Kinderblatt
- Journal
- Kinderblatt
- Volume
- 1938
- Issue
- 1 (13.1.1938)
- Date
- 1938-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schön. Alles dampft dann infolge der Hitze, und die feuchte Tropenluft ist nicht gut. Aber das kommt selten vor. Heule ist Sonntag und ich habe gleich mal die freie Zeit zum Schreiben benutzt. Nachher wollen wir noch mit dem Wagen wegfahren, um die andern Kolonislenfamilien zu besuchen" und uns mal umzusehen. Es ist ein kleiner Zweiradwagen mit einem Burro davor. Der Burro ist ein Maulesel, sieht aus wie ein Pferd mit langen Ohren, hat aber einen Eselschwanz. Anbei eine eigene Skizze mit Selbstbildnis. Das Grössenverhältnis stimmt nicht ganz, aber ich glaube, dass der Eselschweif besonders charakteristisch herausgearbeitet ist. Ich nehme an, dass Du den Unterschied zwischen Pferde-und Eselschweif nicht genau kennst. Deshalb bitte ich Dich, zur Kenntnis zu nehmen, dass Pferde einen kurzen Stummel haben, eine „Rübe“, an der die Haare sitzen. Beim Esel ist die „Rübe“ länger, was aber nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Diese Bur ros haben einen ulkigen Gang, etwa wie die Esel, und vor dem Wagen erinnern sie mit den Langohren, die hin und her schlagen, lebhaft an Hasen. Sie gehen aber besser, sicherer und ausdauernder als Pferde. Mancher Fazepdeiro (Pächter) ist schon unterwegs eingeschlafen. Aber der Burro bringt ihn schon richtig hin. Diese Tiere sind sehr eigensinnig. Wenn sie einmal einen Weg gegangen sind, wollen sie immer wieder dort lang. Unser „Relogio“ so heisst der eine, will jedesmal, wenn er mit der Milch fährt, erst auf die Fazenda und ist durch nichts zu bewegen, den richtigen Weg einzuschlagen. Man muss dann immer herunter vom Wagen und ihn mit Gewalt um die Ecke ziehen oder auf den Gutshof fahren und wieder runter, sonst ist nichts zu machen. Er stellt sich quer über die Strasse und rückt und rührt sich nicht vom Fleck. Uebrigens habe ich auch reiten gelernt. Es geht schon ganz gut; ich komme von der Stelle und falle nicht herunter vom Pferde. Aber mit den Leuten hier komme ich noch lange nicht mit. Ich habe ein hübsches kleines Zimmer (nur die Möbel fehlen), ein Bett habe ich mir geliehen, abends nehme ich mir einen Stuhl herein und eine Petroleumlampe. Auf dem Gutshof ist alles, sogar Telephon, und wenn ich erst ein eigenes Häuschen habe, werden die Möbel schon nachspaziert kommen. Eben läuft eine Eidechse an der Decke entlang, draussen gibl’s reizende Glühwürmchen, 2 bis 4 cm lange Leuchtstriche und weniger reizende Moskitos. Jedenfalls ist Brasilien das Land, von dem ich schon als Junge geträumt habe als ich Indianergeschichten las. Immer wollte ich Süd-Amerika einmal aufsuchen. Und wenn man nun als Yk erwachsener Mensch auf einmal in seinem Jugendlande mitten lebendig drin steht, so ist das zuerst ein eigenartiges Gefühl. Bevor ich hierher nach Rezende kam, war ich schon lieber im Innern als in den grossen Städten. Das Innere fängt übrigens sofoit an, sobald die Gressstadt aufhört. Eine Stunde von Rio entfernt, ist der Urwald, Brasilien ist das Land der Affen und Jaguare, der Orchideen und wilden Bananen. Als ich zuerst die Wellensittiche in den Bäumen sah, musste ich immer an ein Bild denken, das auf meinem Schulwege in einem Glasergeschäft hing: Papageien auf den Bäumen eines Urwaldes. Manchmal habe ich wohl eine halbe Stunde davor gestanden. Die Strasse war vergessen — ich träumte mich in den Urwald hinein. Und jetzt kann ich wirklich durch diesen Wald gehen. Grosse sämtliche Wellensittiche Deiner Bekanntschaft. Sei selber schön gegrüsst und grosse auch Deine sämtlichen Vorfahren. Dein zwar nicht feiler, dafür aber grosser und netter Vetter Fritz Gail and. Wenn Du das 1. Mal fertig mit Lesen bist, laufe ans Telephon und erzähle Deiner lieben Tante Grete und Deinem lieben Onkel Leo, welches meine lieben Ettern sind, dass Du diesen schönen Brief bekommen hast. Ich nehme an, das Du mein wertes Schreiben mindestens dreimal lesen und gut aufheben wirst. Und das tat Gerda auch Der C .-V .-Zeitung eingesandl von Set ln Cohn-Richter- Zeichnungen von Lilli Szholny ffwm' iw4 hm fönieM OtW E. M-n-yE Ihr wisst doch, liebe Kinder, dass der Ungehorsam und die Widersetzlichkeit gegen Gottes Wort bestraft wird? Und gewiss kennt ihr alle die Geschichte vom Propheten Jona, der des Herrn Befehl getrotzt und statt den Sündern in Ninive Busse zu predigen, aufs Meer hinaus geflüchtet war. Aber Gott liess einen grossen Sturm aufkommen, der sich nur sänftigen liess dadurch, dass man Jona ins Wasser warf. Ihr erinnert euch sicher auch, dass ein Walfisch ihn verschluckte und in seinem Leib beherbergte, drei Tage und drei Nächte lang. Muss das nicht schrecklich für Jona gewesen sein? Als er dann durch Gottes Güte dein Walfischleib glücklich entronnen war, machte er sich auf, um nun endlich in Ninive Busse zu predigen. Und so gewaltig war seiner Rede Wucht, dass die armen Sünder bis ins Tiefste erschraken, sich bekehrten und von Gott Vergebung erflehten für ihr lasterhaftes Tun. Der Herr aber, in seiner grossen Langmut und Geduld, nahm sich der Bussfertigen an und wendete das Unglück, ihre Stadt zu zerstören, gnädig von ihnen ab. Was aber meint Ihr, liebe Kinder, hat Jona dazu gesagt? Es verdross ihn gewaltig, dass nun seine heftigen, niederschmetternden Reden in den Wind gesprochen waren! Da hatte er sich alle Mühe gegeben, Gottes heiligen Zorn in seine Worte zu legen und die Sünder bis ins innerste Herz zu. erschrecken. Warum verzieh ihnen der Herr — warum machte er seine Drohung, die Stadt zu vernichten, nicht wahr? Hatten die Sünder diese Strafe nicht verdient? An seinen eigenen Ungehorsam dachte er wohl nicht; so aufsässig und hoffürlig waren seine Gedanken. Und er ging hinaus vor die Stadt, baute sich eine Hütte und setzte sich nieder, um abzuwarten, was mit Ninive geschehen würde. Und war ganz und gar nicht demütig in •seinem Herzen, sondern murrte wider den Herrn und hätte es gar zu gern gesehen, wenn Gott auf die arme Stadt Pech und Schwefel hätte herniederregnen lassen. So böse sah es in seinem Innern aus. Und am nächsten Morgen ging die Sonne auf und stieg und stieg und stach unbarmherzig nieder auf des grollenden Propheten blosses Haupt. In dicken Tropfen rann der Schweiss von Jonas Stirn, und er litt furchtbare Qual und dachte bei sich, dass es im Walfischleib doch weit angenehmer und wohnlicher gewesen sei als hier in der brütenden Sonne. Und wünschte den Tod herbei. Gott aber sah seine Not — und lächelte, still und gütig; lächelte über all den Groll hinweg, den er gegen den Ungehorsamen hegte. Und liess über Nacht einen gewaltigen Kürbis wachsen, der am nächsten Morgen schon so gross war, dass er sich wie ein herrliches Scliaüendach über Jonas Haupt wölbte. Ei, da schmunzelte der eben noch so Verdriessliche, da glättete sich sein fälliges, griesgrämiges Gesicht, da wiegte er sich gefällig in den Hüften und liess es sich in dem kühlen Verliess gar wohl sein. Und sass und sass und blickte hinunter auf die Stadt, in der geheimen Hoffnung, dass Gott doch noch ein Einsehen haben und die Zerstörung von Ninive besehtiessen sollte, die er durch Jonas Mund den Sündern hatte verkündigen lassen. Und wie er nun so behaglich dasass in seiner schattigen Behausung —, siehe, da wurde er wieder ganz übermütig in seinem Sinnen und böse in seinen Gedanken, so dass der Herr alsbald erneut zur Strafe schreiten musste. Er tat es nicht gern, oh nein — es jammerte ihn des armen Sünders; aber er wollte ihm ja auf den rechten Weg zurückhelfen, darum tat Strafe not. Was aber tat Gott? Er liess einen grossen Wurm aus der Erde kriechen und gebot ihm, den Kürbis anzustechen, das er in kürzester Zeit welkte und sank. Am andern Morgen aber sass Jona wiederum in der sen enden, unbarmherzigen Sonne. Die Schweisstropfen perlten von seiner Stirn, und er jammerte und wehklagte, dass es einem Stein hätte erbarmen können. Wem aber galt sein Jammern? Dem Kürbis, der sein Leben hatte lassen müssen, und der doch tags zuvor so gross und herrlich war, dass man seine helle Freude daran haben musste. Gott aber neigte sich tief herab zu Jona und sagte es ihm an, welches Unrecht er getan habe mit seinem Murren gegen den höchsten Befehl —- und sagte ihm, dass nur die Demütigen und Gehorsamen vor seinem Antlitz Gnade fänden, aber auch die Bussfertigen und Reumütigen, die wie die Leute von Ninive ihre Schuld tief erkannten und Wand- lung geloben. Und wie aus bösem Traum erwachte Jona, sah den verdorrten Kürbis am Boden liegen, zerstochen von einem einzigen Wurm. Aber es jammerte ihn des Anblicks nicht mehr —, denn er erkannte, wie gering das Leben eines Kürbis sei gegen das Leben der hundertundzwanzigtausend Menschen von Ninive, die der Herr geschont hatte um ihrer Bussfertigkeit willen. Er aber, Jona, hatte dagegen murren können? Und tief beschämt gelobte er in seinem Herzen Besserung, neigte sich demütig vor dem Herrn und seiner Weisheit und ging von dann eil, ein stilles Lächeln auf dem Prophetenantlitz. 'öwd' 'övGU' Ja? Aber seid ihr’s denn auch wirklich? So? Na, dann ist’ß gut. Setzen! Hier spricht nämlich euer Kasperl am Tellerafon, sogar ganz pi-pa-pcrsönlich. Sitzen bleiben! Nun aber jetzt mal Ernst beiseite! Ich bitte um viel Malz — äh — ich bitte vielmals um Entschludrigung, wenn ich euch beim Frühbrol oder Abeudsliick störe. Ich wollte euch nur mal ganz schnell guten Tag sagen. Sie, Frohem, gehn Sie doch biltebilfe mal sofort aus der langen Leitung, wenn ich mit meinen lieben O.-V.-Ruhen und -Mädels etwas zu sprechen habe. Haaal-llloh — halli-hallo — lialali — da, jetzt sind wir zertrennt worden. Ach, da seid ihr ja wieder. Ja, was ich noch sagen wollte?! Natürlich, ich wollte euch noch sagen, wie gut es mir bei euch in Berlin gefallen hat. Also ganz prima. Sogar Ober-Prima. Das hätte ich mir wirklich nicht im Traum träumen lassen. Aber dafür hab’ ich denn auch so richtig gemerkt, wie schön ihr euch alle miteinander über unser Spiel mit der Wunderlampe gefreut habt (und wie laut!). Und darüber habe ich mich selbst auch wieder sehr gefreut — und vor fauler Freude will ich mich jetzt bei euch recht schön bet unken — äh, bedanken wollt ich sagen. Am liebsten hülle ich jedem von euch zum Abschied noch die Hand gegeben, aber die 'Fante Liesel hat gemeint: Nein, Kasperl, darauf musst du leider verzichten, das dauert ein bisschen sehr viel zu lang, sonst wuchs ja Pessach. Hat sie gemeint. Und dabei haben wir gerade eisl Chanukka gehabt. 11 ab ich gemeint. Aber schliesslich hab ich doch nachgeben müssen, weil ich auch der Klügere bin. Und dann hat es uns arg leid getan, dass wir schon wieder fori mussten. Die Tante Liesel — aber das dürft ihr um Gottes Willen nicht weiter verraten — also die Tante Liesel hat sogar (in ganz kleines bisschen geweint, jawohl. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass sie sich mit dem selben Taschentuch die Tranchen forlgewischl hat, mit dem ich immer — könnt ihr euch noch erinnern? — an der (etwas staubigen) Wunderlampe gerieben habe, damit der Geist kommt. Aber bei der Tante Liesel kam kein Geist — ja, Kuchen! Der lag schon längst wieder mit uns andern im Puppen-Reise-Koffer. Nicht der Kuchen, sondern der Geist natürlich. Ja, und so sind wir daun alle wieder nach Hause gefahren: Der Sultan von Pelikamen mit seiner Tochter Petersilie, der kleine Gross-Vfezier und sein Diener, der kohlerabennegerpechslockdunkelschwarze Rambo, alle ganz brav und friedlich nebeneinander, als ob überhaupt nichts geschehen wäre. Sogar mit dein unverschämten Slropp, der im Privatleben übrigens ein hochanständiger Kerl ist, habe ich mich auf der Reise restlos versöhnt. Zorn Dank dafür hat er dann auf seiner Halzieh-Harmonika zwüifmal hintereinander „Muss i denn, muss i denn“ gespielt. Und nach dem zwölften Mal ist er ganz plötzlich eingeschlafen. Auch das Sultans-Töchterlein war schrecklich müde. Die zarten Sultans-Töchlerleins sind meistens schrecklich müde, und weil sie doch so eine feine Dame ist, hab ich immer meine linke Hand vor ihr zarles Sullans-Töehlerlein-Mündchen halten müssen, wenn sie gähnen musste. Und ich sage euch, sie hat sehr oft gähnen müssen. Aber von dem vielen Gähnen wurde sie dann immer nur noch müder, bis sie endlich auf dem dicken Bauch ihres Sultau-Pappis eingeschlafen ist. Ein Glück, sonst wäre mir vielleicht mein linker Arm auf den Roden gefallen und das wäre wirklich sehr schade gewesen. Da — auf einmal hat es in unserem D-Zug einen fürchterlichen Rack gegeben. Jeder hat hoppla gesagt — und da waren wir in Frankfurt. Ihr wisst, das heisst deshalb Frankfurt, weil da die Leute meistenteils frankfurterisch reden. Eigentlich reden sie ja nicht einmal, sondern sie „babbele“. Ja, und dann zu Hause bei der Tante Liesel, da sind wir einer nach dem andern aus unserm Koffer geholt und zunächst mal tüchtig mit dem Staubsauger gekämmt worden. Und dann — ja, dann ging erst die grosse Fragerei los von all den anderen Puppen, die im grossen Puppenschrank zu Hause bleiben mussten. „Wie war's denn in Berlin?“ „Und wie waren denn die Kinder in Berlin?“ „Und was hat denn der Onkel Kulturbund für 'ne Weste angehabt?“ Und lauter so Sachen. Stellt euch nur vor, mein Freund Seppel, der vielleicht ein bisschen ungebildet, aber sonst sehr blöd ist, der hat gefragt, ob die Berliner Kinder hottentottisch sprechen würden. Na ja, und alle, alle kamen sie zusammengelaufen, die ganz winzigkleinen Zwerge und die ganz riesiggrossen Riesen, und der Herr Schupo und der Teufel und die Hexe und die Mohren-Prinzessin Ulla- Ulla-Huh mit den Tennis-Spielringen an den Ohren. Sogar Seine Durchlaucht der König von Tillitullitanien mit seiner Tochter, der lieben kleinen Schnulli-Pulli, bedauerten ausserordentlich, dass sie nicht auch mit in Berlin waren. Aber die Tante Liesel hat sie dann getröstet und ihnen schöne Zigarettenbilderchen versprochen. . . . Hallo — ja, natürlich, Frollein, spreeh ich noch. Aha, da ist schon wieder die lange Leitung. Aber ich glaube, ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Hailoh, seid ihr noch dort? Ich bin nämlich auch noch da — nein, nicht da, sondern hier. Also, es war wirklich sehr nett von mir, dass ich wirklich so nelt war. Hallo — hört noch mal alle ganz schnell her: Wenn ihr mir mal schreiben wollt, dann schickt bitte eure Briefe oder Karten an das Kinderblatt der C.-V.-Zeitung und schreibt darunter: „Für Kasperl.“ Verstanden? Das ist nämlich mein hochwerter Name, weil ich auch so heisse. Jawohl. Grosses K wie Kartoffelnase und dann nur noch ein kleines asperl. Also, meine lieben Buben und Mädels — ich freue mich schon im voraus auf die viele Post, die ich von euch bekomme. Bis zum nächsten Mall Einstweilen Mziglausend herzliche GHisse von eurem Kasperl