Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 38 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 6. Beiblatt Palästma-ITinscliaii der C.-V.-Zeiiim«I 16.8sptsmbsr 1936 Religiöses Leben in Palästina Von Dr. Werner Cahnmann \ Aurli in mligiöspr Beziehung ist1 Paläsfinadas Land der Gegensätze. Neben der 'schwärzesten Orthodoxie steht der reinste Atheismus, und da.« schöne mittlere Feiertags-Judentum mit Predigt und Zylinder. . an dem der .In-Ie.an« Deutschland so «eil? liivntrt, ist nicht vorhanden. Das hat seine guten Gründe." Die erste jüdische. Bevölkenmgsschicht im Lande war der alte .lischuw, der aber bis in unsere Tage hinein Zuzug, erhielt. Er hat «ein Zentrum in Jerusalem,, aber er ist an allen grösseren Orten des Landes vertreten, Geht inan am Freitagabend oder am Schabbatvorniittag durch das grosse Judenviertel von Mea ShearLm, so kann man beinahe in jedem Haus in ein „Stiiblarh“ der verschiedenen ostjüdischen Landsmannschaften liineinsetien; Rumänen und Litauer. Leinberger und Warschauer und verzückte Oe- ‘ rer Chassidim. Das ist ein mittelalterliche« Bild, wie irn heimischen tstadtchen . Ostenr»nas: Männer mit Srhläfenlockon und in Pelzmützen, lärmende Kinder in schwarzen Kaftanen und die ganze Ungeordnetheit des Oottesdlenstes, die den einzelnen versunkenen Beier ‘mitten in die Gemeinschaft hineinstellt und ihn in dieser Gemeinschaft wiederum isoliert. Die sephardischen und orientalischen Juden, die im letzten Jahr- Q LEO P 0 L D RU N D i. Taschentuch-Weberei, Lauban i. Schj) zeluit insbesondere aus der südarabischen Landschaft Yemen starken Zuzug erhalten haben, sind in ihrem Gehaben verhaltener, aber dafür in ihrem religiösen Empfinden und Lehen Von besonderer Starrheit. Diesem Kreis haben sich Misrachi-Gruppen, einschliesslich der misrachistischen Arbeiterschaft, welche ausserhalb der Städte auch in eigenen Kibbuzim siedelt, «»geschlossen. ln letzter Zeit kam mit der Frankfurter Trennungsorthodoxie, von Isaak Breuer angeführt, ein besonders kämpferisch betontes Element dazu, das der Agudas Jissroel im ganzen Land eine neue äktivistisehe Note verliehen hat. Die "zionistische Bewegung dagegen brachte zunächst und auf lauge „.hinaus einen ganz anderen Menschentyp nach Palästina, der seinen Mittelpunkt viel weniger in der Jewish Agency, als in der Histäf dnith. ha-owdim, der grossen Arbeitergewerkschaft, gefunden hat. Es waren Nachfahren der gülizischen und russischen Haskalah, der grossen hebräischen Aufklärimgsbewegimg des Ostens. Dabei ist festziilialten. .'.dass Hussen und nicht' Polen, russischsprachige und hebräischgebildete Menschen das führende Element waren und es trotz beinahe völligen Versiegen« der russischen und starken Ansteigen« der polnischen Zuwanderung «ehr weitgehend auch heute noch sind. Diese Menschen kamen aus der Zucht des Glieder, aber als Entsprungene: die Frucht ihrer unfreien Erziehung war eine unüberwindliche Abneigung gegen alles, was mit jüdischer Tradition zusamnvmhing Sie kamen nach Palästina, lim die Luft eines, wie sie glaubte» und hofften, freien Landes mm «ich zu spüren. Man hätte sich mm denken können, dass aus diesen Menschen Sektierer geworden wären, aber dazu waren und sind sie zu grosse Rationalisten. Sie wollen Gott beweisen: da sie es nicht können, behaupten sie, es gebe ihn nicht. Für sie gibt es nur ein glattes Entweder-Oder: dass religiöses Denken die Stätte des Paradoxen 'ist, verstehen sie nicht. Entweder ich glaube an Gott oder ich glaube nicht an Gott“, sagte ein junger Arbeiterführer im Emek Jessreel zu mir; „glaube ich.-nicht an ihn, so kann ich auch das kleinste seiner Gebote nicht halten, ja. .ehrlicherweise nicht einmal seinen" Namen aussprechen“. Eine „beracha“ zu sagen, ist also für diese. Menschen eine ebensolche Unmöglichkeit, wie das „seliir hamaallot“ des Freitagabends zu singen:, nicht „Gott“ hat „Grosses an uns'getan“, sondern aus eigener Kraft sind ‘wir aus dem Sklavenhaus ins Land der Freiheit ' Dieser geschlossenen Haltung gegenüber hat die choluzische Alijah aus Deutschland versaut. Wenn man von den Albe,!.-,-,, des Misrachi al»sieht, so sind diese. ' junge,, Leute zwar keine Atheisten —-.aber . A niliaai a/im. -Manche von ihnen glaube,,, da-s man mit einigen betont weltlichen hebr.u«Gien Liedern und mit deutschen Ge- , (fe ilte,, einen oueg schabbat zaubern kann: Sinn und Praxis des überlieferten Judentum« kennen sie nur ungenügend; sie erliegen daher den Einflüssen .ihrer'Umwelt .sofort. Ich habe alte ostjüdisrhe Führer (b-r Kwu/.othbewegung gesprochen, die das — wenn auch in anderer als in religiöser Hinsicht — lebhaft bedauert haben. Am kennzeichnendsten, für das Gesagte mag die Entw icklung der ..Werkleute" sein, weil (lie Werkleute mit so hochgescliweilte,, Segeln.der. Erwartung ausgezogen sind. Aber Marlin Ruber plus sozialem Idealismus ergibt kein Judentum. E> bestellt . unter den Wei'kleutea, ohne erkennbaren •Unterschied zu änderen Gruppen der Arbeiterjugend.- ein. «religiöser und ein antireligiöser Flügel. Im ersten Jahr hat man einen gemeinsamen Sinter abgehalten; heuer-wurde davon abgesehen und jedem einzelnen 'freigestellt, ob er sich an einem Seder beteiligen wolle oder nicht. Anfänglich lmt man einen Freitagabend gefeiert; dann waren einige Genossen da, die empfanden ihn als „Zwang", und lim die Gemeinschaft aufrecht zu erhallen. Hess n'i-ui - ihn fallen. Aber das ganze Kibb'u'zlebe» ist „Zwang“ — für den, der im Kibbuz bleibt; wer ihn nicht auf sich nehmen will, kann gehen. Siel,t man in Fragen der Tradition von jeder Gemeinschaftlichkeit ab, die mau in profanen Dingen durchaus aufrecht zu erhaltenWeis«, so liegt die Vermutung nahe, dass die Fragen der Tradition nickt für wichtig gehalten werden. „Kein Zwang" — diese .Parole hört man immerwieder, so oft inan Gespräche über Fragen religiöser Erziehung führt. Und, gewiss — auf allen-Gebieten des geistigen Lebens kann man mit Freude diesen Grundsatz veHechten, mir nicht auf dem der Erziehung.' Erziehung ohne Zwang, gröberer oder feinerer Art, gibt es nicht. Warum „zwingt“ mau nichthebräischspraebige Kinder, hebräisch zu spre-hen? Antwort: Weil auf andere Weise eine Grmxllage des Geineinsc'haftgefühls’nicht zu schaffen ist: Einverstanden! Aber warum hört dann die .Notwendigkeit des Gemeinschaftsgefühls an der Schwelle der Synagoge und des Lehrhauses auf? Franz Rosenzweig hat es einmal als „eine ungeheure Ghance" bezeichnet, dass jedes Schulkind in Palästina den „Tenach", die hebräische. Bibel, lesen und verstehen lerne. Das ist richtig, aber die -Chance w;ird nicht genutzt. Für viele palästinensische Kinder ist der ..Tenach“ ein Geschieht«- und ein Geschichtonbuch; man lernt, aus ihm keine Judentumskunde, man kennt in den Arbeiterscimlön lo-in Gebetbuch. Solche Kinder sind erstaunt, wem, sie bemerken, dass das „.wajchullu“ des angeblich so reaktionären .Freitagabends ein Tenachtext ist. Besonders bedauerlich ist es. dass auch dm Gruppen der Jiigendalijah aus Deutschland ohne jede religiöse Betreuung geblieben sind. — obwohl niemand erzählen kann, das« etwa die Kinder selbst das so gewünscht. hätten. So fehlt diesem grossen und bewunderungswürdigen-' Werk die Krone der Thora. Demgegenüber ist es Pflicht des Chronisten, von den hoffnungsvolle» Ansätzen neuen ■ religiösen Lebens im Land zu berichten. 1 hi- Träger ist die mitt-dstämlische Schicht der Einwanderung.aus Deutschland. Dabei ist festzustellen, dass sich die aus Europa gewohnten (legen «ätze zwischen „orthodox“ und „liberal“ in Palästina recht .weitgehend ähgeschliffen habe». Das ist kein Wunder: viele Streitpunkte aus alter Zeit, wie die Orgelbegleitung in der Synagoge oder dieiPrbd.igt.in der Landessprache fallen weg. vitle Pijutim sind in den palästinensische,i|Ritns nicht aufgenoinmeii. So hat sich' in Tel Aviv eine konservative Gruppe von .luden aus Juda in der Gemeinde ...jicliud" zusammengeschlossen, die unter der Leitung von Rabbiner Emil Levy ' aus Berlin sieht. Sie hat eine» geordneten Geineindegotte-dienst und ein freiwillige.« Beerdigungswesen für ihre Mitglieder dlirchgesel/.K sie hüll Abendkurse ab und hat eine dugendgrupne gebildet. Aeimlirh stellt es in Haifa, wo e« dem früheren Stettiner Rabbiner l'Jk auf völlig n»beackertem Gelände Ladungen ist, eine Gruppe von roligiüs-forlscliMtllirli gesinnte» Juden um . sich /.» sammeln.!„ Jerusalem und in manche,l grössere» Orte» de,- Küste,lehei.ie . ist man noch nicht so weil. Man glaubt insbesondere in Jerusalem noch auf jene alI fromme4,, Teile -des.,, dortigen .lisch,iw ' . Rücksicht nehmen zu müssen, die jede Neuerung als „Abl'all" ansehe,l würden.. Dieser. Standpunkt wird gewiss eines Tages aufgegehen -w erden müssen. Wenn inan weiterkomme,, will. Immerhin hat sich in diesem Jahr, auf Anregung von Rabbiner Dienemann (ülienbacli) und unler Führung von Rabbiner Wilhelm" in Jerusalem ein .Kreis von Menschen /.iisaminengeta». der auf Schulen und religiöse Institutionen Einfluss nehmen mul Erwachsene,, knrse ' ei »richten will Besonders erfreut ich ist das Kinderheim der „Aliawah“ in Kirjalh Bialik, das vorzüglich 'geleitet ist und religiös von Rabbiner Uoko ans Offenbnrg betreut wird. Bemerkenswert ist, dass die Schule von der IIistadruth, der grossen Organisation der Arbeiter., unterstützt' wird; sie wird über kurz oder lang zur. Gründung eines eigenen Kibbuz forlsrhreilen müssen, wenn sie nicht will, dass ihre Zögling'“ in den bestehende» lürht-misrarhist.isclien Kibbuzim — sowohl des «religiöse,, ..kibbuz liamem-had" als auch des antireligiösen ..hasrlmmer liazair"..— alles wieder verlernen, was. sie />,voian traditioneller Ueb,mg und Empfindung sich ungeeigne] haben. Eben dieser Punkt id von Wichtigkeit. Die Arbeiterschaft, die Trägerin des neuen Palästina, will eine „hebräische Kultur" aul'bätu ,,. Das isl wieder der alte, immer gleiche rationalistische I irtum: eine Kultur wird nicht ..aui'gidmul" oder ..organisiert", sie ,,,,,-s .wach-ei,.- Wie!«>; das möglich, wen,, man so Ödes von dem. was an hcbrüic-her K,, 11■,schon da i-1.. w enn man Gebote und Lieder und Seg.eus-pr.üche. aiis allen jiki-is--|ie,, .lai,rin,:,derlei, -'einer.- phantasielosen Säkularisierung zum Opfer bring!? Tradition Dt die E«se,iz der Kultur.' Und man kann «vlite' Tradition nicht auswahle,, und auswechseln „ach Gutdünken.. .Man kann .jüddclie OescbjchP> nidil mit Esra und . Nelu-mia oder allenfalls mit .Flavins- Joseph,is' einig,i -lassen, um sie erst mit Pinsker und .Herz! wieder zu beginnen. Haben nicht Josef Karo und Isaak I.nrja auf paliistineu-d.sehem Bode», in .-SaTed, gelebt? Und.'selbst da; Werk eines IMalik ist ohne ■ Kenntnis de,; Mi.srlma und der Literatur der spanischen Epoche unverständlich. Aboei,, Weiteresvkoinm! dazu. Die hcraufziebeiide innere Auseinandersetzung im Jisrli.uw wird zwischen Agtida und ■ IIistadruthentbrenne,,.' Orthodoxie . und Arbeiterschaft werden aufeinamlerstosse»; die vermittelnde Position des Misr'ai-Iii ist in Gefahr, um den Wogendes Kampfes verschlungen zu wanden. Das war schon Anlässlich der vorjährigen Luzerne,- -Kongressverha.ndiungeh um Kaschrul und Schabbaleinliailimg in den Arbeit’er-wirtschaften zii bemerke,,, es i.-l erst vor kurzem. auf der Agudakmiferenz in Marienbad, wieder deutlich geworden, als von einer Jerusalem Oben: Jaffator. Unte, o<x>ooo<>oö'<><x><><>ooo<>o<>o<>o<xx>o<><x> Vereinigung des!,apo('I hamioaclii und der poale.j agiuiat ji«sraö|die- Rede war. I'.s l>est(*hl (Ile Gefahr, «lass im. Getümmel des Kampfes die Religio» l,e ilhe P’olit isierl wird, dass man sie „l, ..Kircln-" an«ielil, die mit den ..reaktionäre,," Machte,, im I»-und gegen die A rlieilorschal't sieht und dass jegliche echte religiöse Auseinandersetzung. a.uf diese \\ ej„e \ersehn''el w ird. Darum sind die liemuhmigim p-m-r Männer so wichtig und aller 11 uter «luD in,r w orl, die den V'crsucl, maclien. zw i . lie,,- den Lagern ein Gebiet pnli-dmn ' rdidüsei, Lebens und- Erlebens, weil entfernt \oi> allem Fanatismus, zu -icb>-, Da s .■/•je! i«l bo'-li genug-: -'-sjst. du- V er-sulmuMgvon .llllleulum und \‘vm\wv. \o.ll > e ..cU,cb!e ,,,,,! Welt in einer neue,, |inl,-.-|,e:i Einbeil. Bilanz der Unruhen: 3i3 lote, 2 ' Millionen Sachschaden und Verluste l-hinl’.ik 'i-hrci-kcnilc« ibl U'-s du und Vandal/f-mns 'O-mi Mcn'-i'h<-iilel/-n - (iu-l >h Weiten. l-isV urd.-ii iii du Hg .lud'-n unuS'-J"' Aid»'- w urden 11t Imi■_.*I;iijii<■ •gr.OOOO Ha u nie Win gSIl 'l-alleTf, Hi; : Hl, Dil- \-ci|ii-!c |!,-.;r:i,,i:- wceh-11 lüOOOO l'fiind gc.-ciiatzt. In gs lall'ii will Knlh-klivstrat'-n M-iin'mgl ,|jc vor, 18 UOO Hfuml .-ricii-hli-u. De- <11■ r jiihis. Siedlung Aclm.'.-i 11 -rt,c I Sannn-I;mt• -11 Strafe ist liiert »ei; nicht eingi-M-clincl. In ATLANTIC EXPRESS Q »<t »ebüro BERLIN NW7 t allen seinen Kunden und Freunden ein gl ückliches Neues ]ah rI hs:e nrcS Friedrichstrasse 100