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Central-Verein-Zeitung · 1938-01-27 · 4 (27.1.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
4 (27.1.1938)
Date
1938-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XVII. Jahrgang / Nr. 4 Berlin, 27. Januar 1938 Preis 10 Pf ennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70S44, P ras.77218, Züric-B yill 26363u Bankkonto: Gebr. Ärnhold, Berlin W8. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Diensteg. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung^erfolgt Die Wandlung des Vorderen Orients Von Dr. Fritz Friedlaender Die Fragestellung Grenzt es nicht — so wird vielleicht mancher uns vorhalten — an Selbstaufgabe, wenn wir uns heute um eine ruhige, unvoreingenommene und objektive Würdigung der umwälzenden Vorgänge in der arabischen Welt bemühen? Seit vielen Monaten treffen aus Palästina beunruhigende Nachrichten ein, die von Anschlägen auf jüdisches Leben und Eigentum berichten und von der feindseligen Gesinnung eines grossen Teils der arabischen Bevölkerung des Landes ein niederdrückendes Zeugnis ablegen. Können wir da von unseren jüdischen Mitmenschen, die zur Zeit um das Schicksal ihrer Angehörigen in Palästina bangen, erwarten, dass sie das erforderliche Mass an Objektivität aufbringen, um eine Schilderung der arabischen Machtentfaltung in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit von uns entgegenzunehmen? Wir meinen nun, dass die bewunderungswürdige Disziplin, die die Judenheit Palästinas seit dem Ausbruch der Unruhen bewahrt hat, uns auch darin vorbildlich sein soll, die jüdisch-arabische Frage' in den Zusammenhang des heutigen Weltgeschehens im Vorderen Orient hineinzustellen. Obwohl die vielen Opfer an Menschenleben und Gut, die die Judenheit Palästinas zu beklagen hat, uns eine ruhige Ueberlegung erschweren, sie entheben uns dennoch nicht der Verpflichtung, uns die grundlegende Frage zu stellen, ob die terroristischen Aktionen der arabischen Aufständischen in Palästina nur geringfügige Randstörungen der heutigen arabischen Welt, oder ob sie im Gegenteil charakteristische Willensakte des in einer ungeheuren Umwälzung befindlichen arabischen Volkes sind. Um jene Frage einigermassen zutreffend zu beantworten, ist es notwendig, dass wir uns ein objektives Bild von den heutigen Wandlungen in der Welt des mohammedanischen Orients machen. Vorurteile und Tatsachen Vor allem ist es unerlässlich, die eingewurzelten Vorurteile über die Araber und die Welt des Vorderen Orients, die noch weitverbreitet in den Köpfen spuken, endgültig abzustreifen. Das landläufige Urteil über die Araber hält immer noch eigensinnig an einer Vorstellung fest, die nur für die Zustände dieses Volkes in der Zeit vor dem Weltkrieg berechtigt war. Vielfach haben die Berichte der Palästina- Reisenden, die von der Armut und dem zivilisatorischen Tiefstand der dortigen Araber zu erzählen wussten, das Festhalten an einer längst unzutreffend gewordenen Vorstellung verschuldet. Denn weder der darbende arabische Hafenarbeiter in Jaffa, noch der dürftig lebende Fellache in den Dörfern Palästinas sind Erscheinungen, die für den tatsächlichen Zustand des arabischen Gesamtvolkes irgendwie charakteristisch sind. Die wahrhaft wirkenden Kräfte des arabischen Volkes muss man heute anderswo suchen! Dort nämlich, an der gleichen Stelle, wo einst dieses leidenschaftliche, religiös begeisterte Krieger¬ und Hirtenvolk — scheinbar aus dem Nichts — seinen Lauf in die Weltgeschichte angetreten hat: in der grossen Wüste der sich meilenweit dehnenden arabischen Halbinsel, Hier lebten, in neueren Zeiten bis zur Mitte des Weltkrieges, die einzelnen Araberstämme in primitiven Verhältnissen, die von dem einstigen Glanz dieser islamischen Weltmacht nichts mehr verspüren Hessen. Nicht nur, dass der karge Boden kaum das Notwendigste für den Lebensunterhalt der umherziehenden Nomaden hergab — daran waren sie von jeher gewöhnt —, aber weit schlimmer war es, dass das Gespenst der Zwietracht unter den Stämmen einherging, sie miteinander verfeindete, schreckliche Opfer — Opfer der Blutrache — heischte, und sie so für eine gemeinsame nationale Aktion untauglich machte. Was die Zwietracht der Stämme noch an nationalem Einheitsbewusstsein übrig liess, das wurde durch religiöse Zwistigkeitenunvernünftig zerbröckelt Nur in den Besten des Volkes, so in dem jungen I b n Saud, dem nachmaligen König des inneren Arabien, wirkte die Erinnerung an die einstige Grösse, an die stolze Vergangenheit der geeinigten arabischen Nation lebendig fort. Es~ war ein Beweis für die nationale Zersplitterung und Ohnmacht der arabischen Stämme, dass sie die Oberherrschaft des türkischen Sultans, obzwar widerwillig, ertrugen, obwohl etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts deutliche Anzeichen den drohenden Zerfall des alten Türkischen Reiches ankündigten. Versprechungen Erst der Weltkrieg bot den arabischen Stämmen, die der Souveränität der Hohen Pforte .unterstanden, die einzigartige Gelegenheit, die verhasste Fremdherrschaft der Türken abzuschütteln. Die alliierten Mächte, Engländer und Franzosen, versprachen ihnen, um sie zum Abfall von ihrem türkischen Gegner zu bewegen, das, was sie aus eigener Kraft nicht zu erlangen hoffen durften: nationale Freiheit, und Wiederaufrichtung eines grossen arabischen Reiches. Im Juli 1915 erhielten sie von den alliierten Mächten die Zusicherung, dass im Falle ihres Sieges die arabischen Teile des alten Türkischen Reiches ihre nationale Unabhängigkeit erlangen sollten. Dieser Akt von weltgeschichtlicher Tragweite ist in einem an den Scherifen Hussein von Mekka gerichteten Schreiben niedergelegt worden. Dieses von dem damaligen Hohen Kommissar für Aegypten, Sir Henry MacMahon, verfasste Schreiben hat durch die dehnbare Art seiner Formulierung, die keine endgültige Klarheit brachte, zu entgegengesetzten Auslegungen Anlass gegeben. Die Araber hatten angenommen, dass Palästina einen Teil des ihnen versprochenen Reiches bilden werde. Die Engländer aber wiesen später darauf hin, dass sie in ihrer Zusage gewisse Gebiete Syriens ausdrücklich ausgenommen hätten. Da aber wohlgemerkt zur Zeit des alten Türkischen Reiches Palästina zu der türkischen Provinz Syrien gehörte, sei der Anspruch der Araber auf den ausschliesslichen Besitz Palästinas hinfällig. — Die Westmächte hatten ihre Versprechung an die Araber nicht ohne Grund so ungenau gehalten. Denn schon im folgenden Jahre schlössen England und Frankreich unter sich das sogenannte S y k e s - P i c o t - A b - kommen, demzufolge sie eine Aufteilung der wichtigsten arabischen Länder der alten Türkei vereinbarten. Frankreich behielt sich Syrien vor, während England bereits damals den Erwerb der über Palästina und Mesopotamien führenden Landbrücke nach Indien ins Auge fasste. In Ausführung dieser weltpolitischen Machtpläne schufen England und Frankreich nach dem Zusammenbruch der alten Türkei statt eines unabhängigen arabischen Grossreiches einzelne Mandatsstaaten im Rahmen der Völkerbundsinstitution, die in Wirklichkeit Vasallenstaaten der europäischen Westmächte waren: Syrien, Libanon, Irak und Transjordanien nebst Palästina. Man muss sich noch einmal den Verlauf dieses geschichtlichen Vorgangs vergegenwärtigen, wrenn man die tiefeinschneidende Veränderung in der politischen Gestalt des Vorderen Orients und der Die Budgetkommi.ssion des Sejm behandelte beim Etat des Aussenministeriums das Emigrationsproblem. Der Referent Walewski teilte mit, dass in den Jahren 1926 bis 1936 im Durchschnitt jährlich 18 000 Juden, d. h. 60 Prozent des natürlichen Zuwachses der jüdischen Bevölkerung, das Land verlassen hätten. Er forderte jedoch die jährliche Auswanderung von mindestens 100 000 Juden und schätzte die Zahl derer, die zur Auswanderung gebracht werden müsslen, auf 1 Million. In erster Linie müsse dieser- '•Äuswanderuiigsstrom von Palästina aufgenommen werden, darum sei das Aussenministerium auch, bemüht, die Emigrationsmöglichkeiten dorthin zu steigern. Es müssten aber auch bei der augenblicklichen Einsteilung der Mandatarmacht andere Länder für die Auswanderung erschlossen werden. Im allgemeinen bewegte sich die anschliessende Debatte in sachlichen Bahnen. Das Madagaskar-Projekt würde zwar erwähnt, stand jedoch keineswegs im Vordergrund des Interesses. Dazu mag eine Veröffentlichung der polnischen Zeitung „Epoca" beigetragen haben, in der das Mitglied der Madagaskar-Kommission Leon Alter, Direktor der „Jeas" (Jüdische Emigrationsgesellschaft) das Ergebnis der Reise gewissenhaft prüft. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Ansiedlung aus politischen, geographischen und gesundheitlichen Gründen sich auf ein bestimmtes Gebiet der Insel beschränken müsse. Vor allem müsse man bedenken, dass Frankreich keinesfalls eine Beeinträchtigung der Rechte der malaiischen Urbewohner wünsche und alles vermeiden wolle, was diese zu Gegenmaesnahmen reizen könne. Als geeignetes Gebiet wird der Osten der Insel, die Provinz Amakaizaino genannt, die spärlich besiedelt sei. Das Gebiet wurde von der Kommission nach dreitägiger Autofahrt und zweitägigem Marsch durch den Urwald erreicht. Es ist vollkommen unerschlossen und hat keinerlei Zugang zum Meer. Es ist sumpfreich, so dass die Gefahren der Malaria stark sind. Der Abgeordnete Budzynski schlug in seiner Rede judenfeindliche Töne an. Aber auch er musste zugeben, dass das Auswanderungsproblem nicht nur ein jüdisches sei. Er wies darauf hin, dass in den Jahren 1918 bis 1935 nahezu 2 Millionen Juden ausgewandert seien, davon allein 250 000 im Jahre 1929. Wiederum war es der Abgeordnete Sommer 6 t e i n, der in einer ausführlichen Rede den jüdischen Standpunkt vertrat. Er betonte mit besonderer Eindringlichkeit, dass die Frage in erster Linie vom wirtschaftlich-sozialen Standpunkt und unter gar keinen Umständen von national-religiösen Gesichtspunkten aus betrachtet werden dürfe. Die Normalisierung des jüdischen Lebens sei in Polen wie überall in der Welt die Vorbedingung für eine geregelte und aussichtsreiche Behandlung des Emigrationsproblems. Es sei kein Wunder, dass die jüdische Bevölkerung wenig Willen zur Auswanderung bekunde, da man ihr nicht den Weg zu einer freiwilligen Emigration öffne, sondern eine Zwangsbewegung ins Werk setze. Man müsse bedenken, dass die Palästinawanderung von ideellen Motiven getragen werde. Die Anerkennung, welche die polnische Diplomatie den Bemühungen der Juden um ein eigenes Staatswesen zolle, könne sie damit am besten in der Praxis erweisen, dass sie ihre Bestrebungen zur zwangsweisen Evakuierung arabischen Welt, die sich in der letzten Zeit vollzogen hat, begreifen will. Man kann jenen Gestaltswandei auf folgende einheitliche Formel bringen: Die Neuordnung des Nahen Ostens, die seinerzeit von England und Frankreich diktiert wurde, hat sich in steigendem Masse als unzulänglich erwiesen und nahezu Bankerott gemacht. Aegypten und der Vordere Orient haben den Weg der nationalen Verselbständigung erfolgreich beschritten und den Einfluss der europäischen Westmächte zueiner grossen Zahl von Staatsbürgern mit den tatsächlichen Gegebenheiten in üebereinstimmung bringe. Unter den gleichen Gesichtspunkten hat es der jüdische Parlamentsklub abgelehnt, einer Einladung des Klubs der Landwirte zu folgen, in der über das Palästinaproblem diskutiert werden wird. Am 25. Januar griff der Ministerpräsident Slawoj-Skladkowski bei der Beratung des Etats des Innenministeriums in die Debatte ein und sprach über das Minderheitenproblem in Polen. Die Haltung des Landes gegenüber den Minderheiten, führte er aus, müsse der grossen polnischen Tradition würdig sein. Der Kampf gegen die jüdische Minderheit sei ein Kampf gegen die Uebervölkerung des Landes. Wenn man auch gewisse Auswüchse in der Auseinandersetzung mit den Juden verurteilen müsse, so sei doch zu bedenken, dass bei den Juden die Neigung bestünde, die -wahre Situation zu verkennen. Für den polnischen Bauern müsse ein höherer Lebensstandard geschaffen werden. Das sei nur möglich, wenn ein Teil der ländlichen Bevölkerung in die Stadt übergeführt werde. Da auch der jüdische Bevölkerungsteil seit Jahrzehnten nach einer Steigerung des Lebensniveaus strebe, müsse er für die Regungen der polnischen Bauern besonderes Verständnis haben. Der Mangel an diesem Verständnis sei es, der zu den unerfreulichen Vorkommnissen geführt nahe. Die Regierung habe in dieser Hinsicht kein konkretes Programm. Sie wolle vielmehr die Rechte aller Staatsbürger in gleicher Weise achten. Gegen die Forderungen des „Radau-Antisemitismus" werde man mit aller Schärfe eintreten, ebenso gegen Behandlung des Problems unter Rassegesichtspunkten. * Nachdem im Oktober des vergangenen Jahres zwei der im Przytyk-Prozess zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilten Angeklagten nach Verbüssung einer Strafe von 13 Monaten aus der Haft entlassen worden waren, hat jetzt das Oberste Gericht in W a r s ch au die Berufung der drei jüdischen Hauptangeklagten, Scholem Lesko, Elieser. Kirschenzweig und Isaac Frydmann, geprüft. Die Urteile gegen Lesko und Kirschenzweig wurden bestätigt, das gegen Frydmann, das auf 3Vs Jahre Gefängnis lautet, wurde zur nochmaligen Verhandlung an das Appellationsgericht in Lublin zurückverwiesen. * An-der Warschauer Handelshochschule kam es zu judenfeindlichen Kundgebungen, die sich gegen jene Professoren richteten, welche sich' für die Rechte der jüdischen Studierenden eingesetzt hatten. Der Rektor hat Vorlesungen und Uebungen bis auf weiteres einstellen lassen. In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Drei Jahre in-Charbin— Lotte Siegel: Werfeis „In einer Nacht" — Erika Gütermann: Molnars „Delila" — Fritz Schwarzschild: Gruppenwanderung (Forts.) Die Beilagen: Die Wanderung — Palästina-Umschau — Wirtschaft der Woche — Sportblatt Polens Ministerpräsident über Wanderungsprobleme Debatte im Ausschuss des Sejm

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