Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XlV.J&hrgan* 7 Nt.V£ Berlin) 11. April I$j5 Preis 25 Pfennig entral erein -) <3^: Die vorliegende Nummer umfaait 24 Seiten. Sie enthält u. c.: Hans Katisch Eetfllia, zu ihrem 150. Geburtstag Margarete Edelheim Städter in Palästina Die Beiblätter: Das neue Buch Erziehung, Elfern, Schule Mit diesem Anssah schließt die Reihe der Untersuchungen, die Fritz Friedlacndcr an dieser Stelle vorgeiwmmcn hatte (Rr. 12 und 13 der „C.-B.-Zeitung"). In den vorhergehenden Abschnitten hatte Fritz Friedlaendcr versucht, die deutsche Indenfrage unter dem Gesichtspunkt der neuen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Konstellation zu begreifen. Ai: die Stelle des untergehenden bürgerlichen Menschen sei ein neuer Typus getreten: der hündische Mensch, der inzwischen wesentliche Umgestaltungen erfahren habe. Rur im Rahmen der Lebensform der bürgerlichen Menschen sei der deutsche Jude seit Moses Mendelssohn seinen Emanzipationswcg gegangen. Daß mit dem Zusammenbruch der alten bürgerlichen Welt zugleich die bisherige Lcbensgrundlage des deutschen Juden znsammenbrechen mußte, wird im folgenden gezeigt. Es liegt nahe, daß der Verfasser, dessen Auffassung bereits bei der Analyse des vergangenen und Vorhandenen subjektiven Charakter tragen mußte, um so stärker nur seine ' persönliche Auffassung vorträgt, je mehr er von der Analyse zur Konstruktion des dienen übergeht. Wir haben aber, trotz mancher Einwendung geglaubt, daß eine solche aus einheitlicher Perspektive geformte Sinndeutung des Weges der deutschen Juden aus der Vergangenheit in die Zukunft unserem Leserkreis nicht vorenthalten werden sollte. Der Wcg brr bürgerliHeu ScLnung Man sollte heute über jene wortreichen Konjunkturritter im jüdischen Lager hinwegscheu, die bei der Beurteilung des letzten Jahrhunderts deutsch-jüdischer Geschichte das S ch u l d nennen, was in Wirklichkeit Schicksal gewesen ist. Will man uns tatsächlich glauben machen, daß es möglich gewesen wäre, das deutsche Judentum des vorigen Jahrhunderts aus dem Kreislauf der liberal-individualistisch-kapitalistischen Wirtschaft anszuschalten? Meint man allen Ernstes, daß' die verschwindende deutschjüdische Minderheit imstande gewesen wäre/ sich dein Rhythmus jener Wirtschastscntwicklung cntgegcnzustcuunen und unabhängig vom Geschehen der Umwelt eine eigene „Wirtschastsautarkie" — eine Art „Ghetto- Wirtschaft" — zu organisieren? Wenn man aber diese Frage wie billig verneinen muß, bestreiten wir jenen das Recht, das deutschjüdische Bürgertum für die bösen Folgen eines Wirtschaftssystems haftbar zu machen, für das cs keineswegs die alleinige Verantwortung trägt: denn da? moderne kapitalistische System ist nicht eine Erfindung des jüdisch-bürgerlichen Geistes, sondern es ist —' wie wir in einem vorangegangenen Aufsatz zu zeigen versuchten — das Schicksal der modernen Welt schlechthin, aus dem sich niemand hcrauszulösen vermag. Die deutsch-jüdische Generation der Jahrhundertwende, die „Zwischenacneration", lebte allerdings vielfach im Vorgefühl des nahenden Riederganges des kapitalistischen Systems. Ans ihrer Mitte ist die Konzeption des jüdifch-bündischcn Menschen hcrvorgegangen. In voller Uebereinstimmung mit der allgemeinen deutschen Jugendbewegung erwachte auch in der deutsch-indischen Jugendbewegung das Mißtrauen gegen dm Lebensordnung und Lebensweise der bürgerlich-kapitalistischen Welt. Hinter diesem Grundgefühl — dem Bedürfnis einer Los-' lösung von den Fesseln einer Mechanisierung des Daseins — traten die weltanschauliche politischen Condcrorientierungen und Zwccksctzungen der einzelnen bündischen Gruppen - zurück. Vielleicht hat niemand dem bundi» scheu Grundgefühl einen ergreifenderen Aui.- druck gegeben als Walther Rat henait, der in sein Tagebuch schrieb: „Kein Elend, Blutvergießen, Pestilenz kommt der grausamen Torheit gleich, die darin besteht, daß : die Gesellschaft jährlich Taiisende von Jntellr- ' Menzcn und Talenten unerkannt und ungenutzt verwelken läßt."— ■3ut Weltkrieg standen der deutsch-indische Bürger und der deutsch-jüdische Bündische ^Schulter an Schulter im Kampfs Der eine : kämpfte für die Erhaltung einer Welt, me ' seine Väter' und er miterbaut hatten: der andere kämpfte, für die Heräuskünft.einer -M 6«. ErLurMag vrn LQrvig Ass Am 16. April wäre Ludwig Haas 60 Jahre alt geworden. Wenn wir an ihr: denken, fühlen wir erneut — ja heute vielleicht noch deutlicher als bei seinem Hinscheiden — die Lücke, die sein vorzeitiger Heimgang vor bald fünf Jahren gerissen hat. Ludwig Haas war Jude, uitb er war sich seines Judentums stark bewußt. „Ich habe in meinem ganzen Leben", so durfte er einmal von sich im Reichstag sagen, „mich nie geschämt, frei und offen zu bekennen, welchen Glaubens und welcher Abstammung ich bin. Ich habe die Menschen immer verachtet, die ihren Glauben oder ihre Abstammung irgendwie zu verstecken suchen." Daß er eine tief religiöse Natur war, das ist wohl nie so ergreifend zum Ansdruck gekommen wie in jenen schweren Stunden des 10. Mai 1921, in denen der Deutsche Reichstag über das Londoner Ultimatum zn entscheiden hatte, das Haas für seine Person und für einen Teil seiner Freunde ablehnte. Damals hat -er ausgesprochen, „daß wir uns auf nichts verlassen können als ans unser Gefühl, auf unser Gewissen, und daß wir nur den lieben Gott bitten können, daß wir den richtigen Weg und daß wir die richtige Entscheidung finden mögen". Die gleiche Tronic wie seinen jüdischen Glauben hat Ludwig Haas auch seiner deutschen Nationalität gehalten. Er wurzelte stark in seinem Deutschtum, und er hat immer wieder daran erinnert, daß, gleich seiner eigenen Familie, ein großer Teil dev deutschen Juden seit vielen hundert Jahren mit dem Boden des Landes verbunden und verwachsen sei. DaS Wohl des deutschen Staates und des deutschen Volkes war das Ziel seiner Arbeit. Seine Vaterlandsliebe hat ihn sofort zn Beginn des Weltkrieges dazu geführt, sich zum Heere zu melden; er hat sich noch vor Ablauf des ersten Kricgsjahres als Kompanieführer die erste Klasse des Eisernen Kreuzes erworben. Nie aber hat sich das Nationalgefühl unseres Freundes so bewährt wie in der Zeit der härtesten Prüfung Deutschlands. Ludwig Haas hatte sich in den Tagen des Oktober 1918 gemeinsam mit Friedrich Naumann vergeblich für den Gedanken Walther Nathenaus eingesetzt, daß in einer großen und freiwilligen Erhebung des deutschen Volkes der letzte Mann an die Front gebracht werden müsse, da der deutschen Zukunft Furchtbares drohe, wenn Deutschland in diesem Augenblick die Waffen niedcrlege. Als dann dem Waffenstillstand im Frühjahr 1919 der Friedensborschlag unserer Kriegsgegner folgte, — mit welchem Feuer hat ihn Haas bekämpft, wie leidenschaftlich ist er in Wort und Schrift für die. Ablehnung des Versailler Diktats eingctreteu! Ludwig Haas hat sich vor und nach dem Weltkrieg in der Heimat wie im Ausland lebhaft um eine wahre Verständigung unter den Völkern bemüht. Für diese schwierige Aufgabe brachte er eine besondere Eignung mit, weil er mit einem unerschütterlichen Glauben an das Recht ein starkes Gefühl für die Notwendigkeit der Landesverteidigung verband. „Ein Volk, das seine Grenze nicht verteidigen null, ist nicht wert, daß cs besteht": das ist ein Wort aus einer seiner späteren Neichstagsreden. Mit Recht ist von Haas gesagt worden, daß in seinem Wesen viel Soldatisches lag, daß er Soldat war nicht nur durch den Zufall früherer Dienstpflicht und nachher des Kriegsausbruchs. In einem Briefe an einen hohen Offizier, einen badischen Landsmann, hat er sich mit der Achtung vor der Tradition der Vergangenheit, die ihm eigen war. dahin geäußert: „Daß die alte Armee, von besonderen Einzelheiten abgesehen, gesund war, und daß wir von Jahr zn Jahr mehr empfinden werden, wie sehr sie uns als große Schule des Volkes fehlt, kann niemand mehr empfinden als ich. Ich war gern Soldat; ich bin in die Soldaten verliebt; jedes Buch, das frisch über soldatische Dinge schreibt, ist mir noch heute eine besondere Erholung. Ich bekomme gelegentlich Briese von Leuten meiner Kompanie mit einem freundlichen Wort der Anhännglichkeit; auf diese Briese bin ich besonders stolz. Ost besuchen mich Leute, die im Krieg mit mir zusammen waren." Im Reichstag, wo er häufig zum Etat der Reichswehr das Wort nahm, hat er noch in einer seiner letzten Reden den Satz gesprochen: „Wir dürfen mit Recht sagen, daß nie eine bessere Armee bestanden hat als die alte deutsche Armee." Es ist heute, wo Deutschland sich zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht entschlossen hat, von außerordentlichem Interesse, die Stellungnahme unseres Freundes Ludwig Haas zur Frage der deutschen Wehrversassung zu betrachten. Schon neuen Welt, über die er noch nichts Gewisses äusfagen konnte, die er aber ersehnte, weil er den Glauben an die alte verloren hatte. Und die dumpfen Ahnungen seines Instinkts betrogen ihn nicht, denn die chronisch werdende Krise des kapitalistischen Systems bewirkte den Niedergang des deutsch-jüdischen Bürgertums; einen Niedergang, der sich im wesentlichen in drei Etappen vollzog. Zunächst entwurzelte der Währungsverfall , — auch eine Folge der Krise des' Kapitalismus — die Mittelklasse des deutsch-jüdischen Bür- - gertums. (Gleichzeitig wurden dein Ziffernmäßig weit geringeren deutsch-jüdischen Großbürgertum die Sünden des Kapitalismus znr Last gelegt.) Sodann verdrängte die neue r a s s i s ch - v ö l k i s ch c Weltanschauung die bürgerlich-liberale Weltanschauung, unter deren Geltung daS deutsch-jüdische Bürgertum sich in den deutschen Staat und in die deutsche Wirtschaft eingeordnet hatte. Schließlich führte die Ariergesetzgeb u.ng die nationalpolitische Ausgliederung der deutsch-jüdischen Staatsbürger durch. Das ist die Situation, in der wir heute stehen.. Die neue Erstatt Was ist nun heute zu fordern? In voller Würdigung der Bedeutung der Umweltfakloren/von denen wir abhängig sind, scheint es uns doch von einschneidender Bedeutung zu sein, ob die reichsdeutsche Judenheit den Gedanken an die Möglichkeit einer ehrenvollen Rückgliederung von sich aus verneint oder nicht. Wenn in weiten jüdischen Kreisen Deutschlands. die Neigung bestände, darauf freiwillig zu verzichten, so schiene unS Das ein Verrat an unserer jüdischen Geschichte in Deutschland zu sein. ■ Es kann für uns die Form einer Rückgliederung geben, die unserem berechtigten Gefühl für Würde, Ehre und Gleichwertigkeit nicht im mindesten Abbruch tut: das ist die Frage, ob es uns gelingt, in unseren Reihen etwas der neuen deutschen Geisteshaltung Entsprechendes zu schaffen, d. h. ob wir imstande sind, dem Typus des „Arbeiters", wie ihn Ernst Jünger in seinem Buch „Der Arbeiter" und August Winnig in seinen Schriften gezeichnet haben, die Gestalt des „deutsch - jüdischen Arbeiters" folgen zu lassen. Wer uns nun einwenden wollte, daß wir damit eine verächtliche Politik der Nachahmung („Assimilation") empfehlen, der hat nicht begriffen, daß der Typus des „Arbeiters" nicht nur für das nationalsozialistische Deutschland Geltung besitzt, sondern die Menschenform des 20. Jahrhunderts schlechthin darstellt. (Wer denkt nicht an den „Chaluz?") Insofern wir Menschen unseres Jahrhunderts sind und sein wollen, haben auch wir an der „Arbeiter"-Jdee Anteil. Unsere Jugend geht durch die Typenformung der Epoche hindurch: in den jüdischen Jungen und Mädels, die im gegenwärtigen Umstellungsprozeß stehen, reift unser Typus des Arbeiters heran. Wir haben Achtung vor der heroischen Haltung dieser Jugend, die in ihrer Frühzeit durch das Fegefeuer des Währungsverfalls hindurchgegangen ist, die danach das „gemachte Bett", in das die Söhne, der bürgerlichen Klasse teilweis hineinschlüpsten. auseinanderbrechen sah. die sodann mit uns die Erschütterung der letzten Jahre durcham 9. Mai 1919 hatte er in einem Artikel: Ter „Wilson-Frieden" geschrieben: „Ein klares Mein' muß Deutschland sprechen gegen den Versuch, uns für die Dauer wehrlos zu machen. Wir wollen ehrlich die Rüstungsbeschränkung. Man führe sie durch, so wie Wilson am 8. Januar 1918 es forderte: .Austausch ausreichender Garantien dafür, daß die staatlichen Rüstungen auf da 8 kleinste mit der inneren Sicherheit vereinbare Maß beschränkt werden.' Wenn man uns einseitig zur Abrüstung zwingt, macht man uns zu .Sklaven." In ähnlichen Gcdankeupäugen hat er sich in späteren Neichstagsreden'immer wieder bewegt» So sagt er am 30. Juli 1920: „Das ist eine der unerträglichsten Bestimmungen des Versailler Vertrages, daß mitten unter anderen Völkern ein Voll leben stül wehrlos und entwaffnet, während die anderen in Waffen starren . . . Wenn nicht in absehbarer Zeit die anderen zu gerechten Rüstungsbeschränkungen übergehen, zu jenem besseren und vernünftigen System, zu jenem System, das allein eine glückliche Zukunft der Menschheit ermöglichen kann, ja, dann wird selbstverständlich in unseren Seelen der Wunsch vorhanden sein, so bewaffnet und wehrfähig zu sein wie die anderen auclp Wir wollen nicht allein wehrlos seini" Uuö nach gleichartigen Ausführungen in seinen Reden vom 28. Januar 1921, vom 29. März 1922, vom 26. Mai 1925 und vom 23. Juki 1925 spricht er es am 23. Mc.r,z 1927 noch einmal besonders deutlich ans: „Der Zwang, der 11118 ans militärischem Gebiete auscrlegl worden ist, legt den anderen die Verpflichtung auf, mit der Rüstungsbeschränkung in der Welt Ernst zu machen, und wenn diese Rüstungsbeschränkung nicht durchgeführt wird, dann haben wir das blecht, ans dem Gebiete von Armee und Marine'wieder frei und souverän unsere eigenen Entschließungen zu treffen. Die Klauseln des Versailler Dertrags legen uns nicht nur Pflichten auf, sie geben uns auch Rechte." Ludwig Haas war im Frieden wie im Kriege ein Kämpfer für Deutschland. In der Arbeit zur Ueberwindung der deutschen Rot hat er seine Kräfte verbraucht: sein früher Tod ist sicherlich mit auf die geistige und körperliche Ueberanstrengung zurückzusühreu, die er sich Jahr für Jahr. Tag für Tag zugemutet hat. Dr. Artur Kürschner, der Berliner Mitarbeiter eines Wiener Blattes, mag diesen Ausgang vorausgeahnt haben, als er vier Jahre vorher über Haas urteilte, es sei ihm eine fast tragische Neigung zur Selbstausopserung eigen. Dr. Guido Leuer, Heidelberg. machte, und die dennoch aufrecht, tapfer und ungebrochen ihren Weg geh:: — ihren Weg, der vielleicht ein Weg ohne Ende, aber nie ein Weg ohne Ziel sein wird. Man muß in die jüdischen Volksschulen hineingesehen haben, man muß die Prächtigen Jungen und Mädels, die hofsnungsfroh zu neuen Ufern streben, in der Schönheit ihrer Vitalität kennenlernen. In ihnen, die Bodenarbeit und Handwerk zu neuen, d. h. alten Ehren bringen werden, wächst der Typus eines d y n a m i - schen Judentums her,m. $131 WiNlkKöMgMe Ter englisch-jüdische Historiker C e c i I Roth, Fellow der Royal Historical Society und Vorstandsmitglied der Jewish Hi'torical Society vf England, wurde durch Mgr. William Godfrey bei Pap st P ius XI. cingeführt und in längerer Audienz empfangen. Bei dieser Gelegenheit übergab Eccil Roth dem Papst ein Exemplar seines Buches über „Ritualmorde". Ter Papst zeigte außerordentliches Interesse für die Darlegungen Roths über seine im Zusammenhang mit dieser verleumderischen Beschuldigung gegen die Juden durchgesührten wissenschaftlichen Untersuchungen, Ein zweites Exemplar des Merkes wurde dem päpstlichen Staatssekretär Kardinal P a c e l l i übergeben. * Eine Reihe führender jüdisärer Persönlichkeiten Amerikas haben gegen einige Leiter der antisemitischen Propaganda in Amerika wegen Verbreitung von Flugblättern, in denen behauptet wurde, daS Kind Oberst LindberghS fei von Juden zu f