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Central-Verein-Zeitung · 1935-05-09 · 19 (9.5.1935) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
19 (9.5.1935)
Date
1935-05-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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C.-V.-Zel^ng Nr. 19 1- Boiblatt 9. Mai 1935 Jiigcuddezcruat de? C.-V. — das ist keine steife, bürokratische Instanz, wie der Name anzndrohen scheint, sondern lebendige, zeitnahe Mttlerschast zwischen zwei Generationen, die Botschaft gewissermaßen der deutschjüdischen Jngcnd und ihres Bundes an den C..V. unb das Sprachrohr des C.-V. zur Jugend hin. Darum gibt es im Iugenddezernat tvenig Aktenstaub und viele planende. helfende Gespräche, wenig stille Büroarbeit und viel zupackendcs, frisches Verwirklichen. Darum ist sein Arbeitsraum eine Art Generalstabsguarticr deutsch - jüdischer Jugendarbeit, darum ist da ein stetes Kommen und Geilen junger Menschen — und manchmal auch ein frisches Rufen und Lachen, das in der ernsten Arbeit hinter den vielen Türen der Hauptgeschäftsstelle des E.-V. manchmal erfreut nachdenkend innehalten läßt. In den letzten Wochen, da ging es besonders hoch her, und es war nicht leicht, nner besonderen und umfangreichen Arbeit in,d der vielen Helfer recht Herr zu werden, t'lber nun ist es geschafft, und während die Pimpfen drüben im anderen Zimmer die Bücherkisten packen, mit denen die C.-D.- Aanderbüchereien hinausgehen sollen ins Reich, will ich niederschreiben, wie alles kam und worum es ging. Zwischen dem Augenblick, da im Jugenddezernat des C.-V. der Man entstand, und heute liegt eine lange Zeit, nicht gar zu lang, ein paar Wochen eben, aber sie scheinen fast endlos zu sein und doch wieder eilig vorüberzugleitcn in der Erinnerung, wenn inan zurückdcnkt, was alles in ihnen sich zusammendrängte an Planen, Verhandeln, Rechnen... Ja. Rechnen, mit dem Rechnen begann es. Tenn als wir den Plan entwarfen für unsere Büchereien, von denen jeder Landesverband des Bundes eine erhalten sollte und die größeren Landesverbände zwei oder drei, da war schnell eine Liste von hundert Büchern beisammen, von denen uns jedes unentbehrlich schien für fruchtbare Gruppenarbeit. Aber dann rechneten wir. und unsere Haare sträubten sich, wir strichen und verwarfen und setzten hinzu und strichen wieder, bis jene Liste der 70 Bücher beisammen war, die wir heute hinausseuden. Aber dann ging es weiter, das Rechnen und Grübeln. 70 Bücher und 18 Büchereien, das macht, wartet einmal. 1260 Bände, von einer zentralen Ergänzungsbücherei, die unmittelbar vom Jugenddezernat aus verwaltet wird, ganz zu schweigen. Wir hätten diese 1260 Bände niemals erhalten und kaufen können mit den bescheidenen und doch wieder beträchtlichen Mitteln, die uns der C.-V. und seine Landesverbände zur Verfügung stellten: so gingen wir zu bcu Verlagen, deren Werke wir vor allem brauchten, zum Philo-Verlag und zum Schocken-Verlag. Auch dort saßen rechnende, prüfende Menschen, wir entwickelten ihnen unseren Plan, und sie hatten ein Einsehen, weil sie die Bedeutsamkeit unseres. Vorhabens erkannten. Eine Bücherei — das sind nicht Bücher allein. Als die ersten Kisten eintrascn und den großen Arbeitstisch des Jugenddezernats mit funkelnagelneuen Büchern, mit großen und kleinen, mit dicken und schmalen Bänden überschwemmten, da waren wir schon gerüstet. Da standen unsere Jungcns und Mädels um den Tisch, Scheren in der Hand. Es begann das Einbindcn in Schuhumschlägc. Wollen wir wieder rechnen? 1260 Bände: für drei Bücher braucht man ein Meter schwarzes, mattglänzendcs Einschlagpapier, für alle - Bücher zusammen 420 Meter oder 210 Rollen; vier Minuten dauert es. bis ein Buch gut eingebunden und verklebt ist, vier Minuten wenigstens: das macht 4 X 1260 — 5040 Arbeltsminuten oder 84 Arbeitsstunden. Während dieser ganzen Zeit haben uns Pimysen und Jüngere aus dem Westkreis des Berliner Bundes geholfen, zumal die Mädels vom fünften Zug. Einmal gaben.wir den fünf fleißigsten von ihnen ein kleines Buch als Prämie. Sie hätten es auch ohne das getan, meinten die Fünf. Aber gefreut haben sie sich doch... - Auch mit dem Einbinden allein war e8 Fol.: Arno Kikoltr noch nicht getan. Es kamen Verhandlungen mit Zeichnern und mit Truckern. Ein Lesezeichen wurde entworfen mit Mcrksprüchen für sorgsame Behandlung der Bücher. Schilder in ExlibriS-Form wurden gezeichnet und gedruckt mit der Aufschrift: „C.-V.-Wanderbücherei. dem Bund Deutsch-Jüdischer Jugend zur Verfügung gestellt." Ein Ansleih- System wurde erdacht, das es ermöglicht. die Aüchcr mit geringen Portokostcn auch in die kleinste Ortsgruppe des Bundes gelangen zu lassen. Jeder der 18 Büchereien wurde eine Kartothek beigegeben, damit die llebcrsicht und Verwaltung durch die . Obleute erleichtert und rationalisiert wird. Lcihzettel, VerpflichtungSschcine und andere Drucksachen, das alles wurde entworfen, abgeschätzt, hergcstellt. Das Telephon stand nicht lange still. Besucher kamen und gingen, Briefe und Rundschreiben gingen ins Reich, und Briese kamen: „... Wir danken dem C.-D. und Euch beiden sehr sür WANDER¬ BÜCHEREI DEM \\ I. \0EUTSCH-JÜ0ISCHER I Wk JUGEND ZUR VERFÜGUNG GESTELLT Zum Muttertag am 12, Mai tage und vermitteln einen starken Eindruck deS Persönlichen, des Abbildes eben einer Mutter. V< -Ä, 4~. •-,, '■■■ v '''f Foto: Feri Ming , In den Besitz eines deutschen Sammlers gelangte kürzlich das Bildnis, das Edrurrd MagnuS ^on seiner Mutter malte. Die Zuschreibung an diesen Künstler, der seit 1844 Professoran der -berliner Akademie und ein hervorragender Porträtmaler war, erfolgte auf Grund der Aehnlrchlert mit dem Selbstbildnis des Meisters in der graphischen Sammlung deS Kronprinzenpalais und sonstiger stilistischer Vergleiche mit Porträtaus der Frühzeit. - . .. Dre Mutter des Künstlers trägt einen vwletten «amtmantel und ein weißes Spihenhäubchen, ^.wit einer bunten Bandschleife in reizender Farbigkeit durchsetzt ist. Auf dem Bilde, Z* in Oel geschaffen und 28 mal 20 Zentimeter hoch ist. treten die frische Hautfarbe, die blaugrauen Augen unb das blonde Haar deutlich zu- ' SM« $!ÄK Von Ludwig Franz Meyer Nicht uns, die fechten, stürmen, siegen, fallen Schlägt dieser Krieg am blutigsten die Wunbcu, ' Er gab uns manche frohen, frischen Stunden. Die Mutter trifft die schwere Zeit vor allen. Denn ist's hier draußen auch ein hartes Leben- Wir lernten schnell, darein uns zu gewöhnen. Sie aber sind beständig bei den Söhnen Mit ihren Sorgen unter stetem Beben. Wir lernten uns an trocknem Brot zu weiden. Uns scheint's ein Leben, wie es Fürsten führen. Sie mag den vollen Teller nicht berühren: . „Wird auch mein Sohn nicht heute Hunger leiden?^ Uns naht auf freiem Felde tiefer Schlummer. Und faules Stroh ist uns ein süßes Bette. . Sie aber flieht auf weicher Lagerstätte Jedweder Schlaf, und rastlos wacht der . ' . Kummer. JBto mag mein Sohn sich heut wohl niederstrecken? Wird er wohl frieren?" So gehn ihre Sorgen. Und schlaflos findet sie der frühe Morgen, . Und frierend liegt sie unter warmen Decken. Uns macht der Kampfeslärm nicht mehr be- . klommen, Die Kugeln schrecken uns. nicht mehr, die - schnellen. Die nächtens schrecklich in den Traum ihr ' gellen. Ls hat ihr jede ihren Sohn genommen.. ,, Es wird dereinst der Friede schnell vertreiben Bei uns des Krieges Ungemach und Wunden. Ihr aber blieb ein Zeichen dieser Stunden, Denn graues Haar wird immer graues bleiben. Ich glaub', wenn wir der Mutter einst begegnen. Wir werden aus die Knie sinken müssen. In Demut ihre grauen Strähnen küssen: „O Mutter, sieh! Mir half dein treues Segnen! Laß deine Hände küssen, deine weißen. O süße Mutter, laß mich dies dir sagen: Auch du hast diesen schweren Krieg geschlagen. So laß mich dich die größte Heldin heißen!" Am 3. Mai 1915 siel auf polnischer Erde im Kampf fürs Vaterland Ludwig Franz Meyer. Eine Schrapnellkugel hatte bei Sochazew seine Lunge durchbohrt, zwei Tage später starb er im Lazarett zu Rybno. Als Sohn eines Arztes hatte er in Gnesen am 9. Dezember 1894 das Licht der Welt erblickt. Schon bei dem Gymnasiasten zeigte sich die besondere poetische Begabung, die rn der Studeuten- und Kriegszeit ihren Höhepunkt erreichte. Achtzehnjährig verläßt er die Schule, um in Breslau, zuletzt in Freiburg, die Rechte pt studieren. Bei Kriegsausbruch zieht er als Freiwilliger mit hinaus. Er zeichnet sich aus, sein Hauptmann nennt ihn den besten der. Batterie, er wird bald Gefreiter, sechs Tage später wegen hervorragender Tapferkeit im Gefecht Unteroffizier. Als er im Sterben liegt, überbringt ihm sein Hauptmann die Ernennung zum Dizewachtmerfter, indem er ihm sein eigenes Portepee, um einen Blumen, strauß geschlungen, aufs Bett legt. Da dersagt plötzlich sein Herz. Am 5. Mai 1915 wurde er in Rybno begraben und später sein Leichnam in ferne Heimatstadt überführt. In dem zu den Herbstseiertagen. 1915 vom Verband der deutschen Juden an die jüdischen Kameraden im deutschen Heer herausgegebenen „Gruß der Feldrabbiner" schreibt Dr. Arthur Levy: „Ich wurde einmal an das Grab eines iüdischen Kriegertz gerufen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Es war ein junger Kriegsfreiwilliger, der seines . Lebens Reichtum freudig hingegeben und die Liebe zum Vaterland mit seinem frühen Tod be». siegelt hatte. Mutter und Schwester waren aus der Heimat herbcigeeilt und standen an der Gruft schinerzerstarrt, in steinerner Ruhe. Und als wir den Sarg der Erde übergeben hatten, trat der Hauptmann an das Grab und rief seinem toten Soldaten zwei Worte nach, die uns alle tief ergriffen und wie ein Heldenlied in unser Herz drangen: „ehrlich und treu!" — Aufrechter, als sie gekommen, gingen Mutter und Schwester von dannen. Am 29. März 1919 fand in der Aula der Universität Freiburg i. B. eine Gedächtnisfeier statt für die Gefallenen der Hochschule, bei der der Rektor Geheimrat Professor Finke die Gedenkrede (Freiburg im Brersgau 1919, Herdersche Verlagsbuchhandlung) kielt. In ergreifenden Ausführungen erörtert er Sinn und Grundgedanken der Vaterlandsliebe, die allen geistig und sittlich hochstehenden Völkern eigen gewesen, so in erster Reihe dem alttestamentlichen Judentum, das uns die wunderbarste Vision der Erhebung eines gefallenen Volkes bei Ezechiel zeigt, rm Helbenzeitalter der Makkabäer und in der Folge bei dem griechischen Volk. Profesior Finke behandelte dann die in seiner Hand befindlichen Niederschriften der jungen Freiburger Kommilitonen, die alle erfüllt seien von ernstesten Problemen und. Stimmungsbildern erhebender Art, und führte, wie in der Gedenkrede zu lesen ist, dabei aus: „Einem Freiburger' Studenten danken wir das schönste Lied auf das stille Heldentum der Mutter. Es erschien zuerst 1915 in den Zeitungen und ist seitdem wiederholt veröffentlicht worden/ Michael Fraenkel (ßmlaa}.

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