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Central-Verein-Zeitung · 1935-04-17 · 16 (17.4.1935) · page 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
16 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 16 Zeichnungen von Marcuse Das Auge jedes Berliners, auch wenn er noch so cilii} über den Mühlcndamm geht oder fährt, wird für einen Augenblick angenehm gefangen von dem wohlgefälligen, anmutigen Halbrund des Eckhauses Poststraße l6, mit dem aus acht Säulen ruhenden, die.Rokvlofassade umlaufenden Balkon und dem reizvollen Zierat seines Pfeiler- und Schnörkelwcrls. das von einer pompösen Dachbalustrade gekrönt ist. Fast jeder Berliner weiß, daß dieser Bau, den gerade jetzt die amtlichen Stellen als ..ein Juwel altbcrlinischer Baukunst" bezeichnen, als ..das schönste Privathaus Berlins aus friderizianischcr Zeit", das „Palais Ephraim" heißt — aber wenige wissen, wer dieser Ephraim war. nach dem das Palais genannt ist, weil er es erbauen ließ. Beitel Heine Ephraim, der „Hof - j u w e l i e r und M ü n z m e i st e r" Friedrichs des Großen, kam bald nach 1700 als Kiud eines reichen und angesehenen Juden zur Welt, als Sohn des ans Altona gebürtigen Ehajim ben Ephraim, den Friedrich Wilhelm I. zu seinem Hosjuwelier und die jüdische Gemeinde Berlins zu ihrem Vorsteher ernannte. Dcitel Heine (Chaim) erbte die Aemter seines 1748 gestorbenen Vaters, sowohl das Amt des königlichen Hofjuweliers wie das des Oberältesten der jüdischen Gemeinde, dos er bis zu seinem Tode 1775 innehatte. Gewaltig wuchs die Firma „Ephraim und Söhne' (erst viel später in „Beitel Heine Ephraim" umbenannt) empor, so daß sie' Finanzgeschäfte großen Ausmaßes für den preußi-' schcn Staat ausführen und mehrere Münzstätten gründen konnte. Ephraim wurde der populärste jüdische Mann in Preußen, und wenn diese Volkstümlichkeit auch zciuveise in Mißliebigkeit wurzelte, so war das nicht allein die Schuld des übertüchtigen Mannes. Denn die Finanzierung des Siebenjährigen Krieges war schwierig, und als der königliche Münzcntreprcneur, nach der Eroberung Sachsdns durch Friedrich II., Dritteltaler und Achtgröscher in Leipzig scblagen ließ, die nur eine sehr dünne Silberlegierung,. im Innern aber wertloses Metall aufwiesen, da -"^'ah dies, wie sich aus den historischen Quellen schließen läßt, .mit Wissen und Genehmigung des Königs. Aber. Ephraim hatte Spott und Schaden für dies minderwertige Kricasgcld zu tragen: man nckunte. die Münzen „Ephraimiten", man deutete den sächsischen Münzstempcl E. E. (Ernst Groll) als „Ephraim und Eonsorten" und prägte, den Bers> „außen schön, innen schlimm — außen Friedrich, innen Ephraim". Schriften des Jahres 1758 wie „Der gezüchtigte Ephraim", „Der gerechtfertigte Ephraim", „Gedanken über den gerechtfertigten Ephraim" zeigen, wie scharf er angegriffen . . ., und daß er rehabilitiert wurde. Nachdem er sich mit seinem Schwager Herz G u m p e r t s assoziiert hatte, der wieder mit dem Münzjuden Daniel Jtzig (Stammvater der Familie Hitzig) verbunden war. da waren in den Händen dieses Konsortiums sämtliche preußischen und sächsischen Münzstellen vereinigt. Nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges erhoben sich wieder so heftige Vorwürfe gegen Ephraim, daß er 1765 kurze Zeit ins Gefängnis kam. aus dem er aber als völlig gerechtfertigt entlassen wurde. Ephraim zog seinen Schwager David Frankel als Gemernderabbiner nach Berlin, den Lehrer Moses Mendelssohns: zu Ephrrims Nachkommen gehört die Familie Ebers, mit dem Aegyptologcn und Romanschriftsteller Georg Ebers. Veite! Heine Ephraim verwandte seinen Reichtum für mannigfaltige Stiftungen. Er gründete ein Beth ha Midrasch, förderte jüdische Gelehrsamkeit und stiftete die nach ihm benannte Lehranstalt. Aber er tat auch sehr viel für die Hebung der Industrie in Preußen, besonders der Seidenfabrikation. Er baute die Kantenklöppelei in Potsdam aus und übernahm die königliche Gold- und Silberfabrik. König Friedrich wußte, troß seiner harten Judengesetzgebung und der Drosselung des jüdischen Niederlassungsrechts, seinem Münzmeister Dank für die der jungen preußischen Großmacht nutzbringende, wenn auch melleicht manchmal anfechtbare Finanz- und Münzpolitik. Deshalb schenkte er ihm acht toskanische Sandsteinsäulen von dem im Siebenjährigen Krieg zerstörten gräflichen Brühlschen Schloß in Pfvrdten für das Palais, das Ephraim auf dem 1761 gekauften Grundstück Ecke Mühlendamm und Poststraße in den Jahren 1761 bis 1766 errichtete, wahrschemlich nach Plänen von F. W. Dieterichs, dem meistbeschäftigten Kirchen- und Palaisbauer Berlins. Auf diesen Säulen ruht noch heute der halbrunde Balkon des ersten Stockwerks. Das Ephraim-Palais wurde 1843 vom Fiskus für 185 000 Taler gekauft; die Polizeiverwaltung wurde in ihn: untergebracht: seit diese in das neue Polizeipräsidium am Alexanderplah übersiedelte, enthält cs städtische Büros. So edel nnd graziös wie die Fassade ist auch das Innere des // // M&mmm Palais, besonders der .schöngeschwungene Treppenaufgang mit einem prächtigen schmiedeeisernen Geländer und ein chinesisches Zimmer mit holzgetäfelten, buntgemalten Wänden. Ueber das Patars Ephraim wurde in diesen Tagen bekanntgegeben, daß alle beteiligten Stellen sich darin einig geworden sind, den herrlichen Bau. dessen Niederlegung infolge völliger Umgestaltung der Molkcnmarkt-Gegend gefordert wurde, nun doch endgültig zu erhalten. Das ist nur möglich durch eine Versetzung des ganzen Palais, das um zehn Meter zurückverlegt wird, nämlich tiefer in die Poststraße hinein. So wird Berlins schönster Nokokobau auch weiterhin an den frlderizianischcn jüdischen Münzmeister erinnern und an die dankbare Gesinnung, die Friedrich der Große ihm für seine staatsrettenden Finanzaktioncn zollte. K. P. V om Gross-B erliner C. V. Erich Eyck: „Die bürgerliche Entwicklung des Judentums in Westeuropa“ Auf der Delegiertentagung des Landesverbandes Groß-Berlin des E. - V. sprach am 9. April 'Rechtsanwalt Dr. Erich E h ck über das Thema: „Tie bürgerliche Entwicklung des Judentums in Westeuropa (England, Frankreich. Italien)." Wir entnehmen seinen interessanten Ausführungen folgendes: Den Beginn einer neuen Regelung der jüdischen Verhältnisse in Westeuropa bilden die Versuche Llivcr Cromwclls, der unter dem Einfluß seines Auscrwählungsgcdankcns. den er zum großem Teil dem Alten Testament entnommen hatte, sowie aus politischen nnd wirtschaftlichen Motiven bereit war. Inden in England wieder aufzunehmen. Die Aufnahme der Juden erfolgte zwar, der Versuch einer gesetzlichen Regelung scheiterte aber infolge der politischen Opposition. In ein entscheidend neues Stadium trat die Emanzipationsfrage durch die französische Revolution. Nach schweren Auscinandersetzmrgen faßte die Nationalversammlung 1791 einen Beschluß. der allen Inden die Rechte des aktiven Bürgers zugänglich machte, sofern sic den Bürgereid leisteten und ans alle ihre früheren Privilegien und sonstigen Rechte verzichteten. Im Jahre 1806 beschloß der Kaiser Napoleon, durch Klagen, die ihm clsässischc Notabeln in Straßburg vorgetragen hatten, veranlaßt, eine neue gesetzliche Regelung der Judenfrage herbeizuführcu. Er selbst hatte seinen Standpunkt dahin formuliert, „cs sei ein Zeichen der Schwäche, die Juden zn vertreiben, aber ein Zeichen der Stärlc. sie zu bessern". Auf seine Veranlassung trat am 26. Juli 1806 eine jüdische Nvtabelnvcrsammlung. die von 112 Abgeordneten besucht war, in Paris zusammen. Tie Antworten, die die Versammlung auf die ihr vorgelcgten Fragen erteilte, entsprachen in ihrem Inhalt im wesentlichen ganz den vom Kaiser gehegten Erwartungen und erhielten durch das ebenfalls von Napoleon einberufcne Sanhedrivn r.:i Jahre 1807 die religiöse Sanktion. Hiernach waren die Juden zur Zurückstellung aller religiös.gesetzlichen Pflichten hinter die staatsbürgerlichen bereit. Tie Judenpolitik Napoleons erfuhr jedoch wenige Jahre später eine entscheidende Wendung durch ein im Jahre 1808 erlassenes Dekret, das unter der Bezeichnung „infames Dekret" in die Geschichte eingegangen ist, und das erhebliche Einschränk,mg auf dem Gebiete des Handels, der Gewerbcfreiheit und der Freizügigkeit enthielt. Das Dekret, dessen Dauer auf zehn Jahre bemessen war, wurde zwar in der Praxis nicht mit der vorgesehenen Schärfe durchgeführt, eine wirklrche Besserung der Lage erfolgte jedoch erst mit der Restauration nach dem Sturze Napoleons. Ter Vortragende schildert nunmehr die Entwicklung in denjenigen Ländern, die unter französischcm Einfluß standen, wie Italien und Holland und wandte sich dann dem Abschluß der Emanzipation in England während des 19. Jahr- Hunderts zu. Im Mittelpunkt standen hier die Kämpfe um die Zulassung der Juden zum Parlament. Männer Konzerte und Vorträge Der Pianist Franz O s b o r n spielte in einer Sonderveranstaltung des Kulturbundes; es war, kurz gesagt, ein großartiger, hinreißender Abend, in der Weite des Programms, der erlebnishasten Intensität der Wiedergabe. Ausdrucksvoll im Leisen zu sein, das Pianissimo auf längere Strecken, das scheint weniger Osborns Sache (erster Appassionatasatz). Aber gelegentliche Ergenwilligkeit wird erklärt und begründet durch diesen Zug zum Elementaren, die Bereitschaft, in jedem Augenblick bis an die Grenzen der klavieristischen Ausdrucksmöglichkeiten zu gehen. Die durch beherrschte Technik und hohe Musikalität geadelte kraftvolle Männlichkeit des Spiels ist ganz ungewöhnlich. Osborns aktives, spannungsreiches Musizieren schlug mit Werken von Bach, Liszt, Beethoven, Schumann (x-moll-Sonate). Chopin, Debusfy. Stravinsky (auS ..Pctruschka") daS Publikum vom ersten bis zum letzten Ton in Bann. Der Riesenerfolg erheischte noch ein Nachlonzert. Das Opernstudio des Musikers und Regisseurs Dr. Willi Aron trat zum ersten Male mrt einem Werk des 18jährigen Mozart, der „Gärtnerin aus Liebe", hervor. Der Gedanke, unbeschäftigte Lpernkräfte in gemeinsamer Arbeit Planmäßig zu schulen, ist sehr anerkennenswert, und zweifellos werden dem Versuch, diese Künstler auf einer kleinen Bühne mit einer, wenn auch nur augcdeuteten. Szenerie wirken zu lassen, bald wertere folgen können, weil hierbei die Notwendigkeit für die Künstler dem Interesse des Publikums offensichtlich entspricht. Dr. Aron hatte hübsche Stimmen zur Verfügung, und nachdem man sich erst eingesungen und -gespielt hatte, kam manch netter Regieeinfall und gelungene Ensemblewirkung zur Geltung, wenn auch das Zusammenwirken zwischen Sängern und Instrumental, sten nicht durchweg reibungslos ablief. D,e Partitur war für Klavier) und Streichquartett gesetzt; es spielte das Waghalterquartett (Wladyslaw und Jolantha Waghalter. E. Moritz, F- Wallenberg) nicht immer diskret genug und einrich. Besonders lobend hervorzuheben sind Nuu Heinemann und Heinrich Korn. Im letzten Konzert der Künstlerhilfe mußte die angesetzte Erstaufführung einer Kantate von Edvard Moritz wegen Erkrankung von Paula. LindfeajUDCtr. v£$ fp1Ll.IL vuö et c ü ij 11) u u u c u (Boris Kroyt. Benjamin Bernfcld. Heinz Weiden, Godfried Zeelander), vier ganz verschiedene Musikertypen. die unter der Führung des PrimariuS zu einem einheitlichen Klangkörper wurden, in dem mit einer sinnlichen Glut musiziert wird, die besonders einem Borodinquartett farbigen Glanz, eine teils virtuose, teils pathetische Linie gibt. Das Mozartquartctt hatte ber aller Betonung deS fein Pointierten die ihm zukommcnde klare Durchsichtigkeit. Ludwig Altmann. Den namhaften russischen Bassisten wird künftig der junge Marex L i v e n zugezählt werden müssen, dem von der Pariser Oper her ein guter Ruf vorausging, und der jetzt mrt einem Konzert - im Bcchstcinsaal durch ein verblüffendes Stimmmaterial diesen Ruf rechtfertigte. Sein Baß. ganz ohne baritonale Färbung. be,ticht weniger durch sinnlichen Reiz des Klanges als durch das mächtige Volumen, das bis zu dröhnender Gewalt gesteigert wird, ohne den Timbre der Stimme zu beeinträchtigen. In Verbindung mit einer offenbar vorhandenen darstellerischen Begabung wäre entfernt ein Vergleich mit Schaljapin zulässig, dem Livcn auch in der Wahl der Ausdrucksnuttel nachkommt, dem wirksamen geflüsterten Piano, einem im Pianissimo hinaufgezogenen Falsett dem esfektvoll abhackenden Schluß bei den russischen Volkslicdern. Allerdings kann er sich noch nicht völlig von der Verlockung befreien, mit der Stimme etwas selbstgefällig zu brillieren oder, trotz einer Indisposition, die Höbe gewaltsam zu forcieren - Gefahren, die hoffentlich reMzeltig gebannt werden, um nicht die künstlerische Entwicklung des Sängers zu hemmen. Die Begleitung hatte,Joseph Rosen stock übernommen, meisterlich wie stets, waltete er seines Amtes, am bereitwilligsten wohl in der elegant gesungenen Levorello-Arie und den russischen Gesängen, denn Schumanns zarte Lyrik können der Sänger und die Stimme noch nicht restlos erschöpfen. Kai. In einen Abend mit moderner Musik führte ein Vortrag von Dr. Oskar Guttmann ein. Er grenzte in antithetisch gegenüberstellenden Formulierungen die Moderne von der Romantik ab. stellte, trotz mehrfach angreifbarer Bcwertungen. die stilistischen Grundzüge-Kar und richtig heraus und konnte, was fajt. wichtiger war, für ein tieferes Inieresie an der vermeintlichen unzugänglichen neuen Musik mit Erfolg werben. Als eine wertvolle Uraufführung wurde eine Cellosonate op. 23 von Berthvld Goldschmidt gebracht, bei welcher sich das Ausdrucksmäßige mit einem Zug zum Virtuosen Paart; hinter aller Kunstfertigkeit, aller vielfältigen Anwendung der musikalischen Elemente steht ein „naives", reflexionslvses Empfinden, das durch seine Stärke dem Opus einen besonderen Wert gibt. Ausgesührt wurde es vom Komponisten und dem Cellisten Fritz Wal lenberg, der mit der Bewältigung des schwierigen Parts eine ausgezeichnete Leistung aufzuwoisen hatte. Erika S t o r m. die moderne Lieder sang, hat sehr schönes Material, das sich noch beträchtlich weiterentwickeln ließe. Der Geiger Kurt Oppenheimer war mit Stücken von Achron zu hören. Hans B a e r war der Veranstalter dieses letzten Abends einer Reihe von Konzerten, die als Ganzes eine kulturell wesentliche Rolle im jüdischen Musikleben gespielt haben. Dacrs pianistrsches Können bewährte sich auch diesmal in vollem Maße. L. A. In einem Gemeindeabend in der Synagoge Kaiserstraße sprach Rabbiner Nobel über „Jüdisches Heldentum". Dieses Heldentum zeigt sich nicht allein in Kampfhandlungen. Es gebe bestimmte Gesetze in der Thora, für deren Uebertretung man eher in den Tod gehen soll, als sie zu verstoßen. Eng mit dem Heldentum hänge der Ehrbegriff zusammen und das^ Bewußtsein und Streben, sich für die einzige Gottesidee einzusehen. _ a o. Hannah Karminski: Einfluss der Emanzipation auf die jüdische Familie ■ Die richtige Haltung der Vergangenheit gegenüber ist: Verstehen, der Zukunft gegenüber: die Tat. — Diese Worte stellte Hannah Karmin ski an die Spitze ihres Vortrages, den sie' auf der Generalversammlung der Gesellschaft für jüdische Familienforschung hielt. Mit freier, sicherer Hand zeichnete sie den Weg der Jüdin aus der Ordnung und Bindung deS Ghettos in eine Welt des geistigen und sozialen Umbruchs. Dabei blieb sie bemüht. ta8. IS. Jahr- . hundert nicht kritisch abzutun, sondern objektives Verstehen zu wahren. Die Emanzipation, führte Hannah Karminski aus, hat zunächst nur wenig auf die Masse der jüdischen Frauen eingcwirkt. Ter neue Lebensstil einer Nahe! Darnhagen. Henriette Herz und ihres Kreises, ihr leidenschaftliches ÄildungSstrcben, ihr spanmmgSrcichcs Leben in Persönlichem Kontakt mit Goethe, Lessing, Schleiermacher konnten in breiteren Frauenkreisen keine Nacheiferung finden. Die ersten Jahrzehnte deS 19. Jahrhunderts waren kulturarm. Der Verfall der Familie begann. Zunächst in den Großstädten. Ta aber immer mehr jüdische Kleinstadtfamilien in die Großstädte zogen, wurden immer mehr Familien in den Strudel der kapitalistischen Welt und Lebensführung hineingerissen. Das Tätigkeitsfeld der Frau wurde kleiner und bedeutungsärmer. Die Kinderzahl nahm ab. Viele grauen wurden in die Erwerbstätigkeit gedrängt. efsentliche Fragen verlangten ihre Mitberatung und Mitverantwortung. Die Frauenbewegung steht vor der Tür. Was hat die Frauenbewegung für die jüdische Frau bedeutet? Die Jüdin erlebte es als positiv, daß man sie als Mitarbeiterin aufnahm, ohne nach ihrer Abstammung zu fragen. Allerdings trat sie nicht als Jüdin in den Frauenorganisationen auf. Sie war auch in der Regel nicht gewillt. mit ihren neuen Erkenntnisien gleichzeitig der jüdischen Gemeinschaft zu dienen. Die jüdische Frau bejahte den Kampf ums Recht, den die Frauenbewegung führte. Sie bejahte den Bikdungskampf und den Einsatz der Frauenkraft für alles Hilfsbedürftige. Im ganzen, erklärte die Rednerin, muß man sagen, daß die jüdischen Frauen innerhalb der Frauenbewegung keine typisch jüdischen Fronen waren. Im Jahre 1904 gründete Bertha Pappenheim den Jüdischen Frauenbund. Sie stand der Frauenbewegung nahe. Sie war eine bewußte Jüdin. So konnte sie eine jüdische Frauenbewegung ins Leben rufen. Sie tat es bezeichnenderweise, indem sie an die Masse der verheirateten Frauen appellierte. — Von Rahel Darnhagen bis zu Bertha Pappenheim hat der Weg geführt. Die Auseinandersetzung der jüdischen Frau mit der jüdischen Welt und der Umwelt, mit Vergangenheit und Zukunft geht weiter Niemals, so schloß Hannah Karmins!, ihren gedankenreichen Vortrag, ist von der jüdischen Frau mehr gefordert worden als heute. Gefordert wird: Verstehendes Handeln -und handelndes Verstehen, vr. K. M.

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