Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 17 (24.4.1935)
- Date
- 1935-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2L 4.1335 W3 lentral- XIV. Jahrgang / Nr. \ Berlin, 24. April Preis 25 Pfennig erein- ,30 WO^_„ ALLGEMEINE ZEITUNG OES JUDENTUMS^ §^W tSft% iwe4 Ben Sr. Ludwig Landau „Volk des Buches" soll Mohammed die Juden genannt haben. Sind sie es wirklich noch? „Volk der Geschichte" sind sie geblieben. Nicht etwa deshalb, weil ihre Geschichte, sobald sie ans dem Nebel der Vorzeit in die Bezirke der Anschaubarkcit und Anschaulichkeit trat, die der alten Kulturvölker überdauert hat oder älter ist als die der westlichen Kulturstaatcn. Jüdische Geschichte ist nicht politische Geschichte, nicht Historie von Kriegen, Bündnissen, Wirtschaftskrisen, Klassenkämpfen, sondern Geschichte der jüdischen Menschen ohne Rücksicht auf deren Organisation als Staat, soziale Gemeinschaft, bürgerliche Gesellschaft. Die ist ganz einfach Geistes- und Seelengeschichte des jüdischen Menschen, der in seiner einmaligen, außerordentlichen Daseinsform nach dem Sinn des Seins fragte, einem Sinn, der nicht von Menschen gemacht ist, sondern den Menschen macht. Solches Fragen ist religiösen Gehaltes. Jüdische Geschichtsauffassung ist nicht wissenschaftliche Betrachtung des Weltgeschehens, ist nicht Geschichtsphilosophie im üblichen Sinne, sondern religiöse Schau. lieber 3000 Jahre liegt der „Auszug der Kinder Israels aus Aegypten" zurück. Und doch ist jenes Ereignis uns lebensnah, ist es da» uns vertrauteste aller jüdischen Geschichte. Seiner gedenkt der Jude im täglichen Gebete, im Kiduschweihspruche, in vielen Psalmen, an jedem Feste. Den Pessach-Monat Nissan seht er an den Beginn der Reihe der Mischen. Monate, er scheut sich nicht, das Kalenderjahr selbst mit dem siebenten Monat zu beginnen. An zwei Abenden des Jahres müht er sich um die Wiedergeburt des Erlebnisses vom Auszüge aus Aegypten, das im Bewußtsein jedes jüdischen Kindes von neuem erstehen soll, als wäre es selbst aus Aegypten . gezogen. Welche andere Gemeinschaft erlebt so eindringlich über dreitausend Jahre alte Geschichte? Kann mau solch Gcschichtserleben anders als aus religiösem Empfinden deuten? Gibt cs eine „wissenschaftliche Erklärung" für derartiges der-Jeit-Gegcnüberstehen? Welch innerer Zwang trieb einmal jüdische Menschen, solche Ordnung .für alle späteren Geschlechter zu bestimmen? Jüdische Geschichte ist Geschichte des Leides, von der ägyptischen Knechtschaft an bis zum babylonischen Exil, bis zu den Römerkäinpsen, dem fanatischen Verfolgungseiser Mohammeds, der Inquisition, der Vertreibung aus Spanien, bis zu den Zeiten des schwarzen Todes, der Kosakenmetzeleien am Ausgange des Dreißigjährigen Kriege? oder den Tagen von Kischiuew/Alle großen Gestalten unserer Geschichte sind Männer des Leides: Jaakob, Moschch, Saul, David. Elijahu hanomi, Amos, Jeremia, Hiob, viele unserer „Weisen" auch Maimonidcs. Dieses Volk des Leides kennt in seiner Sprache kein Wort für „Glück". „Masol" im ursprünglichen eigentlichen Sinne ist der Stern, der wn Hinunel glänzt, nicht irdisches, zerbrechliches Glück. Wer sich bewähren, sich vollenden joll. hat aus Glück im alltäglichen Sinne kein Anrecht. Warum hat der jüdische Mensch lein Wort für Glück erfunden, für daS. was bei anderen kortuna, kortune, bonlreur heißt? Leid ist nur dann Verneinung, wenn es .zmn bloßen nacktNi Dulder- und Erduldertum wird. Es ist Tat, Erhöhung des Seins, wenn cs Ueberwindertum wird. Jüdische Geschuhte ist Geschichte nicht des Leidenden, sondern des überwindenden Juden. Wäre er nicht immer und überall stärker als das Leid gewesen, er wäre in der Erschütterung der Zeiten zertrümmert worden. In der . Sphäre der jüdischen Seele, in der jene? besondere Geschichtsempsinden beheimatet ist, das aiis einer ungeheuren Enttäuschung heraus die messianische Hoffnung ans ewigen Frieden unter den Menschen jchus, ruht eine schöpferische Kraft, die. aus dem- Lebenswillen der Generationen vor uns quellend, durch Leid gehämmert und geläutert, auch in unS auf-- leuchtet. Sie ist in uns.- in unserer Gemeinschaft. in jedem einzelnen von uns! Wir glauben an sie, wie erleben sie! Wir „Volk der Geschichte", das durch Zeiten imd Räume nn Bewußtsein der Verpflichtung zmn tätigen ueberwindertum wandert. „Volk der Geschichte" ist nicht ..Volk der Vergangenheit", sondern „Volk des Lebens". Die vorliegende Nummer enthält Soziale Fürsorge und Ausbildungsstätten in Palästina von Dr. Margarete Edelheim Esra * von Max Vogelstein Shaws „Candida" Von Dr. Hugo Lachmansk! A. H. Alle Dissonanz des Weltkonzertes scheint sich in den leuchtenden weichen Falten dieser festlichen Sonnclitage verfangen zu haben. Nur wem Sorge das Ohr sehr schärfte, hört cs noch -ans der Ferne. Wer aber die Kraft ausbrachte, einmal für kiirze Zeit nur das ganz Nahe, Unmittelbare zu vcrspürcri, köniite meinen, daß eine Pailse cingetreten sei. Und seltsam, in diese Stille dringen andere Töne, sonst ül>crtönte Klänge. Das ganz Ferne wird jäh wieder vertraut. Dil * siehst zum Sternenhimmel empor. Alle Namen, Figuren sind vergessen, all das Wissen von den Weltsystemen und -theorien. Ptolomäus und Kopernikils imd Newton sind gleich srcind, und jenseits aller kalten lieberlegung verlierst du dich in die Harmonie der Unendlichkeit und glaubst, daß mit dem silbernen Gcriescl des Sternenlichtes die Musik der Sphären zu dir gelangt. Der Seder gab uns vor wenigen Tagen die Ordnung unseres Denkens und jüdischen Wollens: so wird ein Abbrechen zum Ausbau, so formt sich ein Auszug zum Beginn. Wer ' gibt uns die Ordnung unseres weltlichen Tuns? Es kann doch nicht genügen, durch die Sonne zu gehen und zu den Sternen emporzublicken und nicht der Theorien zu gedenken, die unsere Sonne, unsere Sterne hier bestimmen, das warme und das kalte Leuchten - und die Dämmerung und das Dunkel. Die Unbefangenheit ist uns genommen, und je mehr wir wünschen, so gesehen zu werden wie wir sind, um so stärker spüren wir sogar aus unser alltägliches Tun schätzende und wertende Blicke gerichtet, die das Besondere, das Fremde, das Abzustrcisende erlvarten und das Normale - als verwunderlich empfinden. Es gehört viel innerer Halt dazu, unverkrümmt in seiner Seele zu bleiben imd, was man Ehre, Würde, Haltung nennt, nach den Gesetzen seines eigenen Jchs zu bewahren und sich zu erinnern, daß wir stets bestehen blieben, weil wir die Form unseres Daseins dann nicht unseren Inhalt bestimmen ließen, wenn die Form gegen unseren Inhalt staud. Was die Ehre einer Gemeinschaft ausmacht, bestimmt niemand anders als die Gesellschaft selbst, und unsere Sorge ist nur, daß nicht etwa Menschen unseres Kreises in trotziger Gleichgültigkeit zum Entschluß kommen, so zu werden, wie man sie haben möchte, und die Kluft zwischen unserem Sein und der Borstcllung von uns durch unerwartetes Tun auszufüllen. Es mag sich bequemer im spanmmgssrcicn Zustand der Haltlosigkeit leben. Aber wo steht der Befehl unserer Geschichte, daß als Jude zu leben bequem zu leben bedeutet? Der Abstand, den wir aufrechterhalten zwischen unserer Wirklichkeit, die wir in uns gestalten, und der Vorstellung, die die Umwelt sich von uns macht, ist der Schutz, unter dem wir aufrecht und unbefangen in die Welt, das Land, die Zeit um uns schauen können — — so aufrecht und unbefangen wie jener alte Jude aus seiner besonnten Bauk an einem stillen Weg im Harz. Ein Gespräch kam langsam zwischen uns in Gang. Seit seiner Studentenzeit in Güttingen hat es ihn immer wieder hierhergezogen. Wenn er mir Bäume und Berge weist, hat er die Geste des Besitzers. Die Berge, Felsen, Wälder sehen mich nun über zwei Menschenalter, meint er besinnlich, und ich glaube, seit vielen Generationen haben sie Menschen unserer Familie gesehen. Berge und Felsen sind wohl unverändert geblieben, die Bäume sind gewachsen, gefällt worden, neue wurden groß. Ich habe meinen Söhnen und Enkeln gezeigt, was ich in meiner Jugend an Schönheiten unserer Heimat entdeckt hatte. Ob deren Enkel sich an ihnen vom gleichen Platze aus werden erfreuen können, wer weiß das? Sic müssen andere Wege ins Leben gehen als ich, die einen hier, die anderen in der Ferne. Wie das Leben es so fügt: mit denen draußen bin ich viel enger in Verbindung, als mit denen hier. Sie fragen, wie es mir gehe und dem Harze,.und ob er noch dastehe. Und ich j8it antworte ihnen dann: wir stehen beide fest. Glauben Sie mir, die Antwort wird mir nicht leicht. Ich gebe sic ja nicht nur für mich. Ich will damit zugleich auch zu erklären versuchen, weshalb nicht nur wir Alten, die wir im Gestern wurzeln, sondern auch die Jungen, die in die Zukunft hineinwachsen wollen, ihren Lebensweg mit Ernst und Fleiß hier beginnen und zu Ende gehen wollen. Ich habe hier, lächelte der alte Jude, mir einen „Seder", eine Ordnung für diese weltlichen Ostcrtagc. eingesteckt. Nein, wehrte er ab, nicht den „Faust", der „Osterspaziergang" gibt nicht viel Trost. Uns Menschen, in denen sich der Geist der Ahnen aus fernen Landen und Zeiten mit dem Wissen und Wollen der Generationen in diesen Zonen eint, ist der West-östliche Diwan vertrauter. Hier ist ein *Gcist, den wir begreifen, und der Gott, dem diese Verse gelten, ist unser Gott.derGcrechte, von dessen hundert Namen gerade ■ dieser hochgclobt sein soll. Ihm gehört der Orient und der Okzident. Und wenn mich in diesen Tagen das Irren verwirren will, weiß c r mich zu entwirren. Es weht uns ein guter Hauch an aus diesen dünnen Blättern, und Patriarchcnluft ist keineswegs nur etwas für alte Leute; unsere Jugend sollte viel vvn ihr atmen. Und wenn sie der Geist der Zeiten um sie stumm läßt, sollte sie in diese Stille hineinhorchcn. Manchmal sind Feiertagsgeda.n* k e n, sagte mein Nachbar nach einer Panse, die echten und rechten Alltagskräftigungen. Man muß sie nur recht verstehen. Und dazu braucht man eigentlich nicht erst Enkel zu haben, dazu mag es genügen, b e - - wußt Enkel zu sein. Nach langem Schweigen, das von unserer Bank aus Wege und Wälder und Berge mitzuumfangen schien, hörte ich ihn leise Goethes Worte sprechen: Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit, schweigend geht Gottes Wille über den Erdcnstreit. Als unsere Väter vor mehr als dreitausend Jahren aus Aegypten ausbrachen, formten sie ein neues Menschentum, -das die -bisher stärkste seelische Gemeinschastsleistung. „das Buch", schuf. Wie könnte es leidvoll sein, sich als Träger und Erbe solchen Menschtums im Sturm dieser Zeit zu bewähren? - ... « DMÜmMMMMmg Professor Ismar Elbogen Der bekannte Berliner Bildhauer Jakob PUisner hat soeben im Aufträge der Gesellschaft sur Förderung der Wissenschaft des Judentums dies* Bildnisplakette von Professor . Ismar Elbogen her gestellt Die Bedeutung Palästinas im Denken und 'Planen des deutschen Judentums soll in Zukunft in unserer Zeitung stärker zum Ausdruck kommen.! Eine. gelegentliche Berichterstattung, wie sie von uns gepflegt wurde, scheint uns nicht mehr ans- -zureichen. Besonders die Beobachtungen unserer - Schristleiterin, deren Ergebnisse seit einigen Wochen ihre Veröffentlichung finden, haben uns in dem Entschluß bestärkt, einen Mitarbeiter zu gewinnen, der an Ort und Stelle sitzt und zu dessen fachlichen und menschlichen Eigenschaften wir aus ' Zeiten seiner Zusammenarbeit mit uns in Deutschland volles Vertrauen haben. Nichts charak- tcrisiert diese Persönlichkeit und unsere Absichten besser, als Sätze aus einem Briefe, mit dem er die Grundlagen klarstellt, aus denen er seine Mitarbeit aufzubanen beabsichtigt. Er sagt dort u. a.: „Ich halte es für meine Aufgabe, offen und deutlich über das wirkliche Palästina zu berichten, so daß sich auch der nicht zionistisch vorgebildete Jude ein eigenes Urteil über die geistigen und praktischen Bedingungen des Landes bilden kann. Wenn ich mich des- : halb verpflichtet fühle, auch kritische Gedanken zu Worte kommen zu lasten, wo sie am Platze sind, so schöpfe ich die Berechtigung zu einer solchen, meines Erachtens produktiven Kritik . ausschließlich aus der Tatsache, daß meine Grundeinstellung zu Erez Israel positiv ist. Für mich, der ich auf Grund eines schon seit längerer Zeit gereiften Entschlusts mein Leben mit diesem Lande verbunden habe, ist das selbstverständlich. Meiner festen Ueberzeugung -nach ist aber eine positive Einstellung zu dem jüdischen Kraftzentrum Palästina auchunbedingt verpflichtend für die Diaspora-Juden aller Parteirichtungen. Für die deutschen Juden ist dieser Gedanke ja nichts Neues mehr, seit sich Zionisten und Nichtzionisten inder Jewish Agency zu gemeinsamer Arbeit am Palästinawerk verbunden haben. Durch die Sorge um die Zukunft der in Deutschland auswachsenden jüdischen Jugend hat diese Ueberlegung ja wohl auch in C.-V.-Kreisen immer mehr Eingang gesunden. Aus diesen Erwägungen ergibt sich für die Gestaltung meiner Berichte und für ihre Behandlung durch die Redaktion eine wichtige Schlußfolgerung. Zwei Empfindungen werden den ehrlichen und überlegenden Berichterstatter bei jedcr'Zeile. die er schreibt, beherrschen: Achtung vor dem Ungeheuren, was hier geschaffen wurde und noch täglich geschaffen wird, und Nachsicht gegen die Mängel und Mißstände. die einem erstaunlich gering erscheinen, wenn man sich klar macht, in welch rasendem Teinpo und unter welchen unglaublichen Schwierigkeiten das heutige Palästina ausgebaut wurde. Achtung und Nachsicht werden daher die Tonart meiner Berichte bilden. Aber auch die nationalen Fragen jüdischer Zusammengehörigkeit und Geschichte gewinnen für den hier lebenden und Wurzel schlagenden Menschen zwangsläufig ein anderes Gesicht, als es der C.-B..Einstellung der letzten Jahrzehnte entspricht. Man Ijat hier durchaus Verständnis dafür, daß die vielen Juden, die nicht in Palästina leben oder leben wollen, in ihrer Heimat nach friedlichen und würdigen Formen der äuße- -