Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 5 * 7. Beiblatt 30. Januar 1936 Erinnerungen an Max Liebermann Von Professor Franz Landsberger Am 8. Februar vorigen Jahres starb Mar .Lieberinarm. Z'nr - ersten Lstiederkehr dieses Tages bringen wir einige Erinnerungen an . den Künstler, den die Berliner Jüdische Ge- - meinde durch eine Au s st.e l l u.nri in -den . Räumen des Jüdischen Museums ehren wird. Tv oft hatte ich in Breslau, meiner damaligen Wohnstätte/ wie im '.übrigen Deutschland' über.. Liebermann gesprochen, das; es mich drängte, den . Künstler einmal persönlich kenneNzulernen. /Gr empfing mich — es war 19st"> —, und nun sah ich diesen markanten Kops, mir aus den Selbstporträts wohlbekannt. und doch , in seiner vom '' Max Liebermann: „Kischinew“ Fot. Herbert Sonmnfeld ■ Alter unberührten Straffheit und Schärfe von neuem bewundernswert. Die Unterhaltung kam rasch in Fluß. Das heißt, in der Hauptsache sprach der Künstler selbst, denn, da er schon etwas schwerhörig war, liebte rr es mehr, selber zn reden als znzuhvren, um seinen Mangel nicht fühlbar werden zu lassen. Man mußte schon eine Pause abwarten, um zu Morte zu kommen. Warf man dann eine Frage, eine Bemerkung ein, so sing er sie gern mit den Worten auf: „Ta muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen", und diese „Geschichten" ivaren freilich - stets seiner ganzen Schlagkraft voll. Sv war ich auf einen Breslauer Kaufmann zu sprechen, gekommen, der, im Kriege reich geworden. .den Ehrgeiz hatte, sich von Liebermann malen zu lassen. „Wissense", — auch das gehörte zu seinen ständigen Einleitungsflvskeln —'..mit dem ist es mir merkwürdig gegangen. Wie ich gerade eine Panse mache, steht er ans, geht vor die Staffelei und fragt: .Herr Professor, habe ich wirklich einen so schiefen Köpfst — Ich sagte: Horense mal, das kann ich nicht vertragen, das stört mich beim Arbeiten, da kann ich nicht malen . . . Also, kurz und gut, ich habe ihn ^ransgelvorfen." Später übernahm der Sohn des Kaufmanns die Vermittlung, und das Bildnis kam doch noch zustande. - Als ich die Sammelfreude dieses Sohnes hervorhob — er hatte erst vor kurzem eine Reihe Liebermäunscher Bilder erworben —. kam er doch wieder auf den Vater zu sprechen: „Ter Alte ist mir lieber. Der Junge ist schon zu abgeschlisfen. Das einzige, was dem Menschen Kraft gibt, ist . die Rasse." ' Damit berühre ich eine Frage, die in späteren Gesprächen, die ich mit hem Meister führte, immer wieder berührt wurde: seine Stellung zum Iuddptum. Sie war nicht ganz/ leicht verständlich. Tenn einerseits war ihm jede aussvndernde Hervorhebung von Juden und Nichtjuden unangenehm. Selbst noch nach lüsZ war es mir schwierig, ihn zur Teilnahme an einer Ausstellung jüdischer Künstler in London zu bewegen. . Er sah darin eine Einengung:, sein Stolz war es gerade, mit den besten Künstlern aller Länder in Wettbewerb zu treten. Andererseits vergaß er keinen Augenblick, daß er Jude war. Immer wieder.fetzte er sich damit auseinander, stritt damit wie mit einem unsichtbaren Gegner. Sein Ehrgeiz, sein Machtbedürfnis, sein Lrganisationstalent. sein herrscherliches Gefühl, die ihn zum Führer stempelten: alte diese Eigenschaften hatten sich Zeit seines Lebens im Kampfe mit Widerständen gerieben, hinter denen er stets sein „Iudesein" witterte. . . „Tie Leüte sagen, daß ich unausstehlich bin",/ gestand er mir einmal,- „sie vergessen.nur. daß irf)' Jude bin und immer in Verteidignngsstellllng."- , Ja. gewiß, dieses „Iudesein" ivar ihm ein dauernder Stachel: , Aber doch,hätte er es niemals aufgegeben: - Er fühlte, wohl, wie er.es von dem 'Breslauer. Kaufmann . sagte, daß darin, s.eiin' Stärke läge. Dabei empfand er es. nicht als eiit „Aiiderfeiu" oder gax als ein Draußeiisein gegenüber der Ilmivelt. Deutschland war ihm wirklich das Vaterland, dessen Aufstieg ihn tief beglückte, - dessen Kämpfe er mit patriotischen Zeichnungen begleitete, dessen Niedergang ihn schtver erschütterte. Vielmehr erschien ihm das Judentum als eine zusätzliche Kraft, etwa wie der Adlige seinem nationalen Betvnßtseiii den Stolz auf eine.lange Ahnenreihe hinziisügt. Indesein war ihm das Gefühl Uralter, vornehmer Abkunft, die er zu seinen übrigen Gaben als besonderes Gewicht in die Waagschale werken konnte. Getviß hat diese Stellung zum Judentum einen sehr egozentrischen Ing. Aber Liebermanns ganze Anschautüigsivelt war'darauf. Ztigefchnitten, sich selbst zu behaupten, sich selbst zu betonen. Hingabe an Menschen war ihm. nur in beschränktem Maße gegeben. Tie engen Bande seines Familienlebens darf man nicht hinznreclmeii: sie ivare.n nur ein erioeiterter Kreis seines eigenen Ichs.- ' Eben'v ivar feine Kunstanschauung ntir darauf gerichtet, die eigene Malweise zu rechtfertigen. Jedwede Toleranz gegenüber einer ihm fremden Ansdrucksweise war ihm fremd. „Die jungen Leute sagen oft zu mir, wenn sie eine Ausstellung machen, das und das Bild mich ich mir anseheN, das ivird mir sicher gefallen. Tann antworte ich: eben deshalb sehe ich es mir nicht an; am Ende gcfällt's mir." Und er fügte hinzu: „Als Künstler muß man einseitig sein. Alan kann nur eine ii Weg cinschlagen." Diese Unbeirrbarkeit machte ihn gewiß oft thrannisch und ungerecht. Aber sie gab andererseits serner. Persönlichkeit das Scharfe, Zwingende. Neberzeugende. Plan wirrde nicht warm im seiner Gegenwart, aber man fühlte sich im Banne einer großen Natur. . Da er die ganze Welt vom Standpunkt dieses seines sestgeprägten Charakters betrachtete, war ihm jede weichmütige Regung fremd. Ter Pazifismus schien ihm ein kindlicher Glaube in' der harten W^lt nüchterner Machtfragen. „Spinoza hat ganz recht, der Mensch hat nur soviel Recht, wie er Macht hat", sagte er einmal zu mir. Ich erwiderte mit einem Worte Napoleons, das er auf Durch mein kuinihUtorüchcs 'Arbeitsgebiet waren ivir auf Gve-thes Freund'cbaft mit dem Mater ^stilhelin Tischbein gekommen, die später . in die Brüche, gegangen .war.'Ich gab Tischbein die Schuld: aber Liebermauii wollte eher Goethe belasten. .Wenn .man nachliest. sie!,t man deutlich, daß sich'Goethe geärgert bat. Na --und ärgern ' tut inan nck, docl, nur über ßcn letbn. Ich bin oft - iiitt Schuftenzmaininengekoniiuen:. ,et, habe nur gelacht iiber i>e. Aber ivenii ich selbst etwas-' -Schteckstes tat. das liatnnck, .mein .ganzes Leben gewurmt:Man sieht, daß. wie Liebermann-.-die Welt nntr >merlnttlick,er Scharfe iah. er aücli ut sein/knzenes ^steien mit klaren, liarien Äugen geblickt .hat. Seine- Große erlaubte ihm, Freimut, gegen sich selbst zil nben. - . . Mit dieser machtbetonten Selbstücherbeit bersöhnteii dann aber.wiederum niildere Züge. Sv viel fr. iiber Kniiit dachte, spract, oder schrieb, seiner eigenen Produktion gegenüber behielt er doch etwas-'Unbewußtes. Naives. Ick, habe' oft verflicht, mit ihin über .Fragen seines künstlerischen 'Ebarallers oder über Wandlungen feines Stils zn fprectieii, fließ aber iiets auf eine völlige Umvisienheit über sich selbst. Er ioollte zn allen Zeiten seines Lebens immer mir das Gleiche erstrebt haben, was er bei einem meiner letzten Besiiche dahin formulierte: „Das beste Bild ist das, bei dem man ganz vergißt, daß es ein .Bild ist."-Daher war, ihm jede Aiialii'e seines Kiinstschafsens fremd. I» der Andacht vor der Natur, -in der Schöpnmg eines?ststerkes. das ihr glich 'und das Können vergessen ließ, sah er das Ziel seiner Sv berührte es ungemein Nniipathisch. daß er sich bei aller llvheu Setbsteinichälliing doch der .Grenzen, seines Könnens beionßt blieb. „Ick, bin kein Genie" sagte er mir einmal. ..icki bin nur groß im Verhältnis zu' meinen. Zeitgenossen." Da hat Ulan seinen Stotz und seine Vesck>eideNheit in einem. An den Schluß dieser'Erinnerungenmögen zivei Auszüge aus Brieten treten, die uns'noch einmal zu seinem Judentum .zurückführen. Da ich wußte, ivie sehr er Reinbrandt verehrte und ahnte, daß er sich über desseii Indensrenndlickileit Ge- - danken gemacht hätte, bat ich ihn einmal brieflich um seine Meinmig darüber. Er antivortete mit einer fast wissenschrftlichen Präzision lind Kühle: ..„Was nun Ihre Frage über die Stellung Rembrandts zum Iudeiitmn betrifft, so habe ich sie mir selbst''tausendmal bvrgelegt. ohne.eine : genügeiide Antwort''-daraufzn finden, Rembrandts Freundschaft mit Rtanasse den Israel .und Ephraim Bonus beivcist nichts, höchstens daß er keilt'Antisemit rvar. Was mir immer besonders ausgefallen ist. daß es Mich nicht die mindeste Nachricht gibt, ob Rembrandt Spinoza gekannt hat. Letzterer wohnte bis UM) in Amsterdam, und zwar in derselben Jode Breestraat ivie tstembrandt. Ich erinnere mich, daß ein gewisser Altkirch, ein bc° Max Liebermann: „Amsterdamer Judenmarkt“ Au» der Liebermann-Gedächtnisausstellung der Jüdischen Gemeinde Berlin ' F<A. Herbert äouncufüd St. Helena gesprochen: „Mit der Zeit ist es immer das Schwert, das durch den Geist besiegt wird." Er sah mich einen Augenblick, prüfend an: „Ra. das hat er auch erst aus St, Helena gesagt" — damit fegte er diesen Einwürf ebenso' kurz wie witzig aus seinen Gedanken. Wenn er über große Menschen sprach — und Liebermann beiaß eine geradezu andächtige Heroenverehrung. — dann vergaß er. — etwa an Goethe oder Bismarck. — niemals die schroffen, ja selbst bösen Züge hervorzukehren. Ihm schien menschliche Große mit einer gewissen Bosigkeit untrennbar verbunden. geisterter Spinvzist. einen Roman übet: Spinoza geschrieben hat iden er mir dediziert hat), worin znm Schlich hienwrandt als versoffenes Genie anstritt. aber ohne irgend etivcrs über beider Verhältnis Zueinander mitteilen' zn können. Auch meine holländischen Freunde, die sich mit ilirp.r Geickiichte intensiv beschäftigt haben, wie'Allebä. Hvv't oder Jan Veth wußten nichts BeitiNimtes d<rrüber. - Wir können ativ nur ans Rembrandts Werken uns ein Urteil zniäminenreimen.^^ Und da ist es ganz augenscheinlich, daß er . die Juden als malerisches Objekt den Christen HIlllilllllllillllllllllH^ Betr. Altersversorgung Wir weisen darauf hin, dass Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung IhrerFamilienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Be* ratüng an. uns wenden können. _ Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge für Leibrentenversicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute in Anspruch. FAMILIEN SCHUTZ E. V. , Berlin W 8, Taubenstrasse 35 Fernruf A 2 Flora 4417 18 vvrzog, aber nicht tveil sie Inden waren, sondern »veil sich ihr /Inneres. mehr an ihrem Aenßeren ablescn ließ. Der jüdische Gesichts-, änsdruck. ihr Mienenspiel, dasSpreclien mit den Händen, ja sogar mit dem ganzen Körper >oar il,m sn>iipatliiscl,cr. als-der .-mehr ruhige Ausdruck der Holländer, die fick, mehr ziirückhielten und weniger verrieten, ioas in ttmoti vorging. Kurz. Reinl'randt fand. v>as er snrhte. im Inden mehr verlörpert. als im bhriüeii . 'Daher wohl auch feine Vorliebe für das Alte Teftanieilt. ans dem er viel mehr Sujets ent- »111)111 als ans dem Neuen Dazu kam das mehr Pittoreske der spanilIsien. portiigiesischkii. vrientalischen Inden in ilirem Kostüm, ihre» goldnen und silbernen Gefäßen beim Gottesdienst.' in den Shnagvgen. Das alles aber hat nichts mit der Religion zu tun: auch Perser. Inder hat er gern in seinen Bildern verwandt. Und nun die Hauptsache: er .wohnte.'im Indenviertel und von seinem Fenster ans konnte er sie beobachten und zeichnen sivie ich das selbst vom Rembrandt-HaüS konstatiert habe). Die Figuren ans seinen Radiernngen zur Bibel sind meistenteils nach Zeichnnngen nach der Natur-. Ebenso die Beleiichtiing. Das Indenviertel hat sich in den letzten r'-'. Jahren unendlich verändert, aber früher habe ich dort Beleuchtungen erlebt, genau wie ans Rembrandts Radierungen. Jetzt ist das Viertel gepflastert und — — reinlich geworden nnd die vielen rnssischen Inden haben die spanischen beinahe verdrängt, so" daß der Charakter ziemlich geschiviinden ist und nur noch an Markttagen zn erkennen ist? Aber, ivie gesagt, Rembrandts Vorliebe ist rein tinistlerisch-ästhetischer Art. Daß aus dieser lünstlerischen Vorliebe eine ethis>l,e sich bei ihm entivickelt hat. ist ivohl aiiziinehinen —,ioie das ja stets geschieht, daß das Sliidieren einer Tache die Vu'bf zn ihr zinchtet - . aber leider, die Beweise fehlen. Eon li>,u,-l!" . Ein Kimstchistorilcr föuutc die Frage nicht objektiver behandeln. Der zweite Brief liinoit an einen Besuch an. de» ich. nun bereits nach Berlin übersiedelt. dem Künstler lü.'i.'t machte. Ein paar.Jahre zuvor chatte er seinen w). Geburtstag gefeiert, inib ihm wurden damals die Glückivüiische einer listelt zu Füßen gelegt. Alles, -ivas über.ihn erschienen, hatte er zn einem Ttapel geballt, ans de», er seine, schmalen, .rassigen Finger legte. „Ich bin gesättigt", sagte er damals zn mit, unO „Was man sich in der Jugend miinicljt, das hat man im Alter die Fülle. Aber." fügte er sogleich leiser hinzu, „man macht sich nichts mehr daraus." Als ich ihn jetzt besuchte, hatte er alle seine Ehrenstellen niedergelegt. und ich sühtte wohl, wie sehr er doch die Aiierkennniig entbehrte. Damals schrieb ich über nieinc Eindrücke einen kleinen Aussatz, den ich ihm nicht' zn'aiidte. iveil ich nicht wußte, wie er über dergleichen persönliche Bcröfseiitlichuugen dachte. Um so iiberraichler und erfreuter ivar ich, als ich ein paar Tage später von ihm einen Brief erhielt, der seiner-, Freude lebhaften Z'lnsdruck gab. „Ein Jude", fügte er hinzu, „hat es hentzu» / tage doppelt schwer, über einen Juden zil/ schreiben, I. als'Ding an sich. st. aber als nbc/ einen Juden für feine Glaiibc.nsgeiioiieii. in den Fel,ter.ider früher leider fo ofp^beg'^ ist) der Uebertreibiing zu verfallen.' Silr verehrter Herr Prosesfvr. haben taktvoll geßrhrkiche Klippe umschisst, und daisi^ bin ich Ihnen besonders dankbar. — Goett^ sagt ei», mal (ich glaube , bei E-kermann Eindensprache ist pathetisch. .Die SpracheÄdec Propheten Verkauf TWr Berlin C.: das große Fachgeschäft für Teppii/ejMobelstoffe Gardinen W, Spunriaiwr Straße in lllil ASimiiKOE# DIS SAUSES VDS 21JASJIAlTlfESRUAS