Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 31 (30.7.1936)
- Date
- 1936-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XV. Jahrg. , Nr. 31 Berlin, 30. 'Juli 1936 Preis 10 Pfennig entral ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schrlftlcitong, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung'): Berlin W15, Emser Strasse 4S. Fernsprecher: J2 Oliva S141—4Ö. Telegrammadresse: Centralglauben. Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70,Hi. Die „C.-V.-Zeitdng“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle - entgegen.'.'. Anstellung.'erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgeböhren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2.30 RM, umgerechnet in die Landeswährung’) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer'10 Rpf.-(Ausland’20 Rpf.v Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste . gültig. Die 12gespnltcne Millimeter-Zeile 30 Rpf.. für Stellengesuche 10 Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Im Rande A. H, Von einem sensationellen PapyrnSsund berichtete der Hervorragende Professor der Berliner Universität, D. Adolf Teißmann, in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung". Aus einem Blatt, das mit einem Fragment aus dem ersten Buch der Ilias verklebt war. ist einwandfrei eine Terfftelle ans dem 5. Buch Mosis Kap. 23 bis 28, in griechischer Sprache sestgestellt worden. Die Frage nach, dem Alter beantwortet, die Wissenschaft dahin, daß es sich zweifelsohne um ein Blatt vom Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts handeln müsse. Professor Deißmann ist von dem bedeutsamen Ereignis freudig erregt und ruft ans: „200 Jahre vor dem Apostel Paulus geschrieben, ist das Ryland- Tokument (der Fund entstammt Fragmenten einer Papyrusrolle in der John Rylands- Library in Manchester) die älteste Reliqitie des Heiligen Buches der jüdischen Weltdiaspora." Und Deißmann schließt: „Der Hauptwert des neuen Fundes liegt in der Tatsache, daß die von bibelfeindlichen Kritikern oft bezweifelte Sicherheit der Ueberlieferung des Bibeltextes durch' die Jahrtausende uns hier in einem Einzelbeispiel geradezu imponierend vor Augen geführt wird." Das geht uns an! Unverdorben durch die Geschichte von Jahrtausenden, unverfälscht trotz aller Einwirkungen, hat sich der Strom des ursprünglichen jüdischen Geistes sein Bett in die Weltgeschichte gegraben. Wer es schon fühlt, daß das heilige Wort rein überliefert worden ist, bedarf erst keiner Bestätigung. Wer aber die. Stützen der Wissenschaft für seine. ' Empfindungen braucht, der wird diesen Fund mit Genugtuung begrüßen. Er wird an das PsalmisteMvort von den Jahrtausenden, die wie ein Tag vor Gott sind, denken, und wird , sich erneut in den magischen Kreis seiner * Glaubens- und Ueberlieserungsgemeinschast einbezogen fühlen. * Einige Blätter erinnern, daß eben die ersten hundert Tage der Unruhen in Palästina zu Ende gegangen sind. Ein ungeheurer Zeitraum, wenn man sich vergegenwärtigt, iri welche Erregung und Sorge die ‘ Juden Palästinas und die Juden in aller Welt täglich neu gebracht werden. Aber man baut ein Land weder in hundert Tagen auf, noch gibt man es preis, wenn während hundert, oder während mehrerer hundert Tage der Aufbau gestört wird. Vielleicht hat unter den Elementen, die das neue Palästina formen sollen, das Bewußtsein der Gesährdetheit als jüdisches Schicksal bisher zu sehr gefehlt. Was sich in den letzten Jahren dort vollzog, war der Versuch vieler, dem alten Judenschicksal zu entgehen und statt dessen jüdische Geschichte zu erleben — wie . anderswo Geschichte geschieht. Das Bewußtsein vieler der neuen Menschen in Palästina hatte von den latenten Schwierigkeiten keine Diese Nummer umfasst 22 Seiten Sie enthält u. a.: 1. Beiblatt: Liszt und Joachim, von Dt. Anneliese Landau. — Schach-Ecke. 2. Beiblatt: Buch und Kunst. 3. Beiblatt: Palästina-Umschau. 4. Beiblatt: Sportblatt. — Wirtschaft der Woche. 5. Beiblatt: Kinderblatt. Neue Geiueinderabbinerm Berlin Die Berliner Gemeindeverwaltung hat die Rabbiner Tr. Manfred Swarsensky (Berlin) und.-Dr. Ignaz May b äum (Frankfurt a. d. Oder) zu Gemeinderabbinern berufen. Tr. Z warfen sky. der die Lehranstalt für die Wissenschaft. des Judentums absolviert Hat. wirkt bereits seit Jahren als Prediger der'Berliner Gemeinde. Er hat sich während dieser Zeit eine große und treue Anhängersäxttt erworben. Unserem Kreis ist er durch seine Mitarbeit im Centralverein und an der C.-V.-Zeitimg .eng verbunden. Wir begrüßen deshalb seine Wahl zum Gemeinderabbiner mit ganz besonderer Fretide. Tr. Ignaz M a y b a u m ist gleichfalls Schüler der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Er war vor seiner Amtszeit in F r a n k s u r t a. d. Oder in Bingen tätig. Tr. Maybaum ist unseren Lesern durch zahlreiche literarische Arbeiten an dieser Stelle und im „Morgen" bestens bekannt. Sein „Parteibesreites Judentum", dessen zweiter Band im Herbst dieses Jahres erscheinen wird, hat große Beachtung gefunden. Wir beglückwünschen ihn aufs herzlichste zu seiner Berufung in den neuen Wirkungskreis. Der noch nähere örtliche Kontakt, in den er dadurch mit dem <5.-33. und der C.-B.-Zeitungtritt, wird sich, wie wir hoffen, zur unserer Freunde und zum "Segen der Gesamtheit auswirken. Zum Gemeinderabbiner wurde ferner Dr. Alexander Altmann, der Sohn des Trierer Oberrabbiners Dr. Altmann, berufen. Di!. Altmann ist Absolvent des Berliner Rabbinerseminars, an dem er seit einigen Jahren auch als Dozent tätig ist. ' Der bisher in Schneidemühl als Beztrks-- rabbiner tätige Dr. I o s p e wurde als Prediger Manfred Swartensky , an die Gemeinde Berlin berufen. Dr. Jospe hak das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau absolviert und seit einiger Zeit im Austrage des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden die Gemeinden der Grenzmark betreut. Bor einigen Wochen ist ferner .Dr. Max Ignaz Maybaum . Foto (2) Herbertßnnncnfel<i Rnßbaum, ebenfalls Absolvent des BreSlauer Seminars, zum Prediger der Berliner Gemeinde ernannt worden. - Schließlich wztrbe der aus dem Berliner Rabbinerseminar hervorgegangene Dr. Berkvwits zum Rabbinatsassessor ernannt. Notiz nehmen wollen. Nun liegen sie offen zutage, und es kann sich zeigen, wer erneut nur ausweichen, oder wer jüdisches Schicksal bewußt erleben will. - Hundert Tage sind ein „Tropfen am Eimer" der jüdischen Jahrtausende. - Die jüdische Geschichte wird bleiben, trotz oder gerade wegen der hundert Tage, wann und wo sie auch ihre Schatten in jüdisches Dasein werfen. . Her junge Gruets Unverkennbar hat der jüdische Mensch unserer Zeit ein neues und vertieftes Verhältnis zu geschichtlichen Dingen und Problemen gewonnen. Und unversehens'sind zahlreiche Publikationenans dem literarisckfen Markt erschienen, die der erhöhten Nachfrage nach geschichtlicher Belehrung und Erkenntnis zu entsprechen suchen. An Tuelleiianswahlen,' populären Gesamtübersichten.- Essays - über Hauptpersonen der jüdischen Geschichte, an Lebensbeschreibungen und biographisch-hislorischon Romanen ist kein Mangel. Aber vielfach vermag diese über Nacht entstandene Literatur nur dem Bedürfnis nach einer raschen Orientierung oder gar oberflächlichen JKenutnisnährne zu dienen: die Suche ltad), einer vertieften und erweiterten Geschichtsanschammg wird durch sie, die allzu deutlich nach Konjunktur riecht. nur teilweise befriedigt. Volle Befriedigung wird ihr dagegen zuteil durch den Geistesschatz.'den Ludwig Feu chtwanger aus einer wunderlickk;n Verborgenheit ans. Licht gehoben hat: es yandelt -sich um einen Neudrück einer Skizze von Heinrich G r a e tz. „D i e K o n st r u k t i o n der I üdis ch e n Geschichte" »Bücherei des Schocken-Verlags. Nr. 59). In diesem schmalen Büchlein findet der heutige jüdische Leser das, was er am eifrigsten sucht, und was ihm andere gegenwärtige Versuche nicht in gleicher Vollkommenheit zu bieten vermögen, eine geschichtsphilosophische Grundierung des gesamten Verlaufes der jüdischen, Geschichte, scharf zupackend in der Zusammenrasfung und Gliederung des gewaltigen Stoffes, höchst übersichtlich und einprägsam in der Abgrenzung der einzelnen Perioden, vor allem aber geradezu genial in der Eigenart und Kühnheit der Beurteilung lind Deutung, die die Personen und Zustände unserer Geschichte finden. Neuer den etappenreichen Weg.' den der berühmte Geschichtsschreiber der Juden bis zur Abfassung seiner iiniversalgeschichtlichen Skizze- .zurücklegte. stellt ein prägnant geschriebenes Nachwort Ludwig F-euchtwangcrs. das trotz seiner schlagwortartig zugespitzten Gedrängtheit non umfassender Gelehrsamkeit zeugt, die wichtigsten Tatsachen zusammen. Danach hat sich die geistige Entwicklung Graetzens im Nahmen der/ aufwühlenden Jdeenkampse seines Jahrhunderts abgespielt. Ursprünglich hatte er. obwohl rin Kind der .Assimi'lationszeit. d)irch die Lehre und Lebenssornt des überlieferten gcsetzestreucn -Judentum? seine frühe Prägung erhalten. Dann ergriff auch ihn. wie fast sämtliche seiner geistig selbständigen jüdischen Zeitgenossen. die Macht der modernen europäischen Aufklärung, jener kühle kritische Rationalismus, jener erbarmungslose Geilt - nüchterner Wisscirschasttichfeit. der das überkommene religiöse Weltbild aus den Angeln zu heben drohte. Schon fürchtete der junge, um Wahrheit und Klarheit inbrünstig ringende Denker dem „starren schrecklichen Skeptizismus". einer „profanen heidnischen Zeitgeisteransicht" zu erliegen, als ihm ein gütiges Geschick ein Retkungsseil zuwarf. Gerade damals, in jener für die gesamte jüdische Generation kritischen Phase, war bereits von jüdisch-orthodörer Seite der große Gegenstoß gegen die zur Unglänbigkeit und Indifferenz verleitende Aufklärung erfolgt. Es war jene nicht nur auf den jüdischen Bezirk beschränkte Reaktion einer religiösen - -Romantik, die wiederum die Kräfte des Gemüts tutd der Empfindung gegen die intellektuelle Revolution des aufgeklärten Menschenverstandes mobilisierte. Es war im Jahre >830, als den erst neuzehnjährigen Graetz eine pseudonym erschienetie Schrift in die Hand siel,' deren Lektüre ihn^ mit einem Schlage von den nagcttden -Skrupeln befreiteund . die Kraft echter Gläubigkeit in ihm wiedererweckte. Dies waren die? ./Neunzehn- Briefe über Judentum", die einen jungen, bis dahin.unbekannten'-'Rabbitter. der tut Dldenbiirgischen amtierte, zum Verfasser hatten: es war kein Geringerer als S a nt s o n ' n P hael H i r s eh . der 'mit jener Schrift seinen Rang -als geistiger Führer des gesetzestreuen Judentums begründete. Graetz. aus den das luigewöhnlielie Buch wie eine Offenbarung eingewirkt hatte. gab dem Verfaiier in einem begeisterten Briefe seine Zustimmung zu er- -kennen.- Er habe, so gesteht er ihm, seine Gefühle .und Gesinnungen. in reine und echtjüdische verwandelt. Er zögert nickst, 'sich in die Lehre des verehrten Mannes, dem er seine „Rettung" zu verdanken vermeint, zn begeben. Drei Jahre lang macht er jene Lehre durch. Er empfängt voii Samson'-Raphael Hirsch nicht nur eine '-ungemein gründliche Kenntnis in allew jüdischen Materien, sondern er wird vor allem in das Lager des strenggläubigen.-Judentums zurückgeführt. -Aber die Macht der.modernen ansklärerisch-proianen Zeitideen holtchen Flüchtling noch einmal in ihre Arme zurück. Er. der durch Hirschs Unterweisung ein für allemal gvieif zu' sim?zlalibte. üülerliegt abermals ihrer Verlockung. Hegel-, so heißt das um- .wälzende geistige Erlebnis, das ihn zum Apostaten werden läßt. Zwar konnte er nicht mehr. wie es bei der vvrängegangenen Generation — bei Eduard Gans, Heinrich Heine.. Moses Moser u. a. — noch möglich gewesen war, sich persönlich unter die Schüler des