Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1938-03-10 · 10 (10.3.1938) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
10 (10.3.1938)
Date
1938-03-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2278191-2278198--12637-2291498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mtkV&m? Nr, 10 Berlin, 10. März 1S38 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitong, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 7721S, Zürich VIII 26363. Bankkonto: Gebr. ArnhoW, Berlin W 8. Die C.*V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellnng erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährl. 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf, Postzeitungsgebühr) zuzügl. IS Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. itxft Hände A. H. In den Atlanten, die man jetzt so häufig in den Händen von Juden erblickt, ist mitunter auch die eine oder andere historische Karte zu finden, die zeigt, wie in einem bestimmten Zeitpunkte die Grenzen eines bestimmten Landes oder der Einflusssphären gewisser wirtschaftlicher oder politischer oder geistiger Mächte verlaufen sind. Einen besonderen Reiz bietet es dabei, die Entdeckung der Erde neu zu erleben und zu sehen, wie die weissen Flecke immer seltener werden. Die Welt ist verteilt — sagt sich der Mensch mit Genugtuung; die Welt ist verteilt — sagt mit anderer Betonung der suchende jüdische Mensch. Und er blättert weiter und sucht und stösst auf eine sehr merkwürdige Zeichnung. Da geht quer Ein erster Schritt Ergebnisse der Wanderiingskoiifereira beim Internationalen Arbeitsamt üimmimmimtmiuiUüi: Landesverband Gross-Berlin des Jüdischen C.-V. Der für den 10. März angekündigte dritte Vortragsabend muss •wegen Erkrankung eines Referenten Terschoben werden. Neuer Termin wird bekanntgegeben. durch das Kartenbild der westlichen Welt eine Linie, und als Erläuterung ist zu .lesen, dass am 7. Juni 1494 Papst Alexander VI. als Schiedsrichter zwischen Spanien und Portugal den Vertrag von Tordesillas herbeigeführt hat. Durch ihn ist die neue Welt zwischen Spaniern und Portugiesen derart verteilt worden, dass alle entdeckten oder noch zu entdeckenden Länder diesseits der Linie portugiesisch, jenseits spanisch sein sollten. Und wenn der aufmerksame Leser dann nachschaut, was aus dieser für die Ewigkeit gedachten Regelung geworden ist, findet er zwar noch sehr starke kulturelle Nachwehen jenes Schiedsspruches, insbesondere im Hinblick auf die Sprache, aber kaum noch politische Reste. Und der Jude, den auf seiner Suche mitunter der Wunsch ergreift, es möge jemand aufstehen, der in der Welt allgemeines Ansehen besässe, und feierlich proklamieren, wie und wo Juden unterwegs zur Rulle kommen könnten und von immer neuen Erschwerungen und Einschränkungen liest, wird den Atlas nachdenklich, aber keineswegs resigniert, beiseite legen. Er wird an seine Tagesarbeit gehen und an die Vorbereitung seiner persönlichen Lebensplanung. * Das T^mpo der geschichtlichen Entwicklung hält mit der Steigerung unseres allgemeinen Lebenstempos durchaus Schritt! Jene Regelung aus dem Jahre 1494 hat immerhin eine geschichtlich wahrnehmbare Zeit gedauert, ehe sie langsam zerfiel. Die Balfour-Deklaration hat im vergangenen Jahre ihren 20. Geburtstag erlebt; schon meinen manche, in diesem Jahre sei ihr erster Todestag zu begehen. Nun, welche Datierung man auch vorziehen mag, ob Geburtstag oder Todestag — und ganz sorgfältige Menschen werden auch noch die Monate zählen, seitdem, der Peel-Bericht erschien und von der englischen Regierung zur Grundlage ihrer Palästinapolitik erklärt worden ist, noch Sorgfältigere, wie kurze Monate vergangen sind, seitdem dieser Standpunkt wieder verlassen worden ist, — das Land, um das all diese Daten kreisen, ist lebendig und lebensvoll und lebensfähig, Am 7. März hat die vom Internationalen Arbeitsamt auf Initiative der südamerikanischen Staaten hin einberufene „Expertenkonferenz zum Studium der internationalen Zusammenarbeit zur Förderung der landwirtschaftlichen Siedlung und Wanderung", von der wir in der vorwöchigen C.-V .-Zeitung berichteten, ihre Arbeiten beendet, nachdem es in einer arbeitsreichen Woche unter Vorsitz des holländischen Vertreters R. A. Verwey gelungen war, Einmütigkeit über die vorzuschlagenden Massnahmen zu erzielen. Die von den Experten vorgeschlagene Konvention zur internationalen Zusammenarbeit behandelt in zwölf Paragraphen alle die landwirtschaftliehe Siedlung'und Wanderung betreffenden Fragen äusserst eingehend. Es ist daher hier nur möglich, auf die Hauptpunkte kurz hinzuweisen. Der erste Teil des Konventionsentwurfes'befasst sich mit den technischen Massnahmen,, die von den Aus- und Einwanderungsländern gemeinsam getroffen werden können, um dem Auswanderungslustigen einen Ueberblick über die zur Verfügung stehenden Ländereien, die benötigten Kapitalien, die gesetzlichen Vorschriften usw. zu geben. Es sollen zur Erleichterung dieser Aufgabe, den Auslandsvertretungen der betreffenden Staaten sachverständige Berater für diese Fragen beigegeben werden, soweit dies noch nicht der Fall ist. Die privaten und sonstigen Kolonisationsgesellschaften (wie zum Beispiel die ICA, die in dem vorbereitenden Bericht des Arbeitsamtes mehrfach lobend erwähnt wird) sollen in ihrer Tätigkeit ermutigt werden und sollen auch die Unterstützung, der interessierten Staaten bezüglich der Finanzierung finden. Die Siedlungen selbst sollen aufs sorgfältigste vorbereitet werden, damit den Siedlern ein Höehstmass an Sicherheit und Erfolgsmöglichkeit geboten wird, wobei es als selbstverständliche Voraussetzung betrachtet wird, dass die Auswanderungsländer eine sorgfältige Auswahl der Kandidaten treffen. In ihrem zweiten Teil befasst sich die vorgeschlagene Konvention mit den finanziellen Hilfsmassnahmen, die zugunsten der Auswanderungslustigen getroffen werden können. Ausser den direkten Massnahmen, wie zum Beispiel der Befreiung von den Visa- und Landegebühren, Steuerbefreiung in gewissen Grenzen, schliesslich auch der Gewährung von Personalkrediten, sollen auch eine Anzahl indirekter Massnahmen getroffen werden; so sollen zum Beispiel den Käufern landwirtschaftlicher Betriebe, die die Auswanderer in ihren Heimatländern aufgeben, Hypothekarkredite zur Verfügung gestellt werden, die es dem Käufer gestatten, dem Auswanderungslustigen den vollen Kaufpreis sofort auszuzahlen. Ebenso sollen auch nach einer gewissen Anzahl von Jahren die von den Siedlern den Kolonisationsgesellschaften geschuldeten Restkaufsummen in langfristige Hypotheken umgewandelt werden können, um die Gesellschaften eher wieder in den Besitz flüssiger Mittel zu bringen, die ihnen eine Fortführung ihrer Unternehmungen und die Ansetzung neuer Siedler gestatten. Bei allen diesen Finanzmassnahmen ist. die Unterstützung der interessierten Staaten vorgesehen, die bis zu einer Staatsgarantie für die vorzunehmenden Transaktionen gehen kann. Alle diese finanziellen Transaktionen sollen auch ausserhalb der direkt interessierten Länder soweit als möglich durchgeführt werden, wobei auch daran gedacht ist, Kredite in dritten Ländern aufzunehmen in den Fällen, in denen die Deviseiüage einzelner Auswanderungsländer es nicht gestattet, die Kapitalien der Auswanderer direkt zu transferieren oder durch einen gesteigerten Handelsverkehr auszugleichen. Zur Durchführung und Ueberwachung aller dieser Massnahmen, die hier nur kurz angedeutet werden konnten, sollen in den beteiligten Ländern gemischte Expertenkommissionen ins Leben gerufen werden. Ausserdem soll aber auch eine „Ständige Internationale landwirtschaftliche Wanderungskommission" ins Leben gerufen werden, deren Aufgabe es vor allem sein soll, die landwirtschaftlichen Wanderungen zu überwachen und zu leiten. Durch eine zehnprozentige Sondersteuer auf die Gewinne aus ländlichen Bodenverkäufen soll ein Fonds geschaffen werden, der es dieser internationalen Kommission gestattet, die Wanderungen auch finanziell zu unterstützen, indem sie beispielsweise die Kosten der Seereise ganz oder zum Teil übernimmt, während die Kosten für die Reisen in den beteiligten Ländern von diesen getragen werden sollen. * Man kann diesen Ausgang der Expertenkonferenz nur mit ehrlicher Freude begrüssen, wenn es auch vorläufig nur Vorschläge sind, die gemacht wurden. Die Juni-Tagung des Verwaltungsrates des Internationalen.. Arbeitsamtes wird sich nun ihrerseits mit diesen Vorschlägen zu befassen haben. Danach wird es Sache der beteiligten Staaten sein, durch Ratifizierung der Konvention und^rlass der entsprechenden gesetzlichen Vorschriften diese Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen. Trotzdem es also wohl noch geraume Zeit dauern wird, bis die Auswanclerungslustigen aller Länder die Auswirkungen der heute gefassten Beschlüsse spüren können, daTf nicht vergessen werden, dass ein erster und entscheidender Schritt getan ist. Nun wird man auch Mittel und Wege finden, das Problem selbst anzupacken und einer Lösung näherzubringen. Auf dieser Konferenz waren nur die direkt beteiligten Staaten vertreten; es ist zu hoffen, dass auf einer späteren Konferenz auch die finanzkräftigen nicht direkt beteiligten Staaten vertreten sein werden, damit dem ersten weitere Schritte folgen können. wenn man es nur leben lässt, und ihm die dafür notwendige Form gibt. Wenn diese Zeilen in die Hände unserer Leser kommen," ist die Sitzung schon beendet, die das Aktionskomitee der Zionistischen Weltorganisation in London eben abhält. Man wird dann wissen, welche Mitteilungen Weizmann seinen Mitarbeitern über die neuerlichen Absichten der englischen Regierung gemacht hat, welche jüdische Stellungnahme er seinerseits empfiehlt, und zu welcher Entscheidung sich das Aktionskomitee durchgerungen hat. Ein neuer Oberkommissar ist im Lande. Manch-' mal ist, auch wenn nichts wesentlich Neues geschieht, mit einem solchen Personenwechsel ein psychologischer Stimmungsumschwung verbunden, der bis zum Augenblick unlösbar scheinende Verwicklungen sich fast von selbst entwirren lässt. Wenige Tage nach der A.-C.-Sitzung wird das Administrative - Comitee der Jewish Agency zur gleichen Tagesordnung Stellung zu nehmen haben. Beide Gremien sind in aller Form an die Züricher Beschlüsse gebunden, deren Voraussetzung, der Peel- Bericht, fortbesteht. Aber unabhängig davon hat sich die jüdische Haltung und Stimmung in der Welt zur Palästinafrage als ein so wesentlicher Faktor für die Stärkung oder die Schwächung der jüdischen Position erwiesen, dass man auf ihn sorgsamer als während der Züricher Tagungen und danach achten musste. Es ist sicherlich richtig, dass man die Palästinafrage nicht zu sehr durch zeitliche Schwierigkeiten und akute Bedingtheiten verwirren lassen darf. Auch der Druck der Massen, die in das Land wollen oder müssen, darf nicht dazu führen, eine dauernde Schwächung der politischen und moralischen Gesamtsituation um einer Augenblicksentlastung willen hinzunehmen. Man ist versucht, an den berühmten Satz von Anatol France zu denken: Das Gesetz in seiner majestätischen Unerbittlichkeit verbiete Armen und Reichen gleichermassen, Brot zu stehlen und unter Brückenbögen zu schlafen. So sollten theoretisch alle Juden, die Palästina bejahen, einheitlich zu ihm stehen, ob sie nun in Ruhe und Behaglichkeit in ihren Wohnländern leben, und die Wanderungsfrage lediglich als ein Problem der andern Juden ansehen, oder ob man zu eben diesen andern Juden zählt. Der Mensch will Brot haben und will nicht unter Brückenbögen schlafen. Man soll von keinem Menschen Uebermenschliches verlangen, auch von keinem Juden. Die Männer in London sind Sachwalter einer politischen Lage und Treuhänder einer jüdischen Idee. Es geschieht selten im Leben der Menschen und Völker, dass sich politische Realität und ideeliche Forderung völlig decken. Man muss wissen, welches von beiden im bestimmten Augenblick überwiegt. Die Männer in London sollen es wissen. Sie müssten ebenso die Stimmen der Juden aus den Park-Avenuen wie aus den Gassen im Ohre haben, wenn sie Beschlüsse fassen, die für die Menschen im Lande Palästina und für die, die noch h|nwollen, wichtig sind. Der Gedanke vom ewigen Bund ist eine den jüdischen Menschen vertraute Vorstellung, und es ist sicherlich notwendig, auch an das Künftige zu denken. Aber wer Geschichtsatlanten und -tab eilen und diplomatische Aktenstücke durchblättert, weiss, dass in der Welt der Tatsachen „ewig" etwas anderes bedeutet, als im Glaubensbezirk; Die Mähner in London Die Aufsätze: Friedrich S. Brodnitz: New-Yorker Tagebuch — Werner Bukofzer: Das Gesicht aus der Tiefe, .Erzählung — Micha Michaiowifz: Jüdische Kundschafter— Fritz Melchior-. Gastspiel, Reisen und Quartiere — S. Guggenheim: Die Jüdische Gemeinde in Offenbach — Auswanderung und Ueberseesiedlung Die Beilagen: Die Wanderung — Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau — Sportblatt — Die Jüdische Gemeinde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.