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Central-Verein-Zeitung · 1936-04-02 · 14 (2.4.1936) · page 12

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
14 (2.4.1936)
Date
1936-04-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 14 t, JiiRtuitc'f5). Tie Erbauung der .Pyramiden bietet trotz eingehender Untersuchungen (Kees S. l tb. Fußnote 0) manches ungelöste technische-Problem. Ueber die zum ZiegelstrcickM. Piatcrialschletzpen usw. verwendeten Hilfskräfte, namentlich im Neuen Reich unter Rainsetz II., stammen unsere Kenntrnsse hauptsächlich aus dem Bildermaterial. Tie Masse der Stein- und Zicgclärbciter wurde aus den; .Kriegsgefangenen und sonstigen Köngen gestellt: die.Arbeitertrupps waren unter Vorarbeitern und Aussichtsbeamten militärisch organisiert.. : Wie Rohlinge unter Bibelstellen rezitieren, ziehen wir selbst noch einmal aus dem „Haus der Knechtschaft", sammeln wir in uns Zuversicht und Gottvertrauen. Tie historischen Bestätigungen der neuesten Zeit bleiben Zutat und Schmuck, nicht umge? kehrt; die Pharaonen der Bedruckung und des Auszugs tragen in der religiösen Uebcrlieserung keine Namen. Von des Volkes Würde / e» zwie*e.Präch Pessach Von L i s e Lewinne-k (Königsberg i. Pr.) Einst zogen auf des Herrn Gehciss die Väter Aus bitt rer Knechtschaft in dem fremden Sie zogen durch die wilden Wasser, die sicfi Sie zogen durch der öden Wüste heissen Sand. Und wenn sie dürsteten, dann wurd’ der harte Zur sprudelnd kühlen Wasserquelle wieder — Und wenn sie hungerten, dann fiel vom Himmel selbst Das Manna — köstlichste der Speisen —nieder. Und als im Tod sich Moses Augen schlossen, Kaum dass vom Berg sie Kanaan gesehn — Da Hess der Herr sein Volk, von Ihm geführt, Froh in die Lande der Verheissung gehn. lillllllllllllllllfllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllll den Truppführern ihre Stellung schamlos mißbrauchen, ist untz aus erhaltenen Klagschriften bekannt (vgl. KceS S. 170). Als Pharao des Auszugs wird allgemein Mcnucptah < 1 121.')) angenommen. Unter seiner Regierung traten nach dem Tode des Vaters. Ramses II., Ereignisse ein, welche die Eristenz des ägyptischen Staates in Frage stellten. Ncberall an den Grenzen des Reiches erhoben sich kriegerische Horden und Nomaden imd bedrohten das Landschwer. Ter Siegeshymnus aus dem 5. Regicruugsjahr des Menneptah ist auf einer Säule eingegrabeu, welche 18'.'«» in der thebanischcn Totenstadt von Flinders Pctrie ausgcgrabcn wurde; in dieser Anschrift wird als einer der besiegten Stämme auch der Israel-Stamm genannt. Tie allgemeine politische Lage erforderte damals ein Einlenken des Pharao, der das unsichere Element dieses Stammes über die Grenze verwies. Tie AuSzugserzähluugcu der Bibel lind unserer Pessach-Haggada sind von den historischarchäologischen Befunden unabhängig. Tie Resultate der modernen Aegyptvlögie und die zum zeitlosen heilsgeschichtlichcn Ereignis gewordene „Befreiung aus dem Lande Aegypten" sind grundverschiedene Konzeptionen: der historische Befund in Zeit lind Raum wird wie sedetz EinzelcreiguiS aus unserer Geschichte jederzeit die höchste Aufmerksamkeit unter uns beanspruchen Ter biblisclie kaiiouisclze Tert.. den die kaggada rezipiert; bleibt unantastbares religiöses Glaubensgut von hervorragend praktischer Be-, deutüng. Indem wir den. Wortlaut dieser A.: Als inl Mittelalter die Juden einer englischen .Stadt verfolgt wurden, zogen sie sich in eine Burg.zurück. Lange verteidigten sie sich tapfer-, mußten dann jedoch erkennen, daß' '.weiterer Widerstand nutzlos war. Die sichere Niedermetzelung vor Augen, forderten sie. ihre geistigen Führer aus, sie zu töten. So starben sie einer nach dem anderen von Freunlkeshand. Als.die Feinde in die Burg drangen, eroberten sie eine Leichenschar. 13.: Ein erschütternder Hergang. Ich kenne A.: Würdest du den Tod der Juden eine Heldentat nennen? 13.: Sie ist um so größer, als die Verfolgten nach tapferer Gegenwehr und mit hellem Bewußtsein sielen. A.: Wäre also in höchster Not würdiger, die Vernichtung zu suchen, als sie abzuwarten? 13.: Das muß ich schon dem einzelnen verneinen. noch mehr einem ganzen Volk. A.: Bei jenem Ereignis handelt es sich nicht um ein Volk, sondern nur um einen Teil der englischen Juden, Außer ihren Stammesgenossen im Inselreich gab es noch Juden in Frankreich. Italien, Deutschland, Rußland und so fort. 13,: Du hast recht. A.: Do bitte, begründe einmal deine Ansicht über äußerste Not des einzelnen und des Volkes. 13.: Schon der einzelne hat gewiß kein Recht, dem vermeintlich nahenden Tod zuvorzukommen, weil die Ansicht darüber, ob eine Lage verzweifelt sei oder nicht, immer unsicher sein wird. Nur wenige sind imstande, in höchster Gefahr auch nur einigermaßen klar, zu beurteilen, ob eine Verlegenheit unabänderlich, abwendbar oder vorübergehend sei. A.: Weshalb sollte aber, wie du sagtest, ein Volk noch weniger verzweifeln dürfen als der einzelne? 13.: Ein Volk hat unter keinen Umständen zu verzagen. A.: Auch nicht, wenn sein Lebensnerv, seine Ehre, verletzt ist? 13.: Die wahre Ehre eines Volkes ist unverletzlich, sie kann gedrückt und gepreßt, aber nicht wirklich beschädigt werden. Schon in bezug auf den einzelnen sagte Bismarck, das Maß seiner Ehre bestimme er selber, niemand könne ihm etwas dazu geben, niemand etwas davon nehmen. A.: So kann wohl nicht jeder sprechen. Das gilt wohl nicht immer. 13.: Für ein Volk trifft es unter allen Umständen zu. In der Menschenwelt ist die Ehre ein Passierschein, der seinem Inhaber das Recht verleiht, unbehelligt und freundlich gegrüßt seinen Weg zu nehmen. Alles, was nur einmal da ist, kommt mit dem Ehrenschein aus die Welt, damit es in seiner Einmaligkeit nicht verloren gehe. Es soll erhalten bleiben. Ter einzelne besitzt den Ehrenschein, obwohl er sich von seinesgleichen nur wenig unterscheidet. Besonders große, feierliche Siegel hängen an der Ehrenurkunde eines Volkes. Seine Einmaligkeit „ist strahlend cheuMch7"unverkennbar hebt es sich von jedem anderen ab. Würde es aus dem Völkerstrauß gezupft,, wäre seine natürliche. Fülle, seine Ordnung und Schönheit, dahin. A. : Da alle Völker gleich ewig sein sollen, haben wohl auch alle gleichviel Ehre? B. . Das sollte ich meinen. A. : Wenn ein Adels» oder Herrenvolk — B. : Jedes, an sich selbst gemessen, ist ein Adelsvolk. Es gibt aber nur das eine Maß. A. : Wenn eine sehr stolze Gemeinschaft wie die jener englischen Juden von einer Macht überwältigt wird, könnte doch auch die Ehre der Gemeinschaft verlorengehen und die Würde, oder was im Augenblick so scheint, es fordern, datz man freiwillig aus dem Licht der Sonne scheidet? B. : Uebersällt den einzelnen ein schweres Unglück, ist zu verstehen, wenn er den Kops verliert. Er hat nur seine eigene geringe Kraft. Fühlt er sich aber in der Gemeinschaft verletzt, so ist er nicht nur aus sich angewiesen. Er gehe in sich und dringe bis zu jener Tiefe, in der er mit seinem Ganzen zusammenhängt — wie Zweig und Stamm. Durch den Zweig strömt von den Blättern her Kraft zum Stamm. Noch mehr Kraft aber geht vom Stamm, der sie von der Wurzel empfing, in den Zweig über. So gibt die Gemeinschaft dem einzelnen viel mehr Selbstvertrauen, Mut und Stärke, als ihr von dem einzelnen zugeteilt wird. ' A. : Bewährt die Hilfe sich in jedem Unglück? B. : In jedem! Wie nennt man'Unglücknoch? A. : Prüfung? B. : Prüfung! Was wird geprüft? Ob das Wesen verdiene, als etwas "Eigenes, Unvergängliches zu bestehen. Prüfung ist keine Tändelei. Was geprüft werden soll, wird von Fluten überschwemmt, von Laugen geätzt,, von Feuer geglüht, ans dem AMboß gehämmert. Dabei springt hier und da ein Stück ab, doch das Ganze schrumpft zusammen, um fester zu werden, es wird härter und besser,- als es vorher war. Tie unumgängliche Zertrümmerung der armen englischen Juden traf ja nur. einen kleinen Teil. Die Hauptmasse sieht ihre Würde vor sich aufgerichtet in einer Fahne: „Lebe!" und folgt ihr nach. Siegfried Jacoby. Alfred Stern Ein Nachruf von Dr. Guido Leser Tie Geschichtswissenschaft und das Judentum haben einen unersetzlichen, Verlust erlitten: Professor Alfred Stern in Zürich, der Nestor unter den Historikern, ist am 24. März im ehrwürdigen Alter von 89. Jahren entschlafen. Auch rn ihm hat sich das Wort seines Lehrers Leopold v. Ranke erfüllt, der Historiker müsse'alt werden, weil ein kurzes Dasein für den unermeßlichen Umfang der Studien nicht genüge. "Alfred Stern war als Sohn des berühmten Mathematikers Professor Moriz Abraham Stern (1807—1894) am 22. November 1846 in Göttingen geboren. Er besuchte dort das Gymnasium und widmete sich dann an den Universitäten Heidelberg. Güttiuqcu und Berlin dem Studium der Geschichte. Seine hauptsächlichen Leiter waren Ranke und Georg Waitz. 1872 habilitierfr er sich an der Hochschule seiner Vaterstadt. Schon im Jahre darauf wurde er als Professor an die Universität Lern berufen. 1887 erhielt er die Prosestnr für Geschichte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, wo er bis vor wenigen Jahren in un- . crnuidlicher Lehrtätigkeit gewirkt hat. , Ster,rs wissenschaftliches Lebcnswerr lst von erstaunlichem Reichtum/ -Seine wichtigsten, früheren Veröffentlichungen sind: ,:Milton und seine,' Zeit" (zwei Bände. 1877—1879): „Geschichte der Revolution in England" (1881, 2, Auflage. 1898);. ..Abhandlungen und Aktenstücke zur Geschichte der preußischen Reformzeit 1807—1815" (1885); ,,Das Leben Mirabeaus" (zwei Bände, ,1889). . In die erste Reihe der 'zettgenvlsischen Geschichtsforscher aber trat er durch seine monumentale „Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871". Dieses zehnbändige Werk, von dem heute der größere Teil bereits in zweiter Auflage voru.egt, ist in den Jahren 1894 bis 1924 erschienen und stellt ein bewundernswertes Zeugnis höchsten Forscherfleißes dar. Aus einer Fülle gedruckter wie handschriftlicher, namentlich archivalischer Quellen schöpfend, ist Alfred Stern bemüht gewesen, innerhalb der Geschichte der einzelnen Völker und Staaten Europas die großen gemeinsamen Grundzüge zur Anschauung zu bringen. Dabei war er von der Ueberzengung geleitet, „daß trotz der lebensvollen Mannigfaltigkeit der einzelnen Erscheinungsformen die europäische Menschheit auch im neunzehnten Jahrhundert eine Gemenychast bildet, die gleichsam dieselbe Luft politischer, wirtschaftlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Ideen atmet". Während der dreißig Jahre, die zwischen dem ersten und dem letzten Bande lagen, hatte sich die äußere und die geistige Physiognomie Europas in tief einschneidender Weise verändert. Wehmütig mußte Stern im Vorwort zum letzten, zumal den Deutsch-französischen Krieg behandelnden, Bande seststellen: „Der . angebliche Friede, der ans den vierjährigen Weltkrieg gefolgt ist, hat „die Ideen- und Interessengemeinschaft" der Völker Europas, die ich in der Einleitung meines Werkes geglaubt hatte, als eine in der Regel feststehende Tatsache annehmen zu dürfen, noch nicht wiederhergestellr." Neben seinen großen Werken hat Stern in zahlreichen Reden, Vorträgen und Abhandlungen Belehrung und Anregung geboten; eine Auswahl unter ihnen hat er (1914) zu einem anziehenden Sammelbande vereinigt. Noch als Achtzigjähriger hat er für die Propyläen-Weltgeschichte den Abschnitt über die französische Revolution geschrieden, hat den Einfluß dieser Bewegung aus das deutsche Geistesleben untersucht und hat in einer kleinen Schrift eine ausgezeichnete Geschichte der demokratischen Ideen in den letzten vier Jahrhunderten gegeben. Erst seit ihm vor zwei Jahren die Gattin durch den Tod entrissen worden war, ist seine Schaffenskraft müde geworden. Aber er blieb der aufmerksame Beobachter der Zeitereignisse, und noch vor wenigen Wochen, als schon ' sein Körper mehr und mehr'den Dienst zu versagen drohte, entzückte er die Besucher durch die unvergleichliche Frische und Klarheit des Geistes. Alfred Stern war ein treuer Sohn seiner Heimat, er hatte seit mehr als sechs Jahrzehnten in der Deutschen Schweiz eine zivcite gefunden, hat sich aber nicht entschließen können, seine deutsche Staatsangehörigkeit abzulcgen. Hatte er . es doch nie vergessen, daß seinem Vater, der den Lebensabend im Hause des Sohnes verbracht hat. als erstem Juden in Deutschland (1859) eine ordentliche Professur übertragen worden war. Die gleiche Treue hielt der berühmte Historiker feinem jüdischen Glauben! Die „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" konnte ihn zu ihren Herallsgebern zählen. Das Andenken an Alfred Stern,, den großen Gelehrten, den weisen und gütigen Menschen, wird nicht erlöschen. nicht viel zn setzen. Ter Warft prangt voller schönster Gemüse und Früchte, die alte Berliner Hansfranentzerzen begeistert hätten. Mongolen verkaufen dort ihre Waren, überbieten sich im Unterbieten. In 'Mauchouli setze ich znm.erstenmal eine Frau mit verkrüppelten winzigen Füßchen: die Unsitte wirkt bei ihr um so grotesker, weil sie ein Kind ans dem Rücken und eins unlerm Herzen trägt und jeden Augenblick nniziiiallen droht. Vor einigen Häusern stellen merkwürdig geformte Holzkästen — Särge, wie man uns erklärt. Ein Zeichen, daß in diesem Hans vor kurzem jemand, gestorben ist. Nach einstündigem Spaziergang haben wir alles Setzensiverte 'Manchoiilis in Augenschein genoinmen. sogar eine Karawane,, die sich für die Nacht im Wüstensand außerhalb des Ortes niedergelassen hat. Tie Kehle ist rauh von dem Staub, den uns der Wind ins Gesicht weht, die Sonne schwindet, es wird eiskalt. Wieder ist das Stationsgebäude unsere Zuflucht, eine Unmenge Postkarten wer-.... den geschrieben, verschickt, lind dann geht auch dieser Tag unter Erzählen vorbei wie alle die übrigen Tage. Tic Nacht beginnt.. Mit Gelächter und Hallo werden die neuen Ouarticre bezogen, man rickstet sich. so gilt es geht. Für dieie Nacht ein. findet sich mit .Humor in das Ungewöhnliche der Situation, besichtigt.jedes einzelne vollgepfropfte Abteil, um sich'beruhigt in das eigene zurückzubegeben. mit dem Gesichl. daß die anderen auch nickst bequemer nistergebrackst sind als man . selber. Schnell schlaft mag nach dem anstrengenden Tag ein. _ Wie lange ich so geschlafen habe ich weiß cs wirklich uicht^Ich weiß nur, mich iuckt s. ""Hier und da und dort, unanihörlich. Ich mache Lickst. Ha! Eine Wanze! Schnell ist das Biest zerdrückt. Licht aus! Weiter schlafen. Wieder wache ich ans, wieder juckt s mich. Diesmal ganz wo anders. Ich habe doch das Ding getötet und nun? Ich hatte die Beileidsbesuche vergessen! Wieder geht die Jagd los. wieder erlege ich ein Getier, lege mich auf die andere Seite, döse ein. Bis mich ein neuer Plagegeist endgültig aus dem Abteil treibt. Nachts um 2 Uhr verlasse ich das gastliche Quartier, versuche erst mein Heil im Stationsgebäude. Das Restaurant ist selbstverständlich geschlossen, im Zollraum stehen [ einige Bänke. Aber cs sitzt sich hart drauf, verdammt hart, und es zieht erbärmlich. Nach einer Stunde gebe ich es ans, gehe ins Freie, durch das Städtchen hinaus in den Wüstensand, gt der Karawane, die von hier aus morgen ihre Reise in die Wüste Gobi antreten wird. Wie in einem 'Märchen aus 1001er Nacht liegen die Silhouetten der Zelte, der Tiere, der schlafenden Menschen vor mir, überdacht von einem sternbesäten Himmel. Einsamkeit. Weltabgeschiedenheit. Unwirklich dünkt mich meine Anwesenheit an diesem Platz. Unbewußt falten sich die Hände. Bösartiges Gekläff eines Hundes, weckt mich ans Versunkenheit, mahnt zur Umkehr. Immer wütender wird das Bellen, immer schneller lause ich zurück, erreiche den Wagens schlage die Tür zu. Wild springt der Hund an der Wagentür hoch, böse, verbissen funkeln die Augen. Nur ungern trollt er endlich ab. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, ich starre im. dunklen Gang znm Fenster hinaus. Stunden um Stunden. Endlich, endlich beginnt es zt, dämmern. Bald ist es ganz hell. Noch eine Stunde und noch eine. Tann endlich gibt es für eine Uebcrnächtigte heißen Kaffee. Tie Abfahrtszeit rückt näher, es ist kurz vor 10 Uhr. Die Mitreisenden — unter ihnen jetzt viele Japaner — lassen sich schnell noch ein paarmal photographieren, photographieren auch selber unentwegt. Das scheint hier draußen eine große Leidenschaft zu sein. Tann gebt cs ans' Abschiednehmcn. Verbeugungen ohne Ende, bis zur Erde, immer und immer wieder. Dieses Zeremoniell ist noch neu für mich, ich kann mich gär nicht satt sehen. Pünktlich führt der Zug ab, eskortiert von einer stattlichen Anzahl japanischer Soldaten, die den Zug gegen Ueberfälle chinesischer Banditen beschützen sollen. Schon in Manchouli hat man uns auf die Banditcngcsahr aufmerksam gemacht. Tie Mitteilung erschüttert mich jetzt nicht mehr so sehr. Aber die Bemerkung, daß Banditen auch als Reisende den Zug besteigen und dann die Fahrgäste überfallen, macht mich nicht gerade besonders ruhig und glücklich. Einsam ist die Strecke dort oben in Manschonkuo. Steppe, Steppe. 'Steppe. Kein Baum, kein Strauch, nur gelbe von der Sonne ansgedörrte, verbrannte Steppe. Gegen Abend erst bekommt die Landschaft ein anderes Gepräge. Bewaldete Bergketten werden sichtbar. Sichtbar, aber wie! Meilenweit brennen die Bergrücken, hervorgerufen wohl von dep iingehenren Hitze. Stundenlang begleiten uns die Fcuermassen aus der Ferne. Ein schaurigschöner Anblick, unänslöschlich. ' In dieser Nacht im mandschurischen Zug — ein japanischer Soldat wacht vor meinem Abteil — schlafe ich trotz Banditengesahr das erstemal seit der Reise fest und gut. Am nächsten 'Morgen muß ich, mich von meiner Reisekameradin trennen. Zwei Stunden Ansentlialt habe ich in ihrer Heimatstadt. Zwei Stunden, dir ich trotz ihres schweren Kummers und der 'Aufregungen, die sie daheim erwarten. bei ihr und ihren Eltern verbringen darf. Gastfreundsckiaft im Fernen Osten! Im Asia-Express bis Muhden Sechs „Reiseveteranen" finden sich zur Meitersahrt ein. Mitten, ist unser vorläufiges Ziel. Diesmal ist es der Asia-Erpreß. der uns unserem Reiseziel näherbringt, ein Wunder an Schnelligkeit und Schönheit. Das Erstaunlichste an diesem Luruszug: er führt hauptsächlich 3.-Klassc-Wagen! Ihre Sitze sind gepolstert und mit grünem Samt bezögen, durchaus bequem, Tie Waggons sind übervoll. Tie Abteile der 2. Klasse sind um etliche Nuancen komfortabler und auch noch leidlich gut besetzt. Tie Z. Klasse ist höchst lurnrios eingerichtet, dafür aber — vollkommen leer. Sie besteht nur zur Hälfte ans Plätzen, die ändere Hälfte des Wagens ist als Salon- und Äussichtswagen eingerichtet. Schreibtische sind ausgestellt, Briefpapier steht zur Verfügung. Schachimd Rauchtische. Bequeme drehbare Sessel, Bückzer, Magazine, nrachen den Reisenden die Fahrt zur Annehmlichkeit. In Hsinking. der. Hauptstadt Ntanchouknos, gestattet mis ein etivas längerer Aufenthalt die Lokomotive (in einem tiefen Iudigoton gehalten) zu bewlmdern. Ihre Stromlinienform drückt den Luftwiderstand ans ein Minimum herab. Ihr Gewicht ist durch ein besonderes Kompositum in den 'Materialien stark reduziert; Tarmn das . tolle Tempo) in dem der Erpreß durch Atanchukuo braust. Im Asia-Erpreß gewinne ich zum erstenmal einen Einblick in japanische Sitten. Warm ist es im Wagen, warm auch für die Japaner, die sich, ohne Schuhe, mit den bestrümpften Beinen auf dem gegenüberliegenden Sitz, wohlig ansstrecken. Besonders einem von ihnen scheint es in europäischer Kleidung nicht sonderlich zu behageu. Langsam, fast setcrlich, fänFt cr an, sich ausztiziehen, jedes einzelne Stück wandert, feilt sänbe^lieh uud sorgsam zusammengelegt, in den Koffer. Tas Jackett, die Weste, die Hoseuträger, die Hosen — die Unterhosen. Es bleibt einem nichts erspart. Wiederum langsam, fast feierlich, wird der Kunmio angezogeu. Tie Engländerin weiß ihr „shocking, shocking" macht die Sache , nur noch komischer. Ich aber werde von unseren Reisebegleitern, die ja schon jahrelang im Fernen Osten leben, belehrt, daß ich mich von nun ab an so einen Anblick gewöhnen müßte, ebenso lvic an das Ansspucken. das hier in ganz großem Stil bctrieben wird. (Fortsetzung folgt)

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