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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-03 · 1 (3.1.1936) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Das Blatt der jüdischen Brau Nummer t Beiblatt der C.-V.-Zeitung 3. Januar 1936 Alte and neue Hausfrauensorgen Arbeitserleichterung — ohne Kosten Du sitztmit'anderen Hausfrauen beim Kaffee Und jede von ihnen erzählt, wie sie cs machen wird,.um offne ober nur mit geringer Hilfe fertig zu werden. Die eine übertrifft dich im früben Ansstehen; eine andere im billigen Einlauf. Eine dritte nimmt das Scheuern und Pichen der Stuben so aus die leichte Achsel, als ob es sich dabei um ein chrar lustige Pingpongschläge handelte, und die vierte besitzt ein geheimnisvolles Rezeptbuch, das feit Generationen vererbt, sich sozusagen von selbst kocht. Tu bist von der Tüchtigkeit der anderen hinreichend llnterrichtet, um zu merken, daß es mit deinen Fähigkeiten nicht allzu weit her zu sein scheint. Das Gefühl deiner Niederlage jedoch, das sich gerade'wie ein schwarzer Schatten auf deine Seele legen will, verwandelt sich in aufmerksames Staunen, als das Gespräch auf eine gleiche Arbeit gelenkt wird, die alle anders und alle am besten zu machen glauben. Zuerst warst du noch so glücklich, mit deiner eigenen Unfähigkeit zu hadern:- jetzt aber weißt du nicht einmal mehr, welche Fähigkeiten der anderen dir als Richtschnur dienen könnten. Ist es da nicht beruhigend, und erquickend zugleich, wenn du erfährst, daß es wie für jede andere menschliche Leistung auch für den Haushalt ein Arbeitssystem gibt, das nicht nach „persönlichem Gefühl", sondern nach errechneten Gesetzen anzuwenden ift? Da stellt beispielsweise eine bekannte Wirtschaftspädagogin fest, daß eine Hausfrau bei dem Kochen einer einfachen Reissuppe einen Weg von 70 Metern zurücklegt — und mehr,-wenn sie die Gesetze der Ersparnis, die sie mit aller Selbstverständlichkeit bei dem Verbrauch an Material anzuwenden Pflegt, bei dem Aufwandvon Zeit und Krait außer, acht laßt. •- Der Gcsamtiveg des . Tages wird sodann für die kochende vansi'rau aus ,500 Meter. berechnet, wovei ein großer Teil dieser Belastung weniger aus die zu bewältigende Arbeit, als auf den Leerlauf entfallt, der aus unsachllchen und unzweckmäßigen Handgriffen entsteht. Während'in den Fabriken Zeit und Kraitersparnis längst w hoch gewertet werden, daß man sie in die Kalkulation einbezieht. iverdeu diele Erkenntnisse für den Haushalt nur teilweise nutzbar gemacht, der Willkür der einzelnen Hausfraneri überlassen. Und doch ist jeder Haitshalt ein Unternehmen, das sich als rentabel oder unrentabel erweist, und das nur durch ständige Kontrolle und gedankliche Arbeit vor Starrheit beivahrt bleiben kann. Du wirst nach einigem Ueberlegen dieser Pädagogin recht geben müssen; dein» wenn fiel), auch kein Haushalt mit einem anderen vergleichen läßt, so gilt es doch erst einmal, die gemeinsamen Voraussetzungen festzustetten uiid sich mit ihnen ebenso ernsthaft auseinanderzusetzen, wie ein Chemiker mit seinen Formeln und ein Pianist mit den Tasten seines Klaviers. Man muß-fest-, stellen, daß die Hausfrau sich im allgemeineil gegen Reformen ablehnend verhält, ja, daß sic sogar stolz darauf zu sein scheint, wenn sie. wie diese Pädagogin ebenfalls besonders hervorhebt,' .chen ganzen. Tag nicht zum Sitzen gekommen ist!" Und dabei soll man sogar, wie man bald danach erfährt, den größeren Teil aller Arbeiten sitzend erledigen. — Denn wie für jede andere Arbeitsleistung. so gibt es auch für den Haushalt einen Punkt des geringsten Aufwandes an Kraft, die man für die ivlgeiide Leistung einiparcu kan». Aach der Ansstellung des Kaiser-Wilhclm-Fnstitnts inr Arbeits phhsiologie iü sitzend der Energieverbrauch um -1 Prozent hoher als beim Liegen: hockend ch5-Prozent: stehend JJ Prozent: bückend sogar 55 Prozent! (Vergl. untenstehendes Bild.) Damit ist bereits die Notwendigkeit der richtigen K ö r p e r h a l t u n g erwiesen. Mit ihr beginnt das, ,ivas als „Arbeitserleichleruiig" so viele unklare und ungenaue Deutungen zuläßt, und von hiernehmen die zweckmäßige Handhabung der Geräte., ähre Beschaffenheit, die richtige Arbeitsfolgc und der sinnvolle Arbeitsplan ihren Ausgang. - Zeitsparende Geräte sind in-so reichem Maße vorhanden, daß sie einen großen und nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Krastersparnis liesern können; sehen »vir aber von ihnen ab. da ein Teil der Hausfrauen selbst die billigsten Anschaffungen scheuen muß, so gibt es, geirügcnd Möglichkeiten, sich durch die'richtige Arbeitsweise kostenlos Kraft u n d Z e i t e i n z u s p a r e n. Wie man richtig steht, »vie mau sitzt oder sich be»negt, dafür gibt es genau so cindelltige und erlernbare Vokabeln wie für freurde Sprache, und mit der gleichen Genauigkeit, mit der »vir uns über unsere Einnahme nuiid Ausgaben Rechenschaft ablegen, können wir auch unsere kraftspareiidei» und krgft» raubeilden Bclvegnngen und ' Schritte in ein Kontobuch eintragen. Oft ist es nur ein zu langer Besenstiel, der uns eine nnmäßige Leistung abverlangt, oder ein zn l»oher Tisch, der itnO'ri' Arme vor der Zeit milde macht. Ja. dieser Besen- Nil vor allein ist -es. dem "lialioiialöloiiollieu »vie -Aerz'.e ihre besondere '.'lnsnferls.nnleit iihenten, daer bei -unrichtiger. Lange die Han-.-fran dazu zioiugt, -sich' vorzubei.igen. Dasuael> r>oru' gebeugte oder gebückte Stehen aber ist eine sur die' »visseuschaftliche ^Arbeitsmethode geradezu, verrufene Körpkrtzaltung: »Verde»» doch ihr die Fol-» gen schneller Ermüduug - und der Verschiedensten Erfrnntiuigeu zugeschrieben. Te-chaN, sind Eie rate aller Art erfunden worden, deren tianptsächliches Merlmal il>re ..LangNieliglei!" ist. wvdnrch die Hanssrau-in de»» Stand-,gesetzt »vird/stehend »md ohne vvrgebeugte Hallimg Tätigkeiten aller Art zu vcrriäitcii. Da gibt es nicht mir den!>»>>- Nicligen H a n d f e g e r , der das Bücken crfpn da , gibt es sogar den gebogenen Stiel, mit bim man unter den Möbeln oder hoch ans den Schränken ungebeugt mühelos den Staub en.tse» ne» kann. Besitzt man - jedoch keine Gerate inu. langen Handgriffen, so soll inan sich statt de> Bücken? im Stehen mit einem Knie etwas am den Fußboden stützen, uiii leichtsinnige Krastan-gaben .p» vermeiden., Ebenfalls als verschwendernch gilt das Aiisrecken, Zveiu» es sich darum Hannelt, an> den Schränken zi» »visä>e». A'ichl ein l.ibl'eiidev Stuhl, den man immer von neuem heranrncke>r infiß. sondern ei» äritt »oird als bester Ersatz s»,r das passende Handiverkszeug en>»'sol>len. Aek»nliä>> >i»säcl»liel»e ..Bergtouren" in salscher Ansrüstinig »oerden beiin Feifsterputzen unternommen, »vem» die Hnussrän, statt eineverttellbareii Eitlierhat - lers an ihrer Leiter die Sprotsen miermüdlüst steranslind l,ern>»<erllctterii i>»uß. »im das Leder - -• Der Atlas Ein Brief von zu Hause Lieber Paul. Sic wissen, Sic haben mir eine große Freude gemacht mit Ihrer Be- , gleitnng an die Bahn und ich will Ihnen gleich heute nochmal recht schon dafür danken: Sie fragten mich noch, warum ich denn so still sei, ob ich intd) nicht ans zu Hause freue und ich gab Ihnen wohl keine richtige Äntlvort. Heute weiß ich schon, was mit mir los »var. denn gestern war ich mir selbst nicht ganz klar darüber: ich hatte ein wenig Angst. Wissen Sie, ich war lange nicht zu Hause gewesen und es hat sich inzwischen doch manches ereignet; die Briefe der Ettern in der Zwischenzeit waren zwar, wie inuner. voll der Liebe und Fürsorge, sic schrieben nie etwas, was mir zn Besorgnissen hatte Alllaß geben können —und dennoch fühlte ich oft,-daß die Stimmung, in der.solcher Brief geschrieben »var, schwerlastend gewesen sein mußte. Hie und da »nerkte ich in dem sonst so einheitlichen Schriftbild von Mntters Zeile»» einen kleiner» Bruch, ein Absehen wie zu einem Besinnen, ein Zögern irn , Weiterschreiben und die klarer», sicheren Schristzüge des Vaters waren maucfjmnt nicht ganz so bestimmt. »vie ich es gewohnt bin. Nur gegen Ende der Briefe, wenn da stand. „Wir grüßen und küssen Dich in großer Liebe", da war alles wieder in schöner- Ruhe. - Nennen Sic mich nicht überempsindlich, Paul; »nein Gefühl hatte nicht unrecht: »nein Vater hat sich einen ganz neuen Atlas gekauft. _ ' Das wird Ihnen eigenartig klingen, wenn ich oas so unvermittelt sage.' Ichwrll Ihnell' auch die Brücke Herstellen zrvischen Gedanken, Erscheinungen, Handlungen und Ausrvirkungen und Ihne»» ein kleines Diw entrversen, wie ich den Kreis angetrofsen habe, in dem ich groß^getvorden bin, und der das Leuchten seiner Stärke hinüberstrahlen läßt in all meine Tage von heute und rnorgen. Denken Sie sich eine kleine, heinllichc Stadt, die einen mit dem hohen Grüße»» der altbekannten Türme und im leuchtend weißen Schneekleid empsäncst; Straßen, von dener» jede eine Erinnerung ist. noch nicht lange zurückliegend und doch schon überwuchert von neuem, fremdem, guten» und seindlichein Geschehen drarißen ii» der Welt, lauter Straßen dirrch Kindheit und Jugend; ein Geschäft, aus dein eine»»»'der Geruch von Wolle und der rasselrrde Klang vo»» Nüh- »»raschiuel» vertraut entgegeirschlägt — die meister der hier Beschäftigten Haber» einen schon als Kind aus de»»» Ärn» getragen und sagen jetzt, gena»» »vie früher.' ,.d»»" u»»d freuen siet» sehr über das Wiedersehen — aber Manch einer Von ihnen ist »rieht »»»ehr da »n»d das Rasteln der Nähmaschinen ist viel leiser gervorden. de»»»» ei»»ige stehen still. Und denken Sie sich dann chm» Abend, den ersten »nieder zi» Hanse,„in einen» kleiner», ein wenig überheizten Ziinrner. in den» die von der Kälte drarißen gestraffte Harrt der Wange»» zn glühen beginrit, in der»» ein Tisch lveiß gedeckt ist »ind dar»»»»s au einem Platz das liebe, alte Kinderbesteck mit bnn verbeulten Lössel—ein Zimmer, in dein die große llhr gena»» so »nelodisch tickt »vie alle die Jahre, sorveit das Gedächtiris reicht, »ind in den» einen die Eltern irnrncr rvieder ii» die Arrne schließen. Dann tommt die alte Frage oft nud vst^ hintereinairder: „Wie geht cs lir?" „Wie geht es Erichund »»»an erzählt, daß inan »»»»endlich glücklich ist i,» seiner Arbeit, daß »nan nur» wirklich cndgrlttig soviel verdient, um sein bescheidenes Leben selbst erhalten zi», könne»», daß man gute Frermde. liebe Äcenschen draußen gesunder» hat, die unbckannter- 'weise grüßllnAasten r»»»d daß es-närge,-»-ds so schön ist »nie zn Hanse. Und »»»an hört, daß die ältliche Cousine Herta sich nun doch endlich verlobt habe, daß Tante Ernas Krankheit leider noch nicht bester sei und daß die. Eltern die Nacht, bevor »»»an kain, vor' Freude nicht sehr gut schlafen konnte»». Dann entzündet inan, weil es gerade Cha»»ukka ist. die Lichter in der alten Mcnora »ind singt geineiirsan» das Lied und ein starkes Band schlingt sich ne»» mit drei Menschen, die seiner kariin-zn bednrsen scheinen. Aber daui», lieber Paul, gel»t der Vater z»ui» Bückierschraiik lind hott ein großes, »inbekanntes Buch hcrans, itt den» einige Zettel „Sich i»»al. ich habe n»ir, einen Atlas gekauft. Deine»» «chnlatlas konnte ich »»icht „Einen Atlas? Wozu?" ..Nun, »»»an willdoch inal was Nachsehen." „Was denn,?" „Ach. ,nnr so. Zn»i» Beispiel, »nie das dorther»,!»» anslielit. »vo der Erich jetzt ist ----- ich inuß Dir gestehen, ich habe »virklich nicht »»»ehr gerrnißt, »vie die Hauptstadt von Urngnah heißt.'Er hat immer noch keine Slellnng, eii» halbes Jahr ist er jetzt dort. Aber seine Briefe klingen ga»»z hoffnungsvoll, er scheint viel Milt »ind Glauben zn haben." „Schreibt er Euch denn oft?" ..Ja. eigentlich. sehr oft., -Seine: .Pläne geherr sogar ziemlich weit. Er hat daran gedacht, auch »vir tönnten einmal—znihm koinmen — — — nein, noch nicht sofort, aber vielleicht doch einmal." Also, jetzt ist es ran?: ich habe doch irgcndrvas geahnt. Paul, ich habe es gefühlt. „Aber Batcr.-Tn bist doch jetzt »veit über .5» und da kaufst Du Dir einen Atlas, ich »»»eine, da denkst Du an solch schrvierige Dinge! Weißt Du denn. »r,a4—das heißt? Gib nur nicht unüberlegten Gedanken zu breiten Ran»»». Later!" D>chMDckne»n Kind,,ich »ve»tzZMn^^esist ist alles nicht so einfach — und das Geschürt — eben das — aber wir wolle»» diesen ersten Abend noch nicht darüber sprechen. Komm, erzähle uns von Dir!". "Ta beginnt man also wieder von seinen» Keinen Leben zu erzählen, das so oft, viel zn oft, der Ncittelpullkt der Welt sür einen ist. Es ist doch alles so unwesentlich in diesen» .Vioment - ver Vater hat sich einen Atlas gekauft, jetzt.-.wo steine Gedanken und Plane verdient l)ätten. nacli langem Kainpf schön zur, Ruhe zu toiimicn. Aber, da' sitzen nun diese beiden liebsten Menschen undhören' zn, ,»nsn»e».fsain wie Kinder, ganz beteiligt an den» geringsten Geschelie». das »nan vor »hnen »viedererstelien lässt, und »nait reißt siel» znsaininen und erzählt.. Doch etwas ist in-. Ptzanken gekommen, es steht »,iel,t mehr alles so fest begründet in diesem geliebten alten lliann» »ind der Stsilag der großen - Uhr-ist nicht mehr ein Wiegenlied, ein ützeckrnf. ctit großes Mahnen an die Zeit ist er geivorden. Lieber Paul, das »»m»; gestern abend. So »verden »ncht mehr viele Abende sein; den»» das. »vas angedentet -N'urde, inuß durchgeführt »verden! muß!-Das ist inuner noch besser als ängstliches Aiisnieickien. Aber es »»nrd scliwer sein. Und doch - srhön »vird es sein. Paul, zn »visseii. das; inan diesen Menschen, die, einein alles gegeben lmben und alles geben »»»erden, svlcnige sie atn»en. nun »doch vielleicht durch sein eigenes Dasein, durch seine»» eigl'.nennt und '>'»»» Iasagen. znm Leben und Gesisiick ein bißchen »vird helfen köiniei» - - so oder so, i)ier oder dort. Dieses »vcllkte ich stlinen sagen, Pank, »nrd »»»in müssen Sie nicl)t melir »>iel »ragen, wenn ich »viederkonin»e und Ilnien vielleicsit nichts weiter er;äl)le als: „Es ,varen schölle, gute Tage." .. Meine besten Wünsche sind n»it Ihnen, ich grnße Sie. Ilild« Marx —-AilcJhrc Bücher Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachlnuthaler Str. 43-44 Mitglied der jüdiachen Gemeinde Teiefon BUzoarck 6506 Zwieadiuv naefa alloa Stadtteilea

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