Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 25 (18.6.1936)
- Date
- 1936-06-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken einer Diaspora stand, die er-bejahend erlebte mit ihrem Leid und ihrem Segen, mit der Bereicherung seines eigenen Wesens, das sich in der Auseinandersetzung mit einem anderen bewährt und kräftiger zu sich sfdbsLzurückkehrt, der in schlichter Grösse tapfer . und selbstlos seinen Weg ging und in dessen Leben wichtiger war, was er zustande brachte als was ihm widerfuhr. Wie er Zeit seines Lebens auf-, geschlossen war allgm Schönen, Guten und Freudvollen, so war er aufgeschlossen dem ' Leide und fand in Stunden des Leidens als einer unter ganz Wenigen die zeitgerechte . Form jüdischen Wirkens. Ihm war immer, - wo er auch auftrat, das Judentum nicht : eine Vielheit von Juden tüniern, deren jedes sich ängstlich um die Wahrung seines ‘ Machtbereichs sorgte, sondern Judentum war ihm das Einzige und Allgemeine, um das er sich sorgte, in seinem innersten Wesen gehalten und getragen von der Idee, die ihm bis zuletzt nichts anderes war als die individuelle . Tönung seines, unseres Judentums. Und so stand er in den letzten Jahren vor uns allen nicht nur als der allverehrte und geliebte Vorsitzende des C.-V., sondern als ein jüdischer Meister, der sich der Organisation bediente um der Gemeinschaft willen, der im Ganzen die - Vielheit wertete nur um des Ganzen willen, und der in erster Linie es war, der dem Judentum in Deutschland in den Zeiten seiner schwersten Prüfung auf dem Weg zur Einigkeit und Vereinigung hingebungsvoll zur Seite stand. Das Ziel, das er damals allen wies, hatte er selbst erreicht: die Vereinigung der Lebensgegensätze in dein Wesen seiner abgeklärten Persönlichkeit. Die Linie seines Füblens und Denkens war die Lin je der Ideologie, der er diente, und sie war ihm-nicht nur die Form des Begreifens, weil sie einmal da war und man sich ungern von alten Formen löst, sondern sie war ihm die selbstverständliche Norm seines Lebens, das Gesetz, nach dem er angetreten war und ausgehafit hatte, Er brauchte nicht über Ideologie zu sprechen, denn sie sprach aus ihm; er durfte sie auch um eines Grösseren willen einmal zum Schweigen bringen, denn sie lebte ih ihm unverlierbar; so wie er seine Person zurückstellen konnte, ohne fürchten zu müssen, an seiner Persönlichkeit' zu ver- So war er der Lautere und Gerechte, der Ritterliche und Tapfere, der Verstehende und Gütige, ein adeliger Mensch. Man sagt, jeder Mensch sei ersetzbar; e r ist unersetzbar. Er ist unersetzbar, nicht nur weil jeder Mensch, der dies ganz ist, als Persönlichkeit eine Einmaligkeit ist, sondern auch deshalb, weil wir niemanden sehen, d«-r un< geben könnte, was er uns gegeben hat. Trostlos stehen wir in unserer Trauer um den-prachtvollen-und lieben Menschen,, i-ins uns fühlend' mit seiner verehrten Gattin und seinen Söhnen im Wissen um die Grösse des Verlustes, und es wird uns stets einen die Erinnerung an ihn, der nur mit seiner Körperlichkeit hinweggegangenist; die Spuren seines reichen Lebens aber werden bleiben und es bleiben die Tugenden und Gaben, die er seinen Kindern ger-chenk! hat. es bleibt das Bild seines'We-.' sens. S'dü Vorbild, wie er es nms allen eins eeprägtbat; unverlierbar setzt sich seine Persönlichkeit fort in dem Kreise, in dem >>r gob ht hat. in den Herzen all derer, die er geliebt und für die er gearbeitet hat. Treu werden wir ihm' die Liebe bewahren über das Grab. Nachdem Rabbiner Dr. Leo Baeck das Totengebet gesprochen hatte, sang Oberkantor John Jacobs o h n das El mole rachamiai. Dann leitete das Harmonium üb»r zu lb-m Gesang „Ruhe sanft im ewigen Frieden", den der Chor des Berliner Kulturbundes unter Leitung seines Dirigenten Berthold Sander klang- und .stimmungsvoll vortrug. Langsam versank der Sarg. Leo Baeck sprach das Kaddiseh, und Harmoniumtöne gaben der ergreifenden Feier letzten Au>k!ang. Der Freund des „Morgen“ Eine Stunde, bevor der todbringende — Unfall seinem—Schaffen—ein Ziel setzte, sprach Justizrat Brodnitz mit wenigen seiner engsten Mitarbeiter über . den „Morgen“. Als einer der tätigsten Freunde der Zeitschrift hatte er um diese Besprechung gebeten, weil ihm bestimmte Anregungen am Herzen lagen und weil er sich wieder einmal über Pläne und Er- Die Stunde der Dernf 1111g Aus schmerzlichem' Anlass taucht nun zum zweiten Male innerhalb weniger Monate die eigenartige geistige Atmosphäre aus den Jahren 1919 und 1920 auf. In jeder Woche sammelte sich ini Arbeitsausschuss, di«/Elite jüdischen’ Geistes aus allen Berufsständen, um die vielfältigen Probleme, welche jene Jahre brachten, ihrer Lösung näherzuführen. Alle Tagesfragen wurden 'gleichsam in eine geistige;Sphäre erhoben, ohne dass, sie ihre Konkretisierung verloren. Im Kreis der Vorstandsmitglieder, aus denen der zahlehmässig kleine Arbeitsausschuss gebildet war, fiel die starke geistige Persönlichkeit Julius Bro d n i t z, sein trotz des weissen Bartes zeitlos wirkendes Antlitz auf. Er besass schon damals die seltene Fähigkeit, nach lebhafter Diskussion aus dem Widerstreit der Meinungen mit wenigen Worten die klare Linie zu bilden, die notwendig war, um-eine Frage zum Abschluss zu.bringen. Sein starkes Verantwortungsgefühl, seine von den Quellen des Humanismus gespeiste Betrachtungsweise wirkten besonders charakteristisch durch die anspruchslose, bescheidene Art, die ihm eigen war. Eugen Fuchs, unter dessen temperamentvoller Führung der Central-Verein in der bewegten Zeit nach dem Kriegsende seine Renaissance erlebte, hatte Julius Brodnitz als seinen Nachfolger ausersehen. Rückschauend stellt inan fest, dass Leid und Erschütterung in jeder Zeit mit anderem Wert muss gemessen wird. Die noch; lebenden Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter werden sich der tiefen Bewegung erinnern, welche jene denkwürdige Arbeits - Ausschusssitzung als eine historische Stunde unvergesslich werden lie.ss, in der Eugen Fuchs seinen Rücktritt -von der Führung der VereinsgeVhäfte ankündigte. Im Gegensatz zu seiner sonst übersprudelnden Redeweise sprach Eugen Fuchs, langsam und leise. Man hatte die Empfindung, dass er mit tiefster Schmerzlichkeit Abschied von einem teueren Kinde nahm, ja, dass er den baldigen Abschluss seines Lebens vonuisahnte. Im spärlich beleuchteten Arbeitszimmer, unter dem grünen Schirm der- SchreibtischI^mpe, die das Gesicht geisterblass erscheinen Hess, gab Eugen Fuchär. seinen schweren Entschluss bekannt und wies gleichzeitig auf Julius Brodnitz als den Würdigsten hin. dessen Verantwortungsbewusstsein er die Der Eintritt in leitende C-V-Arbeit Dr. jr. Julius Brodnitz; Berlin C 19 Wallstrasse 17—18 /J. £ ff. Wahrung des Schicksals der Juden in Deutschland anvertrauen wolle. Keine seiner späteren, offiziellen Rücktrittserklärungen in der Hauptvorstandssitzung und in anderen Gremien hat einen ähnlich stärken Eindruck hinterlassen. Die von Eugen Fuchs ,vorgezeichnete Linie .-d«?r Ueberbrüekung und des Ausgleichs aller inneren Gegensätze — wie häufig fiel in Debatten über die Zionistenfrage sein mahnendes Wort „Nicht das - Tischtuch zerschneiden zwischen unseren Brüdern“ — hat Julius Brodnitz weiter durchgeführt. Sie entsprach seiner inneren Einstellung, sie war seine Stärke bis in die letzten Jahre, deren schicksalhafte Wendung niemand voraussehen konnte. Lucia Jacoby, fahrungen berichten, lassen wollte. Vor allem aber lag ihm daran, einen kritischen Einwand zurückzu weisen^ der da gemeint hatte, das Niveau der Zeitschrift sei für den Durchschnittsleser zu hoch. ,;Sie wissen ja, dass ich den „Morgen“ sehr liebe“, so hatte er sich der Schriftleitung gegenüber vorher schriftlich geäussert und das Gespräch stand ganz im Zeichen dieser Gesinnung. Wir erörterten die Aufgabe einer gehobenen, den Tageskleinlichkeitcn entrückten Betrachtungsweise, wie sie die Monatsschrift fordere und voraussetze. Er bekannte sich rückhaltlos zu dieser Notwendigkeit. Der Gedanke, die Ereignisse aus Enge und Rechthaberei heraus in ihre geistige Sinnbeziehung zu retten und ihnen vertiefte Deutung zu geben, entsprach so sehr seinem eigenen Wesen, dass er nicht müde wurde, ihn zu vertreten. Dabei missachtete er, der sonst so mitten im Leben stand, die Beweiskraft von Zahlen und geschäftlichen Erfordernissen. Er machtekeine Zugeständnisse auf Kosten des Niveaus und ermutigte unseren Willen durch seine eigene Entschlossenheit. - Er war sein ganzes Leben lang gewöhnt die geistigen Sphären dieser Welt in ernstem und. mühevollem Suchen sich zu erschliessen, Seine harmonische Persönlichkeit war ihm nicht als Gnadengeschenk eines Schöpfungsaktes gegeben, er hatte sie in rastlosem Streben erarbeitet. Darum machte er unser Verlangen, in stürmischer Zeit eine Stelle der Sammlung zu erhalten. . auch zu dem seinen. Er wusste und empfand es als Entbehrung, dass andere Möglichkeiten dieser Art verlorengegangen sind. " Um so höher schätzte er die eine, die er im „Morgen" verwirklicht sah. Mit einer unumwundenen Absage an die geistig Trägen und mit einem erhebenden Bekenntnis zu der Idee des „Morgen“, ihrer Gestalt und ihrer Höhe, klang jene Unterredung aus. Auf dem Heimwege haben wir uns gegenseitig sein Bild gezeigt, wie wir es in uns trugen und wie es uns diese Stunde wieder enthüllt hatte. In tiefer Dankbarkeit wurden wir uns bewusst, was wir an ihm besassen und wie er uns wieder einmal von der Kraft seiner Unberlingtheit ge-~ geben hatte. Wir almteifnicht, dass die Worte, die wir damals sprachen, schon fast ein Nachruf waren. Wir wiederholen sie heute als Dänk und Gelöbnis: Den „Morgen" als sein Vermächtnis weiterzuführen, wird die Probe unserer Treue sein. Dr. Eva Rcichmann-Jungmann. Der Anwalt Es ist kein Zufall, dass die drei Männer, welche-dem C.-V. das Gepräge gaben, dass Maximilian Horwitz, Eugen Fuchs und Julius B r o d n i t z Juristen, und 4ass sie alle drei Anwälte gewesen sind. Es ist auch charakteristisch/dass sie nicht, wie vielfach sonst Politiker, die von der Jurisprudenz ausgingen, ihren Beruf nur nebensächlich ausübten, sondern dass sie sich schon in jungen Jahren durch ihre beruflichen Leistungen zu Zierden des Anwaltsstandes .entwickelten. Ebenso wie sie sich in ihrem, öffentlichen Wirken bei aller» gemeinsamen Zielrichtung grundsätzlich voneinander unterschieden, hoben sich auch auf beruflichem Gebiet ihre Persönlichkeiten schärf voneinander ab. Während Horwitz die forensische Betätigung in jeder Geste und jedem Worte spüren Hess, Fuchs in der Art seines Vortrages und als l)ebatter den Anwalt niemals verleugnete, verriet die ruhige, abgeklärte, diplomatische Art von Brodnitz niemals, dass er aus der Anwaltschaft kam und in ihr einen wertvollen Platz einnahm. Nun. wer einmal seinen Rat und seine Hilfe als Anwalt in Anspruch nahm, hat erfahren, wie sein Einfühlungsvermögen und-sein klares schnelles Urteil in den verwickelsten Dingen, seine Zähigkeit in der Verteidigung der ihm anvertrauten Interessen, seine kühn zupackende Art, wo es zur Erreichung der ihm übertragenen Aufgabe nötig war, ihn zu einem hervorragenden Reclitsbeist.änd stempelten. Dass "diese Fähigkeiten gepaart waren mit einem durchdringenden Vefstande und einem warmen Herzen, bewirkte, dass er der wahre Rechtsfreund seiner zahlreichen Klienten wurde, die ihm .oft ein Lebensalter hindurch freue "Anhänglichkeit bewiesen. Die Kollegen w ussten zu schätzen, dass zu diesen wertvollen Eigenschäften auch noch hervorragende Rechtskenntnisse hinzutraten. Was Brodnitz aber als Anwalt wirklich bedeutete, kann in vollem Umfange nur-der— ermessen, dem es, wie dem —Schreiber_dieser Zeilen, vergönnt war, nahezu zwei Jahrzehnte TrTberuflicher Verbundenheit neben ihm zu wirken. Trotz einer von Jahr zu Jahr wachsenden Tätigkeit im jüdischen Leben war er stets für seine Klienten zu sprechen. Immer fand er die Zeit, die schwierigsten Rechtsprobleme mit umfassender Gründlichkeit zu erörtern und einer Lösung zuzuführen. Gerade die Gründlichkeit und Elastizität, mit der er die unendlichen Wandlungen des Rechts seit Kriegsausbruch studierte und sich, fern von aller Routine, die er verabscheute, mit echter Wissenschaftlichkeit zu eigen machte, -bewiesen, dass er. zum Juristen geboren war, und dass ihm der erwählte Beruf nicht nur äusseren Erfolg, sondern auch innere Befriedigung brachte. Dem Bilde von der Persönlichkeit des Juristen.Brodnitz würde ein wesentlicher Zug fehlen, wenn man die ethische Lebensauffassung unerwähnt Hesse, die ’ den Grundakkord seiner beruflichen Betätigung bildete. „ Ihm war es, trotzdem er einer individualistischen Epoyhe entstammte, niemals allein um das Einzelinteresse zu tun. Er sah stets weiter und suchte, wie es der echte Anwalt stets tun soll, die TndividualanstuFüche mit den allgemeinen Erfordernissen in Einklang zu bringen. Dieser Sinn für die Gemeinschaft brachte' es mit sich, dass er gern seine Hilfeleistete, wenn es galt, Unternehmen zu begründen, die ihre Wirksamkeit über einen grösseren Kreis erstreckten, mochten sie auf privatwirtschaftlicher oder gemeinnütziger Grundlage ruhen. So hat er sich, ratend und fördernd, bei Gründungen auf den verschiedensten Wirtschaftsgebieten, bei bedeutenden Konzernen und Kartellen betätigt, so hat er als Aufsichtsrat führender Werke, als Syndikus und Testamentsvollstrecker, seine wirtschaftliche Erfahrung und sein juristisches Wissen in den Dienst der von ihm Be- . freuten .gestellt. Er war gern und in erster Linie Wirtschaftsjurist. Dabei hatte er aber auch, wenn er vor Gericht auftrat, stets das Ohr der Richter, die seine vornehme Persönlichkeit hoch zu schätzen wussten, und bei denen sein Name guten Klang besass. Seihe Plaidoyers waren eindrucksvoll und verfehlten ihre Wirkung Der beredte Mund ist jäh verstummt. Der sorgende, nimmer müde Geist, der stets einen klugen Rat, ein helfendes Wort zu rechter Zeit wusste, ruht auf immer. Uns jüdischen Juristen war und bleibt er ein Vorbild. Er hat auch uns durch sein Leben ein Vermächtnis hinterlassen. „Und verbringst Du,-kräftig, milde, ' Deiner Laufbahn reine Kreise, wirst Du auch zum Musterbilde Jüngeren nach Deiner Weise.“ Dr. Fritz Wieluner. i