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Kinderblatt · 1936-04-02 · 3 (2.4.1936) · page 1

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Journal
Kinderblatt
Volume
1936
Issue
3 (2.4.1936)
Date
1936-04-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Beilage der C-V.-Zeitung Nr. 3 2. April 1936 Eine Geschichte vom Seder-Abend Liebe Kinder, die Geschichte, die ich euch jetzt erzählen werde, ist so wichtig für ellch, daß ich ellch nur roten kann. : sie mit einer Schere äusziischneiden, damit ihr sie zum Sederabend zur Hand habt. Ich würde euch das niemals sagen, wenn es sich nicht um den Afikomon handeln würde. , Eure Eltern werden wahrscheinlich nicht sehr beglückt davon sein, wenn euch der Diebstahl gelingt, weil sie ellch dann schenken müssen, was ihr ellch wünscht. Aber ich sehe gar nicht ein. warum eure Eltern sich nicht hellte genail so über euch ärgern sollten, wie sich eure Großeltern vor Jahren über sie selbst geärgert haben. Außerdem ist Pessach wirklich nur ein einziges Mal im Jahr, und Feste muß man feiern, lvie sie gerade fallen. Ihr wißt doch alle, was ein Afikomon ist. nicht wahr? Alls jeden Fall: das ist eine runde, bucklige, zerlöcherte Mazze. Wer jetzt fragt, was eine Mazze ist, darf seinem Neligionslehrer eine herunterhaucn! Und das kann man schließlich auch nicht so ohne weiteres erlauben. Es ist schon am einfachsten. wenn ich euch mal erzähle, lvas so eine Mazze eigentlich ist. Eine Mazze ist ein Stück Brot ohne Salierteig. sie wird gemacht ans Mehl und Salz und Wasser. Sie schlneckt eigentlich nach gar nichts, und weil sie eben nach gar nichts schmeckt, esse ich sie am liebsten mit ordentlich viel Butter drauf. Dainals in Aegypten, als die alten Juden in höchster Eite mit Moses davonliefen (ich meine, das wißt ihr doch, nicht wahr? — vom Pharao, voll den' schweren Frondiensten und den zehn Plagen, die der Herrgott über Aegyptenland schickte?) da war keine Zeit mehr für die Juden, erst noch ihren Brotteig in den Trögeil.zll säuern. ,,-Kcifcl), rasch!" sagte Moses, „wir müssen sehen, daß wir fortkommeu. Backt euer Brot mal ohne Salierteig. inan kann nicht wissen, ob der Pharao Nils in ein paar Stunden auch noch gehen läßt!" Da llnhmen die Juden den nilgesällerteil Teig — denn sie brauchten ja Wegzehrung für ihren Auszug— machten eine Art runde, ganz flache Nndellappen daraus, damit der Teig recht schnell gar würde, und bukeil sich unterwegs die allerersten Mazzen daraus. — So. mm wißt ihr also, was Mazzen sind! Der Afikomon ist nun allerdings keine x-beliebige Mazze, sondern die Äazze, die der Sederführende, also euer Vater, Großvater, Onkel öder sorrstwer^ nach dem Allfdeckerl des llugesälierten Brotes am Pessachabend als erste heruttternimult — und versteckt. Wenn ein Großer etwas oersteckt. weiß er scl>oli. lvarum er das tut. Dapn will er nämlich nicht haben, daß jemand das Versteckte findet. Also kurz und gut. lver den Afikviilvn findet und stiehlt, darf fiel) etwas wünschen lind muß unter alleil Umständen seinen Wunsch erfüllt bekommen. voralisgesetzt natürlich, daß er sich nicht gleich ein Naketenäuto wünscht oder einöu Zentner Himbeereis oder eine ganze Achterbahn. DamalS. als ich ineinem Großvater ben Afikomon gestvlileu habe, lvar ich sehr bescheiden llnd habe mir nur eiile Tafel Schokolade gewünscht. Tie bekain ich dafür aber auch. Ein Aaketenalltv bekoulmt man nicht so leicht. Mein Großvater war schon 97 Jahre alt. Er hieß Michaelis mit Vornamen, wir nannten ihn aber „Onkel Mailach". Er hatte eine lange, rllnde Nase, natürlich mich einen Bart, wasserblaue, tiefliegende Augen lind einen ganz verbogenen, alten Stücken. Immer trug er einen schwarzen, abgeschabten Nock am Leibe und aus dem Kopf mit den bleigranen Haaren eineil ur-. alten, steifen Praline. Am Sederabend. damals, saßen all seine Kinder, Enkel lind Urenkel mit ihm am Tisch und er hatte seinen Platz am schmalen Ende ganz allein. Er hat lalige Gebete ans seinem vergilbten Buch vorgelesen, und ich sehe jetzt noch, nw er doch schon viele Jahre tot ist, feinen fiedelkrunnnen, nach außen neigenden Daumen die «Seiten des Gebetbuches umwenden. ' Der Knochen und das allgebranilteEi. der Apfel - Maiidel- Ziegelbrei lind die bitteren Kräuter standen vor ihin auf eitlem großen Deller alis dem Tisch. Aber meine eiilzige Sorge war llnd blieb der Afikoinon. Fütlfisch und Knödelsuppe, Biet ilild der rote Wein für den Propheten Elias (den alle Jllden am ' HtJTE . «Sil T/.EX illlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHMIIIIIIIIIIlllllllllllll ■■ .ebrüder Jochiberger § München. 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