Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-02-13 · 7 (13.2.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
7 (13.2.1936)
Date
1936-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2277379-2278137-2278144--10642-2290783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

VA XV. Jahrgang , Nr. 7 Berlin, 13. Februar 1936 Preis 10 Pfennig entral erein ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftlcitnng, Anzeigenannahme, Vcrtriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—15. Telegrammadresse: Centralglauben. Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die „C.-Y.-Zeitung“ erscheint wöchentlich. am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt nid die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bczugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf.- (.Ausland 2,30 RM. umgerechnet in dio Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Kinzelnummcr lU/Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste;> gültig. l>io 'Plgespalteno Millimcter.-Zoile 20 Rpf.. für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weiter© ermässigto Grundpreise siche Preisliste. Einzclanzcigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschrifton ohne Verbindlichkeit. Dem Andenken Ludwig Holländers Am 9. Februar ist Ludwig Holländer in die Ewigkeit abberufen worden. Präsidium und Vorstand des Central-Vereins stehen aufs tiefste erschüttert an der Bahre dieses Mannes, der in unserer Arbeit Jahrzehnte hindurch in vorderster Reihe gestanden hat, ein treuer Arbeitsgenosse der drei bisherigen Vorsitzenden des Central-Vereins. Der Kreis derer, die .Ludwig Holländer seit Beginn seiner Arbeit kennen, ist stark gelichtet, und dieser empfindet besonders schmerzvoll das tragische Geschick dieses Mannes. Mit tiefer Wehmut lese ich die Worte, die ich ihm in unserer C.-V.- Zeitung zu seinem 50. Geburtstag am 5. August 1927 und bei seinem Liebertritt in den Ruhestand, Ende des Jahres 1933, widmen durfte. Schmerzlich bewegt gedenke ich einer Aussprache mit ihm vor seinem 50. Geburtstag, als er die Frage, ob es angebracht sei, den Tag feierlich zu begehen, schliesslich damit beantwortete: er wolle die Feierlichkeit nicht hindern, da er dep 60. Geburtstag wohl nicht erleben werde. Ich ihabe damals, eingedenk der oft erprobten Lebenskraft, die Ludwig Holländer auch in der damals schon vorhandenen, wenn auch immer mit Unterbrechungen auftretenden Leidenszeit eignete, diese trübe Prophezeiung nicht anerkennen wollen. ' Nun hat sie sich erfüllt. Als Holländer in den Ruhestand trat, haben wir, die wir ihm näher standen, gehofft, er werde, befreit von der Tagesarbeit, in ruhiger wissenschaftlicher Arbeit das Fazit 'seines Lebens ziehen. Wir erwarteten von ihm die Soziologie der Juden in Deutschland seit Beginn des vorigen Jahrhunderts, die er uns auf unsere Bitten immer wieder versprochen hatte. Aber sein Pflichtgefühl gestattete ihm nicht, sich aus der Tagesarbeit zurückzuziehen. Nun, im Ruhestand, begann er die Arbeit, und mit Freude legte er mir eine kurze Skizze vor. Sein Leiden Verschlimmerte sich, die Fortführung der Arbeit unterblieb. Statt mit arbeitsvoller Müsse war sein Ruhestand von fast ununterbrochenem Leid erfüllt, das er mit bewunderungswerter Energie zu überwinden suchte. Er wollte sich nicht als schwer krank bekennen, bis die Krankheit seinen heldenhaften Widerstand überwunden hat. Wenn wir Ludwig Holländer richtig beurteilen wollen, so müssen.wir ihn ir. unserer Erinnerung so sehen, wie er in seinen gesunden Tagen gewesen ist. Ein Mann von reinstem angeborener, Rcchtsgcfühl. Ein Mann, der seit seiner Jugend immer seine Stimme erhob, wenn es galt, Unrecht und Vergewaltigung zu verhindern. Eine Hünengestalt von persönlichem Mut. Ein Mann von hohem Verantwortungsgefühl, der jederzeit auch dem Gegner Gerechtigkeit entgegenzubringen bemüht ist. Ein Mann von geprägter Bildung, der niemals Stillstand und niemals selbstgerecht ausruhte. Jeder Vortrag, den er hielt, war das Ergebnis langer Arbeit. Jedes Wort war wohlüberlegt. Die Reden jedes Winters, die sich allmählich zu Kunstwerken entwickelten, waren stets neuen Gedankensystemen eingeordnet. So ist cs begreiflich, dass ein Denker wie Holländer niemals ein Diener der Massen war, sondern dass er immer bemüht war, gegen das Schlagwort zu kämpfen und auch unbequeme Entwicklungen anzuzeigen. Niemals sah er in dem Juden ein Rührmichnichtan. Fehlern und Verirrungen in unserem Kreise ging er unerbittlich nach. Er durfte dies, weil er beherrscht von unerschütterlicher Liebe zu seinem Judentum war. Er fand auch religiös im Judentum jederzeit seinen fester, Halt. Ein Mann solcher Haltung war im Denken und im Handeln von Erfolgen unabhängig. Er war Dener seiner Arbeit. Von einem solchen Manne dürfen wir nicht bloss mit dem selbstverständlichen Gefühl tiefsten Schmerzes Abschied nehmen, sondern auch mit dem'Gefühl des Dankes, dass er Uns beschicden war, ein „Kiddusch. haschem“. Julius B r o d n i t z. Dem Publizisten Die C.-V.-Zeitnug nimmt von ihrem ersten Hauptschristleiter schmerzbewegt Abschied. Als 1922 die Monatsschrift des CentralvereinS „Im detttschen Reich" nach fast SOjährigem Bestehen zur Wochenschrift, zur Central - Vereins - Zeitung. umgewandelt wurde, hatte Lndivig Holländer schwere Bedenken gegen die Zweckmäßigkeit und wirtschasttiche Möglichkeit der Umgründung. Tie ersten Anzeichen der Inflation waren spür. Diese Nummer umfasst 28 Seiten Sie enthält u. a.: 1. Beiblatt: Das Judentum in der Schweiz, von Dr. E. R—2. 2. Beiblatt: Schach-Ecke. 3. Beiblatt: Was tun in Amerika? Das Berufsproblcm des Einivandcrcrs in den bereinigten Staaten, von unserem Sondcr- ' herichlcr st alter F. H.. — Die letzten Nächte des Heinrich Hemei von Uralter Victor. — Bibliographie jüdischer Werke. ’ , 4. Beiblatt: Buch, und Ktmst a.: Die Liebermann-Ausstellung in Berlin). 5. Beiblatt: Sport der Woche. 6. Beiblatt: Palästina-Umschau (u. a.: Das Boden-Gesetz). — Wirtschaft der Woche. bar, und Holländer erfüllte seine Pflicht, wenn er alle Gegeneinwendnngen vorbrachte.' Als dann aber der Beschluß gefaßt war, führte er ihn mit der Loyalität ans, die einen der -stärksten 'Wesenszüge feines Charakters bildete: auch oder gerade Maßnahmen, die er zunächst für unzweckmäßig gehalten hatte, verwirklichte er mit besonderem Eifer. ivenn sie einmal beschlossen waren. Cs müßte nun der Wille, sich mitznteilen. durch das Wort ans Menschen Cinslnß alisziinben lind seine Gedanken der : Verwirklichung entgegenznsühren 'nicht ' in Holländer zu stark gebrannt haben - als daß nicht in kurzer Zeit die C.-B.-Zeitung feine Lieblingsarbeit inmitten feines nmfangreichen Aufgabenbereichs geworden wäre. Ihr. widmete er persönliche 'Mitarbeit und Anregung. ihr zog er Mitarbeiter heran, ihr Ruf und ihre Geltung beschäftigte ihn vor allem ans seinen Reisen. Cs bedeutet für die Schristleitiiug. die die C.-'V.-Zeitung 'Mitte 1933 ans seinen Händen übernahm. Freude und Gennglnnng. die Umwandlung des Blattes imb nine Ansge galt urig" uu allgemeinen wie im besonderen vvn ihm gebilligt zn wissen. Nur eine spaltenlange Bibliographie könnte alle Arbeiten anssühren. die Holländer in mehr als 39 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit der Prelle übergeben hat. „Im deutschenReich". ..R.-C.-Blätter"...Lvgenzeitung", „C.-V.-Zeitung'.', „Jüdisch-liberale Zeitung". „Berliner Gemeindeblatt" und einige große enzyklopädische Sammelwerke vor allein enthalten seine Beiträge, ".Uiiin wird diese Bibliographie benötigen, wenn inan daran gehen will. die 'Menschen und Probleme im Judentum der leßten zwei (Generationen kennenznlernen und zn begreifen, wie sie entstanden nnd zn welcher Lösung -man schon damals ovrgedruiigeii ist. Holländer stand ans vvrgeseiivbenein Posten, er sah Lieht und Schatten, ehe sie die Masse erreichten, und er wies hin oder ivarnte mit der Eindringlichkeit' und der Scharfe,- die : auch lvesenseigentüinlich für seinen Stil waren/- Ihm lag ntn' deutlicher.. Herausarbeitnng seiner gedanklichen Absiel>ten 'mehr, als an Glanz derTikkivn. Seine Rcik-arbeiler wies er gerade dann daraus liiii. wenn er sieh selbst ihrer Bvrkritik niiterwars. Cr ivvltte auch als Seliriftsteller so verstanden werden, wie man den klaren, glanzvollen hiedner verstand. - Run. da der beredte Bi nnd verstnmint ist. ivird inan ans seinen Ausläße» den ^Reimer—heranshin-en_29iv, „ die, i 1)nt, n st an de n. haben noch den lllaiig nnd die fast als Inbrunst zn bezeichnende Cindringlichkeit seiner StimiNe im Shr. mit der er seine Anssäße vor der Trncklegnng vorlas. nin il,re Verständlichkeit zu erproben. Wir blättern durch die vergilbten und irischen Blätter, nnb seine Stimme ivird uns nah nnd wasne gesagt hat nnd gefordert. Alfred Hirschberg. Dem Organisator des C-V Als Tr. Ludwig Holländer Shildikns des C.-B in Berlin ivnrde. zälflte die Hauptgeschäftsstelle kaum 13 Bcitarbeiler. Z'tts ihn fast -29 Ialire später sein schweres Leiden zivang. das Amt'des Tirektors niederznlegen. hatte fiil) dieZal,l der Srtsgriippen des C.-B. nielir als verdoppelt. -In allen Landesteilen waren Landesverbände mit eigenen Geschäftsstellen gegründet. Lndivig Holländer ivnrde zinn systematischen Srganisatvr des Vereins, der ihm feine Z'tiisstrahlung bis in die leßten Trtseliaften verdankt, in denen Juden wvhn"en. Lllenn er vor dein (trieg oft geineiiiinm mit unserem iinvergeßlicheii B>>rri»iiliaii Hvriviß im iKi'id) spradf. folgten den» Burtrag oft Hunderte vvn. Beitrittserklärnngen. Unsere ältesten itarheiter erzählen mit Stolz, daß sie zur Einstellung von Anshilfskräften genötigt .waren,: lim nach solchen ..Holländer-Reisen" die neuen MitgliedS- Meldnngeii ans zu arbeiten. Cr selbst hat oft humorvoll erzählt, wie er im neu zu erobernden Lrt vvn Hans zn Hans ging. Rie,Jeher ans ihre Eignung für einen Bvrstandspvsten prüfte und dann am Abend im Bersaiiiiiiliingsraiim die Herzen einer fremden Gcineinde gewann. '.Miit einer feine» Menschenkenntnis spürte er die-Persönlichkeiten ans. die als lebende Säule» den C.-B. .trugen. -Hatte» sie sieh bewährt. so regte er sie zur 29a!,l neuer Helfer a». um den C.-B.-Gedanken i» Tum Blassen fest zn verankern und 'Rachivndis zu sindeil. Cs gibt wenig Juden -in Teiltschlaiid. die nicht einniat in den 2-'. Jahren seines rednerischen Wirkens Lndivig Holländer gehört - hgtteu. -Uam er ins hleicli. so ivar sein Besuch ein Z-est für feine Iren,,de und seine Vorträge, ivnrdeii znin Erlebnis für die Hörer. Cr kannte die Eigenheiten jeder Landschaft und fast jeder Itadt. er kainite die I-aiiiiliengeschictjten vieler hundert Inden Bis in die seiiisten Berästeliinge». Cr spracl) znin.-Enkel, der in iinserer -Bewegung stcind. vvin Großvater.-den er iivei) gekannt lfatte.'er wußte im Geineiiidelebl'u fast jeder Stndt gut und für inanche oft nnr zi, gut Bescheid. In il,,n lebte eine einmatige nnd eiiizigartige.lleniilnis der Juden,' und es war von jel,er sein 29>iiisdi, dieses Wissen inethvdisel) zn einem saziologs(hen 29erl zn gestalten. Anläße I,ierzn sind in einer 'Kciljc vvn Artikeln nnd in 'Vorarbeiten .vorhanden:- seine lange .llrankheit hat ihm die Vollendung nicht gestattet. ' 29er nach den.Gründen forscht, die tum Srgnnisntvr Holländer znin Erfolg fiihrten. . ivird des .R e d n'e r s Lndivig Hvllcinder gedenken müssen. Tiesvrinale .(innst seiner glänzenden hc'hetvrikävar anderen nncli eigen, hiielleicht hatteit andere sie sog,ir starker ,ilS er. der jede billige Teinagvgie nnd jedes l)o|)lc Pcitlfvs veruliiniihte. Cr avar. anclf kein. begneiner -ReCner. ver den Hörern zn iLeinlleii sprach.. \\n den engeren Berufungen des 2ll'rei'iiS hnk er stets beiviißt;n,n W-iderspriicl> und damit zur Tiskni'ivn gereizt, und er liebte die vit pciradvre Zvriael. um 'Menschen anS der »rnsgetretenen (üedcinkenbcihn in verant» ivvrtliche nene Prüfung nnd Entscheidung zn fuhren. HC'rträge und 'Aussäße ivie ..Tie Jude» vom Vnriürstendainin" oder „Born Ichnoddrigen Berliner", seine scharfe llrittk des „jüdisch.iingebniideiien. nilverantwort- M-irhcmiLitcratenfnin:-" l> nt elf t e n gewisi—ftdite— .(tviiipliincIlle. Und doch feierte il>n die Hörer. . schaft. Tenn jedermann spürle: Hier spriclst ein geistiger, überlegener 'Mensel, vornehm und sachlich, und doch stets inM verhaltener Leidenschaft: Hier rang ein Biann vvn Bildung mit den Probtemcn, die er philosophisch, historisch nild ° *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.