Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 * 4. Beiblatt 13. Februar 1936 „Das Erdbeben“ Max Samters neueste Novelle Mit drei Novellen. die wälircnd der leisten Jahre erschienen, hat - sich der Berliner Mar Samter an die Spißc der innreren indischen Erzähler in Deiitschland gestellt Milcht der 3tun, nicht ba-?' Prodleni, svnderi, Art und Technik, non Samter? ErHhliiiig - machen ihren fliaiiii »ii*. ihren 'dichterischen Rang. Diese epiiche Jorin" in nicht die realistisch. schildernde. luder vielinc.hr> es kommt Samter nicht ans die realistische Schitdedernng an, sondern ans. das, was hinter diesem nur scheinbar sachlichen Bericht sichtbar, süblbar wird. Schon anläßlich seiner vorigen Lovelle „Der Gast", die zuerst in dielen Blattern erschien, wurde hier daraus hiiigeivieien: Samter erzählt in knappen, kurzen, klaren, leidenschaststo? iveitcrschreitenden Säsren, zwilchen denen llnanssprechbares lebt und Gestalt annimmt: in . der Helligkeit dieses Stils dämmert Geheimnis aut. Samters Erzählungssorm erinnert an die große Kunst des Prager Juden srranz Kafka. Bon ihm sagt Mar Brod, daß er ..in seinen Werken an geheimer Ehiffreschrist alles Wesentliche über das Judentum unserer Zeit, seinen Verfall und seine Erneuerung, niedergelegt hat". In Kafkas Büchern kommen aber Juden überhaupt riicht vor. Inden treten auch in Kafkas beiden letzten Novellen nicht auf. So ist Brods Satz über Kafka auch über dessen Nachfahr Samter gültig. Im „Gast" werden auf ferner Insel die Nachkommen eines' einst als', gleichberechtigt aiiigenommeueu Schiisbrüchigen nun als Jremde. aus Fernen Kommende, nach Fernen Sehnsüchtige empfunden. Jeder Jude wird das Gleichnis vom ewigen Juden, vom heutigen Juden, fühlen. In der neuen Erzählung„Das Erdbeben" .(.Vortrupp - Berlag, Berlin > erleben zivei Jünfzehnjährige. ein Knabe Und ein Mädchen, in leimender Liebe cinanderzngetan niid aneinandergeschlonen. das Nmvahrscheinlichüe als Ereignis: die Stadt am Meer, in der sie ivvhnen. ivird plötzlich naäits durch ein Erdbeben zerstört: die Eltern des Knaben, die.Mutter des Mädchen? sdid tot. Die beiden jungen Ntcnschen gehen' zwischen den zusammenstürzenden. brennenden Häusern, den verzweifelnden, sterbenden Btenschen hindurch.- bis zu einer Waldwiese.- von der ein Flugzeug die in tröstlichen Schlaf Versunkenen, hinüberrettet zu „jenen Gewalten, , denen die Beständigkeit alles Lebendigen anvertraut ist". Wie im „Gast", so iü auch im „Erdbeben" gegenwärtiges und ewiges jüdisches Schicksal zum zeit- und raumlvsen Shmbvl geivorden. Die Welt der Eltern stürzt zusammen, und die Kinder wandern mit unbeivußtem Nns-sich-selbsl-Bertrauen in eine andere Welt, die neues-Leben gewährt. Noch bewundernswerter als im „Gast" ist hier Samters.Kunst, das Wirkliche als nmvirklich, das llmvirkliche als wirklich erscheinen zu lauem Die Schauer dieser timvirklichen Wirklichkeit iverden mit. eittfachsteu. satt kindhaiteu Mitteln erzeugt, die wiederum das Krane zu einer in die Ferne rückenden Vision werden lassen. „Hundertmal hat. er von Erdbeben gelesen, vvu Tod, und Periviiünng. Jepk. da es. geschiebr, iü,es ein fremdes Geschehen." .-.Er koinmt über die Brueke. Schiüe haben sich losgerinen >>nd treiben über'das dunkle bbasier.": - So baut, sich mns. vielen - kleinen Bevbaäjtnngen dib riesige Vision ganz ivlrklicli: die --Beobachtungen., wirken..immer ganz wirklich: das Gei'ainke. das Jneinaiider gaiiziinwirktich.- Friilicr hat Vleidner solche unvergenlichen Visionen des Zusammensturzes - mit,- prophetischer Jeder gelieber diese Novelle mußte aussührlicher ge-, sprachen iverden. als es ihr Umsang zu r.echlfertigen scheint. Denn die in mehrfacher BedeutungUngewöhnliche. Begabung Samters kaiiii nur gewürdigt werden, ivenn sie so verstanden wird, ivie sie hier andeiitend gedeutet ist.. Nlan lasse sich nicht irreführe»'durch den Untertitel, de» Samter seiner Erzählung gibt, eiiieu romantischen, ja kitschhasten Untertitel: „Abenteuer einer Liebe." Freilich. auch die Darstellung der zarten, nnbeivußlen Liebe der beiden Kinder zueinander iit Samter gelungen. Aber im Grunde ist diese Liebe das Kiiiiümittet. mit dem das zerfallende Geschehen gebunden und überwunden wird. Sie iit die Brüche zum anderen Ufer. .Sie macht, ivie Buber solche Kunst charakterisiert hat,, „die Korperhaitigkeit des Geheimiiisses" offenbar. K. IV Ein polnischer Dichter „Man muß einmal im Leben ordentlich bi? zum letzten gehungert haben, um dann bis an das Ende seines Gebens einen erworbenen Hunger nach Arbeit zu behalten . . . Jrt> habe also au? Hunger zu schreiben begonnen, nicht infolge eines künstlerischen Antriebs Ich, "betone diese. Tatsache. um mich von einer anderen., ziemlich populären Kategorie von Schriftstellern ab.zugrenzen, die erü KiinsNer und und dann prograiUmaßig zu hungern, beginnen." Das sagt der heule dreißigjährige, in der Ukraine geborene Schrillsteller Micha E h v r o m a n s l i in einer aukv-. biographischen Skizze von sich. Wenn man seine beiden ins Deutsch>e iibertrageiieii. bei W. G. K v r n -in Breslau erschienenen Noinäne Ei s e r s u ch t u n d Nt e d i z i n " und ..Die iv e i ß e n B r Ü - der" liest, so glaubt inan ihm den Hunger, und man glaubt ihm die Krankheit, von der er spricht, die ihn durch Kliniken und Sanatorien, durch Krankenstuben und Sperativnssäle getrieben hat. Ehoromanski hat eine eigene Technik des Erzählens. Er rollt die Ereignisse von rückwärts auf und gruppiert ne um einen besonderen Zustand der Natur. , In -..Eifersucht und Medizi»" sind es die böigen Herbüwinde. in den ...Weiße» Brüdern"- der Schneestnrm, die als Grundakkorde bald laut, bald leiser erklingend die Handlung begleiten. In den „Weißen Brüdern" geht der Dichter sogar io weit., das Sturmmotiv in Noten - ein zwangen. das- Nieseln des Schnees .und das außer Nhüthmus gekommene Leben des Helden. ■ Dieser verlorene Nhhthmus ist das Probte:» der „Weißen Brüder". Brajtis, der polnische Spionagevüizier. iü .um den Bruchteil eines Taktes hinter seinein vom Schicksal bestimmten /Lebeiisrlmthmiis zurückgeblieben. Nlles geht von dieiem chngenblicl an verketirt. alles er mag es noch Zv i'iberlegl - tnn. treibt itm .mit um so rascher ., dem Endezu.- Das 'Inder er un Scimeeiliirm. der ' ilm aut einem Schlitte» inii le-inem Gegenspieler. . dem'indiiclleii -T'chelinen Bieliez. zinammentreibt. .' Vordem..Hiiil.ergr-ui.id dunes gramaiiieii-Sturmes.- bedroht' von diesen ...loeißen. .Vrudern" -- siel,er . eine der eigenartigsten- Racnricknldernngeii.unserer Zeit rollt'die Handlung ab.- Daß Bieliez Jude - tit. daß Graaß. der .gau'iiiann. Jude., in.-'druckt 7 sich-weder im Handel.»-:-»och. un Denteii. >ioä> nn Eharakler-dieieu -Gestalten ans,-. Sie und nurzim fallig Jude», iveil lo Prozent der potiiiictien Vevölkerüiig Juden sind, -.'lieht der Wille des Dichters, sondern das-Milien des Landes stempelt sie dazu. Ander? im ersten Noman ..Eisersncht und Ntedi.zin", der'dem - Dichter .den Großen Staats- Preis der polnischen Literatnrakadeniie einlriig. Hier sind die lüdiielien Gestalten als Juden gesehen, als Juden geichiidert: sie handeln als Inden, -als kleine, bedauernswerte.' gebeizte, gerissene, tragische Jignren in, öniiclie» Bilderbogen. Tie lverdeii in das Schillial-der- Großen, der anderen hineingezogen, mit BäNt-,, ivider -Bällen, iuagiietiich. Sie geben dem Buch eiii eigenes Kolorit: der Schneider Gold mit seinen Ki»tsern und seinem Bruder, dem Elektroteclmiker. der die Hand am Hebel des '.Schaltiverles hat. ivahrend sein Bruder vom. Kurzicliluß getrosieii tot aus die Straße sinkt. Die Liebe eines Ärzte? zu einer Patientin Und die Eifersuclit des alternden-Ehemanns auf diesen tlUvalen sethldert die nerve»zerrende Handlung. Sie ivird in Spiralen geinlirt. die siel, 'überschneiden und überhöhen und die »ns von immer nenen . Gesichtspnnkten aiii das gleiclie Geicl,el,eii zurückblicken lassen. Hier klingt iclio» der Gedanke vom veriäuniten üllmtlmius ani. Jninitleu der Handlung-stellt als ein ge'el,Iviie,:er Block die Geschichte von der Operation der Iran Null,. Nlit minnl'iöier. peinigender Nalnrlrene uu-rd jede Phase des medizinisclien Eingrnss nacligebil. det. Widmar. der'betrogene Eheiiia'nn. laßt sich schließlich nur allzugern aucli um die bereits erkannte -BZahrl,eit betrügen. So klingt das Buch .versöhnend ans-. Die Vergleiche mit Dostojewski., die die Presse gebraucht-hat. liege» nabe, stimme» aber nur -zum Teil. Nicht jeder Seelenzergliedererhat die Wiiäit- und das Ethos des großeii Nlniieii. Viel eher iverden wir an Ernst -Bö e i ß > sei ne Novelle ..Die Herznaht", seinen großen Noma» ..Georg.Lethani"> erinnert. In der Technik lanclit als Vorbild oder Nivale etiva der -.'lmerikancr Böillia'ni I an I k u e r aui. denen Noman ..Lictit im Ängnst" vor kurzem in deutscher Sprache erscl,ieii und der uns aucl, a>>f verwirrten Pfaden zinu Ziel-und zur Erlösung seiner Helden führt. . Die seelischen Prozesse -irrerden »icl,t in Handliliig nuigescht, sondern aus der Handlung heraus eiitiviekelt. ' Das- Leben,, ivird iiieiß geformt, sonder» die Jorm dem LelseN'ent- „Jcl, liebe die Tendeiizlitera'tnr iiichi". lagt .Ehoromanski, l.und glaube, daß die Literatur ganz andere-Ausgaben, hat-./-. . Jcl, habe mich bemiilit; im Leier tieiere Eiiipsindunge» ausziilösen . , . zur einen Ausschnitt des wirklichen Lebens-." Ehoromanikis Nlvniane bedeuten eine Bereicherung unserer eurvväischeii Literatur-, deren erzählende' Elemente gerade i» der jüngeren Generation, bisher noch kaum zu einer erkennbaren eigenen Jorm - durchgedrungrii find. Hans Opt,«>nI»,äi»er. Ein Buch, wie es nicht sein soll ' - Es gibt Biiclier,-in. denen -mau bei allem Negative». einen San. c»ien Gedai,leii...eine Sclntderiing Ziii.d.el. - die -. an'!>,oräieii' inaVln. -die .eine Entltu,^- lnng aii zudenten /iVln-uit/ die man nt.ht nemziien. iihiit. ve-r.ichn.Iteii. inocliie -J-. 'dalui icnioeigt' d.e.r .Kritiker: weil er.ncchllobeli-Jänn'undnicht Zadeln. N'iil.. Es-giblöal'er.-Bncherljdie »'bgelesininverden.'' 'miiN.en, loeniider .-Kritiker seiii Äini.-der L ei'eokliclikeit gegenüber geioi''eii-:i-a.'l.-c.r':!m'ii ,Vn dieser italegorie zahlt leiderein. Bii>.li.,-Däs. .vor.- kurzem -'Paul Dobraiiichi -unter - dem Tilel-- ..D i e r o n-d ö >o s k i-s. eine-Jamilie gebtnaih Palailina" im -Verlag von' I o a ch i in Goldsl e.i »,, -Berlin, li.it erscheinen innen. Diele Äblelmniig'niiiß.sich in eriier Linie gegen den 'Verlag richten-.- der glaubt, ein 'olcl'es Buch, dem. -piibliknm bieten-zu dnr'en. Das Problem der 'Ausivanderungiiacl, Pala'kina. i-'l nn-'- .illeu loalirliast -zu ern'l. .als daß e--- koli'orlagelia'i in schlechleslein Denlieli durel, - eine -,'lllermeltsliand. lnng voll iiaiver -.'llltagliclikesl enlioeilil iverden. dnrite. Der Leier dieser. Zeilen erivarlet nii»- melir -ioeniger eine Jnlialt.saiigabe als einen 'Beweis snr diei'e -.'lblebiiiing. Er soll ilim niclit vor-j eiilbalten iverden': hier einige-S lilblnte.»: - ..Er limsclilang >>e Mit seine.» senen Ä-rmeu Und drüetle eu-eii heis'-eii Kuß.aui z!>re-Brii't. deren -.'tuiah.'.da ße n.irk .dekolletiert' ivar. iii makellosem Böe iß sclninmerle. 'Böäs kan» ans einem iol-clie»' Nladelie» iverden'.' ' Die tier. .-wurde bei dieser Jrage etioa-s ,'erlegen, endi-nh.- »-.igle sie du- Äiitioorl' ..E>ne.-Kolotte nt in* .a-ii'ordcn. Bei',-r in's sclioii. man sprichtg>ir .iiäil von i'lir. 'i'eder i!,r- Zb-ler nocl, nur alle »'ollen-elivas von >br ivi's.e» " .. . ..Hi's'entiicl, .begegnen wir: uns nullt tu Böariäian -. bemerl-te Henrik.''..das ivare inir au'ierordeiillicli pein- ^'..Jankel .'S oiioak ivar - in alle Janiilien. angelegenl,eilen eiiigeiveilit ilnH l,al!e 'er-auch vor Jahre» ander Erziel,iing der Kinder teil,- genommen.". ..L'Ln n'nrde -es um nii'ere l* riiabrniig ai,siehen. loeill, m.tit dn erorobl nnd er'.iliren ,» der Kücheloalten marden '. rie'en die Kinder '"''..Zrä»"G'i>i.l.'-inä».n mar uvfv.inft „nd munte opern-ii iverden. Indem erilir nnd ihren ' -,'lngel,origen das Zlllerbe'te ummöhte. -verabichiedele er ,'iä, 'von der Jamilie." . - ..Sliiiiil i'ie aber nieiit glani'e,,. dai; icl, viek- 11* 1.1)1 irgendeine Bezielnuig zu der Dame anziikin'lhieii heal'lnhtige. aoill ,cl, Jlu.ie.ii jageii, - ilm >oas esüäi handelt." „Nael, reiiliet,er Ueberlegiing.-wirst Dn selb't zu dieser Einnch'-t loininen. daß rme so!ct,e Heirat eine große rorheit wäre nnd.nicht - Ztaet, rectit l'nrzer II>-l erlegnii-g ioird jeder .zu der EiniiUü 1'l'iu»,-,--».- da» ein ioleiie- Buäi eine große Sorhei't in und iiieilt ern'l genommen . iverden kaiiii. . Böir alle u'iiiYii. wie' grosi der Niange! an wirklietj jnd,,el,er?n!ltnng in. Er' -zeigt n.ns aber anäl. wie oec-an!.>>'orli-,iig---l'eimißte Nleniclieu an andere» -Stellen darnl'er ivael»-», daß eine Kolijiiiillnr iiulil zum geiiligei, ».(iiiii des . jiidi sein-n u diviittum - >'enl'>!,er ö prache werde. Sellni ii'enn, m>>n den, Zlulor den guten -BöMen znhilligen mag.-io l'leil'I ev-'llig inioersiandiicli. loieio mh e,>i Becleger ine ein s,'l>l>es Bnctj iinden konnle. Er. Der andere Conrad Paul Wvhlsalsrts Aussatz (E.-B.-Zeitunc; Nr. 2 umii L. l. BEi über Eonrad ivar sicherlich für alle jüdischen Freunde dieses vielleicht größten Dichters unserer Zeit besonders interessant. Ist Bs erlaubt, ihn zu ergänzen? Dann rnöchte ich von Vvhlfalirts Satz ansgehen, daß Eonrad uns nicht Vlvtz angeht, wenn er jüdische Menschen darstellt wie den liebenswerten Jankel imd Indisches namentlich erwähnt. Sein Schicksal, fein ganzes Lebenshroblem - ist — unsere Sache. Ter Pole, der so durch lind dlirch E'ngländer werden konnte, spielt in der Weltgeschichte der Nationalliteratilren nnd des nationalen Gewissens eine Nolle von solcher Größe lind Kompliziertheit und spielt sie mit solcher Berantwortnng nnd Würde zu Ende.- daß der Vergleich mit der Rolle des Judentums und der Jndenheit in der. W^t-. unsere'Vedentnng und Kompliziertheit nnr'/klären kann. Zunächst: Conrad war nicht bloß ein Dichter maritimer Begebenheiten und sropi- . scher Erscheinnngen. seine erotischen nnd Seegeschi'chten sind nur-ein Teil seines Werkes, dessen Schwerpunkt weder im Ncilieil noch int- Stofflichen liegt. Zweitens: inan lzat bisher nur beachtet, wohin Conrad kam. als er schon Conrad war, und übersehen, woher dieser Mann kam. der ursprünglich Korzeniolvski hieß und vielleicht nur schreiben mußte, -um seine letzte moralische Position gegenüber den Ansprüchen seiner Herkunft - zu rechtfertigen. Sein Gesamtwert ist.ebenso als Hohelied der Treue wie als JNotiviernng der Abtrünnigkeit zu begreifen,und ist das jüdische Geiamtiverk seit Svinoza nicht unter den gleichen Aspekten zu sehen: Als Sohn eines in sibirischer Gefangenschaft gestorbenen polnischen Patrioten, eines nationalen Märthrers. müßte er gewisse moralische Verpflichtungen gehabt haben, die er zu ignorieren schien, indem er Cngländer. Seemann. Küitstler wurde: er. ein Zeitgenosse Pilsndskis. Und er haßte seine Heimat so wenig, wie. er sie verlengnete lind verteidigte: ja. diele Tatsachen und so ungewöhnlich nitd kompliziert, weil er. vbsehon ein Mann von Geinhl iind Verstand, besonders Verstand. gleichwohl den Eindruck tiefer .Ausgeglichenheit macht. Lag der Konflikt also iticht in ihm. sondern zivischen ihm nnd feiner Welt? In Polen mußte die Meinung anstomnteii. daß Eonrad ein Verräter iväre. Die Polen, sagten die Polen, habeit keine ausgeprägtere Eigenschaft als das Elzrgefühl. Wenn ntait nicht wüßte, daß Conrad als Pole geboren ist. am „Lord Jim" inüßte uniu cs erkennen. Cs geht in diesent tllomail um das Ehrgefühl, nnd der Titan Jilit. der an der verlorenen Ehre zugrunde.geht. sei. sagten - die Polen. Conrad selbst. Also hätte sich Conrad im „Lord J.inr" selbst das Todes-- nrteil geschrieben, den moralischen Untergang zur Strafe inr seine Abtrüitnigkeit diktiert. Dieser Vp/wnrs ist bestechend begründet ivorden. indeüt Coitrads für einen Polen einzigartige Wendiing Ztlin Secmannsberns -als eilte Jlticht vor seiner nationalen polnischen Anfgave .erklärtivnrde.. itämlieh als die - Jltichtövor dem -Tsten.- vor der nnlieiiitlickien. damals nnüberivindlich erscheinenden rnssjtch-zarisliiche>i Wirklichkeit. Tanit aber' wirkte das Vieer ebenso auf den -sivmantikcr ivie das rnütiche Regi'ment zu Hanse:- „Er .'sah. die-.See' wüten ohne. Grund, sah gute, brave Kerle in. ihren tausend wvgenden Armen ersticken, während die 'Bösen-.ungestraft davon kamen . . . Zerstörungswut — Herrschsucht, ihre unerträgliche Launenhaftigkeit nnd Verlogenheit . . . Kein Wunder, daß Conrad mit - llE Jahren dem Meer die Treue brach, daß es il)N drängte zu schreiben, welche Enltän'chnng er erlitten." Tbwohl solche pshchoanalhtische Anssasinng. wonach Conrad, qna'i die polnische Sache ins Vieer tntd dann das Vleer in die Tinte verdrciMP hälte.umerkwnrdig erscheint, ist sie nicht/von der Hand zu wel'cn. Conrad selbst-haO>en kleinsten Tingen bedeutenden Wert zngemenen Sind auch viele Jahre lang gezögert nnd fiel] drängen laßen, ehe er, der doch läiigst Engländer war. neh auch als -solcher naturalineren ließ, nichts dergleichen ivar iljin mir ZormtiNhe. '.-Ueberdies hat man Conrad schon, als er. fast noch ein Knabe, zur See ging, des Ber-,- rats bezichtigt. Tie Kompalriotei'. l>aben ihn ival)rstheinljcl) har-t bedrängt. „Ach. ich habe die lleberzengiing." notiert er Jal,rzehnte später in seinen Ntemvireit siheinbar nnvermiltett, „daß es Biänner von untadeliger Korrektheit gibt, die bereit sind, verächtlich das LLorl Desertion .anszn.sprecheii." Und ivälirend für die nüchtern vernünilige englisrlze. Anssasinng Conrads Uebertritl imr als ein Akt natnrlither irdischer Gescheitheit wirken konnte, war der polnische Patriotislnns ein geradezu mpstischer Kult', nnd ein bekannter polnischer Kritiker konnte noch im - Nachruf ans Conrad predigen, es fei nnbegreiilich, tute dieser Ueberlänser die .'„Tragödie seiner- 'Renegation"., die Bertengirnng seiner Her.knnit solange habeüberleben kviinen. Jvsepl, Evnt'ad Kurze-' ni'viviki. kein beliebiger Landsinann. sondern der Sohn eines großen polnischeil - Niarthrers.'.eitles N'Ztioualheiligen. - -Tann zöge sich dnrrli sein Löerk ein Kometenschweif von' verdrängten Geivisse»-- bissen. Lord Jiin ist ö-', Jahre all. als er vvn seinem Schiss desertiert. Er desertiert nicht eigentlicts ans J-eiglzeit oder eignem Jmpnls. sondern man meint, das Sihi". denen jüngster Tisizier Jim ist. die „Palna" init ihren vielen mvliaminedanstchen Pi!- gern. mi"isie .rintergehen. Tie „Patna" iit leck die Pilger und nicht zu retten, so sollen ivenighens die Tstizier'e sich retten. Snrnachen na-cliis- Gn VribovE fertig.—etm*- Stimme, ei ii Vorgesetzter rn't: Sprilig doch! und Lord Jim springt, rettet sich mit, stl ivie int Traitee --- desertiert. Und »nn kvmmt der seltsame Rückselilag: das Ssiiii' ''lält itvcti einen Tag durch, wird vonA'inein iranzönsthen Tantpfer gesichtet, der die Pilger an Bvrd niniml, iind rettet, deic Li'i- . zieren ivird vom Seeger>cl,t der Rang abert>ciiiil. >utd Lvrd Jim ivird eim Etjrvcrlnst Zllgrnn'de getzen. - . Nun die Piiralli'le.n: D ie H,rn!'!persvn des-Romiins ne.iint iicl, feit der T eiertimi nur nml) beim Vornamen Jim. Korzenviosli nur iunl) beim -Vornamell Joiepl, Eonrad: Lord Jim nut)t seit seiner Deiertimi nur innh die entlegensten tropischen- L rlseliaiteci' ans. tvo man davon »iclhs ivinen kann. Conrad' geistert zioanzig-Jcaljre-'in tvopiiehen 'Jieie11 herum, wo der potniiclie Zreitieitskäiiips" säum eine Sage sein k,inn: die L.stiziere des Schisies ..Patna" iind J-eiglinge oder Silnirken oder beides ivie zu jener .-Zeit nach seiner Nleincciig die meisten Julirer der pvlniniien -Beivegiilig.' sonst iväre der unfreie Zustand »ndenkbar: der Stimme des -Vorize'el'.te»-, die- „Spring dcnh!" rn't. eiit'priiht, die jähre- -- lange -hi'alnn'cng von s-loiirods Vaterth-Ilc' vertretendeih Lntel -Bvbrviviki. iii!) als.>->>>gländer niitiiriilineren zu Inöen: Lord Jims Desertioit istein Akt der,Schivackie. der Jugend, ivie im Trance.'Eoiirads t-'-iitsclieidciiig iär den Seeman»-.-l>erils ein Akt romi-intiirtier Jlculit. der .iilgeud. - des Halbbeiviißtiein's: die Pilger der ZPatna" iverden von eiiieiii iranzöiiiclien Sihjii gerettet. Poleiierivartele r,,„p 'erri iihte l die iiation.cke Reltiing und ','lilierlletliiN't von Jr>iiikreich: der R'ame des von Hs'izieren rn-rratcuen -t.nlger!i!>iiis ,öll>itna" endlietp tft mit einem Zederttriih in „Patria"' zu tranikribieren. Das ganze. Buch aber iü nicht objektiv epstik^ erzätiltZiondern von verschiedenen Z>si'obarh-- tern her wie Ank'llige. Jndlzie'nbeiveis und Alle Ihre Bücher Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsthaler Str. 43-44 Mitglied der jüditchen Gemeinde relefon Biamarck 6506 - Zuienrluns nach alten Stadtlellrr