Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 11 (14.3.1935)
- Date
- 1935-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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pnfVinm/ vj Nr. 11 1. Beiblatt u. mn u,^, In diesen Tagen erregt eine neue Wissenschaft viel Aufsehen in unserer Mitte. Man könnte sie mit einem Schlagwort die Ges ch i ch t s m a t f) e m a 11 f nennen. Gemeint ist das Bemühen so vieler Statistiker in unseren Reihen, die nicht nur auf Grund genauer Tabellen den Istbestand des Judentums aufzunehmen sich bemühen, sondern darüber hinaus sich angelegen sein lassen, den Tag zu errechnen, an dem der letzte Jude in den Ländern der Welt zu Grabe getragen wird. Es ist ein eigenes Verfahren. Die Prophetie ist hier zum Rechenexempel geworden. Vom statistischen Gesichtspunkt aus gesehen, mögen solche Untergangsbilanzen ihre Berechtigung haben. Smd sie deshalb auch geschichtswahr und für die Zukunft bindend? Läßt sich Geschichte überhaupt in Zahlen aufreihen und auflösen? Wer von der Ueberzeugung ausgeht, daß geschichtliches Sein und Werden nichts anderes als Ausfluß ökonomischer und zu errechnender rcalpolitischer Kräfte ist, wird dem zustimmen müssen. Wer aber weiß, daß das Geschichtsbild der Bibel unter dem Gesetz des Prophetenwortes steht: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen", der kann sich mit solcher Zahlcnprophetie nicht zufrieden geben. Der ahnt, daß für den Geschichtsverlaus noch ganz andere Faktoren als die von uns aufzeigbaren Kräfte maßgebend sind. Der fühlt, daß gerade das Unvorhergesehene. Unberechenbare, das von uns nicht Berücksichtigte, das ganz andere, an das wir gar nicht gedacht haben, den Gang der Ereignisse zutiefst beeinflussen und gestalten kann. Zu solch erhöhter Geschichtsschau.will uns Purim von Jahr zu Jahr aufrufen. Dieses Fest erhält ja sein Gepräge durch die Lektüre der E st h e r - R v l l e. eines Buches, an dem jüdische wie nichtjüdische Kritik mancherlei Anstoß genommen hat. Trotzdem hat der Talmud recht, wenn er erklärt: „Das Esther- Buch ist in heiligem Geist verfaßt." In ihm ist zwar die ausdrückliche Nennung des Gottesnamcns geflissentlich vermieden, aber jedes Kind erfühlt bei dem Hören seiner Worte das Geheimnis, das über den merkwürdigen Geschehnissen, die dort berichtet werden, gebreitet ist, und erschauert unter der Entdeckung, daß Geschichte mehr meint als menschliches Wollen und Planen, als errechnetes Tun und Unternehmen. Ueberblickt man den Inhalt der Esther- Rolle. so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Rettung der Juden dort aus höchst eigentümliche Weise vor sich geht. Sie ist eigentlich nur der nebensächlichen, kaum erwähnenswerten Tatsache zu verdanken, daß der König Ahasveros eine Nacht lang nicht schlafen konnte, und daß er durch die von ihm gewünschte Vorlesung aus der Hauschronik aus den Mann aufmerksam gemacht wurde, der dann das Schicksal der schon zum Untergang verurteilten Juden zum Besseren wenden sollte. Alle bis ins letzte ausgeklügelten menschlichen Pläne waren damit über den Haufen geworfen.. Das Unvorhergesehene. das Ueberraschende, das Unwißbare war Ereignis geworden. Das Los. das die Menschen gezogen hatten, erwies sich als trügerisch. Gott hatte sein Los geworfen, und so kam alles anders, als es nach menschlicher Voraussicht und natürlichem Verstand hätte cintressen müssen. Purim ist deshalb für den Juden zum Gleichnis seiner gesamten Geschichte geworden. Was er damals in Persien erlebte, ist ihm gar oft im Laufe der Zeiten wieder begegnet. Wo mathematische Klügelei schon zu triumphieren schien, da kam Rettung aon „anderer Stelle", wie es in der EstherÄRolle im Hinblick auf Gott heißt. Darum hat der Jude das Purimwunder gar oft mit Ereignissen ähnlicher Art in der jüdischen Geschichte in Verbindung zu bringen gewußt. So spricht man bei uns von einem Purim- Ankona, Pnrim-Narbonne, Purim-Winz und vielen ähnlichen Vorkommnissen. Alle Einzelaufzählungen paralleler Geschichtsdaten erübrigen sich aber, weil die Existenz und die Erhaltung des Judentums selbst ein Wunder aller Wunder genannt werden muß,, das allen rationalen Erklärungsversuchen und allen mathematischen Vorausbestimmungen Hohn zü sprechen scheint. Eine Geschichtsbetrachtung, die keinen Raum für das Geheimnis und das Wunder in . der Welt lassen, die den Zugriff Gottes im Menschengeschchen ausschalten will, hat darum kein Recht, sich aus das Judentum zu berufen. Wohl sagt der Talmud an einer, Stelle/ daß man sich nicht allein aus das Wunder verlassen dürfe. Jüdischer 'Haltung entspricht es darum auch nicht, nur untätig auf die Zeit der Gnade zu harren. Der Jude weiß sich vom Sinai her „ausgerufen", der Täter seiner Tat auf Erden zu sein. Wer aber dabei nur auf menschliches Wissen und Können pocht, der wird erst recht den jüdischen Weg verfehlen. Wer glaubt, die Zukunft errechnen und das Ende bedrängen zu können, sieht an der Weisung der Thora vorbei. die von dem Menschen als dem Wanderer zwischen zwei Welten spricht, wenn sie sagt: „Das Geheimnis ist bei Ihm. unserem Gott, das Offenbare ist bei uns und unseren Söhnen auf immer." Wir werden uns dem Offenbaren, das in dieser Zeit liegt, gewiß nicht verschließen. Wir wollen uns aber auch durch keinerlei Geschichtsmathematik und Zahlenmagie den Blick für das Entscheidende unseres Lebens rauben lassen: für die Möglichkeit des Gottcswunders auch in diesem Geschlecht. Der so sicher auftretenden Wissenschaft vom Untergang setzen wir den Glauben an das Unwißbare und Unvorherzusehende in der Weltgeschichte, den Glauben an das göttliche „Vielleicht" entgegen: „V r e l l e i ch t begnadet der Ewige, der Gott der Heerscharen, den Ueberrest Josefs." (Amos 5,15.) 8»ddw«r Dr. Hugo Hahn, Essen WrimMZM veil Alsttb Auerback Esther träumte. Haman sei wieder da, er nahm ein schwarzes Los und schrieb darauf den Tag der Vernichtung. Der Traum scheuchte sie vom Lager auf. wenn sie neben den König ruhte. Er fragte sie nach dem Grund ihrer Bängnis, aber sie schwieg. Ein Schatten lag über dem jungen Glück der ' beiden. Die Königin berief die Aerzte. um sie zu befragen. Sie redeten viel über böse Säste und rieten ihr den Gebrauch von allerlei Heilkräutern, und andere empfahlen Beschwörer gegen böses . Eeträume. Die Königin ließ den Hoferzähler kommen in einer Nacht. Ter war ein Dichter und sah.in die Tiefe der Seelen, er sprach: „Wisse, o Königin, auch ich träume viel und oft, aber meine Träume kommen zu mir am hellen Tage. Auch ich sah gleich dir einen schwarzen Vogel, der trug ein Lös im Maule. Das war jenes Los, dos das Geschick eines Volkes entscheidet. Wo er es fallen läßt, vollstreckt es sich. Aber, ich sah auch eine Hand, die wies nach einem Tore hin, und der schwarze Vogel nahm die Richtung, die die Hand ihm wies. Ihr folgtet ihm getreu und in Ergebenheit, denn eure Weisen sprachen von der Schickung in den Willen Gottes. Und der schwarze Vogel flog und ihr folgtet ihm nach in Demut. Als der Vogel an dem Tore angelangt war. sah er. daß es das goldene Tor des Himmels war. bo. ließ er das Blatt aus seinem Maule fallen und sank ihm nach zur Hölle Esther fleht für ihr Volk Stich nach dc.m Gemälde „Esther vor Ahasver“ von Br.rnardo Stro:si Esthers Auserwählung (Am einer alt-italienischen Bibel) Folodiensl Arno Kikdler, Berlin DieKöntzln EWr Die Königin Esther war so schön wie eine Märchentönigin. Unter tausend Jungfrauen, die ins Frauenhaus zum Schlosse in Suso kamen, fand sie allein Gnade vor den Augen des mächtigen Königs Ahasveros, der hundertundsiebenundzwauzig Länder regierte, von Indien bis ins Mohrenland. und der ezn anspruchsvoller und leicht zu erzürnender Herr war, denn er halle kurz vorher ftdj über eine Widersetzlichkeit seiner ersten Gattin so ärgern müssen, so grimmig geärgert, daß er sie kurzerhand verstieß und sich eine neue suchte. Und dabei war die erste Gattin. Vasthi hieß sie, von nidjt geringer Schönheit und von großem Liebreiz. Des Königs Zorn verrauchte, als er Esther sah. Ihr richtiger Name war eigentlich Hadafsa und das heißt Myrthe. Auch das hat einen märchenhaften Klang, ein Mädchen, dos Mhrthe heißt, ist zart und sein, und weiß ein Geheimnis zu bewahren. Tie anmutige Mvrthenblüte Esther, die .lieblichste der lieblichen Gestalten", schwieg über ihre Abkunft und über ihr Volk, als sie zur Königin gekrönt wurde, weil es ihr Oheim und Vormund gebot. Sie fragte nicht viel, warum und weswegen, sie war unschuldsvoll und gehorsam und.sie war nicht neugierig. Vielleicht aber ahnte sie auch, daß ihr gütiger Oheim in weiser Voraussicht ihren Mut und ihre Kräfte stählen wollte. — denn auch zum Schweigen gehört Mut — vielleicht auch ahnte sie schon daiuals die hohe Mission, die ihrer wartote, ihrem Volk zu helfen, und daß cs besser sei, ihr Volk erst dann zu erwähnen, wenn es in Not gerate. So wurde also die schweigende Esther zwölf. Monate in den Frauengemächern aus dem Schlosie zu Susan für die Krönung geschmückt. Sechs Monate mit Balsam und Myrrhe und sechs Monate mit guter Spezerei. .Dann stand Esther in ihrer herrlichen Schönheit' auf den Stufen des persischen Königsthrons und die Kröne wurde ihr;. aufs Haupt gedrückt. > '; Unbeweglich und wahrhaft königlich stellte sie der Maler Jos4 Villegas auf dem großen Gemälde ^Dje Krönung Esthers" dar. Und so wir er, stellen wir sie uns alle an dem Tage vor. In Prachtvollen Gewändern und mit einer entschlossenen Ruhe im Gesicht. Das junge, bisher unbewußt und unbeschwert lebende Mädchen wird Königin. Seitdem sie die Lost der Krone verspürt, fühlt sie die Verantwortung, die sie für ihr Volk trägt. Ernst und geradeaus sehen ihre Augen, sicher, als ob sie sich schon auf ein festes Ziel richteten und ihre feine, schmale Hand umspannt mit Kraft und, Energie das Znsignium ihrer königlichen Würde. Der König, der im Hintergründe thront, kann keinen Blick von ihr wenden, und wie verzaubert stehen die Höflinge zur Seite. Zwei Genien blasen die Posaunen und aus hohen Wcihgefäßen steigt der Rauch. Mordcchei, der Oheim, legt Sack und Asche an und kommt zu den Toren des königlichen Hofes. Es ist verboten, in Sack und Asche durch das Tor zu gehen. Esther, die Frau, erschrickt zu Tode/ Esther, die Frau, denkt an das naheliegendste und. schickt ihrem Oheim Gewänder, damit ihm kein Leid geschehe. Der Oheim lehnt die Gewänder ob und läßt seiner Nichte das kommende Unheil für die Juden berichten. Er fordert ihre Hilfe. Noch einmal erwacht in Esther die Furchtsamkeit des jungen Mädchens, es ist aber nur ein kurzes Schwanken, dann bricht die rerfe Opferbereitschaft der Frau und der Jüdin bei ihr durch und der Wille, ihr Volk zu retten, ist fest und unbeugsam. Und er ist gleichzeitig schlicht und entbehrt jeder heroischen Geste. Esther, die Myrthe. erkennt still und bescheiden ihre Pflicht, ihre Stimme mag sanft und ruhig geklungen haben, als sie sagte: „Und also will ich zum Könige hineingehen wider das Gebot; komme ich um. sokomme ich um." Keine Tragik über das eigene Schicksal, kein Problem, kein Konflikt', kein ' bewußtes Märthrertum, kein schmerzliches Opfer. Nein, selbstverständliches, klares und eindeutiges Handeln. Dann sucht ihr frommes und tapferes und dock) so junges Herz in dreitägigem Fasten und in dreitägigen Gebeten noch 'mehr Stärkung zu bekam, men. Das Bewußtsein, daß ihr Volk, mit dem. sie sich so innig, verbunden fühlt unh das sie retten , will, mit ihv während der. drei Lage betet und fastet, läßt sie auf die Hilfe des Allmächtigen vertrauen. Esther, das demutsvolle Kind, findet die Stärkung. Aber sie verwandelt sie nicht in die aufbegehronde. blind dahinstürmende, unbesonnene Kämpferin, nicht in eine kriegerische. Recht und Gerechtigkeit gebietende Rächerin, nein, Esther die Frau, bleibt eben ganz die gescheite, instinktsichere und diplomatische Frau — und zieht sich recht schön an, um zum König zu gehen. Man kann sich wirklich des leisen Lächelns nicht erwehren, wenn man liest, daß Esther auch richtig dem König gleich so gefiel, daß er das güldene Szepter gegen sie erhob, ihr somit die Uebertretung seines " Gebotes verzieh und ihr zu alledem noch das halbe Königreich zum Geschenk anbot. Esther mußte ihren Herrn und Gebieter, den launischen König, richtig durchschaut und gut zu behandeln gewußt haben. Sie fällt auch nicht gleich mit der Tür ins Haus, sie weiß, gut Ding braucht Weile, und lädt daher den König und seinen Großfürsten Haman zum Mahle ein. Und wiederum läßt sie einen Tag verstreichen und bittet zum zweiten ' Mahle ihre Gäste. Wir werden es wohl nie erfahren, warum Esther mit dem Aussprechen ihrer Bitte so lange zögerte. Ob sie wohl voroussah. daß der König in der dazwischenliegenden Nacht sich an' die Verdienste von Mordechei erinnern werde, und so zur Erfüllung ihres Wunsches eher bereit sein werde? Sei es wie es wolle, für jeden Fall hat das Zögern nichts mit Zaghaftigkeit oder.Mutlosigkeit zu tun. Denn in knappster ' und gehaltenster Form bringt sie am zweiten Tage ihre Anklage vor. Und wenn wir uns an .. das zweite Esther.bild von Jos6 Villegas erinnern, sehen wir vor uns eine Frau, die in ihrem schönen Gesicht keine Spur von Aufregung oder - Haß zeigt, sondern nur die Ueberlegenheit. mit der man eine gute Sache gegenüber einer bösen vertritt und-mit der man das Recht auf seiner Seite fühlt. Die Hand, mit der' sie auf den Schul, digen 'weist, ist gelassen und gar nicht drohend. > Esther, die Klägerin, ist in eine Wolle von Sanftmut gehüllt. - DaS. ist nun die Königin Esther, die Heldin . eines. ÄiÜelbuches. - Die Schönheit ihre« Gesichts ' und ihre» Herzens hat viele Künstler sich mit ihr beschäftigen lassen. Sie kommt in den Deckengemälden der filmischen Kapelle vor. auf Gemälden von Tintoretio. Rubens. Deroneie und Rembrandt und auf vielen Gobelins im Louvre, in Nancy und im Versailler Schloß. In Florenz hängen in den königlichen Gemächern des Palazzo Pitti, dort wo Napoleon gewohnt hat. groste Wandteppiche, die Szenen aus dem Leben der Königin Esther darstellen. Grillparzer hinterließ ein Esther-Fragment und ' in dem berühmten Esther-Drama von Racine verwandte Sarah Bernardt das Wunder ihrer Schauspielkunst, um das Wunder der Königin Esther zu verkörpern. G.H. „ALL-WETTER" unser imprägnierter Loden-Mantel für Herren Reine Wolle mit Kamelhaar» leicht, luftdurchlässig, wasserabstoßend, - ein Loden-Mantel, durch Jahrzehnte erprobt und ff Q bewährt M.<d/ II £8 «... ober auch zu Mark 19JIO 25.— bis 46SO für Hamen «. Herren. 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