Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XV.Jnhrg. / Nr. 23 Berlin, 4. Juni 1936 Preis 10 Pfennig enfral ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle CVerlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilnng): Berlin W 16. Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglanhen, Borlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die ,.C V Zeitung-1 erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellnngen nimmt jedes Postamt nid die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezngsgebfihren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ansland 2.30 RM, amgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Ansprach auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzelgengeböhren: Preisliste 6 gültig. Die lSgespaltene Millimeter-Zeile.20 Rpf.. für Stellengesuchs 10 Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf.. weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nnr gegen Vorauszahlung. — Antel genschloss: Dienstag. Platzand Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Zwischen weit im Werden Der JeteisH~j\fjenetßmDerichi an die Mandats*Kommission A.H. Es ist Heute zu berichten, wie bas Jüdische Auswandererlehrgut in Groß- Breesen beginnt, die Absichten zu verwirklichen, die vor einem halben Jahre mit dem Begriff der Jüdischen Auswandererschule erstmalig verknüpft worden sind. Man erinnert sich: ein kletner Kreis von Menschen überlegte sich den Zukunstsweg der jungen Generation unserer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, für die aus tatsächlichen oder ideelichen Gründen der Weg nach Palästina nicht als gegeben anzusehen war. Man fand Zersplitterung, Einzelgängertum. romantische Vorstellungen und oft-, was noch schlimmer ist, ein Vakuum vor, sobald man ernsthaft und unter vier Augen die Frage nach dem Später stellte, nach der Zeit, die.der Schulentlassung oder der Lehrausbildung folgt. Die Mit einem Aufsatz Südafrikanische Impressionen“ setzt die Schriftleiterin der C.-V.-Zeitung, Dr. Margarete Edelheim, auf Seite 3 des Hauptblattes ihre Berichte aus Südafrika fort. Forderung der Lebenstüchtigkeit, der mensch» ichen und jüdischen Bewährung war zwar erhoben, aber im wesentlichen nur diskutiert worden. Der 15. September 1935 zwang zum Ernstmachen. Wenn für die Mehrzahl der noch nicht im Beruf Stehenden, der gerade erst in der Lehre Befindlichen der Zu- . kunstsweg über die Grenze führen mutz, so soll die Vorbereitung hafür so sein, wie es der Tradition, der Würde und dem inneren Werte einer Gruppe entspricht, als die sich das Judentum in diesem staatlichen Raume seit anderthalb Jahrhunderten der Welt dargestellt und bewährt hat. Wer hinausgeht, soll sich diese Vorstellung seiner Herkunft, diese Verpflichtung zu seiner Lebenshaltung draußen, diesen Inbegriff von Kultur und -Bildung zu eigen gemacht haben und eine Auffassung bekämpfen, die zwischen dem Extrem einer hemmungslosen Preisgabe aller überkommenen und übernommenen Werte und der Flucht in ein Wunschbild hin und her pendelt. An der Wiege der Verwirklichung dieser Idee einer Lebensvorbereitung stanb — die Polemik. Wir erwähnen^die Pressekampagnen vom Jahresbeginn nur,, um mit Dankbarkeit festzustellen, wie schnell sie verstummt sind, nachdem aus dem theoretischen Widerstreit der Planung sich das Werk selbst in immer klareren Konturen abzuheben begann. Als. dann die Reichsvertretnng einstimmig, mit den zionistischen Stimmen, die Jüdische Äuswandererschule anerkannte und ihr ihre materielle und ideelle Förderung zugesagt hatte, lag es nun an dem Kreise, aus dem der Plan stammte, zu seinen Absichten zu stehen. . Es soll hier nicht der krause Weg beschrieben werden, der zu dem werdenden Groß- Breesen führte, diese Besichtigungen und Berechnungen, diese Besprechungen über Programm- und Stätutenfragen, diese schwere und verantwortungsvolle Auswahl der ersten Gruppe von Schülern, und PrarnranlenUs^ den vielen hundert Anmeldungen. Die wenigen Freunde, um die sich im Vertrauen aus ihre Ernsthaftigkeit ein größerer Kreis maßgebender Menschen aller jüdischen Gremien als Kuratorium gestellt hatte, taten ihre Arbeit, und es war ein gutes Vorzeichen für die Der ständigen Mandatskommission beim Völkerbund, die ihre ordentliche Sommertagung unter dem Vorsitzenden Gras Theodoli am 27. Mai eröffnete, wurde wie alljährlich eine Denkschrift der ^ewisb Agency vorgelegt. In dem der Denkschrift beigegebenen Begleitschreiben Tr. Chaim Weizmanns. dotiert vom 30. April, ist eine Uebersicht über die Entwicklung Palästinas im abgelaufenen Berichtsjahr sowie eine Zusammenfasiung der Wünsche und Beschwerden der Jewish Agency niedergelegt. Das Memorandum verzeichnet im allnemeinen ein weiteres Jahr merklichen. wirtschaftlichen Fortschritts. Tie jüdische Einwanderung aller Kategorien hat im Jahr 1935 die Zahl von 60 000 überstiegen. Die Entwicklung von Landwirtschaft und Industrie ging in denifelben Maße weiter und die fübifdjc Einwanderung hat weiter dazu beigetragen, die Einkünfte der Negierung zu erhöhen: Im letzten Vierteljahr 1935 haben die - wirtschaftlichen Verhältnisse in gewissem Grade eine Störung infolge der Auswirkungen des italienisch-abessinischen Konflikts erfahren. Anfang September kam es zu einem Run auf einige Banken, der trotz rascher Gegenwirkung der wirtschaftlichen Lage für einige Zeit vor allem durch Krediteinschränkung seinen Stempel aufgedrückt hat. Der leichte Rückschlag im Wirtschastsleben hat zu Arbeitslosigkeit in gewissem Umfang geführt. Seit Beginn des laufenden Jahres jedoch haben sich die Verhältnisse erfreulich gebessert und inan kann sage», das, die wirtschaftliche Auswärtsbewegnng. wieder eingesetzt hat. Die Wirt sehn st liebe Slrnktur der jüdischen Siedlung und' des Aufbauwerkes linden bei dieser Gelegenheit eine benieikeiiswerte Erhol»iigSfnhig,. keit bewiesen. Das Bankeiisnsleni hat die vorübergehenden Schwierigkeiten überwunden: die inländischen Einlagen und der . ausländische Kapital giflusi steigen an. Die Iahl der jüdischen Arbeitslosen ist zurzeit dieselbe wie. im Avvemder und Lktvber 1935; sie winde damals auf r, Prozent der gesamten jüdische» Arbeiterschaft geschätzt, -was über eine nurniale Arbeiterreserve .nicht hinanSgeht. Da inzwischen ans Eirund der Güte der Sache — weil eine wertvolle Sache schon als Idee wertvolle Menschen in ihren Bann zieht —.daß von Beginn an die Person des Leiters außer Frage stand: Professor- Dr. Curt B o ndh. Und von dem Augenblick an, da wir wußten, Groß-Breesen wird der Qr^.der Verwirklichung, war ein früherer Baurar in unserem Kreise, dessen Name als einziger aus der Anonymität der ehrenamtlichen Mitarbeiter hervorgeholt werden soll: Jacob y. Dieser Mann war Wochen, bevor der erste Schüler in Groß-Breeserz^eintras, am Platze. Er rechnete und vermaß, entwarf und werkte , vom Morgengrauen bis in die späte Nacht die tausend Tinge, die zusammenpasien müssen. damit die Voraussetzungen für ein Gelingen gegeben sind. / U- Groß-Breesen liegt in der Nähe von Breslau bei Lbernigk. ein Besitz von etwa 900 Morgen in zweckmäßiger Mischung aller Bodenarten, als Ausbildungsstätte für Gärtner und Landwirte gut geeignet, mit ausreichenden Baulichkeiten, in denen auch die Handwerklichen Werkstätten — zunächst Tischlerei und Schlosserei — ihren Platz finden. Auch hier alles im. Ausbau. Tie künftigen Lehrlinge Helsen, die Geräte für die Arbeit zurecht zu machen, und im Hause greift jeder zu, wo und wann er gebraucht wird. So wird ganz ohne Absicht schon die Zeit vor der Ausbildung zur Ausbildung selbst: Zupacken lernen und keine Arbeit scheuen! Man trifft frohe Menschen, wenn man Groß-Breesen betritt/ Es ist nicht nur der -Widerschein der Freude über die sanfte . Schönheit der Landschaft, in der sie nun für einige Zeit zu Hause sein werden, ehe es an das große Abschiednehmen geht: es ist auch nicht der Abglanz der Kameradschaft, die hier gelebt wird, der Feierlichkeit der Fest- und Gemeinschaftsstunden, nicht die „gute Mattigkeit der Glieder", von der Hofmannsthal einmal spricht; es ist nichts von all diesem und doch alles zusammen, Tenn alles zusammen ergibt eine körperliche und seelische Straffheit, die sich in Haltung und Sprache und Ton eines jeden ausdrückt, und gleichgültig. was gerade getan wird: unsichtbar steht hinter jedem die Mahnung zum Bewußtwerden seiner eigenen Person als Träger einer Pionieraufgabe. Man hat zu den jungen Menschen das Vertrauen, daß sie hier stgi-ke und breite Schultern bekommen werden. körperlich und seelischl ———^ Eines fällt aus, und wir möchten, daß unsere Satze hierüber recht vielen Eltern, vor allem vielen Müttern, auisallen mögen: man sieht keine Mädchen als Schülerinnen in Groß-Breesen und zu wenig Praktikantinnen. Es gibt aber ohne Mädchen Und Frauen keine harmonische Ausbildung für einen Aufbau in Uebersee^ Wie stellen sich die Eltern, die Töchter in den in Frage kommenden Jahrgängen haben, die Zukunft ihres Kindes vor i Haushilfe für die Mutter ist wichtig und nötig. Glaubt man. daß die Jungen, wenn ft* einmal -*rr y.-ttepfec sind und den ersten schweren Start überwunden haben, sich Mädchen aus der Heimat Nachkommen lasien werden, die weder körperlich noch geistig auf die völlig andersartigen und schweren Verhältnisse drüben vorbereitet sind? Groß-Breesen wird in KniJe einen neuen Appell an die Jüdischen Mütter richten, über diese Frage nachzudenken und zu Entschlüssen zu kommen, die vielen von ihnen und sicherlich auch manchen Töchtern im Augenblick unbequem sein mögen. Aber diese Zeit kommt ganz allgemein nicht den Wünschen nach Bequemlichkeit entgegen, sondern sie fordert in ihrer ganzen Härte auch Härte gegen sich selbst. . Niemand weiß, unter welctzen Verhält- Missen, die jungen Menschen einmal drüben leben und arbeiten werden. Jeder Vater, jede Mittler kann aber feststellen, wie bei alter Bescheidenheit der Lebensführung ihr Kind in Groß-Breesen untergebracht ist. Hohe, heile Schlasränme. gute Betten, ausreichende Tusch- und Baderäume, reichliche und kräftige Ernährung, sportliche Schulung zum Ausgleich der schweren körperlichen Arbeit. Tic geistige Erziehung ist. wie alles, noch im Beginn, vor ollem der Sprachunterricht. Aber schon heute wirkt die Persönlichkeit des Leiters im jedes Tun und Tonten hinein. Ein abgegriffenes Wort drängt sich ot't und unmittelbar auf. wenn man unter den Groß-Breeseitern ist: Anständig! Anständig ist der Ton der Menschen untereinander. anständig zwischen den Gutsarbeitern und den jungen Zöglingen, anständig die Haltung zwischen Schülern und Leiter. Und wenn man noch ein zweites erklärendes Wort hinzusügen darf: Sauberk Sauber und anständig, das ist die wohltuende Atmosphäre. Man sieht junge Menschen, die answachsen werden, ohne innerlich gekrümmt oder zerbrochen zu sein. .Es ist aber keine Lebensferne, in der die Jungen und Mädchen sozusagen im luftleeren Raume erzogen werden. Tas Leben strahlt stärker in ihren Tag hinein als sonstwo. Tenn es ist sowohl die Welt um sie wie die Welt vor ihnen, die beide mit Forderung und Lehre und Verpflichtung da sind und Ansprüche erheben. Tie Welt, in der' sie jetzt leben, ist eine Zwischenwelt, aber nicht im Sinne flauer Unentschlossenheit, des Freihaltensvon Auswegen, sondern der Entschlossenheit, einmal in einer neuen Welt heimi'ch werden zu können, weil aller Wert, alle Unersetzbarkeit' der alten Welt ihnen völlig bewußt, ihnen Wesensbestandteil geworden ist. Diese Zwischenwelt wird so zur verdichtctelt Eigen- - Welt. So dicht soll alles in ihr gefügt werden, daß selbst stärkste Verdünnung durch den späteren Lebenöalltog keine Wertloftg« keit schaffen hmtt. , HI. - Es wird noch oft über Groß-Breesen zn berichten sein, ohne daß. die Oessentlichkeit Sensationen zu erwarten l)<it; aber auch ohne daß die Arbeit selbst, ällzii sehr im Lichte der Lefsenllichkeit. Gefat,r läuft, mit einem Seitenblick auf die Leffentlichkeit getan zu werden. Aber die Elterit unserer Kreise sollet, in gewisser Weise durch die Fernwirkung dieses Wertes ähnlich erzogen werden wie ihre Kinder. Tenn dieses erste Answandererlehrgiil. dein, nnr wissen nicht limim und wie bi eie folgen werden, soll als gemeinsamer Besitz unseres Kreises empfunden und behandelt werden, der verpflichtet. Noch ist die Arbeit erst im Werden, vieles wird jetzt noch benötigt, vieles wird in Zukunft benötigt lverden. Ter E.-B.. der mit der llleichsvertretung . das bedeutsame Werk last aiissihließlüh inateriell trägt, ist nicht so stolz, diesen Ehrentitel für die Dauer uneingeschränkt führen zu wollen. Wenn Größ-Breeseii erst einmal im Bewußtsein unserer Menschen seinen Platz gefunden hat,, wird niemand znrückstehen wollen, wenn es gilt, es als Wirklichkeit zu erhalten. Wie ans die Leitung des jüdischen Auswandererlehrgiile-ö Grvse-Vreeiei, nntteilt, besteht die Möglichkeit, ^uumijit noch einige Schiller im Alter von l.'» ln-i IN ..fahren, aiich Mädchen von 14 Jahren ab an! gniechine», gelinge» können unter Beifügung nan Iceigacta bei der Verwaltung Gras, Breese,,. P,ist Lberiiigl in Schlesien, angesordert werden. Diese Nummer umfasst 24 Seiten Sn; enthält, u. a.: Hauptblatt: Auslandsnachrichten. 1. Beiblatt: ,.Wiener Blut" im Berliner Kulturbund, von L'udüäg Allmann, mit Aachnungrn non Ernst Marcusc. — Schach-Eche. 2. BeiblattIsaak Heinemann zum sechzigsten Geburtstag, von Professor Is- - mar Elkogen-.—-——Bibliographie der jüdischen Diaspora. 3. Beiblatt: Australien und Neuseeland, von Dr. R-z. — Kurzer Nachmittag in Antwerpen, vori C. II. —", Jüdischem Leben in Spanien, von IValtcf Abrahamsohn, Barcelona. ■— Numerus clausus und Minoritätenrecht in Osteuropa, von Dr. Kurl Stillschujeig 4. Beiblatt: Palästina-Umschau. — Wirtschaft der Woche. 5. Beiblatt: Sportblatt.