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Central-Verein-Zeitung · 1935-04-17 · 16 (17.4.1935) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
16 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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.A 23 i H35 m entraierem- KD XIV. Jahrfeang / NrMff Berlin, 17. April 1035 Preis 25 Pfennig 1 J D ALLGEMEINE ZEITÜIG DES JODE N T UM Sc Die vorliegende Pestachnummer umfass* 26 Seiten, Sie enthält v. o.r Bayerisches Judentum von Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer Bei dänischen Juden in Palästina von Dr. Margarete Edelheim Illustrierte Aufsätze von Dr. Lotte Loose, Professor Grotte, Oberkantor Magnus Davidsohn und Gabriele Tergit Ferner Beiträge von LudwigFeuchtwanger, Hans Bach, Arthur Silbergleit u.a. m. A. H. Der Auszug der Kinder Israel aus Aegypten war eine totale Lösung der ägyptischen Judenfrage und zugleich auch — das einzige Mal für diese Epoche — eine totale Lösung der 'Judenfrage. Die Dop- ' Pclerschcinung von Erez und Galuth. von Zentrum und Diaspora bestand noch nicht. Im Aufbruch aus einem ungastlichen Lande war der Aufbruch zur Nation enthalten. Seitdem ist uns oft, unendlich oft, Ausbrechen aus heimischen Häusern geworden: aber niemals wieder, auch heute nicht, brach eine jüdische Nation auf, immer nur Juden inmitten der Volker: von eines Volkes (Grenzen ging der Weg in anderer Völker Grenzen. Tic beiden Zerstörungen unseres staatlichgeistigen Mittelpunktes haben nur Juden, nicht aber die jüdische Nation in die Fernen geführt. Totale Lösungen sind immer wieder angestrebt worden, von den Juden und von den Völkern der Umwelt, politische oder theologische. Alle Stufen auf der unendlichen Leiter des Auf und Ab menschlichen Zulammcnlebcns haben wir kennengelernt, von der völligen Anerkennung unseres Wertes dis zu seiner völligen Verneinung: religiöse Anglcichnng durch Nebertritt und Taufe; gesellschaftliche Angleichung durch Mischehe; Assimilation als gewollte Auflösung und Assimilation als Angleichung unserer Daseinsform als Juden an die Daseinsform unserer Zeit, um als Juden in der Zeit bestehen zu können; Einladung und Austreibung — immer betraf die Lösung nur einen Teil von uns, und selbst Ereignisse wie das -spanische Edikt von 1492 haben zwar für vier Jahrhunderte die Juden aus Spanien ferngehalten und damit vorübergehend die spanische Judenfragc, in keiner Hinsicht aber die Judenfragc selbst gelöst. Unser klassisches Geschichtsbuch gibt in der Vorgeschichte des Pcssach die . ewig wiederkehrenden Gründe an. die die Judenfrage in einem Lande akut werden lassen: eine Mitwelt. die sich der Verdienste der innewohnenden Juden um die grosre. Genneinschaft nicht mehr erinnern null oder sic neu und' negativ deutet, und die Erscheinung, .die einmal Treitschke das optische Problem der Judenfragc genannt hat: man sieht die Juden viel zahlreicher, als sie sind und vermeint bei ihnen, die immer M i n o r i t ä t unter den Völkern gewesen sind, Macht und Einfluß einer Mehrheit zu finden. Die Tatsache, das; erst eine Wandlung im Umwcltbewnßtscin uns und die anderen zum Bewußtsein einer akuten Judenfrage bringt, besagt nicht etwa, daß sie vorher nicht vorhanden gewesen wäre. Sie ist immer da und wird immer da sein, wie jede andere Erscheinung, die an Menschen gebunden ist: soziale Frage, Krieg und Frieden, politisches Gleichgewicht, Mehrheit und Minderheit. Wenn diese Fragen latent sind, bedeutet dws .nicht, daß man von ihnen etwa nichts wüßte, oder daß man sie als gelöst ansähe. Sie befinden sich lediglich in einem relativ stabilen Zustand des Ausgeglichenseins, dessen Störung erst die Notwendigkeit neuen Ausgleichs schafft. Den Zusammenhang und die^wechsclseitigc Bedingtheit von Ausgleich. Störung und neuem Ausgleich, im Zusammenleben von Menschen, Nationen und Staaten, Mehrheit und Minderheit. Weisen und Toren, Guten und Bösen, Armen und Neichen, Mächtigen und Ohnmächtigen, Stolzen und. Demütigen,. Erhobenen. und. . Verachteten nennen wir Geschichte., Jeder > Geschichtswille einer Gemeinschaft zielt auf die Harmonie in ihr selbst und inmitten der anderen Gemeinschaften hin. Solange, aber die Auffassung über das, was „Harmonie" 'bedeutet, nicht einhellig feststeht, wird es Geschichte als Ausdruck der Verschiedenartigkcit der.Anschauungen geben.;- 7.' . ' .. Brn Stabtrabbinn Sr. echisf/Karlsruhr Wie sollen deutsche Juden Pcffach feiern? In der Erfüllung des überlieferten, reichen Brauchtums der Festtage liegt das eine — und das andere tix der besonderen Besinnlichkeit ans ihre fordernde Spannung in dieser Zeit. Jene führt — durch die Jahrtausende —zum geschichtlichen Ausgang zurück. diese in die Tiefe der erlebenden Seele. Der Ausgang aus der Knechtschaft Aegyptens ist in der späteren Kündung der Künder — ebenso wie in der „Erzählung", in der Haggadah —, und das heißt in der Vorstellung und im Erlebnis der Juden, nicht nur die erstmalige Zusammenfassung der Massen zu einer Volksgemeinschaft, sondern ebenso ihre Gründung für die Dauer: „Von der «Stiftung des Voltes eröffnet sich der Ausblick in seine fernen Schicksale, doch nur als Ausblick. Sic scheinen alle vorgebildet in jenem Ursprung. Nicht erst heute stand man . gegen uns aus, nein, in jeglichem Geschlecht bis hinauf zu jenem ersten, das ans Aegypten zog — und in jeglichem Geschlecht hat Gott uns gerettet" — so sagt cs in seinen Worten für unser Begreifen Franz Noscnzweig. ' ' ' So ist es durch die Jahrtausende in der Geschichte des Judentums gewesen: sie soll hier nicht in einer der „gefälligen" - großen Linien gezogen, gezeigt werden. Aber wir müssen bekennen: Drc häufige Anrufung des „seelier Iizia§ mizrojim" in den Gebeten — mindestens an dem wöchentlich wiedcrkehrcndcn Tag der Ruhe (Maimonides nennt ihn den Tag, an dem der Mensch „frei" von Mühsal sei) — ist. wenngleich eine Formel, der Ausdruck jenes lebendigen, nie unterbrochenen Zusammenhanges mit der Urgemeinschaft. Heute ersteht in manchen Alten, in vielen Jungen wieder jener lebendige, zwiefache Zusammenhang: zu wissen, zu empfinden, daß ich. der eine, und du. der andere, zur gegenwärtigen Gemeinschaft gehören, und daß dieses gegenwärtige Geschlecht Glied ist in der Reihe der Geschlechter seit jenem fernen Beginn. Von der Geschichte eines Volkes, auch von der Geschichte der Menschheit sagt man, daß sie in eine Wellenlinie verlause. „Das Schicksal der Völker steigt . . . auf und ab; wer heute in der Tiefe klagt, wird morgen aus der Höhe triumphieren" — wird im Schlußwort der neuen Prophlücn-Wclt- ' geschützte behauptet. Den Höhen menschlicher, 'menschheitlichcr oder völkischer Kultur folgen Niederungen des Daseins; Zeitabschnitte voller Leiden lö-sen die „leichten" ab. Das Judentum ist dessen ein eindringlicher, herber Zeuge. Seit nahezu zwei Jahrtausenden — seit der Zerstreuung — hat es diese »Wellenlinie" nicht nur in der Folge seiner Geschichte, ebensosehr in der Gleichzeitigkeit feines gesamten, über die Völker zerstreuten Lebens; das Auf und Ab des jüdischen Lebens vollzieht sich nicht nur in chronologisch-historischer Folge, sondern ebensosehr in geographischer Breite: . in denselben Jahrhunderten erstirbt der , Palästinensische,-keimt der mitteleuropäische, blüht und reist sein babylonischer Zweig. So sind hier — in 'Abkehr vom Bild der Welle — die Bilder, die. Begriffe, aus der lebendigen Natur: Keimen, Blühen. Reifen, Absterben ' unwillkürlich, aber erfassender ergreifender 'verwendet; nur was im Lebenslauf der Menschenwelt in einem großen Zeitraum sich bietet, das hat die Natur im Verlauf des Jahres. Geschichtslauf und Naturlauf — ihre Erkenntnis und ihre Einsicht hat die doppelte Bedeutungsreihc in unserem Pessach-Fest als Gc'schichts- und Naturfest geprägt. Wuchtig genug-sind im deutsch-jüdischen Lebensraum die Ereignisse unserer Zeit, daß sie seinen Menschen die Erschütterung ihres Lebens, und dies gewiß nicht in irgendeinem äußeren Sinne gemeint, bedeuten. Zwiefach sind die menschlichen Naturen, solche Ereignisse zu empfangen, solche Erschütterung zu verwinden: Der attivistische Mensch wird zumeist in einen Strudel neuen Wollcus und Strcbcns, neuen Schaffens und Wirken? hineingerissen — der kontemplative (Kontemplation dürste eine religiöse Notwendigkeit des gegenwärtigen Judentums sein!) sucht neue seelische Gehalte, neue seelische Haltung zu gewinnen.. Und dreifach ist — ohne Unterschied der Naturen — die Haltung zu den deutsch-jüdischen Ereignissen unserer Zeit: die hoffnungslosen Menschen bilden die eine Gruppe; sie sind je und je Mitläufer ihrer Generation, Mitgcnießer der Zeitläufte gewesen — mehr nicht; sie haben keine Wurzel und deshalb keine Krone; sie haben kein Woher und deshalb kein Wohin — keine Vergangenheit und deshalb keine Zukunft. % Die zweite Gruppe: Sie wissen um jene gegenwärtige, „gleichzeitige Wellenlinie" des jüdischen Schicksals: da ihnen das Schicksal auserlegt hat, im Tal der Welle zu leben, sind sie stark in der Verbundenheit mit den Brüdern, die auf der Höhe sein dürfen. Hier ist der Keim und die Wurzel für die deutschen Juden, die seit Jahren oder seit Monaten das Werk des Palästina-Ansbaus — ein Berg der gegenwärtigen Wellenlinie des jüdischen.Schicksals — achten oder lieben. Die Haltung der dritten Gruppe ist schwerer zu bestimmen — das heißt in Worte zu fassen, wie fest und bestimmt sie in sich sei: es ist die Haltung der „biblischen" Menschen (Jesaia 4-1, 10) die auf der Höhe des Lebens von dankender Freude und froher Dankbarkeit. in seiner Tiefe von dcmutvoller Hoffnung erfüllt sind — von Demut vor der. Bestimmung ihres Schicksals durch den Allmächtigen, von Hoffnung auf seine Wende im Lebcnskrcis ihrer Gemeinschaft. Ganz für sich steht jene erste Gruppe — wie in der Zeit des geschichtlichen Ablaufs, so im Raum des Lebens ihrer Gemeinschaft vereinsamt. Aber diese beiden — sie können einander verstehen, sic sollten einander nahe' sein; gemeinsam ist ihnen die Hoffnung, der Wille. zum gegenwärtigen oder künftigen Leben — und eben das macht die einen froh im'Hoffen, die anderen stark-im Leiden, ausschauend, aufschauend aus dem Dunkel zum Licht. Im Anfang des Talmud-Abschnittes über das Pesfach-Fest — bei der Bestimmung über das Zusammensuchen des' Gesäuerten, das „beim Licht des 14. Nissan", das heißt an seinem Vorabend, und zwar wegen des Dunkels, „beim Scheine einer Leuchte" geschehen soll — ist diese Deutung, aus'dem Munde Davids, des Psalmistcn gegeben: „Ich dachte, Finsternis werde mich in der zukünftigen Welt, die dem Tage gleicht, verdunkeln, aber auch diese Welt, die der Nacht gleicht, ist mir erhellt worden." Xe ul' mad" — mahnt auch die Pcssach-Haggadah: „Gehe'hin und lerne!" So können gebundene Menschen ein Fest der Freiheit begehen. . So sollen deutsche Juden Pessach feiern! Die deutsche Juden frage wurde zum akuten Problem.' als'zwei-Zeitalter-Fich nicht mehr verstanden und es uns unmöglich war, — subjektiv ans' Gründen der Selbstachtung, objektiv wegen der Gesetze der neuen Zeit das wichtigste Medium zwischen Menschen zu gebrauchen, nämlich die gleiche Sprache zu spechen. Der Wille des deutschen Staates,, die Judenfrage,, als deutsches' Problem zu lösen, steht hier, nicht zur Erörterung.' Aber indem' er uns. in akute geschichtliche Vorgänge hineinstellt, zwingt er uns zum Nachdenken. wie von uns aus das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen sei. Wir meinen hier nicht das seelisch-sittlich-geistige, das ^einzig und allein von. unserem. Willen und unserer Würde abhängt, sondern das Gleichgewicht der' Situation von Juden inmitten ihrer Umwelt. Denn noch ein Zweites erzeugt der Umschlag der Judenfrage vom Latenten ins aknte Stadium: sie ist nicht mehr nur an.ein Land gebunden, sondern wird allgemeines Problem. Die Ruhelage zeigt Jndcnheitcn. die Störung erweist die -Judcnheit. Welches der Normalzustand ist, das bleibe heute dahingestellt. Das ist keinesweg? Ausfluß einer international-politischen Verbundenheit, einer „Obcrregierung der Weiseil' von Zion". Im Gegenteil: wenn irgendwo Menschen jüdischer Herkunft, je nach der politischen Strömung ihres Landes, als Kommunisten oder Kapitalisten, als Monarchisten oder als Republikaner abgeurteilt werden, bewegt uns das nur insoweit, als die politischen Ereignisse uns interessieren. Aber wenn der Zusammenhang gesetzgeberischer oder sonstiger Vorgänge ausschließlich in der Tatsache des In de sein» besteht, bewegt uns das. wenn und soweit wir Juden sind. Darum empfanden die Juden auch außerhalb der deutschen Grenzen unsere Frage als sie im Tiefsten angehend, als Aufrollung der Judenfragc in ihrer ganzen Breite, lind deshalb ist es unsere Pflicht als Juden, gerade wenn und weil wir auf die Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichtes hinarbeiten, die Lösnngsmvglichkeitcn in ihrer ganzen Fülle und Vieljältigkeit zu erkennen und zu prüfen: Bleiben und Gehen, Beharren und Lösen, Sich-Stcllcn und Ausweichen, Geduld und Hast, Erneuerung und Abbruch. Tie zwiefache Möglichkeit heißt nicht halbierte, sondern doppelte Verantwortung. Unsere Pflicht ist nicht, in starrem Stolze auf den Gräbern unserer Vorfahren als deutsche Juden zu sterben: das mag tun, wessen Dasein mit seinem eigenen Leben endet. Wir anderen haben für die Zukunft der Kommenden zu sorgen, damit sic als Juden in Ehren leben können. Noch ist das Geschlecht da, das bei jeder Einengung der Fleischtöpfe von früher gedenkt. Aber es wächst eine Generation heran, die nnsentimental und hart den Weg in ihr Leben gehen will. Sie mißt nach anderen Maßstäben, und das Wort „Geschichte" hat für sie einen anderen Klang. Sie ist bereit, in schwerer Arbeit ihr Leben zu führen und selbst kargem Boden Ertrag abzuringen; doch sic will nicht ein Geschlecht von Wüstenwanderern werden. Sie glaubt an das Wunder unserer Geschichte und an den führenden Willen über uns; aber sie weiß, wie Jaakob, daß E r will, daß wir wollen. Wir möchten, daß die Ströme, aus denen sich unser Wille speist und erneut, beide unversicgt weiter fließen mögen. Wir gewinnen ans dem ewigen Bestände unseres jüdischen Glaubens und unserer jüdischen Geschichte Antrieb und Rechtfertigung, und wir vergeben unserer Würde nichts und nichts unserem Stolze, wenn wir mit schmerzreichcr Liebe den zögernden Frühling in der deutschen Landschaft fühlen und den grünsilbernen Schimmer der Wälder und Alleen als Gruß der Heimat empfinden, den wir nicht mit dem Abschiedsgruß erwidern wollen. Wir mühen uns bis zum Letzten, daß die Einheit unseres menschlichen Seins, die wir aus der Geschichte übernommen haben und in uns fortführen wollen, nicht gespalten werde. Aber wir empfinden die größere und zugleich tragische Pflicht, unseren Zwiespalt in der Gegenwart nicht zu einem dauernden Bruch in späteren Generationen werden zu laffen. Der Reichtum unseres jüdischen Seins wird uns nie vergessen machen, welche Köstlichkeiten des Geistes und der Kultur uns unsere deutsche . Heimat gab. Wir wollen das eine fruchtbar fortentwickeln, das andere sorgsam bewahren, um seinem Wesen und Geist vertraut zu bleiben, bis wir mehr als nur bewahren dürfen. V

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