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Central-Verein-Zeitung · 1935-05-30 · 22 (30.5.1935) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
22 (30.5.1935)
Date
1935-05-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Besuch bei den Münchener jüdischen Marionettentheatern Wir Münchener sind in bezug ans Puppenspiele verwöhnt und anspruchsvoll. Seit den Tagen Franz von Poccis, des Vaters imgezählter, köstlicher Kasperliaden, hat eine Reihe ernster Künstler der bayerischen Landeshauptstadt mit dem Spiel ihrer Marionetten Ergötzen und Belustigung und incht selten sogar noch mehr als diese bloße Unterhaltung einem verständnisvollen Publifunt bereitet. _ Sv war es deshalb kein geringes Wagnis, als im Kreis der jungen Knnstlergeneration der Münchener jüdischen Gemeinde gleich an zwei Stellen unabhängig voneinander Marionettentheater, geschaffen worden sind. Durch die freundliche Gunst der Schöpfer und Spieler beider Theater durften wir einen Blick in die Werkstatt der Künstler tun. konnten sehen, welche unendliche Kleinarbeit und Mühe an Bühnen und Puppen verwandt werden müssen, bis sich der kleine Vorhang heben und jenes Spiel einsetzen kann, dessen höchster Reiz eben darin liegt, daß es leicht und wie selbstverständlich abrollt. Alfons Nosenberg, der sich selbst ein „Golemspiel" geschrieben und mit Puppen und Ausstattung versehen hat, ist dabei anders vorgegangen als Marie-Luise K o h n und Rudolf Ernst, die zusammen Strindbergs „Moses" und Ossenbachs „Mädchen von Elizindo" spielfertig gemacht haben. — Nosenberg verwendet nur Holzpuppen: wenn Spielidee und Fignrinenbild feststehen, modelliert der Künstler die Köpfe, und erst wenn die Tonpuppen zur vollen Zufriedenheit ausgebildet sind, kann daran gegangen werden, sie aus feinstem Lindenholz nachzubilden: die hölzernen Gliedmaßen werden mit Blei ausgegossen, damit sie die nötige Schwere besitzen, alle Gelenke werden in seine, ungemein Präzis arbeitende Scharniere gefaßt. Tie Bemalung der Gesichter muß dergestalt vollzogen werden, daß durch große Flächen auch starke Wirkung aus die Ferne hin verbürgt wird. Hat man die Marionette dann noch eingekleidet — eine Arbeit, die wir Laien auch nur allzu leicht unterschätzen —, dann wird die Puppe „aufgezogen", d. h. mit seinen, aber starken Fäden am „Galgen" befestigt. Ein Dutzend Fäden sfür Beine, Arme, Hände, Rücken. Schultern. Kopf) sind das Minimum; manche besonders wesentlich und fein ausgebildete Marionetten erfordern jedoch oft bis zu dreißig Fäden. — Marie-Luise,Kohn und Rudolf Ernst verwenden in ihren Spielen keine Puppen aus Holz; eine klug ausgehecktc Kombination von Draht, Stoff und modellierten Gliedmaßen (alles Nähere: Berufsgeheimnis!) hat hier Gestalten erstehen lassen, deren Grazie und Drhendheit uns nicht außer Spannung kommen läßt. Die Bühne des Theaters stellt an ihren . Baumeister eine Fülle von Aufgaben, die sich obendrein noch zu widersprechen scheinen: Sie darf nicht zu klein und zu schwach sein, muß sie doch einer Menge Puppen und ihren Spielern und Sprechern Bewegungsfreiheit gewähren, andererseits jedoch soll es auch keine stabile Bühne sein, denn die Künstler wollen doch die Möglichkeit haben, ohne viel Schwierigkeiten und Kosten, mit ihrem Thespis-Karren auch den übrigen Gemeinden im Reich ihren srendespcndenden Besuch abzustatten. Die Spieler stehen hinter der Bühne auf einem erhöhten Podest, ihre Arme auf soliden Spicllcisten ausgestützt, weil das Führen der Puppen, ihr Halten und Bewegen, aus die Dauer allein schon eine körperliche Anstrengung bedeuten muß. Unsichtbar für den nichtsahnenden Beschauer bleibt die Menge von Gegenständen, die bei der Aufführung nicht entbehrlich sind: z. B. die umfangreiche Beleuchtungsanlage, die kompliziert genug ist, ..um erstaunliche Wirkungen damit zu erzielen, die Maschinchen, mit denen Geräusche wie das Tosen eines Wasserfalles oder das Brausen des Gewittersturmes nachzuahmen sind. All diese Feinarbeit und noch viel mehr beim Spiele selbst verdankt das Kohn-Ernst'sche Theater den reichen Erfahrungen von Bertold Wolfs (München). Welche Anforderungen ein solches Theater an . Phantasie und erfinderisches Geschick seines Schöpfers stellt, mag die Tatsache bezeugen, daß Alfons Nosenberg, ein wahrer Tausendkünstler, sich ein Harfenklavicr konstruiert hat, dessen Bedienung selbst dann möglich ist, wenn die eine Hand des Spielers mit der Puppcnführung beschäftigt ist. Es wäre reizvoll, aber leider mangelt uns dazu der Platz, all die vielen gescheiten Finessen von Puppen und Theater näher aufzuführen: die Versenkungsmöglichkeiten im Bühnenboden, die Eigenheiten der Dekorationen und Möbelchcn und die vielen Probleme noch, die damit verbunden sind, lebensgetreue Nebereinstimmung von Bewegung. Sprache und Musik zu verbürgen. Die, zäheste Ausdauer und gewissenhafteste Schulung mag wohl die Einstudierung des Spieles selbst verlangen. Nicht allein, daß es heißt, aus dem Wirrsal von Fäden und Körperteilen ein sinnvolles, dem Leben täuschend ähnliches Gefüge zu bilden und den Text der Aufführung auswendig zu lernen: Hauptaufgabe bleibt, wenn die Führung von Wort und Puppe endlich sitzt, das Zusammenspiel mit den anderen, ebenso kleinen wie anspruchsvollen Herrschaften zu erproben: — alles Aufgaben, die Stunden größter Hingabe und Anspannung von den Menschen 1. Alfons Rosenberg in ' seiner Werkstatt. 2. Alfons Roscnbtrg fuhrt den „Golem“ und den hohen Rabbi Locw aus seinem Golem-Spiel. 3. Szencnbild aus Offenbachs ,,Mädchen ton Ehzondo Puppen von M.-L. Kohn und Rudolf Ernst. Aufnahmen: Hans Lamm (München) . verlangen, und die doch alle frucht- und erfolglos hätten bleiben müssen, wenn nicht die Schöpfer und Spieler unserer Münchener Theater edles Künstlerblut besäßen. Als wir daran gegangen sind, einmal in die Werkstätte und hinter die Kulissen der beiden jüdischen Marionettenbühncn Münchens zu schauen, da hatten wir fast Angst, uns damit jene Illusionen zu rauben, die uns die köstlichen Spiele zu bescheren vermögen. Gerade das Gegenteil ist eingetreten: -zu unserer Freude an jenen wundersamen Puppen kam noch die ernste Hochachtung vor dem handwerklichen Können und der menschlichen Hingabe, die hier von wahren Künstlern bewiesen , waren. Hans Lamm. EPer C.-?7. hat Eie ich Oberschlesien Die Vorträge über „Unsere jüdische Wirklichkeit". die Dr. Alfred H i r s ch b e r g zwischen dem 13. und 20. Mai in G l e i w i tz, B e u t h e n und H i n d e n b u r g hielt, waren ebenso wie er-' weiterte Vorstandsbesprechungen sehr stark besucht und fanden ein lebhaftes Echo in der jüdischen Leffentlichkeit. Ostwestfalen und Nachbar gebiete Am 23. Mai fand in Herford eine gut besuchte Mitgliederversammlung statt, die von dem Vorsitzenden der Ortsgruppe, Erich Hoffmmin, geleitet wurde, der einleitend zunächst des langjährigen verstorbenen Syndikus des Landesverbandes. Prediger Goldman n (Herford) gedachte. Anschließend hielt der Syndikns des Landesverbandes, Dr. D a v i d s o h n (Herford) ein ausführliches Referat über „Aufgabe und Arbeit im deutschen Judentum", in dem er einen Ueberblick und Eindruck von der Arbeit gab, die der E.-D. in den letzten Jahren für das deutsche Judentum geleistet hat. Tic dem Vor- Wann und wo finden Sie Rat? Unk»rhcin Köln Asrrippinahaus. Breite Strafe 92—1)8. III, Zimmer 76—78. Montags — Freitags 30—13 Uhr. Aachen nenioinfMj.nn. 16—18',a Uhr, am 11. und ‘25. Juni. Koblens In der Wohnune von Paul Hirseh. Kaiser-Wilhelm-Rinc 37, I. 15't—18'/3 Uhr, am 4- und 18. Juni. Im Büro von Rechlain'walt Dr. Voremberg. Adolf-Hitler- Strasse?. 11 >,>)—13Vj Uhr, «m 5. und 19. Juni. Bonn Omoindehniis, Tempelstrassc. 17>/-r-i91'ä Uhr, am 3. und 17. Juni. „Land der Verheissung“ Der erste Palästina-Tonfilm Am Sonntag vormittag wurde vor geladenem Publikum in der Alhambra in Berlin der erste Palästina-Tonsilm „Das Land der Verheißung" vorgeführt. Der Film ist unter Leitung von Leo Hermann vom Keren Hajessod geschaffen, die Regie führte Juda Leman. die Musik stammt von Boris M o r r o 8. Der Film bedarf nach zweierlei Richtung hin der Würdigung, nach der Bildwirkung wie nach dem Inhalt. In künstlerischer Beziehung ist er bis auf wenige Längen ausgezeichnet. Man merkt russische und französische Vorbilder, alter man wird dadurch nicht verstimmt, denn man fühlt, daß der Regisseur und der Photograph nicht nur Vorbilder nachahmen. sondern ans Gutem gelernt und Erfahrungen geschöpft hat. Die Aufnahme der Landschaften und der Städte, der Männer und Frauen bei der Arbeit geben den Eindruck, den der Reisende vom Lande mit heimnimmt, wieder, so daß der Film i rein vom Aesthctischcn her nur zu loben ist. Bc-! sonders der Schluß ist sowohl bildlich wie geistig außerordentlich glücklich gelöst, wenn all die Bilder der Arbeit, des Gemeinschaftslebens und der Feierstunden noch einmal über dem Kohelet-Wort „Ein Geschlecht vergeht. da8 andere kommt, die Erde bleibt aber ewiglich", vorbciziehen. Der Film will und soll nach der Bestimmung der Verfasser ein Propagandafilm sein. Hat er diese Wirkung? Michael Traub, der vor dem Film eine Ansprache hielt, in der er der Mitwirkung der Juden außerhalb Palästina'?. vor allem Rußlands, Polens, Rumäniens, Lettlands, aber auch der Westeuropas, am Palästina-Ausbau gedachte, meinte, die Bilder seien fast zu schön, und man solle nicht den Ernst der Arbeit und die Schwere der Probleme vergessen, die hinter diesen mit Sonne, Licht. Lachen und Singen erfüllten Bildern stehen. Er nannte besonders daS Land- und Stadtproblem, die Gefahr der Landflucht und die wichtige Frage der arabischen Arbeitskräfte. Gewiß, man kann diese Probleme einem Film nicht ansehen, der nur strahlende Gesichter bei der Landarbeit zeigt. Aber wer richtig zu sehen versteht, der erkennt aus den Bildern die ischwere der Aufbauarbeit, die drüben zu leisten ist. und das ist gut so, denn jeder, der hinübergeht, soll die Größe auch der physischen Arbeit, die er zu bewältigen haben wird, vorher kennen. Trotz der Schönheit der Bilder gibt der Film keine Be- . schönigung. sondern er zeigt, was zu leisten ist. Und wenn man Propaganda eben nicht leichtsinnig, sondern verantwortungsvoll ausfaßt.' so sind gerade solche Bilder, wie die vom Bau. von der Straßenarbeit in glühender Hitze dem Inhalt nach besonders zu loben. Denn verantwortungsvolle Propaganda muß auch gleichzeitig die Menschen, die der Aufgabe nicht gewachsen sein würden, warnen. Aber eS gibt noch viel Schönes, das man gern in diesem Film wiedergefunden hätte. Bor allem vermißt man in dem Bild dieses Landes, das ganz der Zukunft geweiht ist und in dessen Mittelpunkt die Sorge für das Kind steht, die Bilder solcher Kinderstätten. Vielleicht könnte das eine oder andere derartige Bild noch eingefügt und dafür andere Längen herausgestrichen werden. Alles in allem genommen: es ist zum erstenmal ein Film, der das jüdische Palästina auch dem Europäer bildlich nahe bringt. Dr. M. E. * Boris Morros (Generalmusikdirektor der Paramount) hatte für die musikalische Ausgestaltung des Films ungeahnte Möglichkeiten: Er konnte, wie selten sonst? Ton und Bild aufs engste verbinden, eine eigenartige Musik aus dem Besondcrssein der Landschaft wachsen lassen; denn Ansätze und Richtung für die Begleitmusik bietet ja der Film selber mit den Liedern der Chaluzim (von Daniel Sambursky, Tel-Aviv mitgeteilt). Leider sind diese Möglichkeiten von Morros nicht genutzt worden; er schreibt einen pathetischen, harmanisch stark beladenen Satz, eine sinfonische . Allerweltsmusik. Sie scheint wenig charakteristisch im einzelnen (zu lyrisch, unscharf in der Rhythmik vieler Szenen), wenn auch durch ihren gesättigten Wohlklang im allgemeineren Sinne stimmungSfördernd. Der Film ist. wie die meisten ohne „Spielhandlung", durchkomponiert, der Anteil der Musik ist also schon äußerlich ganz erheblich; die wechselnde Szenenfolge bedingt ein stetes Aneinanderreihen vvn Melodien, vvn denen manch wertvoller Einfall durch die glanzvolle Instrumentation in seiner Wirkung erhöht wird. Ausgezeichnet ist die Aufnahme in technischer Hinsicht. Bor Beginn des Films brachte das Kulturbundorchester unter Josef R o s e n st o ck vier Sätze von Karo! Rathaus' hier vielgespielter Suite zu „Uriel Acosta". L. A. „Channa“ Die Uraufführung im Frankfurter Kulturbund „Was muß eine jüdische Kulturbühne den Menschen unserer Tage bieten?" — Diese Grundfrage harrt der Antwort auch nach der Uraufführung des vorn Kölner Jüdischen Knltnrbund preisgekrönten Schauspiels „Ehanna". Martha Wertheimer, eine suchende Frau, schreibt ein Stück, das Ehanna, die Mutter Samuels, in eine Handlung hineinstellt, die über den „historischen" Rahmen der Bibel hinäusgeht. Um ein solches kühnes Unternehmen zu rechtfertigen, muß der angestrebte Zweck das Mittel verzeihlich werden lasten. „Ehanna" soll — so erläuterte die Derfasierin in einem Einführungsvortrag „Der Dienst auf den Höhen" — die Verwerfung des Menschenopfers zum Inhalt haben, soll uns also zeigen, daß der Gedanke der freiwilligen Preisgabe von Menschenleben um der Rettung der Gemeinschaft willen eine Entwertung der Persönlichkeit bedeute, die das Judentum ablehnt. Gott aber will das Leben, so wie er es gegeben hat. Und so zeigt die Versasterin die Frauen Elkanas,' Pennina, die . Kinderreiche, und Channa, die Unfruchtbare, auf verschiedenen Wegen, um das Volk Israel zu erlösen: Jene opfert auf Geheiß des Dagönpriesters ihr Kind dem heidnischen Gotte, diese sucht den Weg zu ihrem Gott im. Ausruf zur Tat im innigen Gebet. Und als dieses erhört wird, weiht sie den Sohn Schemuel, dem Gelübde getreu, nicht dem Menschendienst und nicht dem „Dienst aus deu Höhen", dem Philistergott. sondern dem, der ihre Stimme erhört hat, dem Gotte Israels. Hier endet das Schau- . spiel „Channa" mit einem Aufruf an uns zur Tat der Erlösung. Hasten bleiben Szenen wie Ehannas eindringliche Mahnung an Elihu, den Sohn Penninas, gegen den Abfall des Volkes und zur Errichtung eines „neuen Hauses" aus den „Trümmern zerstörter Tempel", eindrucksvoll bleibt ein Liebesgespräch zwischen Gahan, dem Philisterfürsten, und Ehanna, und schön in Gestaltung und Sprache ist das Ringen um Elihu zwischen Pennina, der leiblichen, und Channa. der „geistigen" Mutter. Wir wollen Martha Wertheimer dankbar . fein, daß sie uns dies Stück gab. Es ist ein bemerkenswerter Beitrag zur dichterischen Gestaltung unseres Erlebens. Deshalb soll nicht einzelnes erwähnt werden, cs sei denn die zu häufige Einschaltung uns heiliger und ehrfürchtiger Worte in die Sprache der Verfasserin. Der Frankfurter Kulturbund brachte die Uraufführung in'ausgezeichneter Einstudierung von Franz Oppenheimer, dem es durch straffe Spielführung gelang, das Publikum mitzureißen. In den männlichen Rollen gefielen Norbert Schiller als Gasan in Sprache und Haltung, Heinz?. Friedeberg als Elihu, Max Komins k i als Dagonpriester neben Rudolf Ganz, Ludwig N e u p a ß und Hanns Berk. Magda Lenz-Habermehl vermochte die Pennina glaubhaft zu gestalten. Und Channa? — Ihrer Darstellerin Leni Steinberg fehlte es an der seelischen Reife, um die Mutterliebe der Kinderlosen begreifen zu lasten. Sie spielte gehemmt in' Gestaltung und Sprache. (Vielleicht lag es auch an dem unmöglichen Kostüm!) Außerdem halsen mit Hugo Schuster, Marietta Lupescu und Bert Bär. 7

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