie dieselben gleich darauf zum zweiten Male und lassen sich dann (ein D-Zug bietet nur geringe Möglichkeiten zur Flucht) willen- und hoffnungslos =S^=F fertigmachen. Dann aber scheuen diese gebrannten Kinder das Feuer, in dem sie zu erfahrenen Gastspielschauspielern reiften. Am verbreitetsten aber ist der Ruddelsport. Ob weibob männlichen Geschlechtes erfreuen sich die Ruddler am Klatsch. Wie beim „catch as catch can" ist jeder Griff erlaubt. Keiner ist vor ihnen sicher, aber keinem tun sie ernsthaft was zu Leide. Denn auch sie begnügen sich meistens mit variiertem Widerkäuen oller Kamellen, wissen selten Neues zu berichten und können in ihrer Genügsamkeit spielend Hunderte von Kilometern verruddeln. Sie sind eine Abart der oben beschriebenen Maulturner, nur sind sie nicht Einzelgänger. Sie treten in Rudeln auf (vielleicht daher das Wort?). Ihnen verleiht erst die Gemeinschaft, das heisst — um im .Bilde zu bleiben — die Maulturner-Riege den rechten Schwung. Diejenigen aber, denen auch die längste Fahrt zu kurz erscheint, die Riesenentfernungen im wahrsten Sinne des Wortes spielend überwinden, das sind die Skatbrüder. Ungestört von Weib, Kind und sonstigen Hindernissen geben sie sich dem Spiele hin. Rücksichtslos beanspruchen sie die besten Plätze im Kupee für sich, rau- . eben und schimpfen gewaltig, reizen sich, ihr Spiel und die mitreisenden Kollegen, halten ausführliche Leichenreden, unterbrechen nur unwillig das Spiel, wenn Hunger oder das Gegenteil es erfordern, und sind bitterböse, wenn die Fahrt schon nach 13 Stunden zu Ende ist. Immer sitzen sie dann gerade in einer Bockrunde, gerade hat einer „endlich" eine gute Karte oder es wurde just ein Rekontra gegeben. Sie waren während der langen Fahrt weit weg von den harten Realitäten des Lebens, sie weilten in einer Welt, wo nur Pik, Herz, Kreuz und Karo Geltung haben, wo man sticht, ohne zu verletzen, wo 'man mutig Farbe bekennt, wo man zu seinem Wort stehen muss und passt, wenn man nicht mehr reizen kann. Sie finden schwer zurück in den so ganz anderen Alltag, dem sie kofferschleppend beim Verlassen des Waggons entgegengehen, und man erkennt sie an ihrem melancholischen Ausdruck gefallener Engel. Erstaunlich ist, dass diese so verschiedenen Typen nicht etwa feindliche Parteien bilden, sich durchaus nicht einander in den Haaren liegen, wie man leicht meinen könnte. Im Gegenteil! Wie es in kinderreichen Familien der Fall ist, dass verschieden veranlagte Sprösslinge trotz oft gegensätzlicher Neigungen durch das Band der Familie zusammengehalten werden, so hier. .Gemeinsames Schicksal und. gemeinsame Arbeit erzeugen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zu einer Verträglichkeit führt, die nicht alltäglich ist. Kommt man nun nach langer gemeinschaftlicher Fahrt am Spielort an, so schlägt die wehmutsvolle Trennungsstunde. Denn nun wird man einzeln in seine Quartiere verfrachtet. — Die beschränkten Mittel der Kulturbünde gestatten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen eine Unterbringung im Hotel. An ihre" Stelle tritt die grosszügige, liebenswürdige und (ich getraue es mir zu sagen) rührende Gastfreundschaft der Juden. Man kommt also mit seinem Zuge an und wartet, wohin einen das Schicksal führen wird. Im allgemeinen geht das so vor sich, dass man von dem ortsansässigen Kulturbundvorstand einen Zettel in die Hand gedrückt bekommt, worauf Adresse, Name und Verkehrsverbindung der Leute, dei einen aufnehmen wollen, verzeichnet stehen. Manchmal finden sich auch die „Muttis" hchstpersönlich an der Bahn ein und holen sich ihre Pflegekinder selbst ab. In Orten, in denen man zum erstenmal spielt, sich also gegenseitig noch nicht kennt, beginnt erst ein vorsichtiges Einander-Beschnüffeln. Der gute Wille zum Verstehen ist von beiden Seiden da, durch Gastfreundschaft von der einen Seite und ehrlich .dankbare Annahme von der anderen Seite fundiert. So betrachtet man sich gleichsam mit wohlwollendstem Misstrauen. Nun heisst es, die gegenseitige Wellenlänge zu finden, auf der man sich ohne Störung verständigen kann. Das ist nicht immer ganz einfach. Man wechselt erst einmal belanglose Sätze: Woher man kommt, wohin man geht, über das Wetter und dergl. Solch ein harmloses Präludium ist meist recht atrlschlussreich für beide Parteien, und man weiss dann schon so ziemlich sicher, ob man sich „koscher" ist oder nicht. Wieviel schwieriger für die Hausfrau aber ist es zu erfahren, ob der Gast koscher isst. Nervöse Gespräche über Diät und ums Essen herum sind für den Routinier ein Zeichen, dass diese rituelle Frage geklärt werden möchte. Und er klärt sie dann. Klugerweise schützt man im allgemeinen gleich nach der Ankunft Müdigkeit vor, begibt sich in die einem zugewiesenen Gemächer und lässt so sich und dem Anderen Zeit, die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten. Die erste gemeinsame Mahlzeit gibt dann weiter Gelegenheit,, sich näherzukommen. Man lernt alle Mitglieder der. Familie kennen; die Bilder an der Wand, den Inhalt des Bücherschrankes und die Musik, die man im Hause liebt, geben interessante Aufschlüsse. Die letzte Fremdheit aber schwindet nach der Aufführung des Stückes. Denn nun hat man ein gemeinsames Erlebnis zu besprechen. Es. beginnt die gegenseitige Kritik. Denn auch das Publikum ist gut und schlecht. Es kann leicht vorkommen, dass der Schauspieler ausgezeichnet war, während das Publikum durchgefallen ist. Im allgemeinen aber, das muss betont werden, ist das Publikum sehr gut und vor allen Dingen dankbar. Die Aufführungen des Kulturbundes sind oft die einzigen Zerstreuungen, die den Juden in kleineren Städten geboten werden, und sie wissen das zu schätzen. Ihr Interesse hört nicht nach der Aufführung auf, sie leben das Stück weiter und interessieren sich für das Theater überhaupt. Und das führt oft zu den komischsten Fragen, die mit so minutiöser Pünktlichkeit immer wieder gestellt werden, dass man sie einmal grundsätzlich beantworten muss. Frage: Sagen Sie mal, Sie lernen doch diese grossen Rollen nicht ganz auswendig? (Auf die sehr entschiedene Bejahung:) Machen. Sie doch keine Sachen,' Sie haben doch eine Souffleuse, der brauchen Sie doch nur nachzusprechen!. . Antwort : Der Schauspieler lernt in mehr oder-weniger bitteren Stunden seinen Text wörtlich auswendig. Während der Proben, die sieh oft wochenlang hinziehen, übt er jeden einzelnen Ton und Satz,'bis mit Hilfe des Regisseurs das Ganze zu einem einheitlichen Gebilde wird; die Souffleuse ist nur für den Notfall da. Frage : Wenn Sie nun heute ein Stück spielen und morgen ein anderes, passiert es Ihnen dann nicht, dass Sie plötzlich Sätze aus der anderen Rolle sprechen? Antwort: Ich habe nie von so etwas gehört; w-enn es aber mal passieren sollte, dann marsch, in die Nervenheilanstalt! Frage : Küssen Sie eigentlich richtig auf der Bühne? Antwort: Ja! Aber der Kuss auf der Bühne ist wie der Schlag auf der Bühne: sine ira et studio. Mit Ausnahmen — mit Ausnahmen! Frage: Kriegen Sie nun eigentlich richtigen Wein auf der Bühne, wenn er im Stück vorgeschrieben ist? Antwort: Alle Weissweine sind dünner Tee, alle Südweine starker Tee oder schwacher Kaffee, alle Rotweine Limonade, Sekt Brauselimonade oder, bei besonders festlichen Gelegenheiten Fruchtsekt. Austern sind Austernschalen mit Flammeri, Kaviar Pflaumenmus, und Gänse, Hühner, Enten und sonstige schöne Braten. Pappe (Pappe!): Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser klaren Beantwortung viel Gesprächsstoff raube, aber wenn man jahrelang dasselbe gefragt wird, entsteht das Bedürfnis, w wenigstens das Wichtigste einmal im grösseren Kreise zu beantworten. In den Orten nun, wo man schon öfters war, oder Wo man regelmässig spielt, liegen die Dinge ganz anders. Dort ist man „Stammkunde", dort freut mau sich schon gegenseitig auf das Wiedersehen. Dort hat man die Kinderkrankheiten der ersten Bekanntschaft längst überwunden. Die gegenseitige Bereitschaft ist nun nicht mehr unpersönlich, sondern durchaus persönlich geworden. Man hat Freundschaft miteinander geschlossen und braucht nicht mehr „Konversation" zu machen. Der Schauspieler, der durch seinen Beruf zum Zigeunerdasein verurteilt wurde, hat, wenn manchmal auch nur für Stunden, Tage oder; Wochen, ein Zuhause, ein Heim, in dem er sich' äusserlich und innerlich wohlfühlt. Er kennt die Kinder des Hauses, interessiert sich für ihr Wohlergehen, ist traurig, wenn sie auswandern, freut sich, wenn' gute Nachrichten von ihnen, kommen. Er weiss von dem Geschäft seines Gastgebers, versteht im Herbst den Blick zum Himmel und auf's Barometer, wenn Oefen und Rodelschlitten lagern und verkauft werden wollen. Hat dies und jenes gelernt. Und im Hause weiss man, was er gerne isst, welche Musik er liebt, wie gern er lange schläft und was für Bücher ihm gefallen. Man hat gelernt, dass Schauspieler auch nur Menschen sind, wie alle andern Menschen auch. Vielleicht mit noch mehr, wenn auch manchmal amüsanteren Schwächen. Und 'wenn man sich wieder trennen muss, ist man ein wenig traurig. Und diese Freude auf's Wiedersehen ist ein kleiner Trost für den Kulturbundschauspieler, wenn bei Beginn der nächsten Gastspielreise der Wecker ihn wieder unbarmherzig um 7 Uhr. morgens aus dem Schlafe klingelt. Und das ist schön!!! ,Zweikampf der Liebe* im Kulturbund Rhein-Ruhr „Zweikampf der Liebe" von Scribe, in Julius B a b s Bearbeitung, wurde ein grosser Erfolg für das Kulturdbund-Theater in Köln. Allerdings liegt er bereits im Stück selbst beschlossen, das Theater im eindeutigsten Sinne ist — mit einem nicht gerade grossen Vorwurf, in den Verwicklungen und Auflösungen so geschickt und amüsant eingebaut sind, dass ein kurzw-eiliges, sehr liebenswertes Lustspiel daraus wird.. Dazu gibt es fünf ergiebige Rollen her, deren sich die Schauspieler sichtlich; und spürbar mit Freude angenommen haben. Voran Friedet Münz er, von der Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit, die wir .an ihr kennen. Dazu scheint sie diesmal einen leicht privaten Uebermut zuzusteuern, der sie, ohne dass sie dadurch die Linie der Inszenierung störte, schauspielerisch noch hebt Von ihren männlichen Partnern sei zuerst Klaus Brill genannt, der den Henri de Flavingneul mit soviel Charme und sicherem Anstand ausstattet, dass man diese frische Leistung als vollkommen bezeichnen darf. Anneliese Töpfer als seine Gegenspielerih. Leonie ist temperamentvoll und schön. Alfons Finks Grignon war wieder die wunderschöne Mischung von Güte und Komik, die allen seinen, Figuren den tiefen, versöhnlich-menschlichen 'Gehalt gibt. Den Präfekten Montrichard spielte Ben Spanier, der auch für die Regie zeichnete. Seine-Szenen mit der Gräfin waren schauspielerisch - eindrucksvolle Momente. Das Bühnenbild war einfach und von Egon Marcus den Vorgängen angepasst. L. S.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.