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Central-Verein-Zeitung · 1935-03-21 · 12 (21.3.1935) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
12 (21.3.1935)
Date
1935-03-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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f ■ "ritJot** \ i-rcITT- i ■ ► , , , a^O WO Lä LiÜa'W^ Lj Li '*.' _ c. Nr. 12 ■tlrrfoinnci i- Beiblatt ÜrO111. ' 21. MS« §ch,RM m MsSk. Wir haben hier vor ganz' kurzer Zeit die Arbeiten von Mcta Cohn - Hendel beschrieben. die schönen Bilder' aus den Bergen' und die köstlichen Holzschnitte von Blumen und Bäumen, und es lag uns sehr viel daran, unsere große und ehrliche Anerkennung auszusprechen, die der Künstlerin Meta Cohn-Hendel geziemt. Heute gilt unsere Aufmerksamkeit der Handwerkerin Meta Cohn-Hendel. der Frau, die mit M fcf? /" ’V *r .\ V i>v^rTl Holz und Papier umzugehcn weiß; sie gilt ihren Händen, die mit harter Kraft ein scharfes Hohlinefscr um die zarteste und sanfteste Kontur einer Glockenblume zu führen wissen. Goethe schrieb einmal an Rüderer, wenn der Künstler nicht zugleich Handwerker sei. so sei er nichts, und so gab er uns also das Recht dazu. Frau Meta Cohn- Hendel ans die Finger zu sehen. Run, eigentlich must man ihr zuhoren, wenn sie von ihrem Handwerkszeug erzählt. Bon Messern und Holz und vom Japanpapier. Bom Holz, in das die Gräser und Blüten und Blätter der berühmten Wiese eingeschnitten sind, sechs wertvolle Platten, spricht Meta Cohn-Hendel wie von einem lebendigen und zärtlich geliebten Wesen, und man müßte von Holz sein, spürte man nicht allein schon aus ihren Worten das bandwcrkliche Können, die. handwerkliche Fähigfcit und Begabung heraus. Persischer Bnxbanm. die'Platte ist aus vielem vielen kleinen Stücken zu'-ammengeseht, eine Mosaikarbeit, die wie glatter Marmor anznfühlen und beinahe auch so hart ist. oder Birnbaum-Langholz, etwas weicher und nachgiebiger, cs muß mit einem andern Messer bearbeitet werden. Das Japanpapier, diese zähe und doch so seine Verbindung von Bambus- und Reisfaser, ist das zweite Kapitel., das beinahe nie ein Ende fände, soviel ist von seiner Eigenart, seinen Vorzügen und seinen Marotten zu erzählen, und der Leser , müßte sich'niemals langweilen, denn es handelt sich ja hier um den Charakter einer kapriziösen exotischen und Auslegung. Dann aber hat cs sich der Mühe ' gelohnt. Und wir wollen noch einmal Goethe aussprechcn lassen, was wir selbst empfinden: „Gott segne.Kupfer. Druck und jedes andere vervielfältigende Mittel, so daß das Gute, das einmal, da war, nicht wieder zugrunde gehen kann/ G. H. Fotodiensl Arno Kikolcr und Sonncnfchl Prinzessin! Wie geht die Arbeit vor sich? Zuerst entsteht das Aquarell, Komposition, Farbe und Fornr werden sestgelegt. Dann wird, eine strenge, exakte Kontnrenzcichnnng angesertigt, und dann wird sie nach Farben geteilt, in so viele Teile, wie Holzplatten angesertigt werden. Der Teil, der die meisten Formen enthält, wird zuerst auf die Holzplatte übertragen. Bitte, aber nicht die Nadellöcher vergessen! Nadellöcher? Ja. das ist das ' wichtigste, versichert Meta .Cohn- Hendel, und sie zeigt ans zwei Nadeln, die am Rande der Platteneingcstochen werden — die ' Löcher der einzelnen Plat- K-Wi ten müssen haarschcirf übcreinstimmcn — und die das Papier dann immer / s auf derselben Stelle durchstoßen. Die Holzplatten werden nun mit Nelkenöl eingerieben, damit das Holz von der Farbe isoliert wird, dann wird . mit | einer Gelatincwalzc die f - Farbe anfgctragcn, das /; ■' .***-' 4 feuchte Japanpapier dar- ^' v-v \ 1 aufgelegt, und mit einer . ''v'"" ' ,vV $ anderen Walze wird cs fest und gleichmäßig über das Holz gestrichen. ' /i Das ist immer wieder ein . 4nfh - ........, aufregender Augenblick, die farbigen Konturen das dünne Papier durch» Druck wird fertig. „Man machen", sagt Meta beginnen durch zilschimmern, der kann alles ganz verkehrt Cohn-Hendel,^ „es ist nur ein ganz schmaler Weg. ans dem es richtig geht." Mit peinlicher Genauigkeit mischt sie die Farben — nein, ein Künstler muß gar nicht liederlich sein — Meta Cohn-Hendel hat eine Art Farbenkochbnch bei der Hand, da steht genan, aus welchen Farben und in welcher Menge sich daS Not des Sauerampfers zusammenseht, und nach diesem Rezept wird immer wieder gemischt. Erst kommt das zarte Gelb des Himmels, das dunklere der Wiese, dann kommen die grünen Gräser und Blätter, dann Blau, Orange, Not und Braun. Sechsmal wird das Papier gehoben, zwischen die feuchten Blätter geschoben und gepreßt, sechsmal dieselbe Borsicht, dieselbe Spannung "L / V V ' I ,; j^t EVigss Mmfm In der Donnerstagreihe der Lehrhausvorträge sprach Dr. Fritz Bamberger über „Ewiges Judentum". Er ging von der grundlegenden Fragestellung ans, welches Bewußtsein die Inden durch die Jahrtausende hindurch getragen und bewahrt habe, in denen ihnen alle erhaltenden Kräfte, wie Land. Sprache, eigene Sitten gefehlt haben. ‘ Eine Antwort ans diese Frage, die zwar nicht ansreiche, aber einen Hinweis biete, habe Nietzsche versucht mit der Feststellung, daß dem Judentum ein besonderes Gedächtnis eigne. In der Tat sei das Charakteristikum der jüdischen Neberliefcrnng in einem besonderen Zcitbegrisf zu suchen, der jede Generation ohne die historisierende Problematik des uns geläufigen Bewußtseins mit den Denkergebnissen der früheren Generationen in Bezug gesetzt habe. Ter Talmud sei zwar in Jahrhunderten gewachsen und an den. verschiedensten Orten und von den verschiedensten Schulen geschaffen, trotzdem aber stehe er unter der Fiktion der Einheit von Ort und Zeit. Das Zcitbcwnßtscin, das sich in einer solchen Beschaffenheit der mündlichen Lehre dokumentiere, sei das gleiche, dem Iehnda Halcvi mit den Worten Ausdruck gegeben habe, daß jeder Jude in dem Bewußtsein leve, selbst am Sinai gestanden zu haben. Es drücke sich darin aus. daß die Grundtatsachen der jüdischen Lehre, ihr Ausgangspunkt sowohl wie der Fortgang der Auslegung in jedem einzelnen Inden so lebendig sei. als ob die distanzierenden Tatsachen des Zeitablaufes und der räumlichen Entfernung nicht vorhanden seien. Aber die jüdische Zeit sei ebenso Augenblick 'wie durch ihre Zusammenfassnng in jedem neuen Augenblick Ewigkeit. Und diese Ewigkeit habe dem Judentum seinen Halt in der Geschichte gegeben. Ein anderer Begriff, an dem sich die Besonderheit des jüdischen Zeitbegrisfs offenbare, sei der Messianismus. In ihn seien ursprünglich zwei Vorstellungen eingegangen, eine, die ihn in ein anderes Aeon außerhalb unserer Zeitrechnung versetzte, und eine, die ihn in unsere Zeit mit eiubezog. Einer Verbindung beider Vorstellungen sel. schließlich im Midrasch-Schrifttum ans die Weise Ausdruck verliehen worden, daß die erlöste Welt als Gedanke (oder als Gedanken) in jener Welt fortleben werde. Hierin liege eben das Wesen des jüdischen Gedächtnisses, daß es die Elvi gleit' in der zum Gedanken gewordenen Tat herstclle. Der heutige Weg zu diesem Ewigen Judentum führe, wie zu allen Zeiten, über das Lernen. Das indische Lernen sei kein beliebiges Hinzufügen von Kenntnissen und Wissen, sonderitz es offenbare neue beglückende Sicherheit, in dem es die Zeiten Überdrucke und zusammenfüge im Sinne des Goctheschen - Wortes: ' . . „Dann ist Vergangenheit beständig. Zukünftiges voraus lebendig, der Augenblick wird Ewigkert." _ e. R.-J. VrsMr 8arob LbrrmmrlWurbWg) 96 Salm alt Am 21. März wird Professor Jacob Oberin ep er 20 Jahre alt. Der Jubilar ist eine markante Persönlichkeit in der deutschen Judenheit. Geboren in Steinhardt im bayerischen Mittelfranken im Jahre 1845, genoß er in seiner fO' n i i r : *f/\7 Jugend eine gründliche talrnudische Ausbildung Im Jahre 1868 unternahm er. um das jüdische Leben im Orient kennenznlernen, eine Reise, die ihn nach Nordafrika von Marokko bis Aegypten durch ganz Palästina und durch einen Teil Syriens bis Damaskus führte. 1869 bekam er eine Anstellung als Lehrer an » einer Schule der Alliance Jsraölite Universelle nach Bagdad, wo er nach drei Jahren die Stelle eines Lehrers und Erziehers im Hause des dort im Exil lebenden persischen Kronprinzen Naib as-Saitana, eines Bruders Nasir-ad-dins, des Schahs von Persien, übernahm. Während dieser ^eit widmete er sich dem arabischen irnd persischen Studium und vertiefte sich eingehend in die Erforschung des dort beheimateten babylonischen Talmuds. Im Jahre 1884 wurde er zum Lehrer der arabischen und persischen Sprache und Literatur an der K. K. Lehranstalt für orientalische Sprachen in Wien ernannt. Diesen Posten hatte er bis znm Jahre 1915 inne. Während seines Aufenthaltes in Bagdad hat Obermeyer als Lehrer und Erzieher des Prinzen diesen stets auf der Jagd begleitet. Bei diesen Jagden hat er die Landschaft zwischen dem Euphrat und Tigris kreuz und quer durchreist. Jin Jahre 1907 hat Lbermcycr sein Werk „Modernes Judentum int Morgen- und Abendland" herausgegcbcn, in dem er viele Probleme der deutschen Jndcnheit im Vergleich mit dem Leben der Inden in anderen Ländern, hauptsächlich im Orient, verglichen und anseinandcrgcsetzt hat. Im Jahre 1929 ist ans Veranlassung der Professorcn E. ->R i t t w v ch und I. E l b o g e n in den Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums das Lebenswerk von Obermeyer „Tie Landschaft Babyloniens im Zeitalter des Talmuds und des Gaonats" (Geograpyie und Geschichte nach talmudischcn. arabischen und anderen Quellen) erschienen. Dieses Werk ist eine reiche und lmentbeyrliche Quelle für jeden ,Fvrschcr auf dem Gebiet der Geographie des babylvnisck)en Talmuds wcd nbertrifft die Arbeiten seiner Borgänger auf diesem Gebiet wie Selig kPanlns) Cassel. S. I. Nappaport s..Crekh Rlillin"), Neubauer (Im (H-o^rapliio rlu Talmud) und Berliner („Beiträge zur Geographie des Talmud"), welche zu ihren Arbeiten die arabischen Geographen und Historiographen fast gar nicht herangezogen haben, sondern sich nur ans die Angaben der griechischen und römischen Autoren, rvic sic in den Quellenwerken von Rtannerts „Geographie der Griechen und Römer" oder Carl Ritter „Erdkunde" u. a. sich vorsindcn, stützen. Professor Obermeyer hat in seinem Werk die arabischen Geographen und Historiographen benutzt. die zurzeit des abassidischcn Kalifats in der Gaonenzeit lebten, und welckie ans eigener Anschauung das Land kannten und beschrieben, das ' damals noch im wcscntlick)en den geogrphisckM Charakter der talmndischcn Periode unter der Sasanidenhcrrschaft bewahrt hatte. Wir wünschen dein hochverdienten Ju'bikar, daß er noch viele lange Jahre in unserer Rtitte weilen möge zur Freude seiner Familie und vielen Berehcrer. I'rok^nor Dr. Isaac Markon. * Professor Tr. Isaac Markon bittet uns um Deröffentlichung der folgenden Zeilen: „Anläßlich meines 60. Geburtstages sind mir so zahlreiche Ehrungen aus dem In- und Auslände zuteil geworden, daß es mir unmöglich ist, jede einzelne zu beantworten. Ich danke deshalb auf diesem Wege für alle Beweise freundlichen Gedenkens herzlich." An Bord der „Palestina", 12. Dlärz. Schneesturm über vier Länder. Deutschland. Oesterreich. Jugoslawien und auch noch die italienische Grenzstation Pidecolle starren in Schnee und Eis. Der Nordost braust über die Grenzen, die man in zwölf Stltndcn passiert ltnd lacht all der Paß-, Gepäck- und Devisenkontrollen, die der: Reisende über sich ergehen lassen muß, bläst in-. Görz den Himmel sternenklar, fegt in Triest als Bora durch die Straßen und vertreibt noch einmal den Frühling, der sich hier schon als sicherer Herrscher gefühlt hatte. Er wirft sich' auch dem schlanken, lveißen Leib der „Palestina" entgegen, die am 8. März zum erstenmal die Fahrt nach ihrem Patenlande antrcten will, reißt immer luieder die Taue durch, an denen der Schlepper sie an den Kai zieht, aber die Kunst der Schiffs- . führung besiegt ihn, und pünktlich um 10 Uhr früh liegt das Schiff, seiner Gäste harrend, am Dock des Lloyd Triestino. Der kann ein doppeltes Jubiläum feiern, denn es sind gerade setzt zehn Jahre vergangen, seit er als erste Schiffahrtslinie den regelmäßigen Palästina-Dienst ausnahm und seine Schiffe auch in der Ausstattung den besonderen Bedürfnissen der jüdischen Auswanderer anpaßic: rituelle Küchen' mit jüdischem Aufsichtspersonal, Gebeträume einrichtete und eines seiner Schisse sogar einem jüdischen Kapitän anvertraute. Am koscheren Tisch der ersten Klasie serviert ein deutscher Jude; er war Müller in der Gegend Berlins, wurde dann, nach einigen anderen Versuchen, Koch beim Lloyd und ist nun Steward auf der „Palestina". 250 000 Passagiere hat diese Linie in den zehn Jahren nach Palästina befördert, viele Chaluzim mrd andere Auswanderer unter ihnen, aber auch viele Touristen, die teils das neue jüdische Palästina, teils wohl aber auch das Land der Bibel schauen wollten. Dyrch besondere Abmachungen mit der Jewish Agency wurde die MassenauLwanderung geför-' bett. Zunächst waren et vorwiegend Menschen^ au» dem Osten, die diese Schiffe nus 'den dnnklen GhettiS der Ukraine. Galiziens, Polens, Litauens in das freie Palästina führten; Menschen, die ihre engste Heimat noch nie verlassen Tzatten und die, hier auf Triestiner Boden zum erstenmal die Wärme des Südens und das Blau des Meeres erlebten. Dann kam auch die deutsche Auswauderung. und ' viele Tausende unserer Landsleute' haben.in den letzten zwei Jahren guf der „Pilsua" und der „Eerusalemme". den beiden regelmäßigen Pvstschisfen, Europa verlassen. Bei dieser Jungsernfayrt der „Palestina" aber, die der Lloyd jetzt, als drittes regelmäßiges Poftschiff zwischen Triest, und Haifa in den Dienst gestellt hat — und das ist das zlveite Jubiläum—, sind nur wenige^ reichsdeutsche Touristen an Bord. Die 300 Auswanderer, die die Touristenklasse zum größten Teil belegt haben, sind wieder Polen, die meisten schon auf Hachschara für das bevorstehende Leben geschult, junge Menschen der^ Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Männer und viele, viele Mädchen, manche von ihnen des Zorti-; fikats wegen getraut,- gewohnt an schwere Arbeit», größtenteils der untersten sozialen Stufe pol-, nischer Kleinstädte entstammend. Bei ihnen merkt. man keine Spur von Abschiedsschmerz, kein Mensch winkt ihnen ein Lebewohl, als das Schiff in Sec geht, gänzlich unscntimental,-von ihrem' Gestern schon völlig gelöst,-nur mit der Sorge der Unterbringung in den Kabinen beschäftigt, achten sie gar nicht der Abschiedsstunde. -Ich stehe allein am Deck, blicke auf das vost der Bora -leergeblasene Ufer und denke darüber nach, wie anders meine Gefühle wären, wenn ich nicht die Rückfahrtkarte im der Tasche wüßte, sondern der Heimat,- Europa, dem Westen für immer > Lebewohl sagen müßte. - Doch die MittagSglocke. und' die Bora verscheuchen schnell alle philosophischen Amvandlungon. In eisiger, Kälte fahren'wir durch die blaue Adria, die unsere brave „Ipalestina" in der Bähe von Fiume und Pola — gerade, als die. ersten Sterne den Beginn beß Sabbats künden — ordentlich tanzen läßt. Mer.viel ungastlicher als'i die Adria, die. qm nächsten Tage, den Frühling, wenigstens vortäuschtr begrüßt unS iStie.chenland. Schneebedeckt leuchten am Sonntag morgen seine Berge unter dem blauen Himmel, ein natürlicher Wall gegen jeden, der etwa eindringen will. Aber es sind nicht Fremde, gegen die sich das Land jetzt wehrt, sondern die Bürger des eigenen Landes kämpfen gegeneinander. Die Leuchtfeuer sind gelöscht, fremden Schiffen ist die Einfahrt in den Piräus verboten — so ändern wir unseren Kurs und fahren südlich an Kreta vorbei. Das Wetter ist hier im griechischen Meer ebenso ungastlich wie die Atenschen auf seinen Inseln. Ulster Schiss, das früher den Seedienft nach Indien und Mittclamerika gemacht hat. kämpft stark gegen Aequinokt^alstürme, Regen und Wellenböen an, und nach fast zehnstündiger Sturmfahrt lacht uns am Montag endlich frühlingswarme Sonne entgegen. Ter liebenswürdige Kommandant und seine Offiziere, die sich in nie erlahmender Güte der Chaluzim ebenso annahmen wie der Passagiere erster Klasse, hatten sich, als gute Wetterpropheten erwiesen, und in un-, getrübter Bläue fahren wir nun ohne Zwischenlandung direkt auf Haifa zu, dem Sommer entgegen. , Die Passagiere sind inzwischen eine große Familie geworden mit all den Sympathien und Antipathien, die sich im Verwandtenkreise zu treffen pflegen, geladen mitscharfer Kritik und manchem Dorilrtcik gegen den lieben Vetter, aber nach außen hin gemildert durch die Rücksicht auf das Renommö der „eigenen Familie". Die 18 Mitglieder der englischen Wizodelegation befragen die Auswanderer ebenso über woher und wohin wie die kleinere Gruppe tschecho-- slowakischer und deutscher Touristen. Es ist nicht Neugier, die hier fragt, sondern brennendes Interesse an dem Schicksal der Menschen, ihren Hoffmmgon und der Zukunft de8 Landes, dem sie sich hingebcn. Sie nennen sich fast alle Schwarze Arbeiter (d. i. Schlverarbcttcr, nicht etwa Schwarzarbeiter); dazwischen ist eine kleine Schauspielertruppe, die aber nur Mcnds spielen und bei Tage auf dem Bau arbeiten will, eine junge Chemikerin , auS Warschau, die. alö Assistentin drüben weiter-, arbeiten zu können hofft, mehrere Ingenien«, qin. gebürtiger Deutscher mit grau und kleinen /rin. dern, der, ehemals Konfektionär in Westfalen, nach zwei Jahren der Enttäuschungen in Holland jetzt zum Polsterer umgeschichtet hat und sicherer Aussicht auf Arbeit in Tel-Aviv entgegenfährt. Dazwischen einige alte Männer und Frauen, die zu ihren Kindern reisen und sich von der Jugend ganz fcrnhalten. Man sicht sie höchstens einmal im rituellen Speisesaal oder am ,Freitag abend, als sie in der salla pregiuera ihr Abendgebet verrichten. Ein alter Mann, wohl von der litauischen Grenze, nach chassidischer Art gegürtet, ganz in den Tallis gehüllt, betete vor. und ein Sprachengewirr von Hebräisch, Deutsch, Englisch. Italienisch antwortete ihm. Man traf sich im Zeichen der Religion, die alle nationalen Grenzen überwindet. Aber die Jungen waren dem Gebet ferngcblieben. Sie sind Juden, aber die meisten von ihnen sind fern der Religion, und die Horra. deren Getrampel das Schiffsdeck immer ivreder erzittern läßt, die schwermütigen Gesäuge, die bald vom Oberdeck, bald aus den Kabinen ertönen, hebräische Melodien, das Wolgalied und andere slawische Volkslieder muten ebenso an wie das Aeußere dieser Menschen: russisch-polnische Bauern und Schwerarbeiter. Sie haben sich verpflichten muffen, zunächst zwei Jahre auf dem Lande zu arbeiten, und sie werden dort Pionierarbeit verrichten, wie zehntausende ihrer Landsleute vor ihneri. Trotzdem: viele Probleme, die uns in Palästina errvarten. treten uns hier — zwischen dem fröhlichen, zeit- und weltvergeffencn Bord, leben — in aller Schwere entgegen. Probleme, die erwachsen aus dem engen Zusammenleben von Ost und West, von Menschen einfachsten und bedürfnislosesten sozialen Herkommens und solchen kultur- und zivilisationbeladener Gewöhnung; von Menschen streng gebundener Gläubigkeit und tra, ditions- und religionslosen politisch Radikalen. ' Aber dann kommt der Augenblick, dem wir alle, Atenschen verschiedensten Herkomnrens, entgegenzittern: Palästina in Sicht — der Hafen von Haifa, die Hänge des Karmel mit gelb leuchtenden neuen Häusern auf grünem Grund ... Die Theorie schlvrigt — die Wirklichkeit beginnt. Vr. Mftrguwt« Mfllwlia,

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