Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ort Nr. 15 r^iPnpri 1. Beiblatt OÜÜLJÜLvJ 11. April 1935 Mit der ungeheuren kulturhistorischen Entwicklung. die da? deutsche Judentum in den ersten Jahrzehnten der Emanzipation durchmachte, hatte die r e l i g ö s c Entwicklung nicht gleichen Schritt gehalten. Mendelssohn, der sich nicht zum religiösen Reformator berufen hielt, hatte cs abgelehnt, an dem bestehenden l it 111 f di c lt Leben der Juden auch nur. das Geringste zu ändern. Tenn das Judentum war ihm „nicht gcvffcnbarte Religion, sondern geoffenbartes Gesetz"; Dieses Gesetz aber, das Z e r e m o n i a l g e s c tz, dürfe nicht geändert werden, bis Gott selber verkünden N'ürdc. daß es aufgehoben fei. Damit war das Prinzip unbedingten Festhaltens des ttcberkommenen aufgestellt. Wohl gab cs vereinzelte Kultus re formen, die vor allen Dingen ä st h e t i scheu Ansprüchen genügen und dem Gottesdienst ein würdigeres Gepräge verleihen sollten. Aber eS -fehlte das einheitliche P r i n z i p . das eine Reorganisation und Reform des gesamten jüdisch-religiösen Lebens hätte betvirkcn können. Tausende und aber Tausende von Juden, die mm inzwischen ganz in den Geist der Zeit eingedrungen waren, empfanden die herkömmliche Form des Gottesdienstes als fremd und überlebt. Sw fühlten sich durch sie eher abgestoßcu als angezogen und reagierten mit Jndifserentisums, ja sogar mit Flucht aus der indischen Gemeinschaft. Da traten im März 3845 einige entschlossene Männer, unter denen der Pädagoge Sigismund Stern und Aron Bernstein, der bekannte popnlär-niitnrlvissenschaftliche Schriftsteller und Erzähler, hervvrraglen. zusammen, mit dem Abfall und der Taufe einen s ch ü tz c n d c n Damm entgegenznsetzen und „den Grundstein eines neuen Baues zu legen" für die kommenden Geschlechter. Nach tnehrfarhen Beratungen erschien der historische A u f r u f v o m 2. A pril 1 8 15 „An unsere deutschen Glaubensbrüder", dessen charakteristische Sätze lauten: „Die erstarrte Lehre und unser Leben sind für immer anseinandergewicl>en . . . Wir sehen mit Schmerz, wie unserer Nachkommenschaft mit den veralteten Formen auch der ewige, heilige Kern des wahren Judentums verlorcnzngehen droht . . . Wir crlasscu den Ausruf an Euch, deutsche Glaiibeusbrüder. die Ihr suhlt wie wir, nirilt zuzuseheu dem Verfall, sondern iiach gemeinsamer Bcrsiäudiguug gemcinsauic Schritte zrr tun. um zu retten ans der I e r f a l l e n h e i t, w a s in n n s e r c ni deutschen Lebe n fortbcstehen kann, und um offen zu entsagen d c in. io a s in ll n s c r st o r b e n i ft. Wir wollen: G l a n b e : wir wollen: p o s i - t m c Religion; wir wollen: Indent u m! Wir halten fest an dem Geist der heiligen Schrift, die wir als Zeugnis göttlicher Offenbarung anerkennen. Wir halten fest an allem, was zu einer wahrhaften, im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesvcrehrnng gehört. Wir halten fest an der Ucbcrzeugnng. daß d i e <Ä o t t e s l e h r e d c s Judentums die ewig wahre sei, und an der Dcrheißnng. daß diese Gotteserkenninis dereinst zuin Eigentum der gesamten Menschheit ivcrden wird. Aber wir wollen die Heilige Schrift anfsassen n a ch i h r e m gött - l i ch e ii G c i st e; wir können nicht mehr unsere göttliche Freiheit der Zwinghcrrschast dcS toten Buchstabens opfern." Der „Aufruf" übte eine gewaltige Wirkung aus, zahlreiche Zustimmungserklärungen gingen ans Berlin und ganz Deutschland ein, darunter von vielen Rabbinern. Noch im gleichen Jahre wurde die „Genossenschaft für Reform im Judentum" gcgründct.welche später den Namen „I ü - d i s ch c R c s o r m - G e m e i n d e" annahm. Zum ersten Prediger der Gemeinde, die alsbald mit großem Nachdruck betonte, daß sie nicht aus der Gcsamtgcmcinde hinausstrebte, sondern „inmitten der Gemeinden Israels" wirken wolle, wurde der mecklenburgische Landesrabbiner Dr. Samuel H o l d h c i m erwählt, der neben Abraham G c i - g e r der bedeutendste Lehrer des Reformjudentums war. Die neue Gemeinde richtete neben dem traditionellen Sabbat-Gottesdienst einen Sonnt a g s g o t t e s d i e n st ein, der sich großen Zuspruchs erfreute, während der sabbatliche Gottesdienst bald wieder einging. Heute hält die Gemeinde ihre Gottesdienste außer an den Feiertagen regelmäßig Freitag abends und am Sonntag vormittag. Es muß ausdrücklich hervorgehoben iverden. daß nicht der Sabbat verlegt oder aufgehoben ist. sondern nur die sabbatliche Feier auf den sozialen Ruhetag angesetzt wurde. Bei der inneren Einrichtung des Kultus ging man von dem religiösen Prinzip der geschichtlichen Entwickln n g ans, wie Holdheim, Geiger n. a. es verkündet haben. Danach hat im Judentum nur der r e l i g i ö s e t h i s ch e Gehalt der jüdischen Ucberliesernng Ewigkeitsioert. ivährend das zeremvniosl-knltischl' Lebe» stets den B e d ü r s n i s s e u der Zeit nnznpassen ist. Des Judentum enthält ferner viele Elemente, die nicht rein religiösen, sondern vielmehr t ü d i s ch - n a t i o n a l e n oder Volk «- t ü milchen Ursprungs sind. Da mir aber eilt jüdisrl) cs B vl ks t u m n i ch t me h r anerkennen. uns vielmehr als Glieder des deutschen Bolkes betrachten und in Denkweise, Sitte und Kultur nur diesem Botke verbunden wissen, mußten ans dem Gottesdienst und Brauchtum alle jene Elemente fallen, die nationaljüdischen Ursprungs und nur zeitlich bedingt sind. Die ' Gebetssprache ist darum deutsch. Um jedoch die innige Verbundenheit des Rcform» judentnms mit der jüdischen Gesamtheit zu betonen. sind N'esentlichc Kernsätzc der Liturgie — ivie das „Sch'ma" uud die „Keduschah" in hebräischer Sprache bcibehalten worden. Die Thor a v v r l e s u n g geschieht .. zunächst in hebräischer, dann in deiitsciicr Sprache; ebenso wird der Prophetenabschintt in der Mntterspracl>e verlesen. Die Kopfbedeckung wird in der jüdischen Resormgerneinde nicht getragen: das ist keine Konzession an das hhristentiim. wie oft fälschlich angenommen wird, sondern beruht einmal auf der Tatsache, daß das Tragen der Kopfbedeckung kein rein sü di scher, sondern ein oriental ischer Brauch war, der für das Abendland keine Geltung beanspruchen kann. Ans ihrer prinzipiellen Erkenntnis nimmt die Gemeinde auch zu dom sogenannten „Z c r e m o n i a l-G e s e tz" eine besondere Stellung ein. Gefallen ist vor allem das Speiscgesctz mit seiner absonderndcn Tendenz. während gemütbildende und religiös belebende Zeremonien auch in diesem Knltns mit Liebe gepflegt werden. Einen ganz besonderen Wert legt das Reformjndentnm ans die religiöse Erziehung der Jugend, die im Der Vorsitzende der Reformgcmeinde, Sanität?- rat Tr. Alfred B e y s e r. sagte Tank und Gruß den Mächten und den Männern, die den Gedanken des Reformjudentums entfaltet und ge ördert haben, den Mächten des Deutschtums und des Judentums, allen unbekannten Vorkämpfern der Rcsormidee und jenen Großen, die sie im Kampf um die Gcistessreiheit im Judentum zur Blüte gebracht haben. Tie Reform gemeinde Hot die Autonomie des Geistes im Judentum zum Durchbruch kommen lassen. In einer kurzen Ansprache gab der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, der zugleich im Namen der Reichs- Vertretung der deutschen Juden sprach, der Verbundenheit Ansdruck, die nun fast ein volles Jahrhundert zivischcn der Berliner Gcmcindclcitung und den Männern der Reformgemeinde beste»den habe. Er sagte dem Refvrmjndcntmn seinen Dank dafür, daß es an der Idee der Einhcitsgemünde fcstgehalten habe. Für das religiös-liberale Judentum und alle feine Organisationen, soivie für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden sprach Rechtsanwalt Heinrich Ster n. Das rcligivs-liöeralc Judentum, so sagte er, stehe dem Gedanken der Reformgemeinde nahe, denn beide Bewegungen seien aus der gleichen Wurzel hcrvorgegangcn. Stern hob hervor, daß die Berliner Reforrigemcinde in das jüdische vsfcntlichc Leben Marner von hervorragender Bedeutung geschickt habe: den verstorbenen Vorsitzenden des Hilfsvereins der dentsciien Juden. Dr. James S i m o n . und den Vorsitzenden deü E.-B., Justizrat Dr. Julius B r o d n i tz. ' In seiner Fest predigt würdigte Rabbiner Dr. Karl Roscnthal die Gründung der Berliner Reformgemcindc als eine Tat der Erkenntnis und Bcrantivortung. - Die Grüße des E.-B. überbrachten Dr. Bruno Weil, Dr. Bruno G l a s e r f e l d und Dr. Hans Reich in a n n. K. J. K. (MMontoaumMM Am 1, April 1925 starb Professor Dr. Ernst Delbancv. einer der tüchtigsten Fachärzte Deutsch' lands, eine der repräsentativsten Etscheimmgen des Hamburger Judentums uud langjährigc« Mitglied des Eentral-BereinS. Professor Telbaneo, der einer alten Kaufmnttnssnmilie entstammt, wurde am 20. Februar 1809 in Hamburg geboren. Er studierte Medizin l!I!!!I!I>>!I!II!!IlI!II1I!IIIIIIIIIIl!>III!IIII!IIIIIIi!>!!IlIlII!I!IIIII!!II!II>II!IIlIIIII!II!>II>IIIIIIIIiiIIIII!IIIIIIlIIIIIIIlIII>IIIIIIIIIIII!IIIIIlllIIIIIIIIIIIIl!IIIlI!IIIIIIIIIIlI!llIIIIIIlI>IIlIIIIIIIIIIi!II!III^IIIlIIIII!IIIII!IiIIIIII Geiste der Verantwortung zu echter Frömmigkeit, zu ivahrcr Begeisterung für den universellen Gedank'w des ethischen Prophetismus, zu hingebungsvoller Liebe zum väterlichen Glauben und zu edler Vaterlandsliebe angehalten werden soll. Seit 90 Jahren hat nun die Berliner Jüdische Reform-Gemeinde ihre hohe Ausgabe im Dienste des deutschen Judentums erfüllt. Ist sie auch die einzige ihrer Art in Deutschland, weil in Mittel- und Kleinstädten meist nur eine jüdische Gemeinde bestehen kann, so geht doch ihre Wirkung weit über den eigenen Kreis hinaus. Die Ideen des Resormjudentnms sind in zahlreiche Gemeinden immer mehr cingedrnngen. Ter jüdische Liberalismus, der ans den gleichen Prinzipien beruht, hat in ihrem Geiste.reformierend gewirkt. Ilcberall finden wir heute in den Synagogen deutsche Gebete, Orgel und Ehorgesang, überall versucht man, die religiösen Bedürfnisse im Geiste der Gegenwart zu befriedigen. In Amerika bestehen etwa 3«>0 blühende Reformgemeinden — die größten Gemeinden des Landes überhaupt. Reicher Segen ist vom Reformjudcntum in die Welt getragen. Mit Recht schreibt darum Rabbiner Dr. Bä eck, zugleich im Namen der „R. e i ch s v e r t r e t n n g der deutschen Juden", in seinem Glückwunsch an die jüdische Reformgemeinde: „Ten Zusammenhang wie mit der Berliner Gemeinde, so mit dem ganzen deutschen Judentum zu wahren, war die Reformgemeinde zu allen Zeiten bedacht; innerhalb der Gesamtheit und sicherlich um der Gesamtheit willen bat sic ihr Besonderes und Eigenes zu verwirklich'» gesucht." Und der Präsident des „Preußischen Landesverbandes j ü d ischer Gemeinden", Kämmergerichtsrat Leo Wolfs, betont in seinem Glückwunschschreiben: „Was die Unterzeichner des Aufrufes gewollt haben, ist eingetretcn: Die Reformgemeinde hat eine neue Anfsassung vom Wesen des Judentums verbreitet, sie hat diese immer mehr vertieft und dadurch viele Menschen, die dem Judentum sonst verloren gegangen ivären, unserer Gemeinschaft . erhalten." Rabbiner Dr. Karl Rosenthal. * Festgottesrienst An« Anlaß ihres 90iährigen Bestehens hickt die Jüdische Rcformgememde Berlin am 7. April in ihrem feierlich geschmückten Gotteshaus in der Jvhannisstraße einen 'Festgottesdienst ab. zu dem neben zahlreichen Gemeindeangehörigen viele Persönllchleitini deS jüdischen öffentlichen Lebens erschienen waren. T/£ Szenenbild aus dem 4, Akt des „Nabucco“ Die Baal-Säulm , M:. ■r