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Central-Verein-Zeitung · 1938-01-20 · 3 (20.1.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
3 (20.1.1938)
Date
1938-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XVII. Jahrgang / Nr. 3 Berlin, 20. Januar 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle ("Verlag, Schriftleitong, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheekkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich VIII -26363. Bankkonto: Gebr. Arnhold, Berlin WS. Di,e C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt j:„ j:_ r>„u:;i____j____u j__ri_-i.-i._i____lai r>______----s_ ..:__*«i:^u_i o-i n_r ___r.i n.-iu o_* d__*__n.._____v::u_\____to u.t __.u » CSflUll rnm>».«/il<nni l «-^no. Oer Weg A. H. Die Worte „verstehender Schicksalsverbundenheit aller Kreise unserer Gemeinschaft", die „aufrichtige Anrede an die Herzen, den Verstand, den Willen", die wir vor Beginn der Ratstagung der Reichsvertretnng von ihr neben der Erledigung der sachlichen Tagesordnung erwarteten, sind eindrucksvoll gesprochen worden. Aus den klar gegliederten Sätzen der EntSchliessung, die wir in dem Berichte über den "Verlauf der Ratstagung wiedergeben, tönt die Stimme unserer Gemeinschaft Die formale Legitimation, die Prasidialausschuss und Rat der Reichsvertretung fürsich in Anspruch nehmen durften, für die jüdische Gesamtheit in Deutschland das Wort zu ergreifen, geht in die seelische Einheit über, die in den Minuten, in denen man diesen Aufruf liest, jeden Juden mit seiner Führung verbindet. An einem unbewusst als Einschnitt in den Ablauf unserer Geschichte hier empfundenen Augenblick wird in Worte gef asst was uns alle bewegt Kach langen Jahren des Schweigens schien jetzt die Zeit zu reden. Unsere Sorge und Hoffnung gegenüber der Zukunft ist Stimme geworden. Gewiss, wir werden wieder schweigen und warten. Aber unser Schweigen ist anders, und unser Warten ist anders als zuvor. Eine tiefe Bewegung kann unsere Menschen erfassen, und die lähmende Stimmung, die. so viele erfüllte, kann einer fruchtbaren Spannung weichen. Ohne zukunftsseelig zu werden — denn nichts hat sich in der Aussen weit für uns geändert — wird die Hoffnungslosigkeit bei denen schwinden, die richtig zu lesen verstehen. Selten wird es vorkommen, dass eine Führung, die mit einem Programm vor ihre Anhänger tritt, das, genau genommen, ihr tatsächliches Unvermögen entscheidend zu helfen, offen eingesteht, eine so vollkommene Zustimmung, einen so starken Widerhall, eine so dankbare Aufnahme findet Aber, hier wird von Juden vor Juden und vor der Aussenwelt die moralische Grundposition des Judentums in der Welt wieder einmal klargestellt: machtlos zu sein, aber dennoch die moralische, seelische und geistige Kraft innerhalb seiner Reihen zu bewahren und ihnen den Vorrang selbst in trübster Zeit zu geben. Die lähmende Fremdheit zwischen der Geschichte der Welt und unserem Geschichtsbewusstsein wird so aufgehoben. Kein Stück Weltgeschichte verläuft darum anders. Aber wir haben in ihr wieder unseren jüdischen Standort. Der Aufruf ist auch praktisches Arbeitsprogramm. Er weist jedem sinnvollen Tun in unseren Reihen seinen Platz an, er zeigt, wie kein Teil ohne die Ergänzung durch die anderen denkbar ist. Nichts ist weniger wichtig als das andere, ob manches auch stärker in den Vordergrund tritt oder populärer ist als anderes, weil es unmittelbarer Hilfe auslöst. Die Wechselwirkung zwischen planvoller Auswanderung, die zu tatsächlichen und moralischen Forderungen an die grossen Einwanderungsmächte berechtigt, und Existenzgestaltung hier wird erneut gezeigt. Die Grenzen unsereseigenen Vermögens werden abgesteckt das ultra posse wird sichtbar; unser guter Wille allein genügt nicht. Die klare Sachlichkeit in der Formulierung der mit der Auswanderung zusammen- Mexiko und sein grosser Nachbar Vor ein paar Tagen kam ein Bekannter zu mir, schwenkte eine amerikanische Rundfunkzeitung und rief: „Denk dir, 104 Radiosender gibt es in Mexiko — in so einem kleinen Land!" „Wieso yklein.es Land'?" antwortete ich, und schon griffen wir beide zur gleichen Zeit nach dem Konversationslexikon. Wir waren erstaunt Denn Mexiko hat einen Umfang von fast zwei Millionen Quadratkilometer; genauer 1969 365 Quadratkilometer. Es ist also fast viermal so gross wie Deutschland. Eine Schätzung aus dem Jahre 1935 gibt die Bevölkerung des Landes mit 18 526 358 an. Man muss sich bei jeder Betrachtung über die Lage in Mexiko, also auch bei allen Erwägungen über eine jüdische Einwanderung in dieses Land, vor Augen halten, dass die weisse Bevölkerung ausserordentlich klein ist (10 Prozent); die Zahl der Indianer ist dreimal so gross, die der Mestizen erreicht das Sechsfache. Wenn man eine Parole wie das Schlagwort „Mexiko den Mexikanern" hört, fragt man sich unwillkürlich, wie sich denn dieser Grundsatz bei den diffizilen Bevölkerungsverhältnissen in Mexiko überhaupt verwirklichen lassen soll. Wer sind denn überhaupt diese Mexikaner, denen das Land gehören soll? Die Ureinwohner sind durch Jahrtausende hindurch die Indianer gewesen. Drei Jahrhunderte lang beherrschten die Weissen Mexiko als Kolonie. Heute sind die Mestizen in der Ueberzahl. Unverkennbar stark ist jedenfalls gegenwärtig die Tendenz der Rückkehr, das Bestreben, wiedergutzumachen, was die Unterdrückung der indianischen Rasse mit sich gebracht hat. So ist eine pro-indianische Tendenz entstanden, und die grosse Masse der Mischlinge vertritt diese Bestrebungen ganz besonders stark. Von diesen . Mestizen wird die Gleichheit aller mexikanischen Bürger untereinander allerdings vielfach so betrachtet dass sie selbst den Weissen völlig gleichgestellt sein wollen, ohne freilich die indianische Bevölkerung vom gleichen Gesichtspunkt aus zu betrachten. Man hat die Indianer vielfach in ländliche Gemeinsiedlungen gesteckt, die der ursprünglichen Siedlungsform der Indianer keineswegs entsprechen. Zwar hat man während der politisch labilen Zeit die Indianer als Faktor eingesetzt, immer unter der Parole, aus Mexiko ein indianisches Land zu machen; aber bis dahin ist ein weiter Weg, und wer weiss, ob er überhaupt beschritten werden kann. In dem mexikanischen Bevölkerungsgemisch spielen die Weissen, wie gesagt, eine untergeordnete Rolle. Trotzdem sind gerade in der Hauptstadt Mexiko-City die Weissen vielfach, und oft in hervorragenden Siellungen, anzutreffen. Sie haben so die Möglichkeit, eine andere Strömimg zu fördern, die neben der pro-indianischen besteht: die amerikanische Tendenz. Von jeher ist der Einfluss der Vereinigten Staaten auf die Entwieklungen in Mexiko gross und vielfach entscheidend gewesen. Gegenwärtig ist der Einfluss der USA weniger politisch als geschäftlich. Die grossen Konzerne, die Gold- und Silberminen, die Oelausbeute — all das befindet sich überwiegend in amerikanischem.. Besitz. Die Schlüsselindustrien, eine Vielzahl der lebenswichtigen Betriebe geraten immer mehr in die Hände des amerikanischen Kapitals. Neben diese friedliche wirtschaftliche Durchdringung Mexikos tritt der kulturelle und zivilisatorische Einfluss der Vereinigten Staaten, von Amerika. Presse, Rundfunk, Film, Sport — all das ist schon heute in Mexiko typisch amerikanisch. Der Riesenapparat amerikanischer Unternehmungen greift ohne Schwierigkeiten auf das Land jenseits des Rio Grande über, wobei es ganz natürlich ist, dass die geographische Nähe eine wichtige Erleichterung bedeutet. Das hat zur Folge, dass die spanische Umgangssprache in Mexiko in immer stärkerem Masse anglisiert, amerikanisiert wird. Auf diese Weise gewinnen amerikanische Ideengänge leichter an Raum in Mexiko. Der Einfluss, ja der Druck der Vereinigten Staaten auf Mexiko ist nicht von gestern und heute. Die Einverleibung von Texas, Arizona und Kalifornien sind schlagende Beweise für das wache Interesse, das die USA. an Mexiko haben. Mexiko ist von Norden und Süden von amerikanischem Gebiet begrenzt. Einmal sind es die Südstaaten der USA., das andere Mal ist es Panama, das Mexiko abschliesst Während so die offizielle politische Linie die Rückkehr zum Indianertum proklamiert, während hängenden Fragen sollte späterhin für die dem gleichen Thema gewidmeten Erörterungen der jüdischen Oeffentlichkeit, insbesondere auch in einem Teil der jüdischen Presse, vorbildlich wirken. Artikel Überschriften, auch wenn sie in grossten Lettern gesetzt werden, schaffen nicht die kleinste Einwanderungsmöglichkeit, und dicke Schlagzeilen, die auf „neu entdeckte" Einwanderungsländer hinweisen, können sehr leicht dazu führen, dass sich die Schlagbäume an den Grenzen dieser Länder vor unseren Menschen senken. Früher gab es Leute, die suchten sich die Leitgedanken des Tages, in dem sie mit geschlossenen Augen die Bibel aufschlugen und in eine Seite hineinstachen. Es scheint heute Juden zu geben, die mit geschlossenen Augen auf die Weltkarte stechen und dann das „Einwanderungsland der Woche" ausrufen. Mit solchen Wanderungsparoien schafft man keine Grenzübergangs-Parole Es ist gewiss menschlich sympathisch, wenn jemand privat seine Schwäche zugibt; aber es scheint nicht begrüssenswert, seine persönliche Verwirrung und Ratlosigkeit vor die Oeffentlichkeit zu tragen und mit ihnen die breiteren Schichten unserer Gemeinschaft zu erfüllen oder, das andere Extrem, ganz schwache, mit äusserster Vorsicht zu behandelnde Möglichkeiten fanfarenhaft auszuschreien. Die Psychologie der Auswandernden sowohl als auch der Einwanderungsländer erfordert eine andere Behandlung, die Wanderungsfrage selbst nüchterne, kenntnisreiche Arbeit. Diese seelisch,moralisch, jüdisch fundierte Nüchternheit kennzeichnet unsere Führung. Die Juden Deutschlands vertrauen ihr und sind zu Opfern bereit, um an der Durchführung ihrer Pläne mitzuarbeiten. Sie werden Geduld bewahren, wie es von ihnen verlangt wird, und nicht ermüden, J u d e n z u sein. Denn darin scheint uns im Kern die Antwort auf die Frage zu liegen, weshalb unter solchen Umständen Lebensmut und Selbstachtung von uns gefordert werden: lebensbejahend und bewusst Jude zu sein; ans selbst in unserer gewordenen Art als lebenswert und zukunftsvoll erkennen; uns nicht zählen nach Einfluss, Stellung, Besitz, sondern wägen nach der Kraft die aus uns für die Gemeinschaft entströmen kann; wissen, dass, je weniger an Zahl wir w-erden, um so grösser der Anteil ist, der auf jeden von uns an der grossen Tradition unseres Kreises entfällt; unübersehbar, undurchschaubar eingeschichtet in die Generationenfolge, gewiss sein des Sinnes und des Segens unseres Erlebens für die späteren Geschlechter unseres Kreises, wo auch immer in der Welt sie leben werden. Und darum arbeiten an uns selbst und für das Werk des Tages, solange Kraft in uns ist eine aus Sentimentalität und nüchterner Berechnung gemischte Haltung zur Parole „Mexiko den Mexikanern" führt, erhebt sieh jenseits der Grenze der Schatten des amerikanischen Riesenreiches. Und der Einfluss, der friedliche Einfluss, den die Vereinigten Staaten auf die Bevölkerung Mexikos nehmen, nimmt an Stärke immer mehr zu. Man muss sich darüber klar sein, dass der Druck von jenseits der Grenzen stark genug ist, um auf die innermexikanische Entwicklung erheblichen Einfluss auszuüben. Wir wollen hier kein Werturteil fällen; aber es sei. gesagt, dass die ideologische Unordnung, das Tasten zwischen politischen Doktrinen — das allen süd- und mittelamerikanischen Staaten eigen ist —, in Mexiko durch die Einflussnahrae der USA. stark gemildert wird. Das bedeutet eine Steigerung des Sicherheitsmomentes und ist ein Garant für den Frieden und die Wohlfahrt des Landes. * Die innerpolitischen Gegensätze, die noeh bis vor kurzem mit krasser Deutlichkeit sichtbar waren, sind zu einem grossen Teil auf die soziale Schichtung der Bevölkerung Mexikos zurückzuführen. Trotz aller Re-Indianisierungs-Tendenzen sind die indianischen Bevölkerungsteile in starkem Masse proletarisiert, auch der grösste Teil der Mestizen führt ein dürftiges Leben. Im Gegensatz dazu stehen ein Teil der grossstädtischen Mestizen und Weissen, sowie die Grundbesitzer. Es fehlt in Mexiko der Mitte 1 stand fast vöIiig. Eine stärkere jüdische Einwanderung würde zweifellos hier eine Lücke füllen können. Schon jetzt gehören die jüdisch eh Einwander er Mexikos der Mittelklasse an. Vor einiger Zeit unternahm der New-Yorker Direktor der Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society of America (Hias), Morris Asofsky, eine Studienreise durch Mittelamerika. Neben Venezuela, Curacao, Panama und Guatemala besuchte Asofsky auch Mexiko, um im Auftrag der Hias-Ica die Möglichkeiten für eine jüdische Einwanderung zu prüfen. Aus seinem Bericht ist zu erwähnen, dass die jüdischen Einwanderer in Mexiko verschiedene Industrien eingeführt haben, die früher nicht im. Lande vorhanden waren. Die Zahl der Juden in Mexiko beträgt, nach seinen Angaben, siebentausend. Die aschkenasische Gemeinde hat zwölf Organisationen geschaffen, mit denen die sefardisehen Juden, die etwas eher ins Land gekommen sind, nicht in Berührung kommen. Die aschkenasische Gemeinde in Mexiko besitzt eine moderne Schule, die staatliche Unterstützung gemesst. Der Unterricht erfolgt in spanischer und jiddischer Sprache. Ein Religionsunterricht kann nur privat erteilt werden. Auf Grund der Wirtschaftslage ist die Einwanderung im Augenblick so gut wie gesperrt. Asofsky meint jedoch, dass Mexiko, dem Beispiel der USA. folgend, allmählich zu einer Lockerung der Einwanderungs - Bestimmungen übergehen wird. Seit dem 12. März 1937 ist eine Verordnung in Kraft, die eine Erschwerung der Immigration bedeutet. In dieser Verordnung werden sechs Arten der Einreise unterschieden. Die erste Kategorie sind die Touristen. Sie dürfen nur zur Erholung nach' Mexiko kommen. Es ist ihnen nicht gestattet, einem Erwerb nachzugehen. Ein Tourist darf sich nicht länger als ein halbes Jahr in Mexiko aufhalten; diese Frist wird nicht verlängert Von jedem Touristen wird verlangt, dass er eine Kaution in Höhe von 500 Pesos hinterlegt, die In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Georg Hirschfeld: Simsons Nacht, Erzählung — L. Sachs-Wagner.- Ich sah in Amerika — Lutz Weltmann: Zu Byrons 150. Geburtstag — Biographien aus fünf Jahrhunderten mit Beiträgen von Hans Joachim Schoeps, Ernst Fraenkel, Hugo Lachmanski Die Beilagen: Das neue Buch — Das Blatt der Jüdischen Frau — Wirtschaft der Woche — Palästina- Umschau — Sportblalt —-Schachecke — Der Briefmarkensammler

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