Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 14 (4.4.1935)
- Date
- 1935-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Uw ■G 4. JS35 ■ XIV. Jahrgang^KNr.- 14 Berlin, 4 ./April 1935 Preis 25 Pfennig jerein ES JU Die vorliegende Nummer umfaast 22 Seiten. Sie enthält u. s. im 2. Beiblatt: MM v. Heidt zum 100. Todestag von Dr. Fritz Friedlaender * 18 Islire Universität Jerusalem von Dr. Margarete Edelheim f w/v v* t v- 11 &- ii ^1 fc.i-, : jj rf lr:i7Ui: h! | In , diesen Tagen haben die deutschen Juden rückschauend und vergleichend des ersten April 1033 gedacht, an dem sich die neue Politik der Scheidung zwischen deutschen Juden und ihrer Umwelt in einer großen Manifestation dokumentierte. Wer über historische Erfahrung und politische Schulung verfügte, ist durch diesen Tag und alles, was ihm folgte, vielleicht einmal überrascht, gewiß aber nicht aus seinem seelischen Gleichgewicht gebracht worden. Die Stimmung. die damals ganz natürlich auf der: deutschen Juden lastete, mochte ihn Niederdrücken, aber das Gefühl der Enttäuschung und des Bcdrücktseins hat niemand verwirrend übcrmannt, der Verantwortung für seine Gemeinschaft empfand und wußte, daß Stimmungen schlechte Ratgeber sind. Wer ans einer verständlichen Stimmung tiefster Niedergeschlagenheit Entscheidungen traf, hat sie übereilt getroffen und die Zahl derer, die sie bedauern, ist nicht gering, zumal solche Uebercilungen oft auf Vorgängen, beruhten, die. wie spätere Ncgierungserlasse von eindeutiger Klarheit bewiesen, nicht dem Willen der maßgebenden Staatsführung entsprachen. Wer früher in jüdi-, schein Kreis auf die möglichen praktischen Folgen judengegnerischer Auffassungen hinwies/ für den hatten zahlreiche jüdische Freunde nur ein mitleidiges Lächeln oder gar den Vor-- wurf, daß hier ZiveckpessimiSmus getrieben wurde. Heute dürften diese Lächler von 1929 zu den Wortführern der Verelendungsthcorie gehören, nach der den deutschen Juden jeder Lebensraum verbaut ist. Stimmung«-- Menschen damals — Stimmungsmenschcn heute! Die deutschen Juden täten gut. solche Kassandrarufe zu überhören. Sie ertönen jetzt wieder in manchen indischen Häusern und die ohnehin nervösen Menschen leihen ihnen sorgenvoll ihr Ohr. Manchmal hat es den Anschein, als ob die' Kassandrarufer mit Genugtuung jedes scharfe Wort aufnehmen, sich auf jeden ungünstigen Aufsatz stürzen und mit dem Behagen, bestätigt zu sein, ungünstige Entscheidungen notieren, um ihre Verelendungsthevrie mit neuer Begründung den jüdischen Menschen vorzutragen. Die Stimmen aber,- die sich gegen eine Diffamierung wenden und die Erlasse, die unsere wirtschaftliche Lage regeln, werden überhört und übersehen. Um einer wirkungsvollen Zeitungsschlagzeile willen werden mögliche Entwicklungen in näherer, oder fernerer Zukunft breit und bedrückend aeschildcrt, und es drängt sich bei solchem Treiben das Bild von dem Mann auf. der Oel ins Feuer gießt. Die deutschen Juden sollen sich vor solchen Propheten des Untergangs, vor den Zwcckpessimisten und den Stimmungsmenschcn hüten. Wer Berantwortungsbewußtsein für seine Gemeinschaft hat, weiß, daß er ohne historischen Standort zu urteilen nicht berechtigt ist; weiß auch, daß er nie-vom Augenblick aus urteilen darf und mißtraut Führern, die heute himmelhoch jauchzen und morgen zu Tode betrübt sind. Der deutsche Jude mit Geschichtsbewußtsein. mußte spätestens seit dem 1. April 1933 wissen, daß die deutschen Juden aus dem politischen und, wenig später, auch aus dem kulturellen Raum des deutschen Volkes, auch. soweit sie sich ihm mit ganzer innerer Verbundenheit zugehörig fühlen, ausgekretst sind. Ein mehr oder weniger der Ausschaltung . aus diesen Bezirken wird sie zwar stets erneut bedrücken, darf sie jedoch nicht so überraschen, daß sie meinen: der letzte Akt der Tragödie vom Untergang der deutschen Juden hgbe. begonnen. Mag die - Auskreisung und der so oft Y ' - ■ MMsÄM" A. H. In die Ausklänge der Maimonides- Feiern überall in der Welt mischen sich die einleitenden Sätze der Festlichkeiten aus Anlaß des zehnten Gründungstages der Universität Jerusalem. Doch niemand meint, daß es etwas zuviel des Feierns sei in einer Zeit, die von ernster Schwere geprägt wird. Jeder fühlt: Feiern solcher Art. nicht um des Feierns, sondern um der Inhalte willen, um die herum sie sich vollziehen, sind gut für uns. Acht Jahrhunderte nach Maimonidcs — zehn Jahre nach einer Grundsteinlegung: e i n geistiges Zentrum w a r d — ein geistiges Zentrum will sein. Immer ist, zu allen Zeiten und in allen Zonen, unser v e r a n t w o r t n n g s - gebundener Geist, die Lehre, Mittelpunkt unserer jüdischen Gemeinschaft gewesen, wenn auch vielen unbewußt, vielen überflüssig, oft verdeckt, oft verdunkelt. So kreist ja auch unsere Erde, so kreisen die unzähligen Sterne unseres Planetenshstents um einen großen Mittelpunkt, und jeder Mensch, jede Erde meinte Jahrtausende hindurch: dr: selbst, nichts anderes, bist der Mittelpunkt des All . . . . Immer war Geist Mittelpunkt unserer Gemeinschaft, Quell, aus dem ihr Bestand Zustrom erhielt. Es gab Zeiten, da dieser Geist sehr eng. sehr gebunden an Enge und Grenzen, nur gekannt und befruchtend in unseren eigenen Reihen gewesen ist. Das waren die Epochen des Abschlusses, des Weges nach Innen. Und - cs waren Epochen, in denen der Geist des Judentums den Wegin die Welt nahm und mit den geistigen Schätzen der Zeit und ihrer Umwelt beladen heimkehrte, um von dorther dankbar zurückzucrstattcn, was er. empfangen hatte. Das waren die Zeiten der s ch ö p f e r i s ch e n Syn t h e s e n, denen' die Männer entsprangen, deren Namen die Welt mit Ehrfurcht nannte; wir denken an die spanische Zeit und an das große vergangene Jahrhundert in Deutschland. Das waren zugleich ‘ die Zeiten, da man wollte, daß die Lehre, ausginge von ihrer Pflanzstätte, und vielerorts war seit derZerstörung desTemvels der Ort, das Zion, von dem ans es geschah. In Dankbarkeit neigt sich das Judentum, neigt sich die Welt der Geistigen vor der großen Gestalt des Maimonidcs. - In Dankbarkeit gedenkt das Judentum der unvergänglichen Leistungen des deutschen Judentums. die cs irr dem Jahrhundert seiner schöpferischen Synthese für das Judentum! der ganzen Welt vollbracht hat. Und aus Dankbarkeit kreist darum Sorge und soziale Hilfe "unserer Glaubensbrüder außerhalb der deutschen Grenzen um dieses einst so srucht-- bare deutsche Judentum, damit cs nicht, völlig aus seiner großen Tradition geworfen werde. Ein merkwürdiger Widerspruch, den wir versucht sind, als Fügung zu begreifen: das d e u t s ch e Ju d e n tu m, züdische Menschen inmitten einer großen, sie ablehnenden Umwelt.! beginnen, geistig und kulturell den Weg nach Innen zu gehen, versuchen, der schöpferischen Synthese scrngehalten, neueeigenständische' Formen ihres geistigen Daseins auf der überkommenen Grundlage weiter zu entwickeln.! Palästina, Jerusalem, uralte, un-. verjährte jüdische Stätten, beginnen ein. kulturellcs Leben aufzubauen, das, so sehr und so lange auch es angespannt bleiben muß. um dem Land selbst seine geistige Gestalt zu geben, gewollt -und gedacht ist als Stätte, von der wieder einmal im tausendjährigen Ablauf unseres Schicksals „die Lehre ausgehen" soll. Die Universität Jerusalem ist das Symbol dafür. Sie ist sichtbarer Beweis, daß jedes "-E jüdische Tun. das über die Parteigrenzen hinaus gewollt wird, seinen Lohn in sich trägt, und daß jede jüdische Tat, mag sie auch noch so sehr als Parteisachc beabsichtigt sein, allgemeinen jüdischen Wert erhält, 'wenn sie wirklich und e ch t jüdisch wird. 1925 — die Welt lebte in Prosperity. Palästina rang schwer. 1935 — wo ist die Prosperity der Welt? Aber die Gaben, die aus ihr zu jenem Berge kamen, auf dem jetzt die Universität steht, tragen reiche Frucht. Auch heute noch braucht die Universität die tätige Hilfe der Juden außerhalb Palästinas. Dieses Land im Aufbau hat noch nicht die Ruhe und den Ertrag, für geistige Dinge Mittel sreizuhalten. Deutsche Juden haben in guten Zeiten viel für die Universität getan; heute vermögen wir nur wenig. . Aber mit Schmerz, weil sie von uns scheiden, und mit Stolz', weil sic aus unseren Reihen, aus dem deutschen Judentum entstammen. stellen wir die Gelehrten und Forscher, die den Dank für die Wirksamkeit dort sogleich mit ihrem Wirken für das Werk abtragcn. Unsere Hoffnung und unser Vertrauen auf das Werk dort entbindet uns hier keinen Augenblick von der Pflicht, so zu arbeiten, so Verantwortung zu spüren und zu betätigen, wie cs der größte Teil des deutschen Judentums mit Würde und Festigkeit tut. Aber unsere herzlichen Glückwünsche sind in diesen Tagen bei dem edlen Werke in Jerusalem. Es möge geistiger Mittelpunkt des Landes und zugleich Pflanzstätte unseres unsterblichen Judentum« in der Welt werden. Wie jede echte Wirklichkeit möge sie symbolisch Kraft entwickeln und uns beweisen, daß immer in unserer Gemeinschaft vor der Gefährdung in einem Zentrum schon die Ansätze einer Heilung in einem anderen entstanden sind. Es ist ein gutes Gebot unseres Glaubens, bei bedeutsamen Ereignissen einen Segensspruch zu sagen; der unsrige lautet: Möge unsere Gemeinschaft immer wieder die Zeit erleben, in der es eure Stätte gibt, von der die Lehre ausgeht und der unsterbliche Geist des Judentums seine Bestätigung erfährt. WM»« m tot Auch in den letzten Tagen sind zahlreiche Verlautbarungen über Fragen erfolgt, die uns als deutsche Juden auss lebhafteste bewegen, weil sie teils die Nassensrage als solche, teils unser staatsbürgerliches Schicksal, berühren, teils unsere Ehre und Würde betreffen, teils unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Ergehen. Mir veröffentlichen die Vorgänge als Material zur Beurteilung ° unserer Lage, wobei wir zur Abrundung des Bildes unserer Auswahl sowohl autoritative Aeußerungen wie Vorgänge nur lokaler Bedeutung zugrundclegen. Auf einer Kundgebung in Nürnberg sprach Neichsminister Dr. Frick anch über die Judenfrage. Er sagte unter anderem: „Wir haben den Wert von Rasse, Blut und Volkstum erkannt und in die Tat nmgesetzt. Etz wurde ein Gesotz erlassen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, ein hervorragend wichtiges bevölkerungspolitisches Gesetz. Es wurde aus die Nassereinheit und auf das Verderben der Rassenmischung hingewiesen, und cs wurde der zersetzende sremdrassische Einfluß ausgeschaltet, weitgehend ausgeschaltet insbesondere auf dem Gebiet der Politik, im Beamtentum. durch die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurden hier diese fremdrassigen Elemente, die nur zum Schaden des deutschen Volkes sich betätigten, ausgeschaltet. Ich mochte in diesem Zusammenhang insbesondere der großen Verdienste unseres Pg. Julius Streicher gedenken, der gerade auf diesem Gebiet feit über einem Jahrzehnt nicht müde ward, immer wieder hinznwtlsen auf diese verderblichen Einflüsse der Rassenmischung, auf das zersetzende Judentum, und ich glaube, wir sind seiner Zielsetzung schon in unserer zweijährigen Negierungszeit doch schon nahegekommen, auf jeden Fall weitergekommen/ Gauleiter Grohö sprach, wie der „Westdeutsche Beobachter" berichtet, aus einem Appell der Gauamtsleiter und' der Kreisleiter in Köln. In bezug auf die Judensrage sagte er nach dem Bericht des Blattes: „Die Juden werden in Deutschland Irtiiflfam wieder srcch. Aber solange das Juden-, -tum Anspruch daraus erhebt, seinen Einfluß innerhalb der Nation geltend zu machen, wird es entschlossenem Kampf, der Bewegung begegnen. Dieser Kampf wird um so rücksichtsloser geführt werden, je mehr daS Judentum offen oder nn stillen gegen uns arbeitet. Die Grundsätze der Partei sind un». erschütterlich. Und zu diesen Grundsätzen gehört der Antisemitismus. Der. Nationalsozialismus ist antisemitisch, weil er dem deutschen Wesen entspricht. Das Judentum bedeutet eine Gefahr für alle arischen Völker. Darum ist es sehr zu.begrüßen, daß unsere Ganzeitnng, der „Westdeutsche Beobachter", in diesen Tagen eine große.Beilage herausgebracht hat, in der auf allen Gebieten des sntoätaü» bekannte Wille zur' Ausschaltung auS dem politischen und kulturellen deutschen Raum: neue Formulierungen finden, sie. bestätigen, nur unsere iatsächliche, seitzwei Iahren vorhandene Minderstellung und sind, nichts grundsätzliches Neues, das unsere Situation entscheidend verändern würde. Der öffentlichen Lebens das Judentum als Gefahr für die deutsche Bollögemeinschast entlarvt wird." * In der Königsberger Stadthalle sprach vor der Königsberger Fachschaft „Stadtverwaltung" Hauptschriftleiter Dr. Lau über das Thema „Judentum und Volksgemeinschaft". Er führte aus. „daß überall, wo auch nnr ein Jude auftritt, Art und Sitte deS betreffenden Aolkes in Gefahr geraten, denn wie ein schleichendes Gift wirkt sich die Anwesenheit von Inden in einem Vvlkskörper aus. Wenn nun dieser Körper sich dagegen ausbäumt, so ist hier die natürliche Abwehr eines gesunden Organismus gegen einer: eingedrungenen Fremdkörper und Schmarotzer zu erblicken.. / Ter Redner stellte dann in anschaulicher und. lebendiger Weise die Gefahren dar, die einem Volk und seiner Gemeinschaft, seinem staatlichen und wirtschaftlichen Leben, wie seinem kulturellen - Dasein von seiten des Jndentmns drohen. Leider trifft man anch heute noch m Deutschland auf sehr viel Unverstand und die mangelnde Einsicht gegenüber der Judensrage, und darum muß mit erhöhtem Nachdruck von jedem Deutschen verlangt werden, daß er sich nut ganzer Kraft und aus völkischem Pflichtgefühl heraus in allen Dingen für die Ausrechterhaltung des deutschen Lebens einsetzt. * In Prcnzlau sprach am 2-2. März d. I. Krcioschulungsleitcr Ostwald über „Geschichte eines Wettkampfes*. Nach schweren Veschimpsungen gegen die Heilige Schrift und Talmud, den er als Machwerk der Hölle bezeichnete, führte er aus: „... Mehr denn je ist es unsere Pflicht, uns mit der Judenfrage zu besasien. Wir dürfen den Gegner, der seine giftigen Pfeile auS allen Richtungen gegen unser Volk und unseren Staat abschießt, nie aus den Augen lassen, müssen immer wieder durch intensive Schulung die Oefsentlichkeit ausklären über die wahren Absichten der jüdischen Raffe. Man soll sich nicht täuschen lassen, wenn Juden sich eine andere Religion angezogen haben, als wenn sie ihre Kleider wechseln. Jude bleibt deswegen doch Jude. Unterstützen wir daher unseren Führer in seinen rassepolltischen Maßnahmen und seiner Arbeit zur Aufnordung unseres Volkes * Im Stargarder Neuen Gcsellschaftshaus sprach Walter Pötsch (Breslau) über .Mir und die Juden". Er schloß mit folgender Fordermcg: .Tie Judenfrage muß aus dem deutschen Volk heraus selbst gelöst werden. Erfüllen wir alle unsere Pflicht in der Judenbekämpsung. dann wird Deutschland auch ein freies, starkes, unabhängiges deutsches Reich bleiben im Sinne unseres Führers .. * Die „Oberhessische Zeitung" (Marburg) vom 25. März veröffentlicht die folgende „Warnung an Iudensreunde. Man schreibt uns: Trotz genügender Aufklärung über den Verkehr mit Juden halten es verschiedene Bürger unseres Lebensraum, der uns zugeordnet ist, ist fest begrenzt, und wenn er auch nur die wirtschaftliche Betätigung umfaßt, so soll sie im Gesamtinteresie der deutschen Wirtschaft auch uns ohne Schmälerung verstattet sein. Daran hat sich nichts geändert und es sind jedenfalls , nicht staatliche Anordnungen bekannt, die die ursprünglichen Grundsätze aufgehoben hätten. Wer nervös herumirrt und. sich von jeder Stimmung schütteln läßt, der wird noch oft Enttäuschungen erfahren und nie die innere Sicherheit gewinnen, mit der geschichtsbe' wußte deutsche Juden durch die Zeit gehen und sie würdig tragen.- klau, Reichmann» >vN