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Central-Verein-Zeitung · 1935-05-23 · 21 (23.5.1935) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
21 (23.5.1935)
Date
1935-05-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Zu der körperlichen Begabung muss die geistige binzulreten. Es herrscht leider oft die irrige Meinung. dass eine Sportlehrerin einseitig arbeitet. Man muss als Lehrer sicher mehr überlegen und Nachdenken, als in einem anderen Beruf. Das Bestreben jeder Sportlehrerin geht dahin, ihre Schüler so zweckmässig wie möglich durchzubilden. Dabei darf der Unterricht aber nie eintönig oder langweilig werden, sondern muss immer wieder von einem anderen Gesichtspunkt aus ungefasst werden. Die pädagogischen Fähigkeiten des Lehrers spielen dabei eine grosse Rolle. Ich halte sie für die wichtigsten Eigenschaften einer Lehrerin. Durch die körperliche Betätigung kann man ausserdem auf die Menschen einwirken. Der •lugend muss die Sportlehrerin Kameradin sein, denn nur dann ist es möglich, sie mit allen Fasern zu erfassen. Das schlechte Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, wie es noch, häufig in der Schule herrscht, darf im Sport nicht einreissen. Stellt man sich vollkommen auf die jungen Menschen ein und betont nicht zu sehr seine Lehrerinnetiwürde, so kann man auf diese Weise fast alles erreichen. Bei den Erwachsenen liegt der Fall ähnlich. Es gelingt fast immer, die Leute von den Sorgen des Allings zu befreien, und für eine Stunde verwandeln sie sich in fröhliche und unbeschwerte Menschenkinder. Nach der Turnstunde sehen sie dann meistens die Dinge des Lebens viel leichter und mutiger an. Gelingt es, die Schüler äusserlich und innerlich vollständig zu lösen und zu entspannen, so bedeutet das für mich die grösste Befriedigung. Es gibt natürlich, wie in jedem Beruf, auch hier viele Dinge, die gegen ihn sprechen. Man kann diesen Beruf mir eine beschränkte Zeit hindurch ausüben, da die Arbeit mit fortschreitendem Alter zu anstrengend und zum Schluss undurchführbar wird. Zudem sind die Aussichten seit der Umwälzung bedeutend verringert worden. Man ist ausschliesslich auf die jüdischen Sportorganisationen angewiesen, und leider kann es sich nicht jeder Sportverein leisten, eine Sportlehrerin anzustellen. Im allgemeinen entspricht die Bezahlung auch nicht der geleisteten Arbeit. Trotzdem glaube ich, dass die Aussichten hier auch nicht schlechter sind, wie in den anderen Berufen. lfat man Freude an seinem Beruf, so wird man die meisten Schwierigkeiten überwinden können. Gerade hier muss grosser Idealismus Grundbedingung sein. Wie herrlich ist es zum Beispiel, fast täglich in der frischen Luft unter jungen Menschen arbeiten zu dürfen! Man lebt und fühlt mit der .lugend und vergisst dabei seine, eigenen Borgen. Bringt man cs soweit, dass man ihr körperlich und seelisch als Vorbild dient, so ist das die höchste Stufe, die man in diesem Beruf erklimmen kann. Ich habe in der letzten Zeit öfter gehört, dass gegenwärtig ein Mangel an jüdischen Sportlehrerinnen besteht. Es kann daher kein unüberwindliches Hindernis sein, mit der Zeit ein in jeder Beziehung befriedigendes Betätigungsfeld zu erlangen. Y. Sprechstundenhilfe Schon als ich in dio Schule kam, war es für mich selbstverständlich, dass ich später, wenn ich gross sei, studiere. Natürlich .Turn, denn mein Vater ist Jurist und alle?, was er mir über Recht und Gerechtigkeit, Diebstahl und Lüge erzählt hatte, bestärkten meinen kindlichen Wunsch sehr. Im April 1934 bot mau mir eine frei gewordene Stelle als Helferin beim Zahnarzt an. Sie lockte mich sehr, weniger aus irgendeinem besonderen Interesse für Zahnmedizin (ich konnte mir eigentlich kein Bild von meiner zukünftigen Tätigkeit machen) als aus einer gewissen Neugier für etwas, was mir bis dahin völlig fremd war, und daun trugen auch wohl materielle Gründe dazu bei, der Stolz, selbst verdienen zu können. Ich verliess mit Sekundareife die Schule und nahm kurzer Hand die Stellung an. An der Freude an meiner eigenen Vordionstquelle wurde bald die Freude an dem Beruf selbst. Mein Betätigungsfeld ist ziemlich umfangreich, und ich werde sehr streng herangenommen, dafür gibt es auch oft einmal eine kleine Belohnung. Heute, nachdem 1 Jahr meiner zweijährigen Lehrzeit schon hinter mir liegt, gehe ich mit genau soviel Freude ans Werk wie am Anfang, trotz der ziemlich anstrengenden Dienstzeit." Am Interessantesten sind die grösseren Kiefernoperationen, bei denen ich ein paar mal in der Woche assistieren darf. Falls es mir doch noch einmal möglich sein sollte zu studieren, ziehe ich unbedingt die Zahnmedizin dem juristischen Studium vor. Dabei können mir dann die zwei Jahre praktische Ausbildung hoffentlich recht gut zustatten kommen Lilo Kal Imann (Stettin). Technische Assistentin Alts ich, nach beendeter Schulzeit, vor die Wald eines Berufes gestellt wurde, ging ich zu einem Berufsberater und erzählte ihm, dass ich keine besonderen Talente besässe, mich aber für Naturwissenschaften und Chemie interessiere. und dass es mir am wichtigsten schiene, den Menschen in seiner normalen, und der durch Krankheit abgeänderten Entwicklung genauer kenncnzuleruen, um so wenigstens eine Ahnung von der Vielgestaltigkeit und den Kräften des Lebens zu "bekommen. Ich habe mich immer darüber gewundert, dass man sich so brennend für schwierige Maschinen wie Auto, Flugzeug, Radio interessiert, und von sich selbst und seinen eigenen, viel feiner organisierten und doch meist im richtigen Rhythmus, arbeitenden, lebendigen Körper so wenig weiss. Ich. glaubte, dass ein Beruf, in dem man leidende Menschen zu helfen versucht,- grössere Befriedigung geben kann als einer, der nur Broterwerb ist. Vorbedingungen für den Beruf der technischen Assistentin sind: etwas manuelle Geschicklichkeit, grosses Verantwortungsbewusstsein und absolute Korrektheit in der Arbeit, gesteigert bis zur Pedanterie, denn es sind ja nicht immer ungefährliche Dinge, mit denen man umzugehen bat. Die technische Assistentin muss den Arzt bei allen Untersuchungen und Versuchen wissenschaftlicher Art unterstützen. Das bedingt eine grosse Vielseitigkeit der Ausbildung, die mit der Entwicklung der in den Dienst der Medizin gestellten Technik und den immer neuen Erkenntnissen der Wissenschaft Schritt halten muss. Daraus ergibt sich auch, dass man eigentlich nie auslernt, dass es immer wieder neue Apparate gibt, die man bedienen muss, dass immer wieder neue Untersuchungsmethoden gefunden werden, die man beherrschen muss. Man freut sich dann am meisten, wenn man mit Hilfe einer neuen Untersuchung eine schnelle und richtige Diagnose stellen kann und oft damit erst die Möglichkeit hat, einem gequälten Menschen zu helfen. Sehr interessant ist das bakteriologische Arbeiten, man kommt sich da manchmal wie eine Tierbändigerin vor; wenn die „Bestien“ auch mit blossem Auge nicht zu sehen sind, so sind sie darum doch um so viel gefährlicher als Löwen und Bären. - Die bunten Präparate sehen im Mikroskop sehr hübsch aus, aber ungeschickt« Leute bekommen bei ihrer Anfertigung Hände in allen Farben dos Regenbogen«. Die Photographie im Dienste der Medizin legt weniger Wert auf Schönheit und harmonisch aufgeteillü Flächen als auf sachliche und genaue Wiedergabe und dient zur Aus- und Fortbildung von Aerzten. Die Bedienung der hierzu nötigen Projektionsapparate ist bei den neuen Typen sehr vereinfacht worden. Viel schwieriger ist das Schalten der Röntgenapparatur. Da hier, wie auch bei manchen anderen elektrischen Apuaraten, Hochspannungsströme benutzt werden, so ist die Verantwortung sehr gross. Man muss seine Gedanken beim Arbeiten zusammennebmen und alle Sicherheitsvorschriften genau beachten. Nachdem ich ein Loblied auf den mir so lieben Beruf gesungen habe, möchte ich noch die Schwierigkeiten etwas beleuchten. Als Arbeitsstätten kommen für die technische Assistentin vor allem Krankenhäuser, Kliniken und Gesundheitsämter in Frage, die uns Juden, jetzt zum grossen Teil verschlossen sind. Bei der Vielseitigkeit der Ausbildung besteht aber die Möglichkeit, als Sprechstundenhilfe, Photographin, medizinische Zeichnerin usw. Beschäftigung zu finden. Ihr werdet euch wohl vorstellen können, dass ein Beruf, iu dem man als helfend« Mitarbeiterin des Arztes versucht. Kranken Linderung und Hoffnung auf, Genesung zu geben, eine Frau so erfüllt, dass er über die Arbeitszeit hinaus auch gestaltenden Einfluss auf die freie Zeit hat. Sei es, dass man interessante Ausstellungen besichtigt, sei es, dass man medizinische Vorträge anhört oder mit Jungen und Mädeln im Bund über naturwissenschaftliche Fragen, besonders auf der Fahrt, spricht, und versucht, ihnen nicht nur verstandeömässig interessante Dinge zu erklären, sondern verhindert, dass sie völlig zu Grossstadtmenschen werden, zu Pflastertretern ohne jede Beziehung zur Natur, und sie dazu bringt, sich selbst etwas mehr mit der Natur, ihren Gesetzen und ihrer Kraft zu beschäftigen. Käthe Cohn (Berlin) Pu tzmacherin Tn diesem Beitrag werden die Aussichten für Putzmacherinnen, besonders wegen der zunehmenden fabrikmäßigen Herstellung., schwarz in M'livnrz KCMdiil.lnrt. Zu der naheliegenden Möglichkeit, als Arbeiterin in eine iiutfabrik zu gehen, kann sieh das Mädchen. — offenbar aus Mangel an Umstcllungsfiihigkeit. — nicht entschließen. Ein Beispiel für viele, kein Beispiel für die Gesamtheit. Mein grösster Wunsch zur Berufswahl war vor 4 Jahren, Gymnastiklebrerin zu werden. Leider war es mir damals nicht möglich, die Ausbildung wirtschaftlich durchzusetzen. Ich versuchte in vielen anderen Berufen, eine Lehrstelle zu bekommen, jedoch schlug alles fehl, bis ich plötzlich eine Lehrstelle als Putzarbeiterin oder Putzverkäuferin in einem Warenhaus erhielt.. Man halle mir bei der Einstellung freie Entscheidung darüber gelassen, ob ich 'mich zur Verkäuferin oder zur Arbeiterin ausbiUlcn lassen wollte. Nach meiner Probezeit kaufte ich Lehrverträge und auch einen für dio Handwerkskammer, denn ich hatte mich zur Putzarbeiterin, die Hüte selbst ‘arbeiten kann, entschlossen. Ich war Stolz darauf, mehr zü können als die Lehrlinge im Verkauf. Nach dreijähriger Lehrzeit, in der ich recht viel gesehen und gelernt habe, legte ich meine Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer ab. Die Obermeisterin wollte einem jeden von uns im Falle der Entlassung eine Stellung besorgen, jedoch wird dies für mich besonders schwierig sein. Meine Ansicht ist: Putzarbeiterinnen haben keine Zukunft mehr, denn ich höre und sehe täglich, wie überflüssig wir sind, besonders in einem Warenhaus. Die Fabriken arbeiten viel billiger, wenn auch unsauberer. Es gibt auch Kundschaft, die auf gut« Arbeit Wert legt, aber von diesen wenigen können wir nicht existieren. — Deshalb will ich so schnell wie möglich in eine andere Stellung hinein, wo ich auch in den Verkauf gehen kann, damit ich mir, wenn mein jetziger Beruf noch schlechter . wird, weiterhelfen kann. J. M. (Stettin). Modezeichnerin Geschmack, Farbensinn und eine gewisse Handfertigkeit, Eigenschaften, die sich meist schon im Kindesalter und in der Schulzeit erkennen lassen, sind die Voraussetzungen für den Beruf der Modezeieluierin, der einen grossen Spielraum zur Entwicklung dieser Eigenschaften Bankbeamiin bietet. Die Zeit bat immer bewiesen, dass allo Berufe die mit den Bedürfnissen und Anschaffungen der Frau Zusammenhängen, aussichtsreich sind, in erster Linie die Damenkonfektion. .. .... , Neben dem entwerfenden KontektumLr oder d«r Direktrice, neben dem Zuschneider und dem Schneider, ist die Modezeichnerin ein wichtiger Faktor im Betriebe. Ihrem sicheren Aug.>, ihrer geschickten Hand ist es überlassen, Modelle festzuhalten und zu kopieren, uni der Kundschaft ein klares Bild von der angebotenen und gekauften Ware zu. übermitteln, selbständig zu entwerfen und nach individuellem Geschmack zu ändern. Jeder Aenderungswunsch eines Kunden muss von der geschickten Hand der Zeichncrin bewältigt werden können. Der Aufbildungsw'eg beginnt in einer Modezeicbensehule; die Länge der Besuchszeit hängt von der Begabung und der Intensität der Arbeit ab. Neben dem Beruf der Modezeic.hnerin gibt es in der Konfektion auch noch den der modischen Illustratorin, die für Zeitschriften zeichnet und eine andere Weiterbildung braucht. Mau darf sich den Beruf der Modezeichnerm auch nicht allzu leicht vorstellen. Die tvstündige Arbeitszeit verbringt man in gebückter Haltung. dazu sind die Augen dauernd sehr angestrengt. In der Verkaufssaison häuft sich die Arbeit und muss sehr schnell erledigt werden. Die Freude an der Tätigkeit erhöht sich, wenn zu dem Abzeichnen der Modelle die schöpferische Arbeit tritt, wenn man eigene Entwürfe macht und teilweise auch die Tätigkeit einer Direktrice übernimmt. Man kann sich als Konfektionszeichnerin natürlich nicht nur künstlerisch betätigen, man muss in seiner freien Zeit mal liier, mal dort mit zufassen und helfen; das bat den grossen Vorteil, dass man allmählich in alle Gebiete der Fabrikation Einsicht erhält. Dadurch wird auch die Monotonie bei der häufigen Wiederholung der gleichen Zeichnungen unterbrochen. Denn manche Zeichnung muss 20 bis 30 Mal wiederholt werden, weil die Kunden aus den verschiedensten .Städten Kopien der von ihnen gekauften Modelle wünschen. Der Blick schärft sich durch die Praxis, und auch die Sicherheit des zeichnerischen Striches lernt sich nur in der praktischen Ausübung, ganz gleich, wie lange Zeit vorher die Ausbildung gedauert hat. Wer Lust, Liebe und Begabung mitbringf, findet in diesem Berufe seine Befriedigung. Die Modezeichnorin der Konfektion freut sieb, wenn sie die Zeichnungen ihrer Hand, zur Wirklichkeit belebt, in den Fenstern d«r Modengeschälte wiedertindet. Ilse Schlesinger (Berlin). Freitagabend — privat und öffentlich Eigenlicb wollte ich Kindergärtnerin werden. Das war von frühester Jugend an mein Wunsch, und schon als Schulmädel habe ich die Kinder der zahlreichen Verwandtschaft immer betreut. Mein Vater erlaubte mir nicht, diesen Beruf zu ergreifen. So besuchte ich noch ein halbes Jahr eine Privat-llauclolsschule, und nun hiess es, eine Stellung zu bekommen. Obwohl damals die Arbeitslosigkeit schon gross war, hatte ich das Glück, in einem grösseren Unternehmen als Stenotypistin unterzukommen. Das Neue fesselte mich, die Arbeit machte mir jedoch keinen besonderen Spass, da die „lieben“ Kollegen ängstlich bemüht waren, keine Anfängerin neben sich aufkommcu zu lassen. Ich war sehr frob, als sich mir in meiner Vaterstadt die Gelegenheit bot, in einem bekannten Bankhaus angestellt zu werden. Da bin ich nun schon (Pis sechste Jahr tätig. Zuerst war ich nur als Sehaiterbeamtin angestellt, habe aber später noch die Arbeiten einer Stenotypistin mit übernommen, ln diesem Betrieb macht mir die Arbeit sehr viel Freude. Durch meine Tätigkeit am Schalter, bei der mir mein gutes Personengedächtnis sehr nützlich ist, lerne ich neue Menschen kennen, und es ist immerhin eine Genutuung, wenn es Kunden gibt, die nicht kommen und geben, ohne mir ein freundliches Wort gesagt zu haben. Meine Arbeit, das Kassenbuch zu führen, Geld zu zählen, zu rollen und zu bündeln und sonstige Kassenarbeiten zu tun, ist nicht sehr schwer, sie muss nur äusserst pünktlich erledigt werden. Es ist immerhin eine grosse Befriedigung, wenn abends, schon kurz nach Schaltcrschluss, die Kasse auf Heller uud Pfennig stimmt. Die Post, die ich diktiert bekomme, ist für mich sehr interessant. Ich gewinne dadurch eiuen Einblick in wirtschaftliche Vorgänge, dio ich sonst nicht kenncnlenien würde. Bei der Korrespondenz kommt es auf einen guten Briefstil, schöne Einteilung und, was manchmal Kopfzerbrechen macht, richtige Interpunktion an. leb stehe auf dem Standpunkt, dass jeder Brief eine Visitenkarte des Geschäfts ist und tadellos abgeschickt werden muss. Natürlich gibt es auch in meinem Beruf Schattenseiten und Schwierigkeiten, die sich jedochmit gutem Willen und Humor aus dem Wege räumen lassen. Wenn man die aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Vorgesetzten erledigt, so kommt damit auch die Liebe zum gewählten Beruf. lviito Drevluss (Karlsruhe). Wir haben diesen Berufsbeitrag abgedruckt, nicht, weil wir der Meinung sind, dass in Zukunft viel jüdische .Mädchen Bankbeamtinnen werden können (obwohl cs noch eine Anzahl jüdischer Privatbanken gibt\ sondern weil die bürolichtochnischo Ausbildung in einem solchen Betrieb so vielseitig ist, dass man danach auch andern kaufmännische Anslcllungsmöglichkeitcn finden Die Schulung junger Menschen im Bund, die einmal zur Gestaltung eines neuen Typus deutsch-jüdischer Menschen führen soll, stellt die verantwortlichen Leiter der einzelnen Gruppen vor drei Probleme: aus der geistigen, der religiösen und der körperlichen Erziehung zusammen, muss die menschliche Bildung der Jungen und Mädchen Wirklichkeit werden. Und •so unlösbar verknüpft auch diese drei Elemente in der Arbeit sind, so muss doch für jeden Bestandteil des Ganzen eine eigene und sinnvolle Lösung gefunden werden. Es leuchtet ein, dass sie im Körperlichen, in Sport und Spiel, am leichtesten zu geben ist, schwerer wird es in der geistigen Formung, am schwersten in der religiösen Durchdringung sein. Aus diesem Grund hält die Ortsgruppe des Bundes in Karlsruhe ihren Versuch, am religiösem Leben im Bund mitzuschaffen, für wichtig und bedeutsam genug, um schon heule davon zu sprechen. Sie weiss, dass sie in vielem noch experimentiert und sucht und keineswegs schon etwas Endgültiges und Allgemeinverbindliches zu geben hat. Dennoch scheint ihr, dass auch nur ihre Bemühung schon als Anregung wertvoll sein kann. Wenn der Besuch des Heimabends am gewöhnlichen Werktag nicht Willensfrage, sondern Verpflichtung ist, die den einzelnen an den Bund knüpft — ani Freitagabend will der Bund ihn nicht verpflichten und an sich ketten, sondern für ihn da sein, ihm geben, was er allein nicht finden kann —, an diesem Tag gehört der Bund ihm. Das besagt vor allem, dass die Teilnahme an der Freitagabend- Veranstaltung freiwillig ist, aber es ist -- von wenigen und immer begründeten Ausnahmen abgesehen — so, dass niemand fort bleibt, der einmal zu diesem Kreis gehört. Nicht im Jugendheim, sondern in den Wohnungen finden die Freitagabende statt, und es ist so, dass die am Ort Ansässigen, denen die Wohnung der Eltern zur Verfügung steht, die von auswärts Gekommenen zu sich bitten, damit sie den Abend nicht in der Einsamkeit und Enge des Zimmers verbringen müssen. Aber nicht, um beieinander zu sein oder um in etwas festlichem Rahmen von Erlebtem und Gedachtem zu sprechen, kommt man am Freitagabend zusammen, dazu ist anderweitig Zeit und Gelegenheit: dieser Abend findet seinen Sinn allein in der gottesdienstlichen Handlung, die den Sabbat vorbereitet. Das freilich ist ein Gottesdienst ohne Rabbiner und ohne Predigt, ihm gibt Halt und Bedeutung Vorlesung und Erklärung von Sidre und Haftara, die regelmässig in der Woche entsprechend „gelernt4* werden, damit die Arbeit des ganzen Jahres etwas Gerundete« und Vollendetes ergibt. Aber von Mal zu Mal wird ein anderer bestimmt, dem die Verlesung des Wochenabschnittes anvertraut wird, er muss sich dann vertraut machon mit dem wichtigsten dazu gehörigen Schrifttum usw. Umrahmt wird dieses Kernstück des Abends vom Abendgebet, vom Benschen und vom Gesang.. Und wenn das Bemühen um die Schrift von ehrlichstem Streben zeugen muss, das diesem Tun zugrunde liegt, das Singen gibt Beweis für die tiefe und grosse Freude, mit der diese Freitagabende abgehalten werden. Da erklingt das „Lecbo Dodi“ und das „Schabbos menucho“ aus der Kehle von zwanzig jungen Menschen mit solcher Inbrunst, mit solcher offenbaren Begeisterung an der Melodie, dass man es nur sehr schwer glauben kann, dass hier Jugend, die zu grossen Teilen lange keine Beziehung zu religiösem Leben hatte, nur für sich allein die alten Gebete spricht und die Lieder der Vorväter singt Das ist keine Wiedererweckung toter und verstaubter Gesänge, sondern ist blühendes Leben, von der Jugend wieder aufs neue entdeckt Das Schönste an solcher Feier ist die Ausschliesslichkeit, mit der sie als ein Besitz der Jugend gewahrt wird, die für sie die Verantwortung trägt. Einzig der Rabbiner nimmt ausser den Eltern, in deren Kaus man geraoe zusammenkommt, mitunter daran teil. Aber immer, von Zeit zu Zeit, tritt die Jugend aus ihrem engen Kreis heraus und ladet die Eltern ihrer Mitglieder und ihre Freunde zu einem „Freitagabend des Bundes“ ein, um die Dichte ihrer neuen religiösen Form auch im grösseren Kreis zu erweisen. Und es ist interessant genug, dass bei aller Zustimmung, die solche öffentlichen Feiern bei denen finden, die an ihnen teilnehmen, der Kreis des Bundes die Feier im engen Rahmen unbedingt vorzieht und darum solche öffentlichen Freitagabende möglichst selten veranstaltet. Dabei herrscht auch hier eine neuartige und glückliche Lösung: im Mittelpunkt dieser Abende steht nicht die Bemühung um die Schrift, sondern eine Ansprache, die die Gäste des Bundes, die Eltern, iu Geist und Bestreben der Feier heimisch machen soll. Unter solchen Voraussetzungen versucht der Bund in Karlsruhe, denen die Möglichkeit eines eigenen und eigentümlichen religiösen Lebens im Bund zu geben, denen das ein Bedürfnis ist. Er glaubt, auf einem richtigen Wege zu sein. Da niemand zur Teilnahme gezwungen wird, muss diese Arbeit — wenn sie, wie ja selbstverständlich, alle Mitglieder einmal umfassen soll — so bezwingend sein, dass keiner sich ihr entziehen kann. Es ist, wie gesagt, ein Anfang, der noch dazu auf einen kleinen Kreis beschränkt ist. Aber wir hoffen, dass er als fruchtbar und wertvoll auch nach aussen sich erweise. Hans Samter (Karlsruhe). Der Hamburger Deutschjüdische Kreis im C.-V« Der Deutsch-jüdische Kreis im C.-V. setzte im Monat April mit zwei gehaltvollen Veranstaltungen seine regelmässige Tätigkeit fort. Am 6. April fand Cläre Arnstein (Hannover) mit ihren ernsten und heiteren Rezitationen und von ihr selbst verfassten und vertonten Liedern allgemeinen Beifall. Am 9. April las Werner G o 1 d s t a u b einige historische Essays von Stefan Zweig; anschliessend entwickelte sien eine fruchtbare und gedankenreiche Aussprache. Lesestunde In Hamburg Im Hamburger Bund las kürzlich der jung« Berliner Schriftsteller Max Samter aus eigenen Werken und brachte dabei in schlichter, ungemein herzlich berührender Art- Novellen» aktuelle Essays, den Schlussteil seiner bekannten Skizze „Der Gast“ und ein bisher unveröffentlichtes Nachwort zur „Versuchung zum. Vortrag. Max Samter hat sich mit der gelungenen Wiedergabe eigenen Schaffens in Hamburg starke Sympathien-erworben. Leon Bernstein (Hamburg)-

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