Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-05-27 · 22 (27.5.1936) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
22 (27.5.1936)
Date
1936-05-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2278137-2278159--10909-2291076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■r Nr. 22 * 1. Beiblatt CYTcitung 27. Mai 1936 W .JA »«-Är « tti Das Buch Ruth', das am Wochenfest, dem Fest der Ernte, in der Synagoge verlesen wird, beginnt mit Not und Mißgeschick: ein Ehepaar und zwei Söhne ziehen wegen Teuerung in die Fremde, die drei Männer sterben dort, die Frau und die moabitischen Schwiegertöchter begeben sich in völliger Armut wieder auf den Weg nach dem Lande Israels. Aber durch das Festhalten an Tugend und Glauben wird alles zu gutem Ende geführt; die Moabiterin Ruth wird die Gattin des reichen Landherrn Boas und der Schluß gibt einen Ausblick auf die ruhmreichste Zeit Israels: das letzte Wort des Buches Ruth ist das Wort David, der der Urenkel von Boas und Ruth ist. Dies alles wird ausführlich und anschaulich, frisch und anmutig erzählt im Stil einer Novelle, nach Goethe das „lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch erhalten wurde". Der Höhepunkt der Erzählung ist das ins Poetische transponierte Treuebekenntnis der Ruth: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen . . . Dein Volk -ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." Diese lyrischen Worte sind die populärste Stelle des Buches Ruth, die jedem zuerst in Erinnerung kommen. Ebenso deutlich stellt sich gleich ein visuelles Bild ein: Ruth als Schnitterin im Felde mit Aehrenbündeln. Aber welches Bild ist es eigentlich? Selbst der mit dem Bildermaterial Vertraute kann diese Reminiszenz nicht eindeutig festlegen; stammt sie aus der Dorischen Bilderbibel oder aus einer anderen Illustration des 19. Jahrhunderts? Und wenn man so suchend und rückblickend die bildliien Darstellungen des Alten Testaments durchgeht, so stellt man fest, daß die Gestalt der Ruth sich relativ selten findet. Seinen Grund hat das in dem inhaltlichen und stilistischen Charakter des Buches Ruth und in seiner Beziehung zum Neuen Testament. Diese ist vorhanden, denn Ruth ist, wie schon, erwähnt, die Stammutter Davids und steht darum auch im Geschlechtsregister _ Christi, aber die Ereignisse des Buches Ruth gehören nicht zu den Themen der Erwartung und Vorbereitung, die auf ähnliche Geschehnisse des Neuen Testaments Hinweisen und daher traditionell bildlich neben diesen dargestellt werden. Ta dem Buche Ruth diese typologische Beziehung fehlt, wird es. nicht populär im frühchristlichen und mittelalterlichen Bilderkreis, und es findet sich auch nur in den Bibelillustrationen, die sich mit besonderer Ausführlichkeit dem Alten Testament widmen. Es sind dann bestimmte Marksteine im Laufe der Handlung, die vom 11. Jahrhundert an bis in unsere Zeit immer wieder zur Illustration gewählt werden: Ruth bei den Schnittern im Felde, Ruth bei Boas auf der Tenne, Boas nimmt Ruth vor den Aeltesten des Landes zum Weibe. Tie Schnitterszene hat schon in einer österreichischen -Bibel des 1.1. Jahrhunderts den Charakter des Arbeitsbildes; jedenfalls werden wir sehr genau über den Erntevorgang unterrichtet, wir sehen, daß man mit der Sichel ' schneidet und die Halme zu Garben bindet. Das Ganze ist formal noch stark byzantinisch beeinflußt, aber ausgch'chmückt mit' indivi- » duellen. Naturalistischen Einzelzügen. Boas liegt auf der Tenne und hat zum Zeichen, daß er sich zur nächtlichen Ruhe begeben hat.. seine Schuhe ausgezogen und neben das Lager ge- . stellt. Das leichte Sich-Sträuben der Ruth gibt auch den Ansatz einer psychologischen Differenzierung. Von späteren Illustrationen ist die ein- . drucksvollste in H o l b e i n s Bilderbibel. Volkstümlich, bildhaft klar, leicht ablesbar wird Ruth unter den Schnittern durch die zwanglos aus sie hinführenden Linien als Mittelpunkt der Handlung charakterisiert. ^—Der landschaftliche Rahmen ist knapp aber anschaulich durch ein Aehrenfeld im Vordergrund angcdeutet. Ter Gefühlston ist schlicht, der textlichen Unterlage adäquat. Im allgemeinen erfahren die biblischen Themen eine Neubelebung und einen frischen Impuls im Barock. Aber dem Thema Ruth fehlt, was Von Di*. Margarete Steinberg MM »MM "V^:i Links oben: Ruth zu Fütten des Boat, aut der Wenzelbibel, Wien (14. Jahrhundert). —- Mitte: Boat und Ruth, nach einem Gemälde von Nicolaut Poustin, Parit (17. Jahrhundert) — Ruth und Boat, von Eugene Delacroix, Parit (19. Jahrhundert) — Ruth und Boat (Die Judenbraut), von Rembrandt, Amsterdam (17. Jahrhundert) diese Zeit reizt. Mit geringem Ergebnis sucht man im R e m b r a n d t kreis, wo doch in der Gesolgschast des Meisters sich so viel psychologisches Interesse für biblische Themen findet iind der orientalische Einschlag in den Hafenstädten immer eine äußere Anregung gibt. Im Berliner Museum gibt es eine Landschaft von Aert de Gelder mit Boas nnd Ruth, aber die Landschaft hat hier ähren Eigenwert als Ziompositionsfaktor nnd als Träger eines romantischen Gefühls, die prächtig orientalisch gekleideten Figuren sind kaum -mehr als . Staffage. Es gibt noch ein berühmtes Landschaftsbild der -..Sommer" mit der. weiteren Bezeichnung Boas und Ruth; es gehört zu einem Zyklus die ..Jahreszeiten'', den P o n s s i n für den Herzog-von Richelieu'gemalt hat. Was dieses Bild von dem vorher erwähnten holländischen Bild. wesentlich unterscheidet, ist. daß hier Bien sch und Landschaft einheitlich empfunden, auf den gleichen seelischen Ausdruck, gebracht, sind. Sommer bedeutet Ernte, bedeutet des Lebens Höhe, bedeutet Arbeit und Elle, Ruth und Boas, nicht inehr jung, beide reich an Erfahrung, die sich zu Lebens- und Arbeitsgemeinschaft finden, personifizieren und symbolisieren das Stadium der Reise. Tie beruhigte Stimmung des .. Ganzen wird erreicht durch den wohlgefügten Ban der Landschaft, die sich oft als meßbare Distanz in klären -Schichten znni abschließenden Hintergrund ansbreitet. Ganz besonders passiv verhält sich der italienische Barock gegenüber deinBuch Ruth. Ihm fehlt der äußerste Affekt, die große Tat als Höhepunkt. Es erzählt nicht von Ausnahmemeüschen. von verzückten Schwärmern oder von gottgesandten Helden. die auch vor List und Blut nicht zurückschrecken wie das Buch Judith; es hat iiidjt den kunstvoll gesteigerten Aufbau init dein dramatischen Umschwung ivie das Buch Esther. Nicht von Blutvergießen. Rache nnd Feindeshaß ' ist die Rede, sondern es atmet eine Atmosphäre von Frieden nnd Gedeihen; es bietet auch keine Gelegenheit zu äußerer Vielfältigkeit, zu großer Repräfentation init Theatereffekten. Das Ganze spielt m einer durchaus privaten Sphäre; nicht um das Volksschicksal geht es. sondern mit. ein persönliches Schicksal, das allerdings Anlaß gibt allerlei Probleme volkstümlich didaktisch zu behandeln. Ruth die Fremde und Fremdglanbige trennt siel) von Heimat und Familie in der Sehnsucht nach Israels Gott nnd findet für ihre Glaubensstärke reichen Lohn.. Aber alles das geschieht ohne Märchen nnd Wunder/ohne besondere göttliche Fügung. Es ist eine Verherrlichung von Freundschaft. Dankbarkeit. Treue. Mildtätigkeit. Ruth ist liebenswürdig, fleißig, sittsam.— Boas lobt ihre Zurückhaltung gegen die jungen Mänuer —, Boas ist weitherzig und wohlwollend, der vorbildliche Bauer niit der Liebe zu --seinem Lande, der auch initarbeitet; er ist sozial gesinnt, denn er hat das Aehrenlesen als Arinenrecht anerkannt; er-hat die höchste Achtung vor dem Gesetz, dem er erst gerecht wird, bevor er seiner Neigung zu.Ruth'folgt. Alles das sind Tugenden, zu denen man sich und andere zu erziehen strebt, wenn man an den Fortschritt und die Allmacht der Vernunft in-ethischen Fragen glaubt, nnd darum entspricht das Thema so-recht der Gesinnung des beginnenden 19. Jahrhunderts. Das Buch Ruth wird ein Licblingsstoff für die .glassizisten nnd Nazarener, für die-ja die. Aufklärung .mit ihren rationali.stischen Normen in allen Fragen den weltanschaulichen und geistigen Hintergrund bildet. Josef v. Führich hat mehrere Szenen gemalt, gestocheki. auch einen nlehrblättrigeu Zyklus gezeichnet. Plan hat ihn den „Theologen mit dem stift" genannt, weil ihm Religion und Weltanschauung wichtiger waren als die -ttunst. aber man muß anerkennen, daß er für seine warmen Empfindungen eine gefühlvolle Liniensprache gesunden hat. Jede .Kunstrichtung/ die erzieherisch und moralisch wirken will, bevorzugt die Umrißzeichnnng. weil diese die Teutlichmachung des Inhalts erleichtert. co euächeherr-rim^dreseHJTt von verschiedenen .Künstlern Zeichnungen zur Geschichte Ruth. getragen von dem gleichen, überzeitlichen, etwas blutleeren Idealismus, die die handelnden Versonen klar charakterisieren und in zeitloser Tracht nach antikem Formenkanon sich bewegen lassen. Auch-die englischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.