Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Fabian Am 26. DJiär^ sind c? 10 Iaßre her, daß Max Fabian slarb. Er war erst 53 Jahre, als er einem Herzschlag erlag. alvr die Gefahren und Strapazen des Krieges, die ihm das Eiserne Kreuz l, und, II. Klane 'eintrugen, hatten seine Lebenskraft früh erschöpft. Dabei stand er gar. nicht,als Kampier im Felde, sondern als. Italer' und Zeichner der kriegerischen. Ereignisse. Aber vC\ --5'M eben das ivar seine Art das ganze Leben hindurch. die Dinge der llmwelt furchtlos und raitlos niedcrzin'chreilen. ein nnnerdrossencr Arbeiter, dem es zur L-eidenscj)ast geworden, Stist. und Pinsel zil führen, . - Beoor er ins Feld, zog. ivar Berlin, seine Vaterstadt, der Kampfplatz, aus dem er seine Erfolge errang. Ter Süden locfte ihn nicht. Als .er einst den Rcun-Preis erhielt, schlug er die Reise nach Italien aus, um'dafür nach Belgien zu fahren. Dazu ein paar 'Wachen Paris: es mußten immer Länder sein, in denen die Wahrheit. fern von jeder idealisierenden Schönheit, gesucht wurde. In Berlin sah er die Häuser einer rasch emporchaäisenden. yäßlicyen. aber'in ihrer Eharäkteriilik enlschiedenen Stadt. Die Mensetzen. die ihm dort malenswert erschienen und. die er von seinem am Hascnplatz gelegenen Atelier unermüdlich beobachtete, waren Arbeiter. Steinklopser, am liebsten Schiller. die auf den langen Zillen stehen, ihr. Kind im Arm, oder sitzend-die Beine baumeln lassen- und zu den Tönen des Schifferklapiers ein Lied-singen. In diesen Bildern ging er in große Formate hinein. die mit kräftig gegen den Himmel gesetzten Silhouetten ihre Wirkungen steigern. Man spürt hier die Nähe der Arbeiterbilder von Han-; Baluschek.. aber das bewußt Proletarische, das anklagend Häßliche dieses Malers ist bei Fabian-zu einem mehr das Tatsächliche registrierenden Rcalismns gemildert. Wo er dielen Realismus verließ, glitt er ab.'Das ewige Indenichickial des Walidcrns hat er in einem Kaitäniuden. der mit seinem Packen über die Landstraße schreitet, hinter sich das Weib mit dem Säugling im Arm. zu einer äußeren, nicht inneren Größe geführt. Ta aber, .wo er sich im Format wie im Inhalt beschränkte. Ivo er sich mit dem Thema eines Blumenstraußes .oder , eines Interieurs mit ein paar einfachen Menschen begnügte, hat er sein Stärkstes gegeben, und ich-wüßte z. B. kaum etwas Besseres, von ihm zu nennen, als jenes in Berliner Privatbesitz hängende Zimmer, in dem eine Bäuerin, vom Licht des Fensters getroffen, flninm und versunken auf das Kind in der Wiege heral nchl. - Hier ist etwas von jener >vc-iciien. aber durch ihre malerischen Qualitäten niemals weichlich werdenden - Lyrik. die. wir an. den Bildern von- Ivief Israels lieben-.' .- - -- Ein.-guter Menscheiibevl'achter, ivie so viele Künstler, indischer Abstaininiiiig. hat er auch das Portrat beherrscht. Prächtig der alle San,tatsrat Iutrosinski iBerlin.-Reichenheim.sck»es Waisenhaus», frisch und »Hinter in Haltung niid Blick die im Reitkleid stehende Dame, die einst als Schülerin in sein Atelier trat, und heut als seine Witwe pietätvoll sein Andenken pflegt. Als Probe —seines—graphischen—Könnens bringen wir den Kopf eines Juden, an dem er »och au seinem Sterbetage gearbeitet hat. Er fürchtete, die Platte >väre verdorben, aber nach dem Tode ließ sich ein vorzüglicher Abdruck gewinnen. Auch dieser Kops, wie seine iiialerii'elieu Werke, lebt in der Tradition eines technisch ge- »X. ix konnten, wirklichkeitsnahen Realismus, den ein seelischer Klang ohne besvndereit Anspruch durchdringt. Sostehen seine Werke anch heut. noch sympathisch vor Augen, ehrliche Bekenntnisse eines klaren und starken Charakters. Franz Landsberger. Schluß der Lirbrrmann-Ausstellung. Ai» 22. März von 10 bis 14 Uhr ist unwiderrNUich der tehic Besuchstag der Liebcrinaiin-Gcdächtnis-Ansstellung 'im Jüdischen Aluseuiii, üranienburger Sir. 31. Tanach bleibt das Museum nir eine Woche geschlossen und wird erst wieder am Sonntag, dem 29. März. 10—11 Uhr gevssnet. Irauerkeier Jes K.C. für Ludwig Holländer Am 15. Alärz vereinigten sich der Geschäftssührende Ausschuß und die Berliner K.C.er im Tempel der Loge Kleiststraße ztir Trauerfeier für Ludwig Holländer, der :-25 Jahre Führer dieses, studentischen Verbandes war. Aus ihm-wuchs er hinaus m das öllentliche jirdische Leben, in dem -seine Fiihrerpcrsvnlichkeit ebeiuy anerkannt ,tvar wie im. Kreise -seiner, stndentischen.Freunde. .,«o. .. konnte Tr. Kurt Levh neben seinen Berbandsbrüdern die -Vertreter der maßgeblichen jiidisäzen Kvrperichgston! nnd. Qrganisativnen begrüßen, die sich in gemeinsamer Trauer mit dem K.C. und der .Witwe'des Verstorbenen zur feierlichen Gedenk-. .. stunde vereinten. . Ernest Blochs Gebet, von Gottfried Zeelander und Ludwig Altmann gespielt, gab der Feier, die weihevolle. Eröffnung. Tr. Fritz Gold s ch m i d t schilderte den Eindruck, den Holländers Persönlichkeit aus die lüiigere Generation im -K.C. machte.' Bon ihm sei ein Gefühl bürgerlicher Sicherheit und Zuverlässigkeit ansgegangen. nnd so sei er von den bürgerlichen Juden der Bor- und Nachkriegszeit als ein Repräsentant empfunden worden, der bewiesen habe, daß der Bürger nicht Bourgeois zu sein braucht. Holländer sei geradezu bei aller . Behäbigkeit der Gegenpol des Bourgeois geweieu. Als Feind jeden Schlagwortes habe er, um Erkenntnisse gerungen, seine Gedanken stets neu überprüft, habe gemahnt und gewarnt und sich anch durch den Borwnrf des „Berufspcssinnsinus" nicht abschrecken lassen. Er habe in sich wissenschaftliche Forschung nnd Gründlichkeit, mit praktisch organisatorischer Fertigkeit vereinigt. _ Dieser Mann, der als unübertrefflicher Lrganllatwr den C.-B. zu unbestrittener'Bedeutung im jüdischen Leben geführt hätte, habe es zugleich verstanden, durch svkratische Fragestellung junge Menschen au sich heranzuzieheu. Der Ausbildung und, Erziehung der Jugend habe seine ständige Sorge gegolten. Daß er 1933 wegen seiner schweren Krankheit seinen Posten habe verlassen müssen, sei die wahre Tragik seiner fetzten Lebensjahre getvescn, nicht-'etwa, innere Preisgabe seines Werkes und seiner.gesinnungsmäßigen Haltung, nicht etwa die Ileberzciigiing, daß er sein Werk überlebt habe. Aber auch schwerstes körperliches Leiden habe keine Energie, seine Bereitschaft zum alten jüdischen. „Lernen" nicht brechen können,, -ein Leben sei ein Leben für die jüdische Gesiunt-heit und für die nnvergängliä)en Gedaitkcn des Judentums gewesen. Ein Abschiedslied von Erich Stern. „Der treueste Gefährte", ließ die Stimmung stndentisctzer Lebensart ansklingeu und damit, die Erinnerung an die Zeit, als Ludwig Holländer Student war. Bon dieser Zeit sprach Tr. Eugen Strauß (Augsburg), der fast 10 Jahre ^eiu Weggenosse war. Holländer habe schon als Student die Tendenz des K. C. verkörpert, der er. immer wieder in-seinen Tendenzreden Ausdruck gab. Er hat versucht, durch Erziehung und Ansciiiandersetznng jimge -Menschen zu formen. ihnen das Gewissen zu schärfen,- ihnen über das Studentische hinaus den Weg ins bürgerliche Leben zu weisen, .in dem der K. Cer Führendes vssentlichen jüdischen Lebens werden sollte. Der K. C. ivar ihm die Akademie für den innerlich dnrchgebildetcn jüdischen Menschen. Schon als Student hatte er unbestrittene Autorität, die er, weil er Freundschaft halten konnte und vielen Pauschen geholfen.hat, weil er von einer Idee beseelt blieb, weil' er ein Jude von innen heraus war. bis an fein Lebensende sich bewahrte. Er blieb das selbständige Gewissen. Seine Freunde danken ihm die Kenntnis ihrer selbst. - Es dränge sich die Frage auf. ob Ludwig Hol» ländcr. nachdem das Schicksal andere Wege ge» gangen sei. von diesem Schicksal zerbrochen wurde.. . Eugen Strauß verneinte die »Frage tm* bcd.ingt. denn Holländer habe nie gefragt: „Was macht das . Schicksal ails uns?" sondern: „Was , machen wir ans dem Schicksal?" Als Holländer junger Student war, war ihm iind seinen Freu»» den die Einordnung in die Umwelt selbstversländ» lich. und die Zukunft in der Heimat, völlig uit» problematisch. Damals war es daS Problem, der Znknnft in der Heimat einen jüdischen Inhalt zu geben. Heut sei das Jüdische in uns gefestigt und völlig unproblematisch. Es sei das Problem, uns. die -Wejtolleuheit und beit Zusammenhang mit der Welt zu -erhalten. Heute kämpften Juden der einen Weltanschauung um den nationalen Staat.' wirandern um die Weltossenheit. - Wir - sollen dickem Ideale in männlichem Sinne ohne - Furcht, und ohne'-Haß nachstrebcn und als Ludwigs 'Hvll-snders Vermächtnis die Verpflichtung in uns tragen. Meister des Schicksals zu werden. Für den Gefchäftsführenden Ausschuß des. K. E. sprach Dr. Hermann Berlak dem Manu den Tank aus, der vor 25 Jahren die Zusammensassuuq der K. C.-Führung zum Eeschästssühreudcn Ausschuß begründet und fast ein Menschenalter au seiner Spitze gestanden habe. Ihm sei der Geschästssührende Ausschuß niemals eine Verwaltungsstelle gewesen, sondern stets die Führer^ gemeinschaft. die den Geist und die Haltung des K. C. bestimmte. Hier habe er freundschaftlich gewirkt und liebenswürdige, offene Kritik geübt, zur gegenseitigen Hille und Bundesbrüderlichkeit gemahnt: durch steten Einsatz ein Borbild gegeben. Ter Tank des K. C. und seines G. A. begleitet Ludwig Holländer über das Grab hinaus. Das Ave Verum von Mozart beschloß die würdige und eindrucksvolle Feier. C. V.-8edenkfeier für Ludwig Holländer. Am Sonntag, dem 5, April, vormittags 11 Nhr 30 Min., findet im Logenljaus. Berlin W 62. Kleiststraße!<», eine Trauerfeier für Ludivig Holländer statt, bei der F r a n z E u g e n F u ch s und H a n s R e i ch vm a ii li sprechen werden. Das Streichgnartett des Jüdischen Kulturbundes Berlin wirkt mit. Eintritt nur für Blitglieder und ihre Angehörigen. Tie Eintrittskarten sind nur gegen. Borbestellimg in der Hauptgeschäftsstelle. Berlin 20-15, Em''cr Straße 42 (Lliva 8141), erhältlich. Max Mayer. In Berlin kannten.ihn bis 1933 sehr viele, die im jüdischen Leben wirken. Aber die Menschen aus der Hauptgeschästsslelle des E.-B.. die schon 1922 in der Arbeit standen, kannten ihn wohl von allen Berliner Juden zuerst. Bei uns begann er in den schweren Wochen und Monaten der Inflation. Er lernte „aus C.-B.« Syndikus", aber dann lockte ihn die freie Anwalt^ schart mehr und die chreuamtliche Tätigkeit im jüd.isclren Leben. Er hat lange wacker seinen Mann gestanden, und wenn er jetzt in Palästina jung starb, so erfüllt sich damit ein Schicksal, das ihm nicht vorgezeichnet war. 2öu werden seiner in Freundschaft immer gedenken. Emil Rubcnsohn, ein alter Freund der Qrts^ gruppe Kassel des C.-2P, feierte am 12.'März seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar kann auf eine rege und segensreiche Tätigkeit in zahlreichen jüdischen Gremien zurückblicken. Jahrelang leitete er mit großer Umsicht und Hingabe die Kasielcr Ortsgruppe des C.-B. Roch heute ist er Mitglied des Vorsteheramtes der Israeliten. Vorsitzender der „Gesellsckiaft Humanität" und im Vorstand: anderer 'Wohlsahrtseinrichtungeii. Blögen dem Jubilar noch viele Jahre segensreichen LLirkcus . bcschieden sein. “ mit einem Freunde allein zn sitzen, denn ich würde miet> nicht enllzalten können nnd ihm mein Geheimnis vsfendaren. Planchnial schien cs.mir fast, als lviste Nechama bereits von dem. was ich vor aller 2Uelt verborgen lzielt. und ich dachte.mit schrecken: wohin rette ich mich övr Scham? Und nun ereignete sich das Unglaubliche. "An einem schlichten Wochentage, mitten am Tage, trat der Fuß meines Bl ad che ns über' die Schivelle unseres Hauses. Ich hatte im Nebenzimmer gesessen und still für mich in einem weltlichen Buche gelesen: im Borderzimmer, in dem inan die Gaste zu empfangen Pflegte, litelt stelz meine Schwester ans. Und plötzlich vernahm ich eine .süße Stimme, die ich. wiewohl ich ' sienoch niemals gehört hatte, sofort als die Slimme der Freundin erkannte, lsiie werde ich den wonnigen Schauer vergessen, der .niein Inneres in diesem Augenblick durchbebt hat. Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich an meinem Haar und an meinen Kleidern zu streichen und zu nesteln begann: ich stand --.aus und dachte daran, die Tür anfzninachen und irgendetwas'meiner Sctiwester zu sagen; ich hatte schon die -Hand an die Klinke gelegt. .Nur ein leichter Truck, und die hölzerne Qi. Scheidewand zwischen, mir und ineinem Abgott .-wäre verschwunden: ich fühlte mein Herz hämmern nnd 'ßüpsen und blieb wie versteinert stehen. Aber das Schicksal hatte es mit mir gut gemeint und kam mir zu Hilfe; meine Schtvester öüuete die Tür und rief mich herein.'Toch vermochte ich nicht über die Schivelle zu treten nnd versank in den Anblick .der Schönheit, der sich vor mir nuftat. Jubel- und 'Angst zersprengten mir fast die Brust, ich tiaDe Binhe. das Weinen zurückzuhalten nnd nicht in die Kniee zu . sinken. Ein sterblicher Btenich. stand ich so . vor der Sssenbarung des Göttlichen. Nleinc Schivester. harmlos nnd unbekümmert ivie sie ivar. nsies aut mich und sagte: ..Das ist mein großer Bruder, du kennst ihn doch wohl?" —- Hub sie. Nechama. war elwnfalls gar nicht verlegen: sie sah mich mit ihren leuchtenden Angen an und sprach: ..Komm dvcii einmal zu lins: mein Vater hat viel Bücher von der'Art, wie du sie gern liest." — Sv hatte mich mein guter Stern unerwartet mit der zusammengesührt. die mein Traum und mein Schwarm war. und ich hatte bis dahin geglaubt, ich würde dieses Glückes niemals teilhastig werden. Am Schabbat aber, sobald die Zeit mir schicklich schien, ging ich in das Hans Jonas, ohne meinem Vater etwas zu sagen. Beide. Mann nnd Frau, empfingen mich freundlich und machten mir Vorwürfe, daß ich sie bis dahin nicht besucht hatte-. Zn der Frische und ' Sauberkeit, die das Hans kennzeichneten.. kam setzt noch das-Unnennbare des Scizabbats hinzu, das die Lust erfüllte. Jona besaß die Bibetkonnnentare. die von der frommen Tradition nicht gut geheißen werden und die er ins Vethans nicht-.initzunchmen pflegte. Diese breitete er nun vor-mir. ans und ließ mich in seine Studien Einblick: nehmen. Zn einer andern Zeit hätte mich diese Tatsache "allein bis aus die Grundfesten erschüttert:' der Name-'Mendelssohns:- des ersten weltlichen Vibelübersetzcrs und Bihelerk-lärers. hatte für mich frommen Jünger der Ueberliefernng einen fast iiberirdischen Klang. Jetzt aber war. mein Sinn nur aus eins gerichtet: die Tür ging ans. und sie. die Herrliche nnd Süße, erschien, und heute war sie noch zehnmal schöner als neulich. Ich erhob mich von meinem Stuhl nnd stand zitternd da. Ich Iiörte sie sagen: „Sei willkommen. Jonathan!" Jonathan/ sagte sie. Jonathan! Ach. wäre ich dock) ihr Bruder! So habe ich es noch nie emvinnden. ivas Brüderlichkei.t heißt, als' jetzt, in dieser Familie, wo wir ziisammensaßen und uns über große und tiefe Dinge unterhielten. Und Jona erging sich noch in Lobpreisungen des neuen Geschlechts. das dem Ideal der zsiusklärniig - nachhing, wobei er. mich mit Selbstverständlichkeit diesem hinzuzählte. Nechama erhob sich für einen Augenblick-'und kam bald wieder, in der Hand Bewirtung tragend: frische, duftende Aepsel. eingemachte Früchte niid reines Wasser in kristallklaren Gläsern. Und ich hörte, wie sie mich nötigte: „Nimm doch was. Jonathan." Die Worte kamen mir wie Liebkosungen einer Mutter vor. der Mutter, die ich früh verloren habe. Jona aber klopfte mir ans die Schulter. Alles Gut der Welt hätte ich hingeben mögen, wenn ich in diesem Hanse für immer hätte bleiben dürfen. Bei Sonnenuntergang verabschiedete ich mich von den .Gastgebern; alle begleiteten mich bis zur Tür. Aus der Straße sah ich die Burger der Stadt vom Nachmittaggebet ° nach Hanse gehen und zur di'itten Tagesmahlzeit eilen; Blädchen in S:abbatklcidern spazierten - plaudernd und lachend nnd dachten nicht, daß der Werktag nahe war. -Mein Herz aber,.das eben noch voller Glück gewesen war und in den Höhen geschwellt hatte, zog sich zusammen, und es würgte mich in der Kehle. Ich kam mir wie ans dem Paradies vertrieben vor. denn ich fühlte, daß diese Stunde der Nähe zwischen Mensch und Btensch. die ich eben erlebt hatte, niemals wiederkehren würde. Ich setzte mich in die Gaststube, in den Aanm, wo Nechama gesessen hatte, stützte meinen Kopf aus die Hände nnd weinte bitterlich. So begann ich an jedem Sabbattage, wo es wir nur gelang, meinen Vater hinters Licht zu führen, dieses Haus aufznsnchen. Ich unterhielt mich mit Jona über Probleme des . Tenkens und der Erkenntnis, und zwischendurch sah ich die Tochter, die mir wie eine Botin des Himmels erschien.- Mein Glück - war grenzenlos! J ~j - - Nur eins vermißte ich damals: mir fehlte ein Freund, mit dem ich von meiner Liebe härte sprechen können: es fiel mir schwer, wein Geheimnis mit mir zu tragen, die Gesi'lhle immer für mich zu behalten, und sic lasteten wie ein Stein in meiner Brust. Und siehe da. ein solcher Freund fand sich unerwartet ein. Es kam ein Ncann ans einer benachbarten Stadt und pachtete in unserm Lrte die Mühle für.drei Jahre: sein ältester Sohn Sacharja war in meinem Alter, und der wurde gleich am ersten Tage mein Freund. Und am ersten Schabbat nahm ich ihn in das Haus Jonas mit, und anch er wurde dort freudig empfangen. Man gewann ihn. lieb, nnd das machte unsere Freundschaft noch inniger. Zwar war mein Freund in seinem Aeußcren wie . im inneren Wesen von mir verschieden, aber wir verstanden uns sehr gut. Er war etwas größer als ich und blond, während ich dunkelhaarig war. Auch in bezug aus das Lesen von Büchern waren wir. verschieden in unseren Neigungen: ich zog Geschichte und Sage vor, er legte mehr Wert ans schöne Sprache und Poesie. Wenn wir im Hause Jonas waren, pflegte ich gewöhnlich zu schweigen und mehr znzuhören. er wiederum liebte zu sprechen und zu diskutieren; seine Kenntnisse waren allerdings geringer als die ineinigen. Auch nnicr Verhältnis zu dem Mädchen war ungleich. 'Ich hätte nicht gewagt, den Saum ihres Kleides zu berühren, er' aber scherzte mit ihr offen und frei: hielt sie etwas in der Hand, was er haben wollte^ so stellte er einen lustigen Ningkainpf mit ihr an und hielt nicht eher still, als bis er ihr den Gegenständ entrissen _ galt ihre Schönheit wie das Licht der ersten Schöpfungstagc. ihin war Nechama. nur. ein schönes Vtadchen. gut zu leiden und gut. um mit ihm zu schäkern. Er machte kein Hehl daraus, daß er. sie lieb hatte und sprach anch mit ihr offen darüber-. —77-U.nd seltsamweder war-.er aus mich eifersüchtig, noch fühlte ich mich irgendwie gekränkt oder benachteiligt. Er wußte und war sicher, daß ich ihm nicht ins Gehege kam. ich aber, hört und staunt, mir war es ein Genuß, das Wort „Liebe" zu hören, wenn es auf Nechama angewendet wurde. Denn ich selbst brachte es nicht fertig, daZ