Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UM-HWW ir. Ein Ltteil des SSerlandrs§erich!s Lelle In der „Deutschen Justiz' (Nr. 14 vom 6. April 1985, S. 578) wird ein Urteil des Oberlandesgerichts Celle vom 5. November 1934 (1 U 362/34) zur Frage der Anfechtung von Mischehen veröffentlicht. Der Senat gibt der Anfcchtnugsklage eines arischen Ehemannes statt, der sich bei der Eheschließung nicht darüber im unklaren war, daß die beklagte Ehefrau von jüdischen Eltern abstammte. Durch die Kenntnis der jüdischen Abstammung wird aber nach der Ansicht des Gerichts die Möglichkeit des Irrtums über die persönlichen Eigenschaften des jüdischen Ehegatten nicht ausgeschlossen. Der Senat führt hierzu folgendes ans: „Der andere Ehegatte muß eine Vorstellung von diesen Eigenschaften haben, er muß das Wesen des Nasfenunterschicdcs genügend erfassen und sich vor allem klar darüber sein, daß ourch einen Uebertritt Zum Christentum, durch eine verändert^ äußere Lebcnsgestaltung nicht ausgeschlossen wird, daß sich bei den Nachkommen die Eigentümlichkeiten der Nasse in verstärktem Maße zeigen lönneu. Der Kläger hat schlüssig behauptet, daß er sich bei der Eheschließung in völliger Unkenntnis dieser rassischen Eigenart und der Unmöglichkeit, sie durch äußere Maßnahmen Zu beseitigen, befunden habe. Ihn trifft gegenüber dem Bestreiten der Beklagten die volle Beweislast. Das Gericht sicht diesen Beweis als geführt an. Der Kläger ist erst im Jahre 1933 der «A bcigetreten. Er ist nicht altes Parteimitglied. Selbst wenn er schon in den Jahren vor der Eheschließung politische Versammlungen besucht und Zeitungen gelesen haben sollte, in denen auch über das Problem des Judentums in Deutschland Erörterungen angestellt worden sind, so kann man daraus nicht den Schluß Ziehen, der Kläger sei hierdurch über die Ras sc frage genügend aufgeklärt. Der Schwerpunkt des Angriffs gegen die Inden lag in den früheren Jahren aus poetischem und wirtschaftlichem Gebiet. Man sah in dem Inden den internationalen Kaufmann, den politischen Weltbürger, der sich durch die Bande der Religion mehr verbunden fühlte mit seinen Glaubensgenossen im Ausland als durch seine teilweise ' jahrhundertelange Seßhaftigkeit' in Deutschland mit dein deutscheil Volk. Vor der Aufstellung des nationalsozialistischen Programms führte das Volk, das mit der Ent- Wicklung des Nasseproblems keineswegs vertraut war, btc Besonderheit des Judentums, die Erhaltung seiner Eigenart auf die strenge religiöse Absonderung zurück. Der Jude hatte sich, soweit er sich nicht mit Andersgläubigen vermischte, nach der Ansicht vieler nur durch seine Glaubensstrenge, durch die Befolgung der Ritualien als. Jude erhalten. Sein Entwicklungsgang, die Beschränkung seiner Betätigung, seines Aufenthaltes im Mittelalter bis in die Neuzeit waren der Grund jener charakteristischen Wesenszügc, so meinte uian, die den Juden vom Christen scheiden. An dieser Auffassung hat die Aufstellung des Parteiprogramms und seine Verkündigung zunächst nur wenig geändert. Der Senat v c r m a g deshalb dem vom Reichsgericht in der zitierten Entscheidung hcrvorgehobcneu Satz n i rh t ohne weiteres z n Z u st i m men. e3 seien Fälle des Irr- . tumS mindestens mit der Veröffentlichung des Partciprogrannns in den damit bckarmtgcwordcncu Bevölkernngskrciscn nur selten an- Zunchmcn. Es darf dabei nicht vergessen werden, daß die Lehren der Partei keineswegs überall als richtig anerkannt worden sind in den Jahren des Kampfes mn die politische Macht. Das kann nur von den alten Parteimitgliedern angenommen werden, die. in ihrer Anschauung tzescstigt. feglicher Kritik gegenüber fest an die Richtigkeit ihrer Lehre glaubten.- Nun sagt er allerdings selbst, er habe ,im Laufe der E h e z e 11‘ erkannt, daß .sich die jeweils grnndmäßig anders gearteten Eigenarten zweier Rassen gegenüberstehcist Diese Erkenntnis war aber erst'in dem Augenblick pollkommen, als der Kläger nach der nationalen Revolution und seinem Eintritt in die SA sachliche und eindringliche Aufklärung erhielt. Wenn man aber annehmen wollte, der Kläger habe im Laufe der Ehe. etwa seit 1930 oder 1931, klar erkannt, welche Folgen die Mischehe für seine Nachkommenschaft haben kann, so würde diese Erkenntnis insofern unschädlich sein, als die Ansechlungsfrist noch nicht lief. Sie war gehemmt bis zu dem Zeitpunkt, in welchem eine derartige An- ^echtnngsklage überhaupt mit einiger Aussicht aus Erfolg' erhoben werden konnte. Das Reichsgericht hat als Stichtag den 15. April 1933 bezeichnet. (Urteil vom 12. Juli 1934 IV 89'34.) Der Kläger hat innerhalb der vom 15. April ab laufenden sechs Monate das Armcnrechtsgesuch eingereicht, biszu dessen Ablehnung die Frist weiterhin gehemmt blieb. Durch die Erhebung der Ehescheidungsklage wurde alsdann die Frist auch für die Anfechtung gewahrt. Wenn danach die Klage auf jeden Fall rechtzeitig erhoben ist, sv kann weiter nach dem Vorbringen des Klägers, seinem Verhalten der Beklagten gegenüber in Verbindung mit der Tatsache, daß der Kläger in die SA eingetreten ist, als erwiesen angesehen werden, daß der Kläger die Ehe nicht geschlossen haben würde, wenn er die Eigenschaft der Beklagten als Trägerin jüdischer Rasseeigentümlichkeiten gekannt hätte. Der Kläger hat, wie sein Verlangen nach dem Religionswcchsel der Beklagten zeigt. Wert darauf gelegt, eine christliche, deutsche Ehe zu führen. Er hat, wie die Beklagte selbst zugibt, nach seinem Eintritt in die SA Ernst gemacht mit der Befolgung der Befehle, die dahin ergingen, ohne Nück- ' sicht auf persönlichen Vorteil nicht mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. diesem Verhalten hätte der Kläger, wenn er innerlich der Bewegung und ihren Zielen fernstände, keinen Anlaß. Er ist erwerbsloser Reisender in einer Großstadt. Beruf und äußere . Lebensverhältnisse zwanoett den Kläger nicht, seines persönlichen Vorteils wegen der Bewegung beizutreten. Die Beklagte behauptet dies nicht einmal, und es sind keine sonstigen Tatsachen her- Lörgetrcten, ivelche 'auch nur eine derartige Vermutung rechtfertigten. Diese Erwägungen rechtfertigen die Annahme, daß der Kläger die Ehe bei Kenntnis der Sachlage nicht, geschlossen haben würde. Seine Auffassung von dem Wesen der Ehe stimmt mit der objektiven Würdigung, d. h. mit den regelmäßigen Anschauungen der Mehrheit der Volksgenossen überein. Die Voraussetzungen des 8 1333 BGB find hiernach zu bejahen. Fraglich könnte es auch erscheinen, ob der Kläger die an sich anfechtbare Ehe nicht nach Entdecküng feines Irrtums bestätigt hat (8 1337 Abs. 2 BGB). Die Bestätigung könnte schon darin liegen, daß der Kläger nach Erlangung der Kenntnis der Ansechtungstatsacyen den ehelichen Verkehr fortgesetzt hat. Auch hier ist wieder entscheidend der genaue Zeitpunkt, in welchem der Kläger das Nasseproblem, seine physiologischen und Psychischen Grundlagen in ihren Kernpunkten zu erkennen vermochte. Dieser Zeitpunkt läßt sich zwar nicht genau bestimmen, er liegt unzweifelhaft in der Zeit nach der Eheschließung, möglicherweise aber schon vor dem April 1933. Eine Bestätigung der Ehe kann gleichwohl nicht angenommen werden, weil für den Kläger gar keine Möglichkeit bestand, diese Ehe zu lösen. Er mußte diese Ehe bis zum Jahre 1933 fortsetzen, sollte er sich nicht der Gefahr aussetzen, daß die Beklagte auf Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft — eine Scheidungsklage würde sie, wie ihr späteres Verhalten zeigt, wohl nicht erhoben haben — gegen ihn klagte. Der Kläger hat glaubhaft geschildert an welcher seelischen Zerrüttung er in den letzten Jahren gelitten habe, weil er keinen Weg gesehen hätte, diese Ehe zu lösen. Man wird deshalb o&jeftiö Fußpflege -System natMitt» a.Bstailtsog. alleFussöeschwerdon. Nachweis der nächsten Vcrkaufsstolls durch DEUTSCHE SCHOLLW ERKE G.ra.bJU Frimkfurt a. M., 80d 10. in der Fortführung des ehelichen Lebens eine Bestätigung der Ehe nicht erblicken können, mag die Beklagte auch eine derartige Auffasiung gehabt haben.' Wie das Oberlandesgericht Celle selbst hervorhebt, stimmt seine Entscheidung mit den vom Reichsgericht ausgestellten Grundsätzen nicht überein. Jerusalem, 3. April 1935 In Jerusalem weht eine andere Lust als in Tel-Aviv. Nicht nur im realen Wortstnn — Jerusalem liegt bekanntlich 800 Meter hoch und hat ausgesprochen rauhes Klima — viel mehr noch im übertragenen. Tel-Aviv ist die' jüdische Stadt und ist stolz darauf. Jerusalem, das alte wie das neue, ist international. So wie innerhalb der alten Mauern Christentum, Judentum und Islam sich begegnen, verkörpert durch Grabeskirche, Synagoge und Omarmoschce, so ist die Bielfalt der Religionen und Nationen auch im modernen Jerusalem sichtbar. Und über ihnen allen thront hoch ans dem Berge der High Conunisionar, Vertreter der englischen Mandatarmacht. Es jst ein buntes Straßenbild in Jerusalem. Alle menschlichen Nassen und Farben scheinen sich besonders in den Toren der Altstadt zu treffen, am Jafsator — das einst verbreitert wurde, damit der deutsche Kaiser durchschreiten und -fahren konnte, wobei es leider an Schönheit verlor — und an dem schönen Damaslustor. Da tauchen immer wieder neue malerische Gestalten aus und verschwinden im halben Licht der Schucks, sciucr Gassen, Winkel, bunten Auslagen und sauberen Märkte. Man muß sich, will man seine Ausgabe erfüllen, das neue Palästina zu erkennen, immer wieder zur Ordnung -und zur Pflicht rufen, denn eigentlich möchte man immer nur durch diese Gassen gehen, um sie alle zu. sehen: Bethlemitische Frauen in handgestickten Kleidern und großen weißen Flügelhanben, griechisch-orthodoxe Priester in schwarzen Talaren - und hohen Mützen über schön geschnittenen Pro-. silen, junge Araberinnen mit der seltsamen Anmut ihres wiegenden Schrittes, kleine Bachurim mit mädchenhaft zarten Gesichtern, bucharische Juden mit flachen ' pclzverbrämten Hüten, Semcnitinnen mit großen schwarzen Augen im olivenfarbigen Antlitz, eseltreibende Araber und europäische Hausfrauen, die Fische und Gemüse kaufen, und kleine Juden — oder Araberjungen, die ihnen in großen Körben den Einkauf nach Hause tragen. Und dazwischen die Touristen aller Weltteile, auf die arabische Führer in allen Sprachen radebrechend Jagd machen, wobei sie mit bemerkenswertem Instinkt den Fremden mit der richtigen Sprache anzureden Pflegen. Und man möchte selbst das Gemüse aussuchen, die tieflila Auberginen und die grünen kleinen ' Gurken, die großen Blumenkohlköpfe und die verlockenden Büschel von frischem Grünzeug, oder man möchte in den Seidenstoffen mtb leuchtenden' Gewändern der arabischen Händler wühlen und sich ihrer koketten Art des Handelns erfreuen. Auge und Hirn sammeln die Bilder in sich auf, werden trunken von Farbe und Rhythmus, und man ist froh, daß die alten Stadtmauern daS Eindringen des modernen Lebens wenigstens in dieses Stück Palästina hindern.. Wenn man aus diesem Leben, das in der Zeit der Krenzzüge stecken geblieben zu sein scheint, wenn man aus Jeruscholajim hinaus tritt nach Jerusalem, so fühlt man, wie daS neue pulsierende Leben Palästina entzaubert. DaS soll kein Vorwurf sein; cS ist nur die Feststellung einer mit zielbewusstem Aufbau unabänderlich verbundenen Tatsache, die einem übrigens am peinlichsten am Toten Meer aufsällt, wo das neue Zeitalter in Gestalt eines tangospielcnden Grammophons das Grauen der Vorstellung „Totes Meer' gründlichst und schnellstens beseitigt. Aber auch außerhalb der Stadtmauern, wo sich das neue Leben kräftig regt, wo es den ganzen Tag hämmert und sprengt, Vorstädte und Siedlungen, Schulen und Hochhäuser aufwachsen, fühlt man die Buntheit der Gestalten, und hier fühlt man vor allem das Aufeinanderprallen der Jahrhunderte. Dieser internationalen und Überzelt- . lichen Stadt, deren Panorama beherrscht wird von evangelischen, römisch-katholischen und griechisch-orthodoxen Kirchen, von Moscheen und Mrssionshäusern, von Gesandtschaften und Hotels, versucht nun auch das neue jüdische Leben seinen Stempel aufzudrücken. Aber wenn daS auch schon in manchen Teilen gelungen ist, besonders in dem Villenort Rcchavia, zu dem man symbolhaft an dem neuen, großartig in ovalem Grundriß erbauten Verwaltungsgebäude der Exekutive vorder» passieren mriß, so ist doch dieses jüdische — und vor allem deutsch-jüdische — Viertel hier nur eind von vielen Kolonien. Die Inden leben hier in Jerusalem, verglichen mit Tel-Aviv, gewisiermaßen in der Diaspora: zwischen den Völkern. . Angesichts dieser Völkermischung aber, die sich selbst innerhalb der Judenschaft in Jerusalem ausprägt. armenische, persische, .russische, jemenitische, polnisches litauische u. a. m., und nun auch deutsch, fragt man sich, wie aus diesen nach Abstammung, Aussehen und Kulturstufe verschiedene Menschen e i n Volk werden soll, und man fühlt, wie wichtig die neue gemeinsame Sprache für diese Volkwcrdung ist. Die Tel-Aviver Juden sind nach Aussehen und Kleidung eine homogenere Masse. Sie sind alle europäisch gekleidet, wenn auch dort verschiedene Kulturen und zum mindesten Jahrzehnte aufernandcrstoßen. Es genügt schon, ein Anschlagsbrett in Tel-Aviv zu sehen, um zu erkennen, daß die Juden der vorletzten Alijah, die aus Polen und Galizien kamen und hier in Lebensstil und Geschmack tonangebend waren, bis die deutsche Alijah kam, geschmacklich etwa im Jahre 1880 stecken. Ebenso war eS mit den Läden und Wohnungen, und cs ist deshalb nicht erstaunlich, daß sie es als unbequem empfinden, wenn die Konkurrenz der „Jeckes' sie aus ihrem allzu bequemen Leben aufsschrcckte. Zu der Verschiedenheit des Entwicklungstempos und vielerlei mehr oder weniger im Untcrbcwußtsein verankerten Imponderabilien kommt aber auch noch der Unterschied des sozialen Milieus, aus dem die Menschen der verschiedenen Eimvandcrungsländcr stammten. Die Juden des Ostens kamen meistens aus dem Ghetto, auS ganz kleinen, gedrückten sozialen Verhältnissen, in denen sie mühsam ihr Leben erarbeiten mußten. Die deutsche Alijah kam aus einem Lande, in dem sie als freie Menschen auf-', recht gehen und als Kanflcute zum Teil 'großen Stils, als Fabrikanten und Akademiker leben konnten. In der schweren Aufbauarbeit auf dem. Lande vermischen sich diese Gegensätze zwar auch nicht ohne weiteres, aber sie verwischen sich lcich- ' ter, denn dort übt jeder einen anderen Beruf aus als früher: Bei der städtischen Bevölkerung aber zeigen sich die Gewohnheiten' dc8 früheren Milieus dauerhafter, und man kann geradezu sagen, daß cs kein besieres Beispiel für den menschenformenden Einfluß eines seit Jahrhunderten wirksamen Milieus gibt als Palästina und besonders Tel-Aviv. . Wenn ein bekannter Führer des deutschen Zio-. nismus mir gegenüber im Tone des Vorwurfs äußerte, die deutschen Juden meinten, in Palästina ihr altes Leben fortführcn zu können, so ist dieser Vorwurf zwar unberechtigt, weil ich bei all den Hunderten von deutschen Juden, die ich sah. kaum einen getroffen habe, der sich in Levensausfassung. Lebensführung und meistens auch im Beruf nicht'radikal umgestcllt hätte. Was sie aber an Lebensgewohnheiten mitgebracht haben, ist dre Moralanschammg des ordentlichen Kaufmanns, die Hochschätzung einer über den Tagesgebranch hinausrcichenden Bildung, die Erkenntnis vom Wert mancher Güter der Kultur und der Zivilisation, und es ist bei aller notwendigen Anpassung an das Land gerade um seines Aufbaus' willen zu wünschen, daß die deutschen Einwanderer sich und dem Lande diese Güter erhalten und nicht der Gefahr einer Assimilation an eine weniger strenge Anschauung anhcimfallcn. Daß sie gegen diese Gefahr anlämpfcn. gerade wenn sie den Willen zur Einordnung haben, sollte man ihnen licht zum Vorwurf machen. Selbstverständliche Voraussetzung ist natürlich, daß sie sich nicht aus Vorurteilen und Hochmut dem Zusammenleben mit den früher Eiugewauderton verschließen; aber darüber hörte man seltener klagen als über die schweren Enttäuschungen, mit denen ihre Ausgeschlosscnhcit den neuen Lebensverhältnisser, gegenüber bestraft wurde. Auch die in Palästina schon Geborenen machen den „Jeckes', wie sie immer wieder genannt werden, die Einordnung nicht leicht. Diese alten Palästinenser tragen ihren Spitznamen „Zabres' nicht zu Unrecht; sie sind so stachlig wie die Kakteen, nach denen sie genannt werden, und bilden sich auf ihr Eher-Dagewesensein sehr viel ein. Es herrscht da etwa ein Kastengeist wie früher in mancher alten gut deutschen Gemeinde, wo man auch weniger nach der Tüchtigkeit als danach fragte, wieviel Generationen einerschon in der Stadt .. lebte und Neuzugezogene sehr ungern in den „alten Jischuw' ausnahm. Dieses Sicheinordnen ist eine viel härtere Sache, als man in Deutschland gemeinhin denkt. Nicht etwa, daß die überwiegende Anzahl der Ein- Wanderer sich nicht glücklich fühlte. Aber eine rosarot gefärbte Propaganda hatte bei vielen die : Ansicht erzeugt, das Land, die Menschen, der Ar-< beitsplatz. die Verdienstmöglichkelten und eine gewisse Lebenssicherheit warte hier auf sie. Und dann kamen sie her und sahen zu allen den - klimatischen Schwierigkeiten auch noch die menschlichen und erkannten näch kurzer Zeit, daß sie viel- -leicht viel gelernt hatten, aber gerade daS nicht, was das Land braucht. Diel Enttäuschung haben auch die kurzfristigen Ausbildungskurse in Deutschlüttd verursacht. Handwerker, die nur angelernt waren, gab es hier auch schon früher. Aber das Land braucht nicht halbe Arbeit, sondern ganze, und so hört man immer wieder: schickt uns gut ausgebildete Handwerker, möglichst Spezialarbeiter, die finden hier ihr Brut. Das gleiche gilt für die kaufmännischen Angestellten. Geringe Sprachkenntnisse reichen in diesem vielsprachigen Lande nicht aus. Die Polinnen und Russiuneu sprechen fließend drei bis vier Sprachen, und die Eingeborenen womöglich noch mehr. Vor allem aber muß jeder kaufmännische Angestellte, Mann oder Frau, wirklich gut Hebräisch können, sonst kann er keine Stellung finden, zumindest keine einigermaßen gut bezahlte. Für Verläufer besteht außerdem noch ein besonderer Stellenmangel, weil erst wenige Geschäfte sich Angestellte leisten können, die meisten arbeiten als Familienbetriebe. Sind die Einwanderer aber nicht in irgendeinem Fach wirklich gut ansgebildet, so bleibt ihnen, sofern sie nicht als Kapitalisten gekommen sind, nur der Weg auss Land oder zur Schwcrarbeit in der Stadt, auf den Bau, in die Orangenplantagen u. a. m., es sei denn, daß die Phantasie ihnen an- 'dcre Einfälle eingibt, um sich in diesem Kolonisätionslande, das natürlich' mehr Möglichleiten für ' primitivere Berufe gibt als ein fertiges Land, ihr Leben zu verdienen. Auch die'kleinste Eisdiele .Verlangt ja schließlich ein kleines Anfangskapital. Aber selbst bei der Schwerarbeit wartet die Arbeit nicht aus sie und gibt keine Sicherheit, wie man manchmal annehmcu müßte, wenn mau von den hohen Löhnen hört. Ter Bauarbeiter z. B. wird nicht für den ganzen Bau oder für eine ganze Woche angestcllt, dazu ist, dem „Kaplan" das Risiko zu groß, sondern immer nur für einen Tag. Geht z. B. der Zement oder ein anderer Baust off einmal, aus,, so ruht, der Bau und der Arbeiter ---muß sich nach anderer Art eit umschen. Ten Weg - zur Schwerarbeit werden noch manche gehen müsien, die als Kapitalisten gekommen sind, wenn sie ihr Geld anfgegessen oder verloren haben. Denn längst ist die Zeit vorbei, da man von den deutschen Juden sagen konnte, sie saßen in den Hotels und prusten Pläne. Viele haben zu wenig geprüft und in Unkenntnis der Verhältnisse und der Kontrahenten viel Geld verloren. Zu diesen Schwierigkeiten, die sich einem bei der Einordnung entgcgcnstcllcn-können, kommt für alle die der Sprache. Man muß sie mindestens . verstehen — gleichgültig, ob man sie im.Beruf braucht oder nicht — wenn man nicht vom geistigen Leben des Landes völlig ausgeschlossen sein will. Gerade die deutschen Juden, die immer gewöhnt waren, Vorträge zu hören, politisch zu diskutieren. Theater zu besuchen, werden ans die Tauer von all diesen Dingen nicht ausgeschlossen bleiben wollen, sonst müssen sie notwendig vereinsamen oder zum mindesten fremd bleiben. Noch macht die Hitachdnt Llej Germania Vcranstaltun. gen in deutscher Sprache, aber das soll und darf nur ein Ucbergang für die Neneinwandcrer sein, wenn man nicht künstliche. Scheidewände dort schaffen will, wo Vermischung um des Landes willen nottut. Ter größte Teil der Einwanderer hat den festen Willen, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Sie werden nur deshalb deutlich aufgezeigt, damit die Menschen, die sich zur Eiiuvandcruug nach Palästina entschließen, vorher prüfen, ob sie die Kraft haben, dieses neue Leben zu beginnen und ob sie imstande sein werben, der jüdischen Gesamtheit in Palästina zu dienen. Wie die deutsche Alijah ihr Leben drüben cmfbaut. wo und in . welchen Berufen man sie findet, darüber soll in einem nächsten Aufsatz gesprochen werden. Dr. Ma rgareto Edclheim. Die Tagung der „Wizo". Die erste zionistische Weltorganisation, die ihre ordentliche Vollversammlung auf palästinensischem Boden abhält, ist die Frauenorgani sation „W i zo' (Womens International Zionist Organisation), die etwa 70 000 Mitglieder umfaßt und sich auf streng unpolitischer Basis hauptsächlich der landwirtschaftlichen und Hauswirtschaftlichen Ausbildung von Frauen und Kindern in und für Palästina sowie der sozialen Wohlfahrt widmet. Der Pessachtage wegen erscheint die nächste Ausgabeder „C. V.-Zeitung" bereits amMittwoch, 17. April. Redaktions- und Anzeigenschluß: Montag, 15. April, 5 Uhr nachmittags. Hauptschriftleiter und für den gesamten Inhalt . verantwortlich: Dt. Alfred Htrscnberg; Stellvcrtr. Dr. Margarete Edelheim. Beide in Berlin. Für Rückitondang unverlangter Manuskripte ist Freiumschlag beizt'fügen. Leiter der Anzeigen-Abteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Friedrich Nathan. Berlin. DA I. Vj. 40 769. Verlag: Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubms e. V., Berlin W 15. Etnscr Strasse 42. Tel Adr.: „Centralgl&uben Berlin“. Pernspr.J20hva 8141-45. Postscheck: Berlin 30472. Druck: der Buch- und Tiefdruck Gesellschaft mbH. Berlin SW 19. Zurzeit l»t Preisliste Nr. 3 «ültlgi Bezugspreis vierteljährlich «M 0,48 einschl. Zustellgebühr. I ’U