Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 2 (13.1.1938)
- Date
- 1938-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVII. Jahrgang / Nr. 2 Berlin, 13. Januar 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonten: B e r 1 i n 70344, P ra? 77218. Zürich VIII 26363. Bankkonto: Gebr. Arnhoki, Berlin WS. Die G.-V.-Zeitüng erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstair. Bestellungen nimmt jede* Postamt und -die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch <ien Postboten erbebt. Bezugspreis vierteljährl. Sl Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 RpL Bestellgeld. Für Ausland Vierteljahr!'. 2,30 RM (umgerechnet in die Lander —::u......v.,^„n„«i,;:u..„m --------m d^p ^*..-t„„j of\o.,t\ i„ l\,h„ ur.i. i> — it ^„„^u/.....u _..<• 0(j Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste "» gültig. . Vorauszahl.—Anzeigensehluss: Dienstag. Platz-u. Datenvorschriften ohne Verbindlic Währung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt .besteht kein Anspruch aui' Nachlief. 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf.. weit, ermäss. Grundpreise Preisl. Einzelanzeigen nur gc; Die icükeit. Sachliche Arbeit A.H. Von der Beratung unserer zentralen jüdischen Gremien, die in diesen Tagen vor sich geht, erwartet gewiss niemand ein Wunder. Unsere jüdischen Menschen sind in den letzten Jahren so sehr an die Wirklichkeit herangeführt worden, ja, die Wirklichkeit hat sie zum Teil so überkommen, dass sie in einem Grade nüchtern geworden sind, der schon wieder ihre Lebenskraft an ihrer vollen Entfaltung hindert. Aber wenn wir dem- Unberechenbaren keinen Raum mehr in unserem Denken und Planen gäben, glichen wir Geschöpfen, denen es versagt ist, Erfahrungen und Erinnerungen zu besitzen, und die nur Leere sehen, wenn sie ihre Augen erheben. Die Fragen, vor denen die Reichsvertretung steht, sind an Umfang, Schwierigkeit und Bedeutung grösser denn je. Das Vertrauen, das ihr allgemein geschenkt wird, verpflichtet sie. Niemand wird fordern, dass der Rat der Reichsvertretüng über seinen eigenen Schatten springt. Aber jeder wird wünschen, dass in ihm keine Schattenkämpfe ausgefochten werden, und dass der Geist der in ihm umgeht, von heiliger Nüchternheit erfüllt ist. Gleichwohl, unser Dasein und unsere Zukunft sind nicht nur Rechenexempel. Selbst die klügste Etatskritik wird wenig zur Lösung des jüdischen Lebensräfsels beitragen. Aber gerade wenn sich die Kritiker dieser Situation bewusst sind, werden sie ihre Aufgabe richtig sehen. Denn die Männer an der Spitze der Arbeit brauchen von Zeit zu Zeit eine von kameradschaftlicher Gesinnung erfüllte, sachkundige und zusammenfassende Beurteilung dessen, was ihnen auszuführen übertragen, was sie selbst zu leisten unternommen hatten. Bisher ist leider aufbauende Kraft von den Ratssitzungen der Reichsvertretung kaum ausgeströmt, so dass die Menschen, die den Ereignissen nahestehen, mit sehr gemischtem Empfinden, wenn nicht gar mit Besorgnis diesen Zusammenkünften entgegensehen. Aber ebenso, wie wir eine nach vorwärts gerichtete Arbeit wollen, bei der die Kritik die Vergangenheit nur heranzieht, soweit sie zur Klärung und zum Verständnis notwendig ist, erwähnen wir diese alten Dinge nur, um die Erwartung äussern zu können, dass keine Wiederholung so unerfreulicher und verstimmender und kraftzerstörender Vorgänge eintritt, wie sie im Sommer des vergangenen Jahres mit Recht die Gemüter erregte. Die Reichsvertretüng und die hinter ihr stehenden Organisationen der praktischen Arbeit, sei es in gemeindlicher, sei es in vereinsmässiger Form, sehen sieh 1938 vor dem fast unlösbaren Problem, mit geminderter Kraft eine grössere Arbeitsleistung zu vollbringen. Rein rechnerisch wird man In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Fritz SchwarzschÜd: Gruppenwanderung — Arthur Holde: Humanitäre und kulturelle Einrichtungen in New-York — fsaak Markon: Jacob Obermeyer — Hugo Lachmanski: Gemeinschaftshaus in Hamburg — Jakob Picard: Bildnis eines jüdischen Essayisten Die Beilagen: Kinderblatt — Die Wanderung — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Palästina- Umschau J auch diesmal wieder einen in der Form annehmbaren Zustand ohne Zweifel . erreichen. Aber, es wird nicht ohne Opfer gehen, die man auch in unseren schweren Zeiten gern vermieden sehen möchte. Die kulturellen Aufgaben, an die man in erster Linie denken könnte, vertragen keine „Minderung. Das Bildungsproblem darf nicht nur unter dem Gesichtspunkt des „fit"-" . Machens für die Arbeit draussen betrachtet werden. -Es-gehört sicherlich eine gewisse Ueberwindung dazu, den geistigen Dingen in der Rangfolge der Aufgaben einen vorderen Platz zu geben, wenn durch den Zwang der Verhältnisse ein grosses Gedränge um diese Plätze herrscht. Aber wir hoffen, dass unvermeidbare Abstriche-nicht ausschliesslich bei Positionen ' erfolgen, denen der unmittelbare Nutzen nicht auf den ersten Blick anzusehen ist, die aber auf längere Sicht von Bedeutung sind. .Auch auf eine gewisse Popularität dieser oder jener Etatspositionen sollte nicht zu grosse Rücksicht genommen werden. Es wäreeine grosse Leistung des Rates, wenn er den Versuch unternähme, eine konstruktive Sparpoiitik einzuleiten. Eine Ueberprüfung der Methoden, mit . denen'die Arbeiten, an den verschiedensten Stellen geleistet AVerden, ergäbe zweifellos eine Fülle von Ansatzpunkten, an denen ohne Minderung der Leistung für den zu betreuenden Kreis eine Vermeidung von Ausgaben eintreten könnte. Das ist aber nicht nur eine praktische Frage, sondern in erster Linie ein moralisches Problem und ein solches der Autorität. Es wäre sinnlos, es etwa im Sinne von innerjüdischen Machtkämpfen lösen zu ■ wollen — welche überhebliche Vorstellung, wo die Bezeichnung Ohnmachtskämpfe für alle Beteiligten weit angebrachter wäre. In einem Rat, in dem sich diese Voraussetzungen von selbst verstehen, werden auch organisatorische Fragen auf den Platz gerückt sein, der ihnen zukommt: den des Dienens für die Erfüllung der Arbeit. Die überwältigende Mehrheit unserer Menschen hat kein Verständnis für das, w^as man im Alltag „Stunk" zu nennen pflegt. Der Respekt vor den jüdischen Gremien hängt in hohem Masse davon ab, ob man dieser Empfindung Rechnung trägt. Dass man in der Vergangenheit einen grossen Fundus anvertrauen nutzlos vertan hat, rechtfertigt nicht die Wiederholung dieses Zustandes. Die Judenheit in unseren Grenzen will das Empfinden haben, dass die Autorität, die sie sich selbst gesetzt hat, sich durch Leistung und Haltung bewährt und Vertrauen erweckt. Man erwartet allerdings nicht nur sachliche und praktische Bemühungen, deren Begrenztheit in den Verhältnissen liegt, sondern auch ein Verständnis für die seelische Situation, in der wir uns befinden. Der Rat sollte die Stimmen und die Fragen, vernehmen, die vernehmbar und ■■unausgesprochen-, aus allen' Kreisen zu iftm dringen. Inmitten der lastenden Sorgen für jetzt und später hier und draussen erwartet man ein Wort verstehender Schicksalsverbundenheit aller Kreise unserer- ' Gemeinschaft; keine pathetische Proklamation, sondern eine aufrichtige Anrede'an die Herzen, den Verstand, den Willen. Es,wäre eine Stärkung im Bewusstsein der -Menschen, wenn die Ratstagung der Reichsvertretüng diesen Anforderungen entspräche und durch ihren Verlauf die Gewissheit bestärkte, dass eine jüdische Führung da ist, der man auf ihrem Wege auch unter Opfern zu folgen bereit sein kann. . dabei 'die politischen Folgerungen ausser acht zu lassen, die aus der neuen Lage gezogen werden müssen. Man braucht die Wirkung von Resolutionen und Protesten nicht zu überschätzen, wenn man der Erwartung Ausdruck gibt, dass gerade einer Meinungsäusserung der Juden in Deutschland in diesem Augenblick auch an den massgebenden Stellen besondere Bedeutung beigemessen werden wird. Das neue Weissbuch Die Zionistische Vereinigung für Deutschland und der Beirat der Jewish Agency in Deutschland hat an die Exekutive der Jewish Agency folgende Kundgebung gesandt: Das Weissbuch zur Palästina-Politik, das die britische Regierung am 23. Dezember 1937 erlassen hat, erfüllt die Judenheit in Deutschland mit ernster Sorge und Befürchtung. Viele Monate soll die Tätigkeit der neuen technischen Untersuchungskommission währen. Ein höchst langwieriges Ver- . fahren für die Behandlung ihrer Ergebnisse steht in Aussicht. So wird die bereits hart auf dem Lande lastende Ungewissheit seines politischen Schicksals auf unabsehbare Zeit verlängert, die Wirtschaft Palästinas aufs «schwerste gelähmt und die ersehnte Befriedung schwieriger gestaltet. Für unsere eigene Gemeinschaft und darüber hinaus für die Judenheit Mittel- und Osteuropas ist ein solches Hinauszögern endgültiger Regelungen unerträglich. Angesichts der fortschreitenden Einengung ihrer Existenzgrundlagen, einer zunehmenden Verarmung und einer sich von Tag zu Tag verschärfenden Auswanderungsnotwendigkeit blicken Hunderttausende aufbruchbereiter Juden dieser Gebiete auf Palästina als auf ihre Rettung. Die Fortdauer des augenblicklichen Zustandes der Ungewissheit in diesem Lande bedeutet für sie ein Versinken in. Hoffnungslosigkeit, für Millionen das Verzweifeln an nationaler Zukunft. Das Weissbuch hält an dem Vorschlag der Peel-Kommission auf Schaffung eines jüdischen Staates als Erfüllung der" Politik der Balfour-Deklaration fest. Solche Erfüllung kann nur ein Staat sein, der durch den Umfang seines Gebietes imstande ist, der furchtbaren Wanderungsnot der mittel- und osteuropäischen Judenheit wirksam zu begegnen. Bis zur abschliessenden Regelung des gesamten Palästina-Problems besteht "das Mandat in unanzweifelbarer Gültigkeit fort; es muss die Tätigkeit der Palästina-Regierung bestimmen. Wir erwarten, dass die vorübergehende Einführung einer politischen Höchstgrenze für die Alija anrl. April 1938 ausser Kraft tritt und dass alsdann der gesetzlich festgelegte Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes als alleiniger'Massstab für den Umfang der Einwanderung wieder zur. Geltung gelangt. Wir Juden in Deutschland erwarten, dass die Tätigkeit der Untersuchungs-Kommission mit äusserster . Beschleunigung durchgeführt wird. Ihr Ergebnis muss unserer Lage angemessen sein. Das erste Gefühl, das sich jedem Juden in Deutschland .aufdrängt,-der davon erfährt, dass sich auf Grund des neuen Weissbucbes die Palästinapolitik wiederum in einem langwierigen Verfahren ohne Aussicht auf ein baldiges Ergebnis vorwärtsbewegen soll, ist ein Erschrecken über diese weitere Verschleppung. Es kann dem einzelnen, der an sich oder in seinem nächsten Umkreis den zunehmenden Auswanderungsdruck täglich zu spüren bekommt, kaum noch zugemutet werden, den taktischen Notwendigkeiten der britischen Politik, die in dieser Kundgebung ihren Niederschlag gefunden haben mögen. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dieser unmittelbaren Reaktion verleiht die vorstehende Entschliessung der Zionistischen Vereinigung und des Beirais der Jewish Agency in Deutschland würdige" und klare Worte, ohne Die Judeiifrage in Rumänien Zur Durchführung der von der Regierung Goga geplanten Massnahmen zur Durchsetzung des christlichnationalen Programms hat ein Kabinettsrat beschlossen, drei Sonderausschüsse zur Ausarbeitung der in Frage kommenden Gesetzentwürfe einzusetzen. Eine Kommission, die aus dem Innenminister, dem Finanzminister und Gesundheitsminister besteht, wird die Frage der Entziehung von Konzessionen jüdischer Schankwirte und Tabakhändler prüfen. Ein zweiter Ausschuss wird die Revision der Einbürgerungen behandeln und ein dritter die Voraussetzungen für die Einsetzung von Regierungskommissaren in solche Unternehmungen festlegen, die sich in Händen von rumänischen Staatsangehörigen nichtrumänischer Abstammung befinden. Im Unterriclitsminisferium wird ein Entwurf zur Beschränkung der Zahl jüdischer Studenten ausgearbeitet. Das Ünterricbtsministeriuin hat weiter verfügt, dass an Minderheitenschulen der Unterricht in rumänischer Sprache und Geschichte nur von Blutsrumänen erteilt werden darf, und dass die Lehrerschaft auf ihre Pflicht zur Mitwirkung im landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen hinzuweisen sei, um so in-' direkt den jüdischen Händel zurückzudrängen. Der Gesundheitsminister hat mitgeteilt, dass alle jüdischen Aerzte, die in seinem Amtsbereich tätig sind, durch nichtjüdische ersetzt werden würden. Auch sollen alle ärztlichen Diplome, die seit 1919 erteilt worden sind, über- prüft werden. Dagegen hat die Verordnung des , Arbeitsminislers, wonach Juden verboten wird, christliche Hausangestellte unter 40 Jahren zu. halten, nicht die Zustimmung des Ministerpräsidenten gefunden. . JDa die Nachprüfung der Erlaubnisse zur Ausübung des A n w alt s bemies in den bisher vorgeschriebenen Formen etwa sechs Jahredauern würde, hat die Bukarester Anwaltskammer vorgeschlagen, vorläufig 1500 jüdischen . Anwälten die Erlaubnis zur Ausübung der Praxis zu entziehen. Auf Wunsch der Regierung . ist dieser Antrag abgelehnt worden. * Der britische und französische. Gesandte in . Bukarest haben die rumänische Regierung ..in freundschaftlicher Form" aur_ die Bedeutung des Minderheitenabkommens vom 9. Dezember 1919 hingewiesen, das von Rumänien'mit den alliier-" ten und assoziierten Mühten abgeschlossen wurde, und den Schutz der Minderheiten zusichert.; ' Der amerikanische Gesandte hat bei dem Ministerpräsidenten Goga angefragt, ob die beabsichtigten antijüdischen Massnahmen die Interessen von Juden amerikanischer Staatsangehörigkeit berührten. Goga .erklärte, dass dies nicht der Fall sei. •.'"'■ * Ministerpräsident Goga hat eine Abordnung der Jüdischen Partei empfangen, die aus dem Präsidenten der Partei, Di. Theodor Fischer und dem Vizepräsidenten Dr. Samuel Singer bestand. Er sagte der Delegation zu, dass ■antijüdische Exzesse nicht geduldet werden würden, und das» die von der Abordnung vorgebrachten Gerüchte über angebliche Ausschreitungen in Bacau und anderen Orten ihm noch nicht zur Kenntnis gekommen seien. Er versicherte, dass die jüdische Bevölkerung keinen Grund zur Beunruhigung hätte. Die Regierung werde auch keine Massnahme gegen die jüdischen Zeitungen, die sich mit jüdischen Angelegenheiten befassen, ergreifen. Der Ministerpräsident verwies die Delegation schliesslich an den-Minister Dragomir. der als Minister ohne Portefeuille die» Minderheitenfragen bearbeitet. -