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Central-Verein-Zeitung · 1938-02-24 · 8 (24.2.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
8 (24.2.1938)
Date
1938-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XVII. Jahrgang / Nr. 8 Berlin, 24. Februar 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag. Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung}: Berlin W 15, Emser Str. 42. Fernspr.: 923141—45. Telegr.-Adr.: Central elauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prap 77218. Zaricl» VII i -J6HH3. Bankkonto: Gebr. Arnhold, Berlin W 8. Die C. V.-Zeitung erseheint wöchentlich am Donnerstac. Redaktionsschluß: Dienstag. 'Bestellungen nimmt jedes Postarat und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebührp.o durch den Postboten erbebt. Bezugspreis viertelj.ihrl. Sl RoF. (einschl. 22,74.Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüsl. 18 Hpf. Bestellgeld. Für Ausland viertelj.r'hr!. 2.30 RM;umgerechnet in die Landeswährung: emsch.!. Zusteligeturlnen Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.j. Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od/Rückvergütung der gezahlten Beträge, — Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesr> mm Zeile 20 Rpf . f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familieaanzeigen IS Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahlt— Anzeigenschluß: Dienstag. Platz-u. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Von unserem K.J.R.-Sonderberichterstatter Buenos Aires, 18. Februar. (Durch Luftpost) Nachrichten über Einwanderungsgesetze, meist aber Einwanderungsbeschränkungen, sind fast der einzige Reflex, der aus Südamerika in die jüdische Presse hinüberdringt, und die Zusammenhänge, deren Kenntnis für die jüdische Auswanderungspoliiik oft von entscheidender Bedeutung sein kann, bleiben für die Oeffentlichkeit zumeist im Dunkel. Ein gutes Beispiel hierfür bilden die Vorgänge in Ecuador, die kürzlich gemeldet wurden. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass durch ein Regierungsdekret die nach Ecuador eingewanderten Juden binnen 30 Tagen das Land verlassen müssten. Dann hörte man von Bemühungen, eine Milderung dieses Erlasses herbeizuführen, und schliesslich blieben die Nachrichten ganz aus. Ein paar Wochen später wieder aber hiess es plötzlich, das Ausweisungsdekret sei zurück* gezogen. Diesem Sachverhalt, der leicht den Eindruck einer ziellosen Politik entstehen lässtj lagen in Wahrheit gewisse, durch die Struktur der Jüdischen Einwanderung nach Ecuador bedingte Vorgänge zugrunde. Die ecuadorianische Regierung hatte sich, in den letzten Jahren zu der jüdischen Einwanderung durchaus positiv gestellt. Mit ihrem Einverständnis war ein gewisses Komitee gegründet worden, das die Einwanderung im Interesse der Besiedlung bestimmter Landesteile fördern sollte. Von Regierungsseite wurde eine Ansiedlungskonzession erteilt, die aber wohl in mehrfacher Hinsicht nicht günstig war und schliesslich zurückgezogen wurde. Inzwischen aber hatte das erwähnte Komitee eine Anzahl von Juden ins Land gebracht, die, anstatt sich als Sied- (:;^;!hHi!niiii!i«:Miii!!ii«»HiiiMUiiiminiiiimHnii»iiii!iiiHHiMMHniHiiiiMiJHiiH\iiniiiiiiii Der jüdische Publizist Zwiegespräch Alfred Hirschberg—Kurt Loewenstein Jüdisches Lehrhaus Berlin, Donnerstag, 24. Februar, 20.30 Uhr, Brüdiervereinshaus, Kurfürstenstrasse 115/16. ler zu betätigen, in der Hafenstadt des Landes, Guayaquil, oder in der Hauptstadt Quito blieben. Dieser Sachverhalt löste in den massgeblichen Kreisen zunächst Widerstand und dann Aktivität gegen die jüdische Einwanderung aus. Die Einwanderer waren mit der Behauptung, sich landwirtschaftlich betätigen zu wollen, ins Land gekommen, hatten aber städtische Berufe ergriffen, so dass der Eindruck einer Täuschung der Behörden entstehen musste — ein Sachverhalt, auf den wohl jede südamerikanische Regierung empfindlich reagieren würde. Jüdischen Auswanderern kann aus individuellen und allgemein-jüdischen Gründen von einer Einwanderung auf einer solchen Basis nicht dringend genug abgeraten werden. Am 18. Januar 1938 wurde schliesslich von dem Präsident-Diktator ein Dekret unterzeichnet, wonach binnen 30 Tagen alle Emigranten jüdischer Abstammung des Landes verwiesen werden sollten. Diese :Anordnung, die etwa 300 Personen, darunter wohl zahlreiche Juden aus Deutschland, betroffen hätte, wurde der Oeffentlichkeit übergeben, vielleicht aber nur zu dem Zweck, als Warnung oder auch als Versuchsballon zu dienen. Eine Veröffentlichung in dem amtlichen Verkündigungsblatt, dem „Registro Oficial", erfolgte jedenfalls. nicht. Inzwischen wurden von den verschiedensten Seiten Bemühungen gegen das angekündigte Dekret unternommen. Sovvohl die Völkerbundsinstanzen und die chilenische Deputiertenkammer vom Auslande her, als auch die regierungstreue Liberale Partei und andere einflussreiche Kreise im Inneren, wandten sich gegen das Dekret, und auch von jüdischer Seite her versuchte man unter Leitung der HICEM, die mit einer etwaigen Durchführung des Dekrets verbundenen Härten abzuwenden. Und schliesslich, in den ersten Tagen des Februar, gab die Regierung offiziell bekannt, dass ihre Pläne sich nur gegen die Auswanderer richteten, die mit fälschlichen Angaben über ihre beruflichen Ziele ins Land gekommen seien, dass man aber auch gegen sie nicht vorgehen werde, wenn sie reelle, dem Lande nützliche Geschäfte betrieben. Bei der Prüfung der Verhältnisse jedes einzelnen Falles werde man ohne Rücksicht auf Religion oder Abstammung vorgehen. Das Dekret vom 18. Januar werde nicht in Kraft treten. Die neue Lage in Ecuador zeigt also einwanderungspolitisch in abgemilderter Form die gleiche Tendenz wie das ursprünglich geplante Dekret, trägt aber keine besondere antijüdische Note mehr, die ja in dieser Form für den südamerikanischen Kontinent ein ernstes Symptom dargestellt hätte. Wie man hört, befindet sich ein neues Einwanderungsgesetz in Vorbereitung, das, wie gut informierte Kreise wissen wollen, auch hinsichtlich der Behandlung der jüdischen Einwanderung befriedigend sein soll. Danach wird entscheidend für die Zulassung oder das Verbleiben eines Einwanderers sein, ob er wirtschaftlich und beruflich dem Lande nützt; die Entscheidung im Einzelfalle wird der Verwaltungsbehörde, nämlich dem Chef des Staatlichen Einwanderungsamtes, überlassen bleiben, gegen dessen Spruch eine Berufung an den Minister des Inneren möglich ist. Es scheint somit, als ob die Einwanderungsverhältnisse in Ecuador nach einer vorübergehenden Krise einer Konsolidierung zustreben. Darüber hinaus sind die Bestrebungen zur Schaffung einer den gesetzlichen Anforderungen entsprechenden, von den Behörden anerkannten Vertretung der Judenheit im Gange, so dass vielleicht mit einer anhaltenden Klärung in den Verhältnissen der in Ecuador ansässigen und noch einwandernden Juden gerechnet werden darf. Unser Platz in der Jüdischen Arbeit Eine Veransi&Itting des Jüdisel&en Central-Vereins in Berlin. Der Jüdische Central-Verein hatte im Rahmen seines- Berliner Winterprogramms zu einer Veranstaltung in den Berliner Brüderverein geladen, und fast tausend Menschen waren diesem Ruf gefolgt. Lange vor Beginn waren der grosse Saal, seine Empore und ein Nebensaal, in den Uebertragung durch Lautsprecher vorgesehen war, überfüllt. Das Orchester des Jüdischen Kulturbundes Berlin unter Leitung von Kapellmeister Rudolf Schwarz schuf mit Händeis „Concerto grosso op. 6, Nr. 1" den Auftakt. Dann nahm der Vorsitzende des Jüdischen Centrai- Vereins, Dr. Herzfeld (Essen), das Wort zu einer Begrüssung. Er sprach von den Schwierigkeiten der jüdischen Arbeit, die sich in den letzten fünf Jahren nach Qualität und Quantität vervielfacht habe und die nur unter freudiger Einsatzbereitschaft und selbstloser Hingabe aller Mitarbeiter von einem Stab erfahrener Spezialisten zu lösen ist. Diesen komplizierten Apparat aufrechtzuerhalten sei nur dadurch möglich, dass neben dem Steueraufkommen auch noch beträchtliche freiwillige Leistungen erfolgten. Zwei grosse Gesichtspunkte bestimmen jegliche jüdische Arbeit hier: für eine geordnete, planmässige Auswanderung zu sorgen und die Kosten für diesen starken Wanderungsstrom aufzubringen. Er könne nur in seiner jetzigen Stärke erhalten werden, wenn es gelinge, eine jüdische Schicht in Deutschland so leistungsfähig zu erhalten, dass sie die Kosten der Arbeit und die Fürsorge für die Auswanderungsfähigen zu tragen vermag. .Dr. Herzfeld sprach dann von der besonderen Aufgabe der C.-V.-Arbeit: der seelischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Betreuung, die ihm auf Grund seiner Satzung . durch Verabredung mit der Reichsvertretung und den anderen. Organisationen besonders übertragen ist. Erheblich mehr als 30 000 Beratungen habe die Berliner Hauptgeschäftsstelle im Jahre 1937 durchgeführt und etwa 20 Landesverbände haben in etwa 40 grossen Mittel- . Städten, ständig Sprechstunden abgehalten. Dr. Herzfeld schloss mit dem Hinweis, dass mit dieser jüdischen Arbeit alle Juden in Deutschland verbunden seien, teils als Subjekt, das heisst als Mitarbeiter, teils als Objekt, das zu betreuen ist. Dieser Zusammenhang beeinflusse Gang und Effekt der Arbeit entscheidend; jede nervöse Spannung, jede auch nur gefühlsmässige Reaktion auf Tatsachen,. Ereignisse, Mutmassühgen oder Impulse übertrage sich und wirke störend ein. Schon deshalb komme es entscheidend auf die Haltung eines jeden einzelnen an. Es sei keine Zeit zu spekulativen Betrachtungen und optimistischem Planen, aber auch nicht zu einem Pessimismus, der träge und unfruchtbar mäche und hemme. „Nur mit realistischer Nüchternheit und mit dem festen Willen, das, was das Schicksal uns bereitet hat, würdig zu tragen und das Beste daraus zu machen", so schloss Dr. Herzfeld seinen eindrucksvollen Appell, „werden wir das Schicksal, das uns auferlegt ist, meistern und in Ehren unseren schweren Weg gehen". Statt des Stellvertreters des Vorsitzenden, Dr. Kurt Alexander -Krefeld, der wenige Tage vor der Veranstaltung durch das Ableben seiner Gattin in tiefe Trauer versetzt worden war, sprach sodann das Mitglied des Beirats des Jüdischen Centrai- Vereins, Rabbiner Dr. Manfred Swarsensky. Es sei, so begann er, noch nie so schwer gewesen, jüdische Menschen anzusprechen wie jetzt, weil sie erwarten, dass ihnen irgend etwas Neues gesagt werde. Aber es sei kein spezifisch jüdisches Schicksal, dass es heute, in der ganzen Welt mehr Fragen als Antworten gebe. Alle Arbeit, von der gesprochen werden könne, sei eine Therapie, ein Versuch zu heilen und zu helfen. Auch das unermüdlichste Wirken der jüdischen Organisationen könne kein Wunder tun. Wenn die jüdischen Menschen heute noch die gläubige Haltung besässen wie vor hundert Jahren, dann würde man das Leid als nichts anderes ansehen als eine Prüf ung, die von einer höheren Macht den Menschen auferlegt ist, und der moderne Jude würde nicht gegen das Schicksal aufbegehren, wie er es heute oft tut. Abev wir müssten ehrlich sein und zugeben, dass wir diese religiöse Haltung nicht mehr besitzen, Denn wir seien alle Kinder des Jahrhunderts, in dem wdr leben. Als unser Schicksal vor Jahren sich gewendet habe, sei vielen der Zionismus als die Lösung erschienen, weil er ein neues praktisch-konstruktives Ziel aufzeigte. Wenn er auch als eine Entlastung seelischer Art gar nicht hoch genug einzuschätzen sei, so müsse man doch heute sagen, dass gerade viele dieser Menschen jetzt eine starke Resignation erfasst habe, weil sie nur die Möglichkeiten, nicht aber die Grenzen des Zionismus gesehen hatten. Und ebensowenig wie diese die seelische Heimat gefunden haben, sei es denen geglückt, die sich in das Judentum schlechthin geflüchtet hatten. Es habe kurze Zeit den Anschein gehabt, als ob diese Flucht ins Judentum den Menschen eine neue seelische Stärkung bringen würde, aber, führte Dr. Swarsensky aus, wTenn es auch leicht ist, ein Judentum zu lehren, das eine geistig-religiöse weltanschauliche Ueberhöhung des sonstigen Lebens bedeutet, so ist es doch schwer, ein Judentum zu leben, das die Totalität, die Ganzheit des inneren und äusseren Lebens auszufüllen ha*.- Viele sind enttäuscht, nachdem sie gleichsam solche Ausflüge ins Judentum gemacht haben, weil es ihnen nicht Ersatz bieten kann für die Werte geistiger und kultureller Art, die sie einmal besässen. Angesichts eines solchen Krankheitsbildes müsse man die Frage stellen, ob.es überhaupt eine wirkliche Therapie dagegen gebe. Das wichtigste sei zunächst Selbsterziehung und Selbstzucht. Jeder müsse wissen, dass er in seiner inneren wie äusseren Haltung verantwortlich sei für das ganze Schicksal unserer Gemeinschaft. Es sei beglückend zu sehen wie natürlich die jüdische Jugend in Deutschland im Gegensatz zu den älteren Menschen auf das Geschehen reagiere, wie sie sich mit einer freudigen Selbstverständlichkeit den neuen Berufen, dem Handwerk, der Landwirtschaft, den grossen Anforderungen des Spracheniernens unterziehe. Grosse Sorge machten den dazu berufenen Organisationen gerade die intellektuell begabten Kinder. Landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe seien selbstverständlich für Kinder aus allen Häusern, ob arm oder reich, wichtig. Es sei aber notwendig, auch eine natürliche Berufsauslese unter der jüdischen Jugend zu treffen und zu verhüten, dass nun draussen in der Welt wieder eine ^usammenballung von Juden in einigen wenigen Berufen entsteht, die leicht zu sozialen Katastrophen führen könne. Dr. Swarsensky sprach dann von der Notwendigkeit, in stärkerem Masse als früher die Ueoersee Wanderung zu fördern, und wandte sich energisch dagegen, dass man einen Gegensatz zwischen der Wertigkeit einer Palästinawanderung und einer

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