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Central-Verein-Zeitung · 1935-03-28 · 13 (28.3.1935) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
13 (28.3.1935)
Date
1935-03-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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| Jwl, I nur Jflf j % ♦ 1 5 J ♦ 3 0 ♦ ♦ 19 2-5" ' ' ' ..;.--u-lik In dieser lllafmoüityss- ^cftbcilagc der L.-v.-Zeitung schreiben: Sabbinkr Lr.F!rxgndkrA!tmgnn Lr. jfrit- Lsmderger Krafrssor Dr. Hsmgr Llbogrn Lro Hirsch Kabbrnkr Dr. §gns- Msvdsum E Lr. mkd. RD W. Schwklsheimkr abbi IVlofdic (IHofc) bei: lltaiinon, abgekürzt Ranrbanr, Huiimonibcs oder auch IVlaitufint, ist der größte jüdische Lehrer und Denker, auch die größte jüdische Persönlichkeit des Mittelalters. Lr ist in Lordova, im südlichen Spanien (Andalusien), am Erew peßach 4S93 (30. März I!3.">) geboren, irciit Vater mar dort Dajjan, d. h. Aichtcr am jüdischeir Gericht, eine weithin bekannte und geachtete Persönlichkeit; auch er stannnte von Rabbiner: und Richtern ab. Als Mosche zwöls Jahre alt war, wurde die Ruhe feiner X^eimat durch den Einfall der Almohaden gestört; N47 eroberten diese fanatischen „Bekenner der Einheit Gottes" Marokko und von da ans Spanier:. Sic forderten von allen Einwohnern das einheitliche Bekenntnis zn ihrer Zlnsfastrrttg der Religion Mohammeds und zwangen auch die Juden, entweder ihren Glauben anznnchmcn oder auszuwandcrn. viele gaben dem Zwang nach, sie trösteten sich damit, daß inan von ihnen nichts forderte als das Bekenntnis zur Einheit Gottes, das ohnehin jüdischer Glaube war, unö das lipxenmäßige Anerkennen Mohammeds als Propheten, viele andere aber konnten die Belastung ihres Gewissens nicht ertragen und wandcrten, unter Entsagungen und Oualen, ins Ungewisse. Zu diesen gehörte auch Maimon mit seiner Familie, U61 begaben sic sich auf der Flucht nach Fes und, da dort ihres Bleibens nicht war, nach dem heiligen Lande; die schweren Gefahren, die mit der Flucht verbunden waren, schildern Allszeichnungen unseres Mosche aus jener Zeit. Dermaler blieb in Palästina lind starb dort nach wenigen Mollaten, die Söhne sllchtcil in Aegypten eine neue heinrat (U65). Mosche wurde in Fostat, dcr Rcustadt von Kairo, ein vie beschäftigter Arzt in späteren Jahren war er Leibarzt des Kadhi al Fadhil al Bcisam, des Wesirs des berühmten Sultans Saladin, und stand alich bei den Prinzen in hohem 2lnsehen. Außerdem war er 27agid, das heißt (überhaupt der Iudcr: und ihr Vertreter bei der Regierung; als solcher genoß er einen so große,: Ruf, daß in den Anfang des Kaddifchgebets hinter den Worten „zu euren Lebzeiten und in euren Tagen" eingefiigt wurde „und zu Lebzeiten des R. Mosche Sohn Maimons". wann er freilich Zeit-fand, sich um die Angelegenheiten der Iudenschaft zu kümmern, ist nach der Schilderung seines Arbeitstages nicht zu verstehen, aber er war eben, ungeachtet aller körperlichen Leiden, ein unverdroffener Arbeiter und konnte kraft feiner Genialität Anßcrordentliches leisten. In seiner Familie war seine große Freude sein Sohn Abraham, der 1 185 geboren wurde und dem alternden Vater durch seine Begabung und die Neigung zu den Wissenschaften ein voller Trost wurde. R. Mosche starb tiefbetrauert am 20. Schcwat 4965 (13. Dezember 1204) und wurde in Tiberias beigesetzt. Seine Größe besteht nicht nur in seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit — er beherrschte neben der gcsanitei: jüdischen Literatur das gesamte arabische Schrifttum zur Medizin, Philosophie, Mathematik, Astronomie, Astrologie und Magie —, sonder vor allem in der Gabe, alles wissen durchzudenkcn irnd in einem klaren System zu ordnen. In jungen Jahren, auf der Flucht, hat er mit seiner Gclehrtenarbcit begonnen, und bis i Diese im „Thesaurus antiquitatum sacrarum“ des Ugolino (Venedig 1744) als Vignette verwendete, gewiß unechte Büste ist Vorlage für alle Maimonides-Bilder. Der jüdische Gelehrte I. S. Reggio konnte 1844 in einem Gutachten nicht mehr erklären, als daß Ugolinus gutgläubig eine alte Vorlage benutzt habe. zum Lebensende ist er ihr, weru: auch oft unter körperlichen ■ (öualcu, treu geblieben, von feinen großen Werken sind folgende zu ne,:nen: 1. Kommentar zur Mischna, in arabischer Sprache, nach zehnjähriger Arbeit nss vollendet. Das Werk befaßt sich nicht mit der Erklärung der Einzelheiten, geht vielmehr auf den Gcsamtinhalt und kne Zllsammenhänge ein. Außerdem benutzt es jede Möglichkeit 5x1 systematischen Auseinandersetzungen: so zun: Beispiel schickt es der Erklärung der pirke Awot die „2lcht Kapitel" voraus, die seine Ethik darstellen. derjenigen des X. Abschnitts von Sanhedrin eine Abhandlung über die Grundlagen des jüdischen Glaubens, die in den Glaubenssätzen münden, aus denen Spätere „Die dreizehn Glaubensartikel des Maimonides" formuliert haben. 2. Mischne Tora (Zusammenfassung der ganzen Lehre) oder Iad Lhasaka (-^ Starke Sand) — Iad hat in: hebräischen de,: Zahlenuxust vierzehn und entspricht den vierzeh,: Büchern in kste das Werk cingeteilt ist —, 1180 vollendet, hebräisch geschrieben und ein Kunstwerk hebräischen Stils. Es behandelt das gesamte Gebiet der jüdischen Religion, des Glaubens und des Gesetzes, in übersichtlichen und klaren Entscheidungen, ohne sich bei den (Quellen des Stoffes und den Meinungsverschiedenheiten Über ihn anfzuhalten. Gerade diese Eigenart des Werkes und die 2luffassung der kehre von der Auferstehung der Toten hatten schwere 2lngrifse gegen dasselbe zur Folge. 3. M 0 r e 27 e w ,i ch i m, Führer der verirrte,: oder Unschlüssigen, arabisch unter dem Titel „Dalalat al liairin" geschrieben, U90 beendet, eine philosophische Darstellung der hauptlehren des Judentums, wie Gotteslehre, weltschöpfung, Prophetie, Vorsehung, Begründung der biblischen Gesetze. Es ist für feine,: Licblingsschüler Ioßcf bei: Iehuda verfaßt, mit dem der Meister die Probleme mündlich zu besprechen begonnen hatte, um ihn und andere, die in Glallbcnssragen in die Irre gingen, auf den rechten weg zu leiten. Ls wurde sehr bald ins hebräische übersetzt, nach kurzer Zeit auch ins Lateinische und später in andere Sprachen; es wurde von philosophisch gebildeten Juden verschlungen, in mohammedanischei: Hochschulen vorgetraaen, von den hervorragendsten christlichen Theologen des Mittelalters, auch dem dciitschen Meister'Eckhart, wichtigen theologischen Auseinandersetzungen zugrunde gelegt, von nnphilosophischer jüdischer Seite des Unglaubens beschuldigt, wrwde das Buch durch die Inquisition 1240 in Montpellier öffentlich verbrannt, es ist aber dennoch eines der anregendsten Hauptwerke jüdischen Denkens geblieben, das Buch, an' dem sich Philosophen wie Spinoza, Mendelssohn, Lohen gebildet haben. Auch viele kleinere Schriften hat Maimonides 311 jüdischen Fragen sowie bedeutende medizinische Werke verfaßt. Sein Ruf beruht auf den genannten Büchern. Die Verehrung für ihn war so tief, daß man schon früh das Wort prägte: „von Mosche bis Mosche war keiner wie Mosche." Ismar Llbogen. Sinn drs Maimonidrs-Jubilsums /». ubiläcn sind oft gefährlich gewesen. Die großen rlmden Zahlen, mit denen sie sich uns präsentieren, haben' etwas — wörtlich zu verstehe,: — Ueberwältigendes an sich. Sie überrumpeln uns, sie verführen, sie rauben uns den klaren Blick. In der Form des Jubiläums kommt die geschiehtliche Vergangenheit in einem 2ll,genb!ick und in einer Stimmung zu uns, in der wir bereit sind, die Größe eines Mannes, einer Leistung und eines Werkes ohne Vorbehalt zu würdigen, wir wollen verehre,:; und die Kritik hält sich in solcher Verehrung zurück. Der Gegenstand der Feier soll, bei der Wiederkehr eines Datums, die Anlaß und Gelegenheit zur Erinnerung gibt, vor uns itt seiner individuelle,: Art stehen, wie immer wir auch zu ihn: stehen mögen. Man weiß aber, daß oft bei solchem Jubiläum das Pathos der Feier überredet hat, wo schlichte Darstellung nie hätte überzeugen können. Und das hat uns bei Jubiläen mißtrauisch gemacht. Lin anderes, das damit zusammenhängt, kam hinzu. Ls gibt eine Art Iubiläen zu feiern, die unehrlich ist. -ic übersteigert das Lob so, daß ein. Jubiläum den Gegenstand je des ander,: totschlägt. »Sic feiert wirklich, wie die Feste fallen. Urrd nimmt man sie ernst, so bleibt der Eindruck, daß alles, was Erinnerung bewahrt, im Rechte war. Lhronologie selbst wird dann zum Träger, selbst zum Sinn' der Geschichte. Dies muß gesagt werden, damit man weiß, daß einen: feierlichen Gedenken hier ein nttßgeblichcr und verpflichtender Sinn beigclegt wird. Ja, es muß mit besonderer Betonung vorweggenoimnen werden, weil diese Verpflichtung ein aktuelles Anliegen, unsere Aufgabe betrifft. Die Literatur unserer Zeit pflegt mit besonderer Vorliebe das biographische Werk und den historischen Roman, trie gibt all der Historie, die sie aufgreift, die Richtung auf die politischen, fiilturcüen, sozialen und wissenschaftlichen. Fragen. unserer Situation. Die Vergangenheit, die sic gestaltet, wird uns durch solche 2lktnalität der Beziehungen interessant. Aber sie wird dadurch in ihrem Ligendascin ailch wieder entwertet; und die Geschichte und die wesentlichen Anliegen unserer Existenz werden uns verdächtig, wenn wir scheu, mit welcher Leichtigkeit und wahllosigkeit sich überall die Geschichte für unsere Zwecke arrangieren läßt. Maimonides und sein Werk sollen uns bei der Betrachtung, an die wir jetzt gehen, nicht interessant, sondern wichtig und in einem Sinn, der festgelegt werden soll, vorbildlich sein. wichtig und vorbildlich zunächst einmal in der weise, in der er zur Geschichte stand. Der Begriff „Geschichte" muß bei dieser 2lussage in einem besonderen Sinne verstanden werden. Maiinonides hat kein Organ für Geschichte als das gehabt, was wir als lebendig strömende Bewegung des Geschehens, die Menschen und Zeiten trägt, empfinden. So volltönig, wie uns ein stark historisches Zeitalter wie das 19. Jahrhundert-den Sinn des Geschichtlichen vermittelt hat, ist es ihn: ebensowenig gewesei: wie iracndeinem anderen Kind seiner Zeit, mit der einen Ausnahme des Iehuda hallcmi, der vor Maimonides, aber in: gleichen Jahrhundert das Wesen des Judentums eng mit seiner geschichtlichen 2lrt verbindet. Maimonides findet die geschichtliche Tradition im u'esentlichen als die Traditioir des Gesetzes vor sich, das in der ltcltc der Ileberliefenmg von der Bibel über Mischna, Talnuid und die Reihe der Kommentatorci: und Dczisorcn bis zu seiner Zeit weiteraeacben worden ist. Die eine Wahrheit des Gesetzes ♦ lie'at vor ihn:, anscinandergclcgt in die Vielfältigkeit der Lmzclvorschriftcn und Lehren. 2lber diese vielsältigkeit hat weder die Ordnung noch die Einheit des Svjicmott tdicn in der Gestatt, in der die erklärende und auslegende Arbeit von Generationen sic in Jahrhunderte,: geformt hat. Diese 'Ordnung und Einheit wünschte er, brauchte er.. Sic gibt der Lehre Eindeutigkeit und Verständlichkeit. Der dringliche Wunsch, sie zu schassen, ist ausgesprochen der Ursxrung des großen halachifchen. Werkes, des Mischnir Tora, was es für die halacha, für das religiöse Gesetz, selbst bedeutet, wird an anderer Stelle dieses 23Iattcs dargestellt. Aber unabhängig von seinem Inhalt bedeutet die Methode und das Prinzip, ans den: es geschrieben wurde, eine der großen exemplarischen Möglichkeiten, in einer alle angehenden Frage sich zu entscheiden. Die Lösung, die Maimonides gibt, ist formal Vorbild für eine der möglichen Entscheidungen, die die Existenz des Geschichtlichen uns abfordert, wir sind mit unserer Person und unserer Zeit hineingestellt in den großen 2lblaus der Zeiten, die vor uns waren und ii: unsere Zeit hincinmünden. wir stehen vor der Fülle dessen, was in dieser Vergangenheit legitim gedacht und uns vorgchandelt worden ist. Das aus der Geschichte her aus uns Zukourmende hat einen 2lnspruch, mit dem es an uns herantritt. Die 2lnsprüche häufen sich, sic widersprechen sich vielleicht sogar, wir werden zur positiven Entscheidung gegenüber dem Geschichtlichen gedrängt, cs sei dann, wir kümmern uns darum nicht, verwerfen die alten werttafcln und stellen neue auf — oder aber: wir überantworten uns, wenn wir es überhaupt können, der Vielfalt und dem Widerspruch des Geschichtlichen, in dessen Strom wir uns treiben lasten. wir wollen eine Einschaltung machen und Gesagtes noch einmal deutlicher sagen, um der Gefahr von Mißverständnissen zu begegnen. Die Situation, die wir geschildert haben, ist allgemein nur die Situation des Maimonides und erfährt in feiner besonderen Lage eine ganz wesentliche Spezifikation. Das wissen wir, und das fei'vorausgesetzt, was Maiinomdcs an Tradition vor sich hat, ist auch, wo bet ihrer Vielfältigkeit und ihren Widersprüchen Menschen am Werke waren, Werk am Inhalt der Offenbarung, von daher sind in: Grenzen seiner „Entscheidung" gegenüber dem Ueberkommenen gesetzt. Aber gerade in der Erwiderung auf seine Gegner, die ihm solche Grcnztibcrtretuug oorgcworfcn rmd.ihn des Frevels der Aufhebung der Offenbarung geziehen Habens hat Maimonides gezeigt, daß, mit Begriffen unserer Zeit gesprochen, seine Arbeit jenseits oder vielleicht bester: noch vor der Hirtenfcheidimg von „orthodox" und „liberal" liegt. Der Ort für eine solche Unterscheidung liegt anderswo. Und man kann sehr wohl gewichtige Gründe dafür beibringen. daß die vormaimonidischc Tradition in ihrer sich selbst und der von ihr explizierten Sache überlassener: Entwicklung „liberaler" ist als der .Kodex des Maimonides. 2lber wie gesagt: vor aller Entscheidung darüber, die eine Entscheidung über den Charakter der Offenbarung als unmittelbare worteingcbung von Gott sein müßte, liegt eine allgemeine Antwort des Maimonides vor. Aus einer ausgcbreitetcu „litcrarischcu" Tradition, in die sich Lehre und Gesetz nicdergelasteu hatten,' in deren Verlauf sie diskutiert und umfänglicher, aber anch komplizierter uird oft widersprechend geworden waren, heraus hotte er die Norm dessen, was gelten sollte. Zwischen den philosophischen 2lnsairg: „Die Grundlage und die Säule aller Weisheit ist: zr: erkennen, daß cs ein Urseiendcs gibt, das alles Dasein erschns" und den ins Mcstia- Nische weiscitden Schluß: „Demi die Erde wird voll sciit der Erkenntnis Gottes, wie Wasser die Mcerestiefc bedecken" stellte er den Inhalt des Iudeutuins. Nicht als eü: Werk eigener Konzeption gestaltete er ihn, sondern mit dem in der (Einleitung zum Werk ausgesprochenen 2lnspruch, daß er die Ueberlicsermrg in ihrem wesentlichen von jeglicher Kontroverse befreit in ihrem feststehenden und gclänterten Gehalt wiedergcbe. Die Zeitgenossen, imö Späteren hadert dem Maimonides vorgeworfcn, daß fein Buch nicht die Orreller: zitiere. Sie Hader: damit bezeichnet, was es wirklich fein wollte: ein nnhistorisches Buch, kein Kommentar. Und wenr: Maimonides antwortete, daß er die Ouellen wohl kenne, sie vorher eingehend ge- . prüft und ihnen das wesentliche und wertvolle entnommcn habe, so ist damit als Zweites gesagt, daß seine systematische „Selbständigkeit" auf die lieber* liefcrung einen echten Bezug hat, auf sie gegründet ist. So scheint uns unfete Stellung zur Historie

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