Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. V * 1. Beiblatt m 3. Januar 1935 / Zur 150. Wiederkehr seines Todestages, 'Von FRITZ BAMBERGER , Vor sechseinhalb Jahren feierten wir den 2Ö0. Geburts- ‘ tag Moses Ntendelssohns. Und heute gedenken wir der 150. Wiederkehr seines Todestages. Mit rauschenden Feiern. ist damals das Andenken des Protzen YNannes geehrt worden. Von allen Blickpunkten hdr sand Persönlichkeit uild Werk er'- „hebende Darstellung. Die" Leistung des Philosophen und Aesthctikers, die Bemühungen 'des Literaturkritikers im Bunde mit Lessing und der Berliner Aufklärung. Mendelssohns-Stellung innerhalb der zeitgenössischen Schriftstellerei und Gesellschaft, seine Bedeutung als Bibelübersetzer und Bibelerklärer — dies alles und vieles andere noch hat seine wissenschaftliche Würdigung und journalistische Darstellung gefunden. Der Lorbeer, den seine Zeit ihm gewunden, war zu grünender Frische erneuert worden. Tie von-neuem sich um Mendelssohn bemühende Wissenschaft schuf aus neuen Materialien, mit neuer Methode und aus besserer Sicht mit geübterem Blick sein Bild in manchem anders, als die Generationen vorher es getan hatten. Aber wo sie Werk und Verdienst schwächer fand, durste sie in anderem Belang neues Lob hinzufügen. Die an der Jubelfeier teilnahmen, dursten mit ganzem Recht feiern: hier gab es ein objektives Verdienst und eine erarbeitete Leistung, die in der Geschichte des Geistes Bestand hatte. E? ' L. Stöttrup: Auf Mendelssohns Tod Jüdisches Museum, Berlin ■ Die Spanne Zeit, die zwischen den .beiden Gedenktagen verflossen ist,, ist kurz gering, so daß auch die Zeitung noch das Recht hat. an das Gedächtnis zu appellieren 'und auf 1929 "zu verweisen. Aber neben demSwas objektives Verdienst rmd erarbeitete-Leistung filr alle Zeiten bleibt und nntannähern-. der Eindeutigkeit .immer'- reproduziert werden kann.- lebt Mendelssohn noch in anderer Schiclit des jüdischen Bewußtseins:.als der Mann, der die Emanzipation in Gang gesetzt haben und wenn nicht letztlich ihr Urheber überhaupt. so doch ihr stärkster Förderer gewesen sein soll. Die Nürnberger Gesetze haben hinter die Epoche jüdischer Geschichte in Deutschland. die Mendelssohn solcherart cingeleitet haberr soll, den Abschlußpunkt gesetzt. Die-Unruhe der Zeit senkt sich nun wie ein Stachel schmerzhaften Antriebs'in alles Denken der Juden. Während die Bewegung der Geschichte uns weitertreibt. suchen wir aus der Geschuhte Klarheit über den Wog. den wir gegangen sind. Dainit diese Klarheit ihr Licht dann auch nach vorn in unsere Zukunft werfe. Der Sterbetag Mendelssohns gibt Anlaß, znin Verständnis dieser Zeit, die die Juden in Deutschland als abgeschlossene vor sich sehen, einen Beitrag aus der Einsicht in ihren Anfang 31t gewinnen. Daß dieser Anfang nicht so einfach und imposant zustande gekommen ist, wie es die fast mythisch genwrdene Geschichtslegelide um Mendelssohn darstellt, stetst' seit einiger Zeit fest. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat während der'Pressa-Ansstellung 1928 in Köln anläßlich der Festversammlnng der' „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" in einem Vortrag in großen, Umriß zu zeigen versucht, wie wenig gefügt in Mendelssohns Person die Elemente beieinander sind, die eben für sich und in ihrer Verbindung das Wese» des Emanzipatorischen und Reformerischen ansmachen. Ludwig F e n ch t w a n g e r hat dann im folgenden Jnbil'äninsjahr in einem glänzenden Anssatz, den die ..Zeitschrift für die Geschichte der Juden in. Deutschland" veröffentlichte. die Thesen des inzwischen im Druck erschienenen Kölner Vortrags gebilligt und zum gleichen Fheinä einen an 'Anregungen außerordentlich reichen Beitrag gegeben. Die Ansicht, die auch darnach noch oft genug zu lesen war. die Vlendelssohn fnr den eigentlichen „Vater der Emanzipation. und der Reform" hält, Hütte nun nicht mehr ausgesprochen werden dürfen. Sie gab als Initiator der Emanzipation einen Mann ans. dem alle die P o l i t i c a fremd waren, die mit diesem Begriff verbunden sind. Mendelssohn hat zeit seines Lebens die größte und die unbegreiflichste Scheu empfunden.zu „petieren", wie es Friedländer und Genossen zwanzig und dreißig 'Jahre später getan haben. Er. ist oft. wenn an ihn die Frag e der bürgerlichen S t e l l u n g der I u d c n herangebracht wurde, von einer überraschenden Uninteressiertheit gewesen. Und nur in seltenen Fällen, wo die Frage unabweisbar an ihn in eigener Person herantrat, stellte er sich ihr.. Die Emanzipation hat er nicht gemacht und ebensowenig die Reform. Sein „Stockjudentum", wir würden heute'sagen: seine Orthodoxie, sind von ihm selbst und vielen seiner Zeitgenossen bezeugt. Ja gerade die ihn am tiefsten Verstehenden der mit ihm Lebenden haben, versucht, von diesem ..Stockjudentum" aus etwas von dem Geheimnis des ihnen in seiner Art unbegreiflichen jüdischen Weltwersen zu begreifen. Wir sprechest nicht einmal von Mendelssohns religiösem Hauptwerk. dem „Jerusalem", vom dem wir im Bewußtsein des schillernden Sinnes dieses Wortes sagen möchten, daß es alles vom Judentum „halten" Möchte. Wir denken an die . Briefe, die er mit denen seiner Schüler führte, die nun wirkliil, die ersten Vertreter der religiösen Reform "sind. .Wie tief geht Pa seine Scheu, etwas unchzugebeu!'Welcher Widerstand gerade da. wo er spüren muß, daß in der Koüieguenz seiner eigenen Gedanken Forderungen ausgestellt werden! So -wäre -Mendelssohn.- mit diesen Nebensatz . ant. zngreisen. R e f 0 r m e r g e g e n s e i n e n 'Kl i.l len! So darf -man tagen, wie man auch behaupten darf, daß zwar miclst Mendelssohn selbst, .-wohl-- aber, seil, Raine und sein Ans rveseutluli'c Faktoren zur Herbeiführung der Emanzipation gewesen sind. Die Generation nacl> Mendelssohn,-und.-in der religiösen Reform auch die zweite Generation nach ilnii. haben das Bild, das sie sich von ihm geinacht hatten. ats Fahne und als Scliild vor sich hergetragen. Sie sahen ihn nicht in der Rätselhaftigkeit, mit der er 'Männern wie Herder und Hamann erschienen ist. Für uns ist die Vielfältigkeit feines Wesens tvieder deutlich und ein jchtver nachziifühlendes Phänomen geworden. Für Friedländer tmi> Ri eher, für Holdheim und Geiger find die Klüfte, die sich-zwischen Mendelssahns Aufklärertum und seiner osfenbarungsgläubig begründeten, unbedingten Gesetzestretie anftun. zugeschüttet. Und ebensowenig ist iljnen der lebensmäßig bestehende Gegensatz sichtbar, der in Mendelssohns Alltag stets spürbar'ist, der Gegensatz des aner- . . ., fr;,.,. ... ‘/t'/C/fri /. /fit). ./< . Moses Mendelssohn, Kupferstich Jüdisches Museum, Berlin Salomon Maimon - Der Westgang eines Ost juden Aber abseits, wer ist's? Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad ... Goethe. Was bedeutet „Ostjudentum"? Wir sind gegenwärtig dazu geneigt, darunter einen Komplex, eine organische Einheit zu verstehen, die in einem deutlich empfundenen Gegensatz sich von dem, was man neuerdings ^,Westjudentum" nennt, äbhebt. Unter dem Eindruck . nationaljüdischer Theorien ist cs üblich geworden. dem Ostjudentum eine Volkstnmseristcnz. eine Form des Judeseins nachzurühmen, die echt, ursprünglich, traditionsverbunden, mithin volkhast sein' soll, während d..s Westjudentum als die Form der „Entjudung", Auslösung und zivilisatorischen Ueberfremduug ausgegeben wird. Achad Haam hat die „Assimilation" des Westjudentums als Selbstaufgabe^gekennzeichnet. Ist nun das Ausspiclen des Sstcns gegen den Westen berechtigt? Die Geschichte lehrt uns. daß das sogenannte Ostjudentum vornehmlich einer Wanderbewegnng der westeuropäischen Jndenheit seinen Ursprung verdankt. Unter den, Truck der Kreuzzugsverfolgungen sind zuerst Scharest nach dem aufnahmebereiten dünnbesiedelten Osten, namentlich nach Polen, gezogen; durch die 9tot der folgenden Jahrhunderte schwoll der Strom der Auswanderer -atu Sowohl in organisationsmäßiger, wirtschaftlicher als auch intellektueller Hinsicht^ bildete sich eine Welt von besonderem Gepräge. Mit der^Kabal-Oraaniiation. schuf das TitjudenMn die ihn, arWmäße Gemeinichaftsform, die ihre oft eigenwilligen Angehörigen mit hartem Zwange znfammenhielt. Tie ökonomischsoziologische Einord- - nung des Ostsudentums wurde dadurch erleichtert.'daß der kleinbürgerliche Wirtschastsapparat der erst entstehenden Städtekultnr des nahen Ostens die westlichen Erfahrungen der Znwandernden nutzte. Reste der Assimilation waren die deutsche Sprache und Tracht, die sie in die neue Heimat mitbrachten. Intellektuell waren sie ebenfalls Sendboten des Westens: das reiche r c l i g i ö s e L e b e n des Lstjndentums zehrte zunächst von den Anregungen, die es vom Rheine her, durch die großen jüdischen Lehrhäuser zu Worms und Speyer, empfing. Aber die Geschlossenheit dieser Welt bedeutete zugleich Abgeschlossenheit. Universalgeschichtlich gesehen, blieb das Ostjudentum auf der Z ei t ft u se feiner E u t ste h u n g — unbeschadet seiner Entwicklung imJnncrn - -- stehen. Zlach außer hin ragt es als ein fremdartiges und ziemlich u n b e r ü h r t e s S t ü ck Äll i t t e l a l t e r in die moderne Welt hinein. Reformation, Renaissance, Humanismus — die drei großen Einschnitte, die die Reuzeit einleiten — gingen an seiner Lebens-, Wirtschafts- und Geistesform ziemlich spurlos vorüber.. Aber die Lockung des Westens, der abendländischen Region, der man den Ursprung verdankte, bestand nach wie vor. Man verspürte den Vorsprung, den die abendländische Bildung .im Westen gewonnen hatte. Als im achtzehnten Jahrhundert die europäische Aufklärung in immer größeren, Ausmaße auf die allgemeine Weltkultur Einfliiß gewann, begann es auch im Ostjudentum zu gären. Vlan wagte es allmählich, an den harten Fesseln der Üeberlieferung zu rütteln, der starren Bindung an das Religionsgesetz die ivestliche Grundidee öer Autonomie der Vernunft entgegenzuhalten. Eine Ausklärungs- ' bewegung brach sich auch im Ostjudentum „ Bahn. Kühne Pioniere stießen gen Westen vor, um den verlorongegaugenei, Anschluß an das alte Ursprungsland wiederherznstellen. Jetzt setzte .ein geschichtlich wichtiger Vorgang ein, der in feiner heutigen Ausdehnung von Wilna und Warschan und weiterhin ostwärts bis nach Aew-Pvrk und San Francisko sich erstreckt: die Rückwanderung 0 st j ü d.i s ch c v Menschen in den Westen." Auf manchen dieser Heimkehrer in die westliche Zivilisation ist das Licht der Geschichte gefallen: so etwa auf jenen Jjaschar Bär Falkensohn. einen jüdischen Arzt ans Polen, der von 1746 bis 18*17 lebte, und der dadurch eine merkwürdige Unsterblichkeit erlangte, daß der junge Go e t h e seine deutsch geschriebenen Gedichte 1772 in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" rezensierte. Aber den eigentlichen Durchbruch nach Westen, der die Gesetzessront des dvglnatisch-doktrinären Ostjudentums zun, Wanken brachte, hat S a l 0 n, 0 n M a i m 0 1, vollzogen. In seiner Geschichte des eigenen Le bens hat er seinen schicksalhaften Gang nach dem Westen beschrieben, iliachdem zuletzt Jakob Fromer 1912 einen inzwischen vergrissenen Äeudruck der Lebcnsgeschichte herausgegeben hatte, ist nunmehr in der Bücherei des Schocken-Verlags (Rr. 63/64) eine dankenswerte Reyausgabe erschienen, die uns veranlaßt. die Frage nach der Persönlichkeit und Problematik des inerkwürdigen Mannes uns von neuem zu stellen.. Im ersten Teil seiner Selbstbivgraphie hat er die Welt, in die er hineingeboren wurde, anschaulich beschrieben. .Zu der Zeit,, als er 17ö4 tit einem abgelegenen Winkel geboren ivnrde, befand sich die polnische Judenheit in einer überaus traurigen Verfassung. Furchtbare Verfolgungen, namentlich durch den Kviakenhetman EhmjeliWki, hatten ihre Lebenskraft gebrochen. Des Mächtigen Truck, des Stolzen Mißhandlungen, Rechtlosigkeit. Not und EJend lasteten ans ihr. Aber je stärker die äußere Bedrückung war, desto intensiver erfolgte eine Wendung nach innen. Tie Verachtung der Außenwelt suchte man dadurch zu ertragen, daß man sich geistig gegen sie abschloß. Am Studium der.Lehre und am Leben ' in der Familie fand man Genüge, lind dennoch nicht restlos Genüge, denn' das rationalistische Gesetzesdenken des Rabbinismus befriedigte die geguälte Seele nicht vollends mehr, Erlös,ingssehm'ucht keimte in der verelendeten Masse auf, die Kabbala gewann an Geltung, neben dem logistischen Rabbinis- „ins brach sich die neue subjelti,' mystische Frvlirinigkeitsbelocgniig des 6 l, a fj, dis - n, n s Ba!)i>. Salomoil Riainion l,at in jeiner JngendeiUnsicklnng alle diese ziierhälinisie und Strömungen gekreuzt. Fn iniher Nindlieit bekam er nicht mir biilersle wi.rtscl>aitliche R'o>, sondern atief) rechtliche Willkür zu spüren. -)><il leidlichen, Hnnwr und Selbstironie beiilytet er. wie er als inimündiger Knabe zn'iingsioeiie verheiratet wurde. Weit-wichtiger sind aber die Stadien seiner geistigen Entsalliing. 'Angewidert von den, üblick>en Schnl'betrieb.--verlegt er sich aufs Selbststiidinni. Der Talmndjünger ist unerinüdlieli in, ..Lernen". '>>! „ i - m 0 n i d e s wird sein erkorener -Nieiiter.' nach dem er sich später benennt. Die -K.ibbnla slüßtil,n ab. die cl>assidistisclie -Mystik bleil't il,,u fremd. Das alles gewährt ihn, keinen Seelenfrieden. E,n nnbeiclireiblich .holles Selnientreibt ihn ans der Enge feines Lebens! eenes heraus. Er muß nach verborgenen Wal,r->